Predigten 2002

 


Osternacht 2002
"Gemeinsam in immer neue Zeiten"

 

Predigt von Dekan Dr. Czeslaw Lukasz in der Osternacht im 25. Jubiläumsjahr der Pfarrgemeinde
 
 

Von der Finsternis zum Licht

Das frühe Aufstehen, das Dunkel dieser Nacht, der Weg zur Kirche in der Dunkelheit haben wir bis zu diesem Moment unserer Liturgie fast schon ganz vergessen. Wir sind fasziniert von der Ausstrahlung der Osterkerze. Wir sind beeindruckt von den biblischen Erzählungen über die Taten Gottes in der Geschichte, durch die Gott das Leben vieler Menschen hell gemacht hat. Die Helligkeit dieser Liturgie überträgt sich auf uns.
Die größte Entdeckung und das größte Licht dieser Nacht verkündet uns das Osterevangelium. In der Morgendämmerung des ersten Tages der Woche sahen die Frauen am leeren Grab einen Engel: "Seine Gestalt leuchtete wie ein Blitz und sein Gewand war weiß wie Schnee". Fürchtet euch nicht – sagte er zu ihnen - der Gekreuzigte ist auferstanden! (Mt 28,3-6). Der Glanz des Engels ist nur ein schwacher Abglanz der Leuchtkraft des Auferstandenen. Sie hat die Finsternis des Karfreitags besiegt.

Gemeinde auf Wanderschaft

Seit 25 Jahren wird hier in dieser Kirche die Osternacht gefeiert. Seit einem Viertel Jahrhundert sammelt sich hier an jedem Ostermorgen diese Gemeinde um mit Jesus den Weg von der Dunkelheit der Nacht zur Helligkeit des Tages zu gehen. Wir werden geführt von der Finsternis des Todes zum strahlenden Licht der Auferstehung.
Als Gottesvolk sind wir hier versammelt, als eine Gemeinde von Frauen und Männern, die sich auf die Wanderschaft zu mehr Licht, zu mehr Wahrheit und zu mehr Liebe begibt. Wir stellen unser Leben in sein Licht, um das, was noch dunkel ist, zu erhellen und das, was uns gefangen hält, zu durchbrechen, um in der Freiheit der Kinder Gottes zu leben.
Die Bibeltexte dieser Nacht verkünden, dass Gott das, was er am Volk des Alten Bundes getan hat, auch an uns tun kann. Er hat dem Volk des Alten Bundes Freiheit geschenkt. Er hat das Volk durch die drohenden Fluten des Roten Meeres heil hindurch geführt. Er hat es 40 Jahre lang durch die Gefahren der Wüste geführt, bis es das Ziel seiner Wanderschaft erreicht hat: das verheißene Land, wo Milch und Honig fließen.
Seit 25 Jahren ist diese Gemeinde auf Wanderschaft, mit vielen Lichterlebnissen inmitten der Bedrohungen dieser Welt, die nicht selten von der Finsternis des Bösen beherrscht ist. Die äußeren Umstände machen es uns Christen heutzutage nicht leicht, den Weg des Glaubens konsequent zu gehen. Links und rechts von unserem Weg lauern die Gefahren. Es toben entweder die hohen Wellen der Entrüstung, oder es breitet sich die Wüste des Unglaubens und der Gleichgültigkeit aus.

Uns geht es gut

Wie geht es dieser Gemeinde nach 25 Jahren der Wanderschaft? Gut – würde ich sagen, erstaunlich gut. Unser Gotteshaus ist 25 Jahre nach dem Bau noch nicht zu groß für die Menschen, die sich hier zum Gotteslob versammeln. Diese Kirche wird noch bei einigen Gottesdiensten im Laufe des Jahres bis auf den letzten Platz besetzt. Auch die Osternacht wird in einer gefüllten Kirche gefeiert.
Das ist umso bemerkenswerter, wenn wir bedenken, dass der Prozess der Säkularisierung in diesen Jahren voran schritt und weitere Getaufte auf Distanz zur Kirche brachte. Das gesellschaftliche Umfeld macht es uns Christen nicht leicht zu glauben und als bekennender Christ zu leben.
Erfreulich ist desto mehr, dass sich in unserer Pfarrgemeinde, bei unseren Gottesdiensten die Altersstruktur der Gesellschaft widerspiegelt. Senioren, beruflich tätige Frauen und Männer, junge Familien und Kinder fühlen sich unserer Gemeinde zugehörig. Es könnten mehr Jugendliche da sein – aber das Fehlen der Jugend ist ein allgemeines Phänomen, das auch unsere Gemeinde erreichte. Uns geht es in dieser bunten Mischung gut. Der Neuzugezogene, jeder der einen Anschluss sucht, kann ihn bei uns auch in seiner Altersschicht finden.
Bei der bischöflichen Visitation im letzten Oktober konnte das vielfältige und bunte Leben der Pfarrgemeinde festgestellt werden. Hoffnungsvoll stimmt die hohe Beteiligung bei der letzten Wahl zum Pfarrgemeinderat: 29 % mehr Wähler als vor vier Jahren haben ihre Stimme abgegeben. Mit 12,8 % Wahlbeteiligung liegen wir doppelt so gut wie der Münchner Durchschnitt. Zu Hoffnung berechtigt auch eine lange Liste engagierter Kandidaten. Der Altersdurchschnitt von zehn gewählten Mitgliedern ist 43 Jahre. Wir sind jung. Wir haben Zukunft. Wir dürfen vertrauensvoll in die neuen Zeiten schauen.

Anfragen an die Zukunft

Wir bleiben aber realistisch. Unsicherheiten und Fragen gibt es selbstverständlich auch. Vieles bleibt unklar, einige Entwicklungen, die wir beobachten, sind nicht abzuschätzen. Ab Januar dieses Jahres gilt der Beschluss des Ordinariats über die zukünftige Bildung eines Pfarrverbandes mit St. Otto. Beide Pfarreien werden in Zukunft von einem einzigen Priester betreut. Praktisch sieht es so aus: Wenn einer von uns beiden jetzigen Pfarrern eines Tages nicht mehr zur Verfügung steht, wird kein neuer Priester angewiesen, sondern der Andere muss die Nachbargemeinde mitbetreuen.
Mangels Seelsorger, auch der pastoralen MitarbeiterInnen, wird es zunehmend schwierig sein, das bisherige Niveau des Angebots zu halten, z.B., dass am Wochenende drei Gottesdienste gefeiert werden und dass der Priester für die Gemeinde die ganze Zeit verfügbar ist. Die Pfarrei wird immer mehr von den Pfarrangehörigen selbst getragen und gestaltet werden müssen. Die Zahl der ehrenamtlich tätigen Frauen und Männer und ihr Engagement werden wachsen müssen, damit die Gemeinde weiter lebendig bleibt. Den ehrenamtlich Engagierten wird immer mehr abverlangt, wobei die Aufgaben auf möglichst viele Schultern verteilt werden müssen, um die Überforderung der Einzelnen zu vermeiden, damit ihre Familien und Berufe nicht darunter leiden. Dem gesellschaftlichen Trend der zurückgehenden Bereitschaft sich ehrenamtlich zu verpflichten muss die Pfarrgemeinde also kräftig entgegenwirken.
Kinder und Jugendliche sind Zukunft, auch die Zukunft der Kirche. Sorgen machen uns deshalb nicht wenige Erstkommunionkinder und besonders viele Firmlinge, die nach einer intensiven und schönen Vorbereitungszeit und nach der Feier der Sakramente, sich nicht mehr in der Pfarrgemeinde blicken lassen, meistens wohl auch deshalb, weil sie in ihren Eltern kein Vorbild für das gelebte Christentum und für die Anbindung an die Kirche finden. Aus welchen Familien sollen in Zukunft praktizierende und engagierte Christen kommen?

Die Zahl der Pfarrangehörigen ist in diesen 25 Jahren um etwa 20% auf aktuell 2700 Katholiken zurückgegangen, hauptsächlich auf Grund der Kirchenaustritte und des Zuzugs von Nicht-Katholiken. Dadurch erklärt sich wahrscheinlich auch, dass bei normalen Sonntagsgottesdiensten einige Plätze in den Kirchenbänken leer bleiben.
Das sind einige der Entwicklungen, deren Folgen nicht abgeschätzt werden können. Der Weg, den diese Pfarrgemeinde in den nächsten 25 Jahren gehen wird ist in vielen Punkten nicht vorhersehbar.

Zeugnisse der Bibel

Das Volk, das durch das rote Meer zog, zwischen den hohen Wasserwänden – so das Buch Exodus - wusste auch nicht ob es das schafft. Die Mauern aus Wasser hätten jederzeit nachgeben können und das Volk hätte in den Wogen des Meeres ertrinken können. Die Israeliten haben sich aber der Gottesführung anvertraut und trockenen Fußes das andere Ufer und die Freiheit erreicht.
Niedergeschlagen und zum Äußersten verunsichert waren die Jünger und Jüngerinnen Jesu als ihr Meister am Karfreitag ins Grab gelegt wurde. Sie blieben aber weiter offen für die Taten Gottes und ganz unerwartet standen sie am Ostermorgen sprachlos am leeren Grab, überwältigt von dem, was geschehen ist.
In dieser Liturgie des Ostermorgens vertrauen wir uns Gott an, wir vertrauen ihm auch unsere Pfarrgemeinde auf der Wanderschaft an. Möge er selbst das Steuer übernehmen und uns führen.

Gemeinschaft stärkt

"Gemeinsam in immer neue Zeiten" – lautet das Moto für unser 25-jähriges Jubiläum. Dieses Motto haben wir auch auf unsere Osterkerze eingeritzt.
Keiner von uns kennt seine eigene Zukunft, keiner von uns weiß, wie es weiter dieser Pfarrgemeinde gehen wird. Wir möchten uns aber den Herausforderungen der Zukunft stellen und sie beantworten. Das können wir nur tun, wenn wir es gemeinsam tun. Die Zeiten ändern sich. Der einzelne Christ ist heute überfordert. Gemeinschaft gehört zum Wesen der Kirche, Gemeinschaft trägt, Gemeinschaft gibt Kraft und Mut, Gemeinschaft stimmt hoffnungsvoll.

Das Taufversprechen gemeinsam

Wir werden jetzt gemeinsam unser Taufversprechen erneuern. Durch die Taufe und den Glauben haben wir Anteil am Sieg Christi über die Mächte der Finsternis und des Todes. Durch die Taufe sind wir mit ihm auferstanden und zum neuen Leben berufen. "Ihr seid mit Christus auferweckt; darum strebt nach dem, was im Himmel ist, wo Christus zur Rechten Gottes sitzt. Richtet euren Sinn auf das Himmlische und nicht auf das Irdische!" (Kol 3,1-2).
Richten wir uns in dieser Osternachtsfeier auf, erheben wir unser Haupt, schauen wir dieses Licht und folgen wir ihm vertrauensvoll und mit Freude nach.
In der Erneuerung des Taufversprechens gipfelt die Liturgie der Osternacht. Wenn wir befragt werden, sagen wir gemeinsam ein überzeugtes JA zum Glauben an Gott den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist. Sagen wir ein überzeugtes JA zur Zugehörigkeit zum Volk Gottes und zur Gemeinschaft der Kirche, sagen wir ein überzeugtes JA zur Wanderschaft mit Gott in immer neue Zeiten.

 
 
Copyright © 10 / 1999 - 2009 by Dieter Herberhold
Last updated 06.12.07