Predigten 2001



Christsein zwischen Christi Himmelfahrt und Pfingsten

(7. Sonntag der Osterzeit)

Sonntagspredigt von Dekan Lukasz am 27. Mai 2001


Dass wir Christen mehr als andere Menschen eine besondere Beziehung zum Himmel pflegen, das gehört zum Wesen unseres Glaubens. Wir hoffen nicht nur, dass unser Leben nach dem Tod dort bei Gott vollendet wird. Wir suchen schon jetzt Kontakt mit dem Himmel. Dadurch öffnet sich für uns schon in diesem Leben eine neue Dimension.

Der Bezug zum Himmel nimmt im Leben der einzelnen Christen ganz unterschiedliche Formen und unterschiedliche Intensität an. Zwei davon möchte ich nennen in Bezug auf die liturgische Zeit, in der wir uns jetzt befinden.

Himmelfahrtschristen

Da gibt es Christen, die ich als Christi Himmelfahrts-Christen bezeichnen würde. Gott ist für diese Christen weit entrückt. Ihn gibt es mit Sicherheit irgendwo, man weiß aber nicht so genau wo, irgendwo über den Wolken, jedenfalls sehr weit weg von den Menschen. Sie schauen zwar gerne in den blauen Himmel, aber dieser Gott hat in ihrem Leben und ihrem Alltag nicht viel zu sagen. Das ist der Gott der Bergwanderer: Er leuchtet durch das Himmelsgewölbe, seine Hoheit spannt er über den Horizont, aber nur so lange man sich auf dem Gipfel aufhält. Schon während des Abstiegs verblasst sein Glanz, auf der überfüllten und lärmreichen Autobahn ist er nicht mehr zu finden, und in der Stadt hängen sowieso nur graue Abgaswolken, die ihn komplett aussperren. Das ist die Erfahrung der so genannten Himmelfahrtschristen.

Pfingstwunder-Christen

Eine andere Gotteserfahrung machen Menschen, die ich Pfingstwunder-Christen nennen würde. Das sind Menschen des Augenblicks, die begeisterungsfähig sind, die Gott plötzlich, unerwartet, spektakulär, wie in Sturm und Feuer, begegnen. Es ist eine tiefe Begegnung, sie dauert aber nicht lange und ist sehr rar: einmal, ein paar mal im Jahr. Diese Menschen lassen sich begeistern, aber das bringt nicht viel, weil es sich hier nur um einige Momente handelt und der Rest ihres Lebens wird von religiöser Lustlosigkeit und einer gewissen geistigen Trägheit geprägt. Ist es möglich nicht nur bei besonderen Ereignissen, bei besonderen Festen, Gottes Geist zu spüren und sich von ihm im Familien- und Arbeitsalltag leiten zu lassen?

Abschied und Liturgie

Bei der lukanischen Beschreibung der Himmelfahrt fand ich am Ende des Evangeliums eine Bemerkung, die mir vieles erklärt hat. Die Jünger, nachdem sie Abschied von ihrem Meister genommen haben, kehren gar nicht traurig vom Ölberg zurück. Im Gegenteil: "Dann kehrten sie in großer Freude nach Jerusalem zurück" (Lk 24,52). Seltsam: Eine Freude, sogar eine große Freude erfüllt sie da, wo die meisten Menschen traurig wären. Wie ist das zu verstehen? Ihnen ist klar: Es ist nicht alles aus, ihre Beziehung zum Herrn bricht nicht auf einmal ab. Der Herr ist nicht mehr zu sehen, aber sie fühlen sich nicht von ihm verlassen. Das Versprechen der Kraft aus der Höhe lässt sie hoffen. Und noch eines: Wo finden sie ihn, wenn er nicht mehr da ist? Das Evangelium gibt die Antwort: "Und sie waren immer im Tempel und priesen Gott" (Lk 24,53). Die Liturgie und der Lobpreis werden zu den Orten der Erfahrung der Anwesenheit des Herrn. (Mit diesem Satz übrigens endet das Lukasevangelium).

Wo ist der Himmel?

Menschen diskutieren heute, wo der Himmel sei. Der deutsche Astronaut Bernhard Walter erzählte, wie das denn so gewesen ist, wie er mit dem Space-Shuttle gleichsam in den Himmel gefahren ist. Der Himmel – deutet er - sei ein paar hundert Kilometer über der Erde. Ein Physiker definierte einmal den Himmel als all das, was ab einem Millimeter über dem Boden beginnt und alles, was sich dort abspielt. So gesehen wären wir wohl alle schon im Himmel. Dieses Gefühl habe ich aber nicht. Der Himmel nach dem wir Ausschau halten ist nicht die physische Größe. Die englische Sprache hat für den Himmel zwei Worte: sky und heaven. Sky ist der Raum über der Erde, das Himmelsgewölbe. Haeven ist, wo Gott wohnt, der Ort der Glückseligkeit, wie es im Vaterunser heißt: "Our Father, who art in heaven". Himmel ist also nicht gleich Himmel: we are in the sky – not yet in heaven!

Gotteserfahrung in der Liturgie

Die heutige Lesung überliefert die Worte von Stefanus: "Ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen" (Apg 7,56). Der erste Himmel, das Himmelsgewölbe muss sich öffnen damit der echte Himmel, Gott, gesehen wird. Unter solch einem offenen Himmel zu leben ist die Berufung aller Christen. Der Christ steht mit beiden Füßen auf dem Boden, braucht keine Raumfahrt und braucht nicht einen Millimeter hoch über den Boden zu hüpfen um den Himmel geistig zu berühren. Er braucht auch nicht auf einen hohen Berg zu gehen, damit er mit dem Himmel in Berührung kommt.

Stefanus sah den offenen Himmel im Gebet, die Apostel blieben nach der Himmelfahrt im Tempel zum Lobpreis Gottes versammelt. Sie trafen sich am ersten Tag der Woche zum Brotbrechen, zur Eucharistiefeier. Die Liturgie als der Ort der Gotteserfahrung – das bezeugt uns eindeutig die Bibel und dafür sprechen auch zweitausend Jahre Christentum. Wir feiern jetzt auch die Eucharistie. Es ist eine Stunde der Begegnung mit dem Auferstandenen. Er ist nicht mehr mit den Händen zu greifen. Er ist aber zu spüren im Gotteswort der Bibel, auch wenn es so flüchtig ist, er ist zu empfangen in der Brotgestalt, auch wenn die Hostie so zerbrechlich ist. Er ist unter uns betenden und oft so kleingläubigen Menschen. Er fährt in seiner Himmelfahrt ein zwischen uns, in unsere Worte, in die eucharistischen Zeichen. Er dringt durch die Kirchen- und Herzenstüren. Er wird vom Vater zu uns gesandt und zugleich überallhin, wo auf dieser Erde Gottesdienst gefeiert wird. Er macht es dort überall möglich, dass sich die Erde und der Himmel berühren.

Gott unter uns

Viele nicht praktizierende Christen behaupten: Gott gibt es nicht nur in der Kirche. Der Meinung bin ich auch: Zum Glück, dass Gott auch außerhalb der Kirchenmauern erfahrbar ist. Aber die Intensität und der Reichtum der liturgischen Gotteserfahrung übersteigt alle anderen: Das Wort Gottes in der Gemeinschaft der Christen zu hören und Tischgenosse von Christus zu sein, das kann ich nur im Gottesdienst und das ist die Grunderfahrung, die Gründungserfahrung des Christseins.

Es ist sicher hilfreich, einmal auf einem Berggipfel die Größe des Herrn zu preisen, den Psalm 8 zu beten: Herr, unser Herrscher, wie gewaltig ist dein Name auf der ganze Erde, über dem Himmel breitest du deine Hoheit aus. Es ist sicher hilfreich, sich einmal bei einem festlichen Anlass von seinem Geist beflügeln zu lassen. Es ist aber notwendig, seine Stimme in der Eucharistie zu hören, Gast bei seinem Mahl zu sein. Das gibt dem Christen Festigkeit und Bodenständigkeit im Glauben.

Auch für uns heute gelten die Worte an die nach oben starrenden Apostel: "Was steht ihr da und schaut zum Himmel?" (Apg 1,11). Christsein zwischen Himmelfahrt und Pfingsten bedeutet: den Himmel im Gebet und im Gottesdienst zu suchen. Das öffnet meinem Alltag den Himmel. Dieser offene Himmel kann mich dann tragen und alles verklären, was mich beschäftigt und bewegt, mein Familien- und Berufsleben, meinen Umgang mit den Mitmenschen, auch meine Suche nach Gott.

Wir Christen sind auf der Suche nach dem offenen Himmel und möchten hier auf Erden unter diesem Himmel leben. Auch für uns gilt aber das, was man den kleinen und den großen Kindern sagt: Schau auf den Weg, nicht in die Luft, schau auf den Boden, damit du nicht stolperst und hinfällst. Hier auf diesem Boden finden wir ein Gebäude, eine Gemeinschaft und eine Feier, die die Kraft hat den Himmel zu öffnen.



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Last updated 06.12.07