Predigten 2001



"
Kehrt um zum Herrn von ganzem Herzen" (Joel 2,12-18; Mt 6,1-6.16-18)

Predigt von Dekan Lukasz am Aschermittwoch, 28. Februar 2001

Das Fastentuch

"Kehrt um zum Herrn von ganzem Herzen" – so lesen wir heute auf unserem Fastentuch und diesen Satz möchten wir zum Leitwort für die Fastenzeit in diesem Jahr machen. In diesem kurzen Spruch ist das Wesentliche über die "vorösterliche Bußzeit" gesagt. Es ist ein Imperativ ("Kehrt um"), es ist ein Appell, es ist eine Mahnung: Etwas ist zu tun, etwas muss gemacht werden, es gibt ein Programm für vierzig Tage vor Ostern. Aus drei Zeilen besteht der Appell: "Kehrt um" – diese Zeit ist die Zeit der Umkehr. Ich soll umkehren, aber wohin? - "zum Herrn", zu Gott, unserem Schöpfer, zu Jesus Christus, unserem Erlöser. Wie soll ich umkehren, wo soll Umkehr stattfinden? In meinem Herzen.

Fastentuch 2001

Ich soll zum Herrn nicht ansatzweise, nicht halbwegs, nicht halbherzig, sondern "von ganzem Herzen" umkehren. Mein ganzes Herz soll sich an den Herrn wenden. – Ein anspruchsvolles Programm für die Gemeinde, für jeden Einzelnen von uns.

Umkehr

Der Spruch stammt aus der Bibel. Der Satz findet sich im Buch des Propheten Joel und wurde in der heutigen Lesung vorgetragen. Es ist eine Mahnung, die Gott durch den Propheten Joel an das Volk ergehen lässt:

"Kehrt um zu mir von ganzem Herzen,
mit Fasten, Weinen und Klagen.
Zerreißt eure Herzen, nicht eure Kleider,
und kehrt um zum Herrn, eurem Gott"
.

Umkehr bedeutet Richtungsänderung, und zwar ganz radikal. Wer umkehrt, gibt zu, dass er in die falsche Richtung gelaufen ist, dass er auf einem Irrweg gegangen ist. Diese Einsicht fällt nicht leicht, weil der Mensch nicht gerne zugibt, dass er falsch gelaufen ist, weil er oft auch nicht weiß, dass er falsch läuft.

Oft muss ein Mensch oder ein ganzes Volk durch schmerzliche Erfahrungen zu dieser Einsicht gezwungen werden. So war es zur Zeit des Propheten Joel. Das Volk wurde von einer Naturkatastrophe getroffen, von einem Heuschreckeneinfall, der um 400 v. Chr. das ganze Land Judäa in eine Wüste verwandelte, so dass nicht einmal für die täglichen Speise- und Trankopfer im Tempel etwas übrig blieb. Joel deutete dieses Ereignis - ganz im Rahmen der alttestamentlichen Theologie - als Strafe Gottes. Er ruft das Volk zur Buße und zur Besserung auf, damit nicht ein weiteres und noch strengeres Gericht Gottes das Volk trifft. "Vielleicht - sagte er - hat Gott Mitleid, und es reut ihn, dass er das Unheil verhängt hat." - Und im letzten Satz der Lesung heißt es tatsächlich: Der Herr "hatte Erbarmen mit seinem Volk".

Hier bei Joel handelt es sich um Umkehr unter äußerem Zwang. Vermutlich können die meisten von uns mit dieser Theologie nicht viel anfangen. Der moderne mündige Christ handelt nicht gerne unter Androhung von Strafe, sondern lieber aus eigener Einsicht. Wenn er die Richtung seines Lebensweges korrigieren soll, will er wissen, warum. Er will über sich nachdenken, er will verstehen, was er bisher falsch gemacht hat. Hier kommt uns das heutige Evangelium entgegen und gibt uns gute Denkanstöße für eine mögliche "Umkehr".

Beten, Fasten, Almosengeben

Jesus nennt drei Werke und legt sie aus: es sind Beten, Fasten und Almosengeben. Wie stehen wir zu ihnen? Haben wir sie vielleicht vergessen, vielleicht nicht für wichtig gehalten, vielleicht nicht genug verinnerlicht und im Herzen verwurzelt?

Bedenken wir in dieser Hinsicht ein Zweifaches.

Erstens: Der heutige Mensch schätzt Erfolg, schätzt Dinge, die sich mit dem Metermaß, mit Zahlen, mit Geld messen lassen. Beten scheint unproduktiv zu sein, Fasten scheint einige Freuden wegzunehmen, die man meint unbedingt zu brauchen, Almosengeben scheint ärmer zu machen während andere immer mehr Geld ansammeln. Nicht so bei uns Christen: Auch wir schätzen Erfolg, aber schätzen auch scheinbar "unproduktives" Gebet, auch wir suchen Freude, aber wir finden sie auch im Fasten und im Verzicht. Auch wir besitzen gerne, was wir erarbeitet oder ererbt haben, aber wir sind auch bereit zu teilen. Wir kennen den Satz Jesu, der uns von der Apostelgeschichte überliefert wurde: "Es gibt mehr Freude im Geben als im Nehmen".

Zweitens: Der heutige Mensch schätzt sehr "Publizität". Er stellt sich gerne ins Rampenlicht und legt großen Wert auf sein Image in der Öffentlichkeit. Er beklagt einerseits den Medienrummel, andererseits nutzt er jede Gelegenheit, um sich nach außen darzustellen. Im Evangelium empfiehlt uns Jesus heute, zu Beginn der Fastenzeit, eine radikale Wendung, eine "Umkehr nach innen". Das heißt in Bezug auf die drei Werke: Wenn wir für wohltätige Zwecke spenden, wenn wir beten, wenn wir fasten oder uns sonst einen Verzicht auferlegen - sagt Jesus – dann vermeide, dein lobenswertes Verhalten zur Schau zu stellen. Nicht der Beifall der Menge, sondern der innere Wert deines Tun ist entscheidend. Wir Christen, auch wir melden uns in der Öffentlichkeit, wir möchten unsere Stimme in der Öffentlichkeit hören lassen, aber wir gehen auch in die Tiefe und bauen auf die inneren Werte, die uns ein festes Fundament geben, ein Fundament auch für unser Erscheinungsbild in der Öffentlichkeit. Wir sind nicht angewiesen auf den Beifall der Menge, deshalb sind wir frei, auch die Dinge zu leben und zu verkünden, die nicht mit Beifall belohnt werden.

Von ganzem Herzen

Jesus lädt ein zur inneren Einkehr: Geh in die "Kammer deines Herzens", schließ die Tür zu, "dann bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist. Dein Vater, der das Verborgene sieht, wird es dir vergelten."

Er lädt auch ein zur inneren Umkehr mit ganzem Herzen im Sinne des Propheten Joel. Er lädt ein unser Herz zu erforschen, die dunklen Stellen des Herzens von Gottes Wort durchleuchten zu lassen, die Sehnsucht nach Gott zu wecken, damit unser ganzes Herz mit Helligkeit, mit Freude, mit Gott sich erfüllt. Einem Schriftgelehrten, der Jesus fragt: Welches Gebot ist das wichtigste von allen, antwortet er:

"Das erste ist: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr.
Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen
und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft." (Mk 12,28-30)

Das Aschenkreuz, das wir jetzt bekommen, sei Zeichen unseres Umkehrwillens mit "ganzem Herzen" und sei Zeichen des Zuspruchs Gottes, der uns durch diese vorösterliche Bußzeit führen und begleiten möge.



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Last updated 06.12.07