Predigten 2003

Abschluss der Gebetswoche für die Einheit der Christen
Leitthema: "Ein Schatz in zerbrechlichen Gefäßen" (2 Kor 4,5-18)

Die Geschichte vom Hauptmann von Kapernaum

Predigt von Dekan Wolfgang Schwandner,
ev. Michaelskirche, Ottobrunn
im sonntäglichen Pfarrgottesdienst, am 26. Januar 2003
Dekan Wolfgang Schwandner, ev. Michaelskirche Ottobrunn, 26.1.03
 
 


Liebe Gemeinde,

die Geschichte vom Hauptmann von Kapernaum (Mt 8,5-13) redet vom Glauben. Da glaubt sozusagen einer auf's Wort, und sein Glaube wird gepriesen. Und doch wird, denke ich, vielen nicht ganz wohl bei dieser Geschichte sein; sie werden Fragen haben. Wer kann das denn, so wie dieser Hauptmann, auf's Wort glauben? So blindlings und ohne Fragen und Argumente? Wir möchten ja ganz gern glauben, und schaffen's doch immer wieder nicht. Wir möchten gerne wissen, ob das denn stimmt mit Jesus, bevor wir ihm vertrauen. Ja, wenn er uns leibhaftig gegenüberstünde? Dann wollten wir den Mut schon aufbringen und ihn bitten. – Aber so begegnet er uns jetzt in einer fernen Geschichte. Wir haben sie gehört. Und wir wollen jetzt auf das achten, was uns vielleicht in unseren Glaubenszweifeln helfen kann. Denn diese Geschichte zeigt uns den Grund, der solchen Glauben erst möglich macht.

1. Die Situation des Hauptmanns – oft auch unsere Situation

Da ist zunächst einmal dieser Hauptmann. Er bittet um Hilfe für einen Menschen, den er liebt, der ihm viel bedeutet. Es könnte sein Sohn sein oder einer von seinen Soldaten, der ihm durch seinen beruflichen Alltag nahe steht. Und dieser Soldat quält sich auf seinem Krankenlager. Es mag sein, dass diesen heidnischen Hauptmann ein Gefühl verzweifelter Ohnmacht erfasst: Einem Menschen, der mir viel bedeutet, gerne helfen zu wollen, seine Schmerzen zu lindern, und es doch nicht können - ohnmächtig daneben zu stehen und das alles mit ansehen zu müssen. Viele werden dieses Gefühl wohl kennen: Am Bett eines lieben Menschen zu sitzen und das mit ansehen zu müssen, ohne viel tun zu können, die letzten Tage und Stunden bis zum Tode.

Ähnlich mögen manchmal auch Eltern empfinden, deren Kind einen Lebensweg einschlägt, den sie nicht mehr verstehen. Und dann müssen sie zusehen, wie ihr Sohn oder die Tochter sich nicht raten lässt und den eigenen Weg geht. Oder ein Mensch fühlt so, dessen Ehepartner eine tödliche Krankheit in sich trägt und er weiß, dass seine Tage gezählt sind. Mancher / manche von uns wird das also mitempfinden können, was jener Hauptmann da durchmacht, der zu Jesus kommt und berichtet: "Er quält sich sehr!" Der andere, der diese Qual mit ansehen muss, sieht sich nach Hilfe um. Darum geht der Hauptmann zu Jesus und sagt: "So geht es meinem Burschen. Sieh doch dieses Elend an!" Er ruft um Hilfe. Alles hat er bereits versucht und keiner hat ihm helfen können. So kommt er jetzt zu Jesus, wie es uns in den Evangelien ja oft von Menschen berichtet wird, die in ihrer letzten Not zu Jesus finden: "Sieh meinen Jammer und mein Elend! Herr, schweige nicht zu meinen Tränen! Die Angst meines Herzens ist groß!" –

"Not lehrt beten!", sagen wir. Wir gehen nicht mit unserm Hilferuf auf die Straße, um Jesus zu begegnen. Aber wenn wir die Hände falten und in unserer Traurigkeit nicht wissen, was wir beten sollen, ist es schon ein Weg, zu sagen: "Herr, mein Gott, sieh dir dieses Elend an!" – Wir hätten dann das getan, was uns von diesem heidnischen Hauptmann berichtet wird. Er will in Verbindung kommen zu Jesus. Und er tut dies, indem er Jesus seine Sorgen und Nöte mitteilt. Und wenn wir im Namen Jesu bitten, ist es ähnlich.

Der Hauptmann sagt: "Herr, sieh dir dieses Elend an!", und schweigt. Wie die Lösung aussehen soll, überlässt er Jesus, das wagt er nicht zu sagen. Ob vielleicht ein Hindernis für unsere Gebete oft darin besteht, dass wir Gott die Lösung unserer Probleme gleich mitgeben, so wie wir uns das vorstellen? Und dadurch wird unser Gebet oft eher eine Vorschrift als eine Bitte. Die Bitte des Hauptmanns ist wie eine ausgestreckte, leere Hand an den, dem er etwas zutraut. Mehr sehen wir nicht am Anfang unserer Geschichte: Einen Menschen in Not, der den Weg zu Jesus findet

2. und der Jesu Wort etwas zutraut

Ja, und dann kommt erst mal die große Enttäuschung. "Ich soll kommen und ihn gesund machen?", sagt Jesus. "Kennst du denn nicht die Grenze zwischen dir und mir? Weißt du nicht, dass kein frommer Jude das Haus eines Heiden betritt? Wie stellst du dir das vor? Merk dir, es gibt Grenzen für deine Wünsche und Gebete!"

Damit wäre unsere Geschichte nun zu Ende, genauso wie oft unsere Gebete zu Ende sind, wenn wir wieder einmal ohne Antwort geblieben sind. Wenn wir wieder einmal an diese Mauer gestoßen sind. – Aber der Hauptmann gibt noch nicht auf. Sein Beruf bringt ihn dazu, nun seine Bitte noch etwas zu erweitern. Denn aus dem militärischen Bereich kennt er den Befehl, das Wort also, das die Soldaten in Bewegung setzt, das Kommen und Gehen der Soldaten regelt. Was sie tun müssen, was zu unterlassen ist, es wird durch Befehle ihnen gesagt. Und der Hauptmann hat selber die Macht, so zu handeln. Und weil sein ganzes Leben vom militärischen Leben geprägt ist, denkt er an einen Vergleich: Wenn Jesus unter der Macht Gottes steht und an dieser Macht Gottes auch teilhat, dann muss es für ihn doch leicht sein, durch sein Wort etwas in Bewegung zu setzen. Und er denkt: Ein Befehl Jesu kann meinen kranken Burschen gesund machen.

Und so sagt der Hauptmann zu Jesus: Komm gar nicht erst in mein Haus, in das Haus eines Heiden, ich weiß, da gibt es Grenzen für dich - mach's doch mündlich! "Sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund!" – Und Jesus antwortet: "Gehe hin! Wie du geglaubt hast, soll dir geschehen." – Hier werden jetzt wohl die unter uns seufzen, die auch gebetet haben, die aber enttäuscht worden sind in ihrer Hoffnung, die jetzt vielleicht denken: So war das bei mir nicht in meinem Leben. Diese Macht des Lebens, die durch Jesu Wort aufleuchtet, haben wir oft gehört, aber vielleicht so nicht erlebt. – Wo ist also die Frohe Botschaft für uns in dieser Geschichte? Ich denke, sie beginnt für uns an der Stelle, wo wir trotz allem Jesus solches Vertrauen entgegenbringen, ohne gleich Gott zu unserer Lösung zwingen zu wollen. Der Hauptmann und die ersten Zeugen haben die Erfahrung gemacht, Gott ist da und hilft durch sein Wort. Und sie geben uns diese Erfahrungen weiter, damit auch wir neu Vertrauen finden zur helfenden Nähe Jesu. Darum wurden die Evangelien überhaupt aufgeschrieben. Und darum hören wir heute Gottes Wort. Jener Hauptmann hat ja keine Garantie für Jesu Hilfe, er vertraut Jesu Wort. Und dieses Wort spricht auch heute zu uns und will denen helfen, die Jesus vertrauen. Voraussetzung ist allerdings, dass wir von Gott für unser Leben überhaupt etwas erwarten.
In seinem Wort, im Wort der Bibel, begegnet uns Gottes Antwort für unser Leben. Wir müssen uns nur die Mühe machen, zu suchen und wir werden finden. Gerade das Jahr 2003 lädt, als das Jahr der Bibel, in besonderer Weise dazu ein, und wir sollen offen sein, um die Antwort auch zu hören.

Wenn ich eine Versicherung abschließe, muss ich mich durch einige Seiten Kleingedrucktes hindurchquälen. Wir nehmen das in Kauf. Nur im Umgang mit Gott wollen viele so oft gerne Analphabeten bleiben. So kommt es darauf an, dass wir uns mit jenem Hauptmann auf den Weg machen zu Jesus und dann werden wir entdecken, dass sich Gott in Jesus Christus längst zu uns auf den Weg gemacht hat. Es braucht nur diesen Mut des Hauptmanns, mit unserer Frage, mit unserer Bitte aufzubrechen, um in Jesus Gott zu begegnen.

3. Jesus staunt über den Hauptmann und seinen Glauben

Jesus, der Glauben wirken und schaffen will, trifft selten auf ein so großes Maß an Vertrauen. Zu ihm bringt der Hauptmann seine ungelösten Probleme. Ein Mensch, an dem sein Herz hängt, leidet und er kann ihm nicht helfen. Eigentlich spricht das gegen Gottes Wirken. Aber er hält das aus und trägt es zu dem Herrn seines Lebens. Sind wir solche Leute, die Vertrauen zu Gott riskieren? Zaghaft manchmal vielleicht, die es dann aber doch wagen? Die die Fragen im Leben, auf die wir keine Antwort wissen, nicht einfach verdrängen und übergehen, sondern festhalten und sie dem vorlegen, der der Weg und die Wahrheit unseres Leben ist – und dann auf Antwort warten? -

Wir fragten eingangs nach dem Glauben, der uns manchmal so schwer fällt. Glaube, Zutrauen zu Gott, der in unserem Leben etwas ausrichten will. Ich finde, Glaube geschieht schon da, wo wir uns auf den Weg machen. In kleinen Schritten vielleicht auf dem Weg zu Gott, bei den ökumenischen Exerzitien im Alltag. Es ist dies ja ein Weg, den wir nicht allein zu gehen brauchen. Andere gehen mit uns und so laufen wir miteinander in Gottes Spur. Und das ist ein Weg, auf dem uns Gott selber entgegenkommt. Wenn wir in unserem Leben dann zuweilen oft mehr Fragen haben als Antworten, so ist das kein Hinweis für einen fehlenden Glauben, sondern ein Zeichen dafür, dass wir auf dem Weg sind. Zu Gott, der unseren Glauben stärkt, und der uns im Heiligen Mahl ganz nahe sein will.

Darum gehört das Wort, das der Hauptmann spricht, auch in die Abendmahls-Liturgie Ihrer Kirche: "Herr, ich bin nicht wert, dass du eintrittst unter mein Dach. Aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund."

Amen

 
 
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Last updated 06.12.07