Predigten 2005

Grundsätzliches zur Wirkung des XX. Weltjugendtages

Weltjugentag . . .  und dann?


Von Dr. Marc-Ansgar Seibel, Leiter des Bereichs Pastorale Vor- und Nachbereitung im Weltjugendtagsbüro in Köln
 
 
 
Die nachfolgenden Überlegungen wollen grundlegende Anregungen für die konkrete jugendpastorale Gestaltung gemeindlicher Arbeit in der Zeit nach dem XX. Weltjugendtag 2005 vorstellen. Getragen von dem Wunsch, dass die im Vorfeld des XX. Weltjugendtags 2005 gesetzten Ziele eine nachhaltige Wirkung zeitigen, ist die vorliegende Zusammenstellung auch eine Frucht der intensiven Beratungen mit den beiden wichtigsten Fachorganisationen kirchlicher Jugendarbeit in Deutschland: der Arbeitsstelle für Jugendseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz afj und dem Bund der Deutschen Ka­tholischen Jugend BDKJ.

(Dr. Marc-Ansgar Seibel, Köln)

Jugendliche als Subjekte der Jugendpastoral ernst nehmen

Jugendliche, die als aktive Subjekte in alle Vorbereitungsebenen des XX. Weltjugendtages 2005 mit eingebunden waren (in den unterschiedlichsten Formen diözesaner Kernteams, Steuerungsgruppen und lokalen Organisationskomitees) dürfen nach dem Abschluss des XX. Weltjugendtages 2005 nicht wieder in die zweite Reihe zurücktreten müssen. Auch und gerade für die Zeit nach dem Großereignis, das auf Orts-, Diözesan- und Bundesebene zu einer Vielzahl wichtiger Kooperationen, Kontakte und Zusammenschlüssen geführt hat, in denen Jugendliche eine aktive Rolle eingenommen haben, muss Jugendlichen auf allen kirchlichen Ebenen und bei allen sie betreffenden Projekten auf Orts-. Diözesan- und Bundesebene ein wichtiger Platz eingeräumt werden.

Beteiligungsgerechtigkeit in gemeindlichen Gremien

Dies betrifft natürlich auch die Beteiligung von Jugendlichen in gemeindlichen Gremien. Das Engagement unzähliger jugendlicher während der Vorbereitungszeit und der Durchführung der Tage der Begegnung in den Deutschen Diözesen darf nicht verpuffen. Hierzu ist es unbedingt notwendig, dass Jugendliche mit ihren Erlebnissen, ihrem Engagement und auch ihren Frustrationen in den Gemeinden aufgefangen werden. Die bestehenden Strukturen der Jugendpastoral (Verbände, gemeindliche und offene Jugendarbeit) halten wichtige Anknüpfungspunkte vor. Die Zusammenarbeit mit den meist von Erwachsenen getragenen gemeindlichen Gremien (KV und PGR) ist zu intensivieren. Über den so genannten Jugendvertreter im PGR hinaus bietet dieses Gremium eine Plattform dafür, dass Jugendliche ihre Anliegen einbringen und mitentscheiden können. Nicht nur wegen der demographisch bedingten zunehmenden Überalterung der deutschen Gesellschaft sollte diese Beteiligungsgerechtigkeit gefördert werden.

Jugendliche für den Schatz der Tradition weiter begeistern

Während der Liturgien, Gebete und weiterer Veranstaltungen vor und während des XX. Weitjugendtags 2005 sind Jugendliche in Kontakt gekommen mit dem "Reichtum der Tradition", die sich in den unterschiedlichen Ländern und Kulturen der Welt in unterschiedlichster Weise entfaltet. Vielfalt ist Reichtum - diese Grunderfahrung sollte nach dem Weitjugendtag nicht sofort wieder eingeebnet werden - durch eine meist von älteren Erwachsenen gestalteten Liturgie. Die Gemeinden sollten sich zum Ziel setzen, zumindest einen Gottesdienst pro Woche von und mit Jugendlichen gestalten zu lassen. Jugendliche suchen einen Ort, an dem sie mit ihrem eigenen Leben, ihrem eigenen Glauben und eigenen spirituellen Formen vorkommen. Dieser Ort sollte bewusst in der Pfarrkirche der Gemeinde sein. Das Modell der so genannten Jugendkirchen ist sicherlich eine reizvolle und jugendgemäße Angebotsform. Flächendeckend ist diese jedoch nicht vorzuhalten. Folglich benötigen Jugendliche neben solcherart jugendspiritueller Enklaven eine "Beheimatung" auch in den Räumlichkeiten ihrer Gemeinde. Die unterschiedlichen Gruppierungen mit ihren Spiritualitätsformen der Gemeinden sind die Garanten dafür, dass die christliche Tradition als gelebte und gefeierte Erzählung fortgeschrieben wird.

Angebote für die Zielgruppe junger Erwachsener vorhalten

Die Zielgruppe des XX. Weltjugendtages 2005 war die große Gruppe der 16 - 30-Jährigen. Diese Gruppe deckt sich jedoch nicht mit der Altersgruppe Jugendlicher, wie sie sich in der verbandlichen, gemeindlichen oder offenen kirchlichen Jugendarbeit engagieren. Vereinzeltes Engagement älterer junger Menschen lässt sich nur noch in Leitungsgremien von Verbänden, kirchlichen Bewegungen o.a. antreffen. Die Frage nach dem XX. Weltjugendtag 2005 muss daher folgerichtig lauten: Welche Angebotsformen hält die Kirche für diejenigen vor, die für die klassische Jugendpastoral zu alt und für die Einbindung in Ehe- und Familienpastoral durch eine generelle Verlängerung der Jugendphase und eine Erhöhung des Heiratsalters zu jung sind. Hierzu bedarf es dringend neuer Angebots- und Vergemeinschaftungsformen. Diese wiederum tragen zudem der Tatsache Rechnung, dass das Leben junger Menschen zunehmend mobiler ist. Ein kontinuierliches Engagement, dass sich in der Heimatgemeinde von der Kinder- und Jugendzeit ins Alter fortsetzt, ist die Ausnahme. Durch Ausbildung, Studium und Arbeitsplatz sind Jugendliche einem enormen Flexibilitäts- und Mobilitätsdruck ausgesetzt. In institutionalisierten Angebots- und Vergemeinschaftungsformen für diese Zielgruppe könnten sie eine gemeindeunabhängige und trotzdem vertraute Beheimatung auch in der "Ferne" finden. Einige richtungsweisende Angebote finden sich zur Zeit etwa im Programm der Katholischen Hochschulgemeinden in Frankfurt/Main und Freiburg/Breisgau.

Internationalität leben

Der XX. Weitjugendtag 2005 hat Jugendlichen den einen Glauben in der einen Welt vor Augen geführt. Sie durften erleben, dass trotz kultureller Unterschiede und über Sprachgrenzen hinweg die Grundlagen des christlichen Glaubens und des geschwisterlichen Umgangs miteinander und mit der Schöpfung überall die gleichen sind. Für die Zeit nach dem XX. Weltjugendtag 2005 gilt es wahrzunehmen, dass die deutsche Gesellschaft seit Jahrzehnten eine Einwanderungsgesellschaft ist. Die unterschiedlichen Kulturen und Riten sind auch noch nach dem XX. Weltjugendtag 2005 in Deutschland anzutreffen. Religion und Werte bieten die Garanten für eine gelungene Integration von Zuwanderern und ein friedliches Zusammenleben. Daher sollte der Kontakt mit fremdsprachlichen Gemeinden und ausländischen Missionen, so es sie in der jeweiligen Diözese gibt, intensiviert werden. Nach den Erfahrungen der Internationalität kann für die Zeit nach dem XX. Weltjugendtag 2005 nicht ein bloßes Nebeneinander richtungweisend bleiben. Das Aufeinanderzugehen, der Austausch und die gemeinsame gottesdienstliche Feier bereichern den Gemeindealltag. Fremdsprachliche Texte und Lieder sind lebendige Zeugnisse für den einen Glauben in der Vielheit.

Partnerschaften pflegen

Während der Tage der Begegnung in den deutschen Diözesen waren in tausenden Gemeinden Jugendgruppen aus aller Welt zu Gast. Bestehende Partnerschaften konnten aus Anlass des XX. Weltjugendtages 2005 neu aufgefrischt, intensiviert und ausgebaut werden. In den unterschiedlichen Begegnungen zwischen Jugendlichen und Erwachsenen sind Freundschaften und gute Kontakte erwachsen, die der weiteren Pflege und Vertiefung bedürfen. Zu diesem Zweck scheint es angebracht zu sein, die sich ergebenden Kontakte über Brief, eMail, Telefonate und ggf. auch Gegenbesuche fortzuführen. Dies kann sicherlich nicht in allen Fällen gelingen. Dennoch erscheint dies vor dem Hintergrund einer immer enger zusammenwachsenden Welt von wichtiger Bedeutung. Wenn die Welt wirklich das oft beschriebene "globale Dorf" wird, ist es unabdingbar, dass ich meine Nachbarn kennen und schätzen lerne.

Vernetzung weiter nutzen

Für die Vorbereitungen und Durchführungen der unzähligen Aktionen rund um den XX. Weltjugendtag 2005 gab es auf allen kirchlichen Ebenen sehr gut funktionierende Netzwerke. Diese sollten auch nach August 2005, weiterhin genutzt werden. Für zukünftige Projekte sind weiterhin wichtige Synergieeffekte zu erhoffen. Zudem hilft die Vernetzung mit anderen Trägern: innerhalb der Kirche, eventuelle Vorurteile abzubauen. Die vielfältigen gelungenen Kooperationen zwischen verbandlicher, gemeindlicher und offener Jugendarbeit und der Jugendarbeit der kirchlichen Bewegungen sind auch auf der Ebene der Gemeinde Erfolg versprechend.

An der neuen Zivilisation der Liebe und der Gerechtigkeit weiterbauen

Nicht nur im Kontext der vielfältigen Aktivitäten im Rahmen des bundesweit durchgeführten Tages des Sozialen Engagements innerhalb der Tage der Begegnung in den deutschen Diözesen haben Jugendliche wichtige Erfahrungen mit einer diakonisch ausgerichteten Jugendpastoral machen können. Die Aufforderung Papst Johannes Paul II. an die Jugendlichen der Welt, selbst zu Baumeistern einer neuen Zivilisation der Liebe und der Gerechtigkeit zu werden, spiegelt sich bereits seit geraumer Zeit in wichtigen Sozialaktionen z.B. der Jugendverbände (72-Stunden-Aktion, Big Bagger etc.). Diakonie als zentralen Wesensvollzug von Kirche wieder zu entdecken ist für die gemeindliche, verbandliche und offene Jugendarbeit von zentraler Bedeutung. Zum einen haben gerade Jugendliche eine große Sensibilität für Ungerechtigkeit, Ausbeutung, Unterdrückung und Marginalisierung, zum anderen können sie in genau diesen Feldern eingebunden in konkrete Projekte im Sozialraum aktiv werden. Soziales Engagement als Evangelisierung durch die konkrete Tat ist eine Möglichkeit, kirchliche Jugendarbeit auch den so genannten Fernstehenden näher zu bringen.
Jugendliche als "Propheten des Neuen Morgen", wie Johannes Paul II. sie bezeichnet hat, tragen die große Erzählung von der Menschenfreundlichkeit Gottes in die Welt. In der Erwartung "eines neuen Himmels und einer neuen Erde, in denen die Gerechtigkeit wohnt" (2 Petr 3,13) fühlen sich die Jugendlichen weltweit verbunden. Der Austausch über konkret geleistetes soziales Engagement über die vielfältigen Kommunikationsformen der neuen Medien kann über Gemeinde-, Diözesan- und Ländergrenzen hinweg zu einem wichtigen Zeugnis werden.

Bewährte Strukturen stärken

Um diese und die vielen anderen Wirkungen des XX. Weltjugendtages 2005 erzielen zu können, ist es notwendig, dass auch nach dem Weltjugendtag ein ausreichendes Angebot an jugendpastoralen Kräften auf den unterschiedlichen Aktionsebenen der Pfarreien, Dekanate, Diözesen, Länder und auf Bundesebene beibehalten wird. Im gleichen Maße gilt dies für die jugendpastoralen Einrichtungen (Bildungshäuser, Jugendverbände, Jugendreferate usw.), die zur Verfügung stehen müssen. Von Personen und Institutionen wird die Bereitschaft erwartet, die Erfahrungen und Fragen Jugendlicher im Nachklang des XX. Weltjugendtages 2005 aufzugreifen. Verbunden mit den Umbrüchen in der kirchlichen Landschaft und den Erfahrungen des Weltjugendtags ist eine jugendpastorale Reflexion notwendig, wie dieses wichtige Feld kirchlichen Handelns auch in Zeiten knapper werdender Ressourcen und hiermit einher gehender Personaleinsparungen fortgeführt werden soll und kann. Der wesentliche und unhintergehbare Auftrag eines und einer jeden, die jugendpastoral tätig sind, ist das von der Würzburger Synode bereits vor 30 Jahren formulierte 'personale Angebot'.

 

(Quellennachweis: WEGBEREITER, Heft 4/2005 - Magazin für Berufe der Kirche, München)

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Last updated 06.12.07