Predigten 2002

 

In den Schulferien auf Schatzsuche
 
Predigt von Dekan Dr. Czeslaw Lukasz am Sonntag vor den Sommerferien,
28. Juli 2002
Evangelium: Mt 13,44-46
 
 

Haupt- und nebenberufliche Archäologen

Archäologen heißen die Menschen, die hauptberuflich nach den Schätzen der Vergangenheit in der Erde suchen. Fündig werden sie immer wieder: Sie entdeckten das sagenumwobene Troja, die Pharaonengräber, unzählige antike Tempel, Paläste und Bauten in Mesopotamien und im Mittelmeerraum.
Auch in Bayern wird gegraben: Bei ein bisschen Glück sind sogar Reste der keltischen oder der römischen Siedlungen zu finden. Jedes Mal, wenn eine neue Straße, eine Schule, eine Siedlung geplant wird, wird der Grund durchsucht und oft trifft man auf Reste alter Bauten, auf die Spuren der Vergangenheit. All das wird von den Fachleuten gemacht, die gelernt haben auszugraben, zu datieren, zu beschriften.
Nebenberuflich sind wir aber alle Archäologen. Auch wir suchen nach Schätzen. Wir graben in der uns umgebenden Wirklichkeit, in uns selbst, und suchen nach Schätzen, die unser Leben lebbar und wertvoll machen.

Die Urlaubszeit

Von der Schatzsuche spricht Jesus im heutigen Evangelium. Er erzählt von zwei Menschen. Ein Mann verkaufte alles, was er bisher besaß und kaufte den Acker, von dem er wusste, dass in ihm ein Schatz vergraben war. Ein Kaufmann, ein Perlensucher, verkaufte alles, um eine besonders wertvolle Perle zu erwerben.
Mit diesen Worten lädt uns heute Jesus ein, uns auf die Schatz- und Perlensuche zu begeben. In der kommenden Woche beginnen in Bayern die Sommerferien: für Kinder, für Familien, für viele Berufstätige die Haupturlaubs- und Reisezeit. Mehrere haben mir schon erzählt, was sie in den Ferien vorhaben: wo sie hinfahren, wen sie besuchen, wie lange sie dort bleiben.
Die frohe Botschaft des heutigen Evangeliums ist eine Verheißung, dass wir diese Zeit zu einer Zeit der Schatz- und Perlensuche machen können. Es ist eine besonders günstige Gelegenheit, das zu suchen und zu finden, was im Alltag oft zu kurz kommt: Freunde und Angehörige treffen, für Kinder mehr Zeit haben, wandern, radeln, baden gehen, etwas besichtigen, ein schönes Buch lesen – eben, das tun, was uns Freude macht.
Wenn uns das gelingt, dann haben wir schon einen Schatz gefunden. Wir werden fröhlicher, entspannter, liebevoller zu Mitmenschen. Diesen Schatz wissen zu schätzen besonders die, die von Hektik und Stress des Berufs- und Familienlebens so geplagt sind, dass sie sich selbst in all dem zu verlieren drohen und frustriert durch das Leben gehen. Aufatmen, entspannen, die Seele baumeln lassen – all das ist schon eine wertvolle Perle. Auch wenn sie etwas kostet, lohnt es sich, sie zu erwerben.

Schätze des Himmels

Es gibt aber auch andere Schätze und andere Perlen, die auf die Entdeckung warten. Goldstücke sind zu finden und zwar solche, die noch mehr wert sind, als die Menschen, zu denen man sagt: Du bist ein Goldstück.
Wir können viel mehr finden: Wir können ein bisschen vom Himmel auf die Erde holen. Wir können Gott selbst entdecken und ausgraben. Der Himmel ist so nahe, dass er quasi knapp unter der Oberfläche liegt, zum Greifen, zum Ausgraben nahe ... Es gibt Funde, für die sich der ganze Einsatz lohnt.
Manchmal frage ich mich: Welches Bild geben wir Christen ab? Sehen wir aus wie abenteuerlustige Entdecker und Perlensucher, wie risikofreudige Geschäftsleute? Sieht man uns an, dass uns eines Tages der Schatz des Glaubens ins Auge gefallen ist? Sieht man uns beschäftigt mit quasi seismografischer Gottsuche, mit Probebohrungen, mit schweißtreibenden Ausgrabungen im "Tal des Lebens".
Manchmal denke ich mir: Die Kirche hat zwar den Schatz gefunden, stellt ihn aber aus wie in einem Museum: Von Zeit zu Zeit wird er angeschaut und bewundert und das war's. Stellen Sie sich aber vor: Wie schön wäre es, wenn wir Christen zeigen würden, dass wir einen Schatz in unseren Herzen tragen, einen Schatz, der uns erfüllt und beflügelt.
Vielleicht haben wir uns zu sehr daran gewöhnt, dass von unserem Glauben nichts mehr zu erwarten ist? Ist aber wirklich schon alles einmal da gewesen? Wir Christen sollten nicht, wie es manchmal der Fall ist, niedergeschlagen und ahnungslos über den Acker des Lebens gehen und dabei denken: Ich habe nichts mehr zu erwarten und ich kann mich auf nichts mehr richtig freuen.

Auf, auf die Suche!

Jesus sagt uns heute: Es lohnt sich in die Tiefe zu gehen und zu graben. Die Ausgrabungsfelder liegen ganz nahe: es sind dies Stille, Gebet, die Bibel, der Gottesdienst, die Gemeinschaft. Wir haben es nicht nötig große und teuere archäologische Expeditionen zu unternehmen. Der Himmel liegt knapp unter der Oberfläche und zwar dort, wo wir sind, unter unseren Füßen. Im Acker unseres Lebens schlummern Überraschungen. Nehmen wir uns Zeit, krempeln wir die Ärmel hoch und wühlen wir im Acker der Welt ... wühlen wir ... nach Gott.
Ich wünsche Ihnen und mir für die kommenden Wochen eine erfolgreiche Schatzsuche. Nehmen Sie diese Schatz- und Perlensuche in die Ferienplanung noch auf. Es ist sicher noch nicht zu spät. Und lassen Sie sich dann überraschen. Seien Sie fündig!

Copyright © 10 / 1999 - 2009 by Dieter Herberhold
Last updated 06.12.07