Predigten 2004

"Kommt alle zu mir"


Predigt von Dekan Dr. Czeslaw Lukasz am 1. Fastensonntag, 29. Februar 2004

 
 
 
Der Spruch für die Fastenzeit

Der Spruch auf der Altarwand: "Kommt alle zu mir" soll uns durch diese Fastenzeit begleiten. Schauen wir uns diesen Spruch näher an, der dem Mt 11,28 entnommen ist.

Das erste Wort "kommt" sagt: Es gibt jetzt etwas zu tun; wir sollen uns auf den Weg machen, wir sollen gehen, nicht sitzen oder stehen bleiben.
Das zweite Wort "alle" richtet sich an alle Menschen, jeder ist eingeladen, keiner wird ausgeschlossen: groß und klein, Mann und Frau, arm und reich, fromm und fern stehend.
Das dritte Wort "zu mir" weist auf das Ziel hin. Es ist Jesus selbst, der das gesagt hat. Wer immer noch auf der Suche ist, wer vielleicht zu anderen Göttern gegangen ist, der soll umkehren und den Weg zu Jesus einschlagen.
 

Diese Worte "Kommt alle zu mir" richten sich an uns, sie werden uns 40 Tage lang begleiten. Sie sind in unser Leben gesprochen, in dem es vielleicht so manche Umwege gibt, die nicht zu Jesus führen.

Die Wüste der Versuchung

Das Evangelium dieses ersten Fastensonntags liefert uns ein Bild, das zu einem Bild für unsere Zeit und für unsere Welt werden kann. Es ist das Bild der Wüste, die zu einem Ort der Versuchung wird. Die Wüste gibt es nicht nur in Judäa und in Afrika, die Wüste im übertragenen Sinne gibt es auch in dicht bebauten Städten und in einem grünen Land mit vielen Flüssen und Wäldern, auch in unserem Land.

Die heutige Welt ähnelt einer geistigen Wüstenlandschaft. Leuchtende Straßenschilder und blendende Reklamen, flackernde Bildschirme und schreiende Lautsprecher, füllen dicht die Landschaft, aber anstatt den Weg durch die Wüste des Lebens zu weisen, stiften sie oft Desorientierung und Unsicherheit. Die Antwort auf die Frage "Wo soll ich hin? Was ist richtig und was ist wichtig im Leben?" wird für viele Menschen zunehmend schwieriger zu finden.
Der Mensch unterliegt in Hektik und Lärm des Alltags den selben Versuchungen, die im heutigen Evangelium genannt werden. Jesus muss drei Versuchungen widerstehen, die schon immer Menschen gelockt und verführt haben und die bis heute nichts von ihrer verlockenden Kraft verloren haben.

Die erste Versuchung, mehr Brot haben zu wollen, steht für den Wunsch nach irdischer Fülle, nach Reichtum und nach Geld.
Die zweite Versuchung, über mehrere Reiche regieren zu wollen, steht für den Wunsch nach mehr Macht, für das Verlangen, andere zu beherrschen anstatt ihnen zu dienen.
Die dritte Versuchung, gegen Naturgesetze wirken zu wollen, steht für den Wunsch nach Unabhängigkeit von den Regeln der Schöpfung, Unabhängigkeit selbst von Gott selbst.
Geld, Macht und Unabhängigkeit wirken auch heute ungemein anziehend, wie gewaltige Magnete. Viele können ihrem Sog nicht widerstehen.

Verlockungen heute

Diesen Verlockungen unterliegen heute sowohl einzelne Menschen und Familien wie auch die Politik und die Wirtschaft.
Sehr eifrig werden viele, wenn es um das eigene Wohl oder das Wohl der eigenen Familie geht. Was den anderen dienen könnte, wie man einem, dem es schlechter geht, helfen könnte, wird nicht in Betracht gezogen. Wir haben hier mit einer Verblendung durch das eigene Wohlergehen zu tun, mit einem Egoismus ohne gleichen. Die Verlockung, mehr Brot, aber nur für sich selbst zu haben ist perfekt gelungen. Der teuflische Versucher lässt grüßen!
Dieses Eigeninteressen-Prinzip beherrscht heute auch viele Bereiche der Politik und Wirtschaft. Politische Debatten, in denen nur auf mögliche Fehler des politischen Gegners eingedroschen wird, das aber, was man selbst falsch gemacht hat oder falsch macht, verschwiegen wird, solche Debatten beweisen, dass man einer Verblendung der Macht unterlegen ist.

In der Wirtschaft lautet das Prinzip: Gewinnsteigerung. An sich ist es eine gute Sache. Daraus wird aber oft eine eigene Ethik gemacht: Alles, was dem Unternehmen dient, ist gut, wie immer die Mittel zu diesem Ziel auch sein mögen. Ehrlichkeit, ethisches Handeln werden zu Fremdworten. Anstelle von Gerechtigkeit wird die Selbstgerechtigkeit praktiziert. Dies ist eine große Verlockung, gegen Gesetze des menschlichen Zusammenlebens und der Natur wirken zu wollen.

Die Versuchung des Reichtums, der Macht, der Unabhängigkeit, stiftet Verwirrung in vielen Köpfen. An sich ist Reichtum, Macht und Unabhängigkeit nicht so problematisch. Schwierig werden sie aber dann, wenn ihr Sog eine maßlose Gier hervorruft, ein unbedingtes Habenwollen, eine Unersättlichkeit. Denn damit geht meistens ein Verlust an Menschlichkeit einher, ein Mangel an Liebe.

Dem Beispiel Jesu nach

Unser Spruch für die Fastenzeit: "Kommt alle zu mir" ist wie ein Straßenschild, das uns den Weg weist. Wer zu diesem Ziel unterwegs ist, der muss sich auch mit den Verlockungen des Bösen auseinander setzen, die uns von diesem Ziel abbringen möchten.
Das Evangelium zeigt uns wie Jesus es gemacht hat. Ihm ist es gelungen mit der inneren Kraft des Gottvertrauens den Teufel zu schlagen. Gegen jede Versuchung zitiert er einen Satz aus der Bibel und damit überwindet er die Verlockungen.

Daraus können auch wir lernen. In der geistigen Wüste dieser Welt, in der so viele Versuchungen lauern, haben wir Christen eine Quelle der Kraft und der Geistesstärke. Das ist Jesus selbst, der gesagt hat: "Kommt alle zu mir... ich werde euch Ruhe verschaffen." Von ihm lernen wir in Treue zu Gott zu stehen, trotz der großen Anziehungskraft des Bösen. Er, der die List des Versuchers erkannt hat und ihn abgewehrt hat, hilft auch uns zu den trügerischen Lockrufen des Daseins Abstand zu gewinnen. Er zeigt uns, wie wir unser Leben von den Nichtigkeiten befreien und mit dem, was gut, sinnvoll und göttlich ist füllen können.

In der Gemeinschaft

Und noch ein Hinweis auf unser Motto. Es heißt: "kommt", nicht im Singular: "komme", sondern im Plural: "kommt". Wir sind hier als Gemeinde angesprochen. Nicht einzeln, sondern in Gemeinschaft sollen wir uns auf den Weg zum Osterfest aufmachen. In Gemeinschaft tut man sich leichter, man geht williger. Gemeinschaft trägt. Die Liturgie der Sonntage der Fastenzeit markiert die Etappen des gemeinsamen Weges.

Zu dieser Gemeinschaft gehören "alle" ("kommt alle!"). Sagen Sie also den anderen, die diese Predigt und Einladung heute nicht hören, die diesen Spruch selbst nicht lesen können: Auch Sie sind eingeladen. Manche Familienangehörige, manche Nachbarn, manche Freunde würden sich vielleicht über eine persönliche Einladung freuen. Helfen Sie denen, die schon lange nicht mehr in der Kirche waren die Schwellenangst zu überwinden, damit wir uns gemeinsam am Tisch des Wortes und des Altares stärken können.

 
 
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Last updated 06.12.07