Predigten 2002

 


Gedanken zum Karfreitag

 

Predigt von Pastoralreferentin Gabriele v. Reitzenstein, Karfreitag 2002
 
 

Liebe Gemeinde,

woher wir auch kommen, unsere Schritte laufen in ein Kreuz. Welche Himmelsrichtung wir auch einschlagen, unsere Wege finden zu einem Kreuz zusammen. An den Kreuzungen der Wege berührt unser Weg den Kreuzweg des Gekreuzigten. Zum Lebensweg gehört die Station des Todes. Ausgespannt zwischen Himmel und Erde, zwischen Gott und Mensch, wird das Kreuz zur Brücke über Abgründe.
Das Zeichen des Kreuzes spricht seine eigene Sprache. Wenn ich das Kreuz anschaue, wenn ich seine Botschaft buchstabiere, kann ich erfahren: Gott ist keine kalte, stumme Himmelsmacht, die sich selbst genügt und uns von oben gute Ratschläge erteilt.
Im Gekreuzigten hat Gott die Gestalt der gequälten Kreatur angenommen. An den Balken genagelt, nackt, verspottet, zerschlagen, hat er den Tod erlitten.
Das Kreuz sagt: Er hat am eigenen Leib erfahren, was Menschen bedrückt und ängstigt. In aller Not ist Gott uns nah.

Liebe Gemeinde,

der Weg der Menschheit gleicht bis heute einem Kreuzweg. Tag für Tag kommen neue Kreuzwegstationen dazu. Kreuzigen konnten nicht nur die Römer. Wir alle verurteilen und kreuzigen, indem wir Menschen verspotten, abschreiben, fertig machen mit Sprüchen wie: "Du bist restlos veraltert!" - "Du bist noch viel zu jung!" – "Du hast mir nichts zu sagen!" Wir alle verwunden und kreuzigen täglich. Ist so der Mensch? - Bert Brecht meint: "Zu den Steinen hat einer gesagt: Seid menschlich! Die Steine haben gesagt: Wir sind noch nicht hart genug." Es gibt viele Schauplätze moderner Kreuzigungen. - Über fünftausend Tote bei dem Terroranschlag in New York. Jährlich über zehntausend Verkehrstote in Deutschland. Die Selbstmordziffer liegt noch höher.

Nur Zahlen?
Das Schicksal des Einzelnen wird uns dabei nicht bewusst. Es gibt viele Schauplätze moderner Kreuzigungen. - Zwei Drittel aller Menschen leben unter dem Existenzminimum. Eine Tatsache, die bekannt ist. Was aber tue ich dagegen? - Wenn ich das Kreuz anschaue, heißt das für mich nicht: alles Leid in Ergebung zu tragen. Im Gegenteil: Das Kreuz anschauen heißt: Leidende vom Leid erlösen, Menschen vom Kreuz holen. Unsere Antwort heißt: Tragen, helfen, mittragen, wo immer wir den Kreuzträgern unserer Tage begegnen. - Um Menschen vom Kreuz zu holen, muss man sich querstellen. Mitleid allein genügt nicht. Nur mit Worten zu protestieren, reicht nicht. Wir müssen uns zu ihnen stellen, auf ihrer Seite sein.

Das beschreibt der Frankfurter Pfarrer Lothar Zenetti in seinem Gedicht:

Das Kreuz des Jesus Christus
Durchkreuzt was ist
Und macht alles neu

Was keiner wagt, das sollt ihr wagen
Was keiner sagt, das sagt heraus
Was keiner denkt, das wagt zu denken
Was keiner anfängt, das führt aus

Wenn keiner ja sagt, sollt ihr’s sagen
Wenn keiner nein sagt, sagt doch nein
Wenn alle zweifeln, wagt zu glauben
Wenn alle mittun, steht allein

Wo alle loben, habt Bedenken
Wo alle spotten, spottet nicht
Wo alle geizen, wagt zu schenken
Wo alles dunkel ist, macht Licht

Dass Kreuz des Jesus Christus
Durchkreuzt was ist
Und macht alles neu

Jede Tat der Liebe verändert die Welt, macht alles neu. Was ich aus Liebe gegeben habe, das bleibt. Denn die Liebe eines Menschen kann man nicht begraben. Auch damals, als sie Jesus kreuzigten, schien die Rechnung aufzugehen. Mit Jesus hatten sie Schluss gemacht. - Doch: Jesus, der sein Leben gab, um andere zu retten, wurde von Gott errettet.

Der Gekreuzigte lebt.

Amen.

 
 
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Last updated 06.12.07