St. Albertus Magnus Ottobrunn

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DIETRICH BONHOEFFER (1906-1945)


Dietrich Bonhoeffer, geboren am 4. Februar 1906 in Breslau, Dozent an der Universität Berlin, war der Denker unter den Pfarrern der evangelischen Bekenntniskirche. Die intellektuelle Differenziertheit und Weltoffenheit seines Glaubenslebens erzeugten nicht Schwäche, sondern Hellsichtigkeit. Der gelehrte Theologe stellte sich in die Frontlinie, als er Kirche und Vaterland zugleich in tödlicher Gefahr sah. "Wenn ein Wahnsinniger mit dem Auto durch die Straßen rast, kann ich als Pastor, der dabei ist, nicht nur die Überfahrenen trösten oder beerdigen, sondern ich muss dazwischen springen und ihn stoppen." Bonhoeffers Tätigkeit im Kampf gegen den Nationalsozialismus, vor allem sein Versuch, durch den Bischof von Chichester in der westlichen Welt Fürsprecher für Deutschland und Hilfe für den deutschen Widerstand zu gewinnen, gehören der Geschichte an. Am 5. April 1943 wurde Bonhoeffer verhaftet. Nach Verschleppung aus dem Gefängnis in der Prinz-Albrecht-Straße Berlin fand er am 9. April 1945 den Tod im KZ Flossenbürg.


Aufzeichnungen
unter dem Titel: Nach zehn Jahren.
An der Wende zum Jahr 1943.

Das Walten Gottes in der Geschichte

Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber Er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf Ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein. Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden als mit unseren vermeintlichen Guttaten. Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum ist, sondern dass er auf richtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.

Vom Leiden

Es ist unendlich viel leichter, im Gehorsam gegen einen menschlichen Befehl zu leiden, als in der Freiheit eigenster verantwortlicher Tat. Es ist unendlich viel leichter, in Gemeinschaft zu leiden als in der Einsamkeit. Es ist unendlich viel leichter, öffentlich und unter Ehren zu leiden als abseits und in Schanden. Es ist unendlich viel leichter, durch den Einsatz des leiblichen Lebens zu leiden als durch den Geist. Christus litt in Freiheit, in Einsamkeit, abseits und in Schanden, an Leib und Geist und seither viele Christen mit ihm.

Gefährdung und Tod

Der Gedanke an den Tod ist uns in den letzten Jahren immer vertrauter geworden. Wir können den Tod nicht mehr so hassen, wir haben in seinen Zügen etwas von Güte entdeckt und sind fast ausgesöhnt mit ihm. Im Grunde empfinden wir wohl, dass wir ihm schon gehören und dass jeder neue Tag ein Wunder ist. Es wäre wohl nicht richtig zu sagen, dass wir gern sterben - obwohl keinem jene Müdigkeit unbekannt ist, die man doch unter keinen Umständen aufkommen lassen darf -‚ dazu sind wir schon zu neugierig oder etwas ernsthafter gesagt: Wir möchten gern noch etwas vom Sinn unseres zerfahrenen Lebens zu sehen bekommen. Wir heroisieren den Tod auch nicht, dazu ist uns das Leben zu groß und teuer. Erst recht weigern wir uns, den Sinn des Lebens in der Gefahr zu sehen, dafür sind wir nicht verzweifelt genug und wissen wir zu viel von den Gütern des Lebens,

dafür kennen wir auch die Angst um das Leben zu gut und all die anderen zerstörenden Wirkungen einer dauernden Gefährdung des Lebens. Noch lieben wir das Leben, aber ich glaube, der Tod kann uns nicht mehr sehr überraschen. Unseren Wunsch, er möchte uns nicht zufällig, jäh, abseits vom Wesentlichen, sondern in der Fülle des Lebens und in der Ganzheit des Einsatzes treffen, wagen wir uns seit den Erfahrungen des Krieges kaum mehr einzugestehen. Nicht die äußeren Umstände, sondern wir selbst werden es sein, die unseren Tod zu dem machen, was er sein kann, zum Tod in freiwilliger Einwilligung.

23. August 1944

Bitte mache dir nie Sorgen und Gedanken um mich; aber vergiss die Fürbitte nicht, wie du es auch gewiss nicht tust! Gottes Hand und Führung ist mir so gewiss, dass ich hoffe, immer in dieser Gewissheit bewahrt zu werden. Du darfst nie daran zweifeln, dass ich dankbar und froh den Weg gehe, den ich geführt werde. Mein vergangenes Leben ist übervoll von Gottes Güte, und über der Schuld steht die vergebende Liebe des Gekreuzigten. Am dankbarsten bin ich für die Menschen, denen ich begegnet bin, und ich wünsche nur, dass sie sich nie über mich betrüben müssen, sondern dass auch sie immer nur dankbar der Güte und der Vergebung Gottes gewiss sind. Verzeih, dass ich das einmal schreibe. Lass dich bitte dadurch keinen Augenblick betrüben und beunruhigen, sondern wirklich nur froh machen. Ich wollte es aber gern einmal gesagt haben, und ich wüsste nicht, wem ich es zumuten könnte, so dass er es wirklich nur mit Freude hört ...
Nun wünsche ich dir von Herzen weiter recht viel äußere und innere Ruhe. Gott behüte dich und uns alle und schenke uns ein baldiges frohes Wiedersehen.
In Dankbarkeit und Treue und täglicher Fürbitte denkt an dich

Dein D.

Aus: Stationen auf dem Wege zur Freiheit

Leiden

Wunderbare Verwandlung. Die starken, tätigen Hände sind dir gebunden. Ohnmächtig, einsam siehst du das Ende deiner Tat. Doch atmest du auf und legst das Rechte still und getrost in stärkere Hand und gibst dich zufrieden. Nur einen Augenblick berührtest du selig die Freiheit, dann übergabst du sie Gott, damit er sie herrlich vollende.

Tod

Komm nun, höchstes Fest auf dem Wege zur ewigen Freiheit, Tod, leg nieder beschwerliche Ketten und Mauern unsres vergänglichen Leibes und unsrer verblendeten Seele, dass wir endlich erblicken, was hier uns zu sehen missgönnt ist. Freiheit, dich suchten wir lange in Zucht und in Tat und in Leiden. Sterbend erkennen wir nun im Angesicht Gottes dich selbst.


Quellennachweis:
Gollwitzer, Helmut (Hrsg.), "Du hast mich heimgesucht bei Nacht", Gütersloher Verlagshaus Mohn, 1985


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Last updated 11.01.10