Predigten 2006


Gott wurde Mensch - ein Skandal oder das Fest der Liebe?
 
Predigt von Pfarrer Dr. Czeslaw Lukasz, in der Christmette am 24. Dezember 2006
 
 
 
Diffuses Gottesbild

Die einmalige Stimmung dieser heiligen Nacht, die Romantik des Heiligen Abends, das Licht der Christbäume dürfen nicht darüber hinweg täuschen, dass dies, was wir feiern eigentlich ein Skandal ist: Gott wurde Mensch, Mensch wie du und ich, aus Fleisch und Blut. Gottes Wort ist Fleisch geworden – schreibt Johannes im Prolog seines Evangeliums.
Gott wurde Mensch – daran haben wir Christen uns gewöhnt, weil wir es so oft hören. Aber was hier gemeint ist überfordert den menschlichen Verstand - damals und auch heute, weil wir Menschen uns Gott vorstellen als einen, der mehr sein sollte als Mensch: Gott ist eben ein höheres Wesen.
Gott wurde Mensch – dies klingt unerhört und absurd für alle, die auch heute eine sehr diffuse Vorstellung von Gott haben. So richtig ungläubig sind die wenigsten Menschen. Die meisten glauben doch, dass diese Welt nicht den willkürlichen Kräften des Chaos überlassen ist, dass hinter all dem Sichtbaren etwas Höheres steckt, eine höhere Kraft, die alles zusammenhält, eine kosmische Energie, eine höhere Mathematik.

Unser christlicher Glaube "Gott wurde Mensch" ist für Menschen mit solch einem diffusen Gottesbild anstößig. Sie sagen: zu irdisch, zu menschlich, zu leiblich sei dieser Gott in Jesus Christus. Auch manchen Christen wäre ein abstraktes Gottesbild sympathischer. Andere Religionen faszinieren durch die Undefinierbarkeit des Gottesbegriffes. Man tut sich sicher leichter an eine geistige Seele der Schöpfung zu glauben, als an einen Gott, der in Betlehem Mensch geworden ist.

Gott ist Person und hat einen Namen

Diese unerhörte und für viele anstößige Überzeugung feiern wir in dieser heiligen Nacht. Das ist auch ein Kern unseres Glaubens: Gott ist aus seiner himmlischen Verborgenheit herausgekommen und hat unter uns als Mensch gelebt. Er ist nicht anonym geblieben. Er ist eine Person geworden, die auch einen Namen hat: Jesus Christus, Emmanuel. Die Tatsache, dass er eine Person ist und einen Namen hat, bedeutet, dass wir mit ihm sprechen können, dass er hören, reden und antworten kann. Gott hat in Jesus sein wahres Gesicht gezeigt, das wir sehen können. Mit diesem Gott in Jesus können wir per du sein, weil er eben einer von uns geworden ist.

Gott ist die Liebe

Die Botschaft dieser heiligen Nacht klingt einmalig: Der ewige Gott ist Teil unserer irdischen Geschichte geworden. Diese Wahrheit über Gott mag zu irdisch, zu menschlich, zu anthropomorph erscheinen. Gott hat aber mit der Entscheidung Mensch zu werden etwas Wichtiges vor. Er wollte uns aus unmittelbarer Nähe, in unserer menschlichen Sprache das Ungeheuerliche mitteilen und zwar: dass der große Gott die Menschen liebt. Jesus ist die Exegese Gottes, Jesus ist die Auslegung der Liebe Gottes für uns Menschen - auf eine menschliche und allgemein verständliche Weise. Jesus Christus ist kein abstrakter Sohn Gottes, er ist – wie Prof. Ratzinger einmal sagte - die "Einengung" Gottes auf einen Punkt der Geschichte. Aus diesem einen Punkt der Geschichte erklingt die Botschaft für alle Zeiten und für alle Menschen: Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen eigenen Sohn hingab. Gott ist die Liebe – um dies zu zeigen tut er das Unerhörte, er sendet seinen Sohn in diese Welt.

So können wir Weihnachten als Fest der Liebe feiern. Mit der Liebe meinen wir nicht die Romantik des Christbaumes, auch nicht eine Liebe zwischen Menschen, sondern die Liebe Gottes, die aus der Ewigkeit kommend in unsere Zeit und in unseren irdischen Raum eingetreten ist.

Über Gott nicht allzu klein denken

An der Geburtsgrotte von Betlehem müssen sich die Geister scheiden und es kommt zu großen Krisen. Jeder Mensch muss vor der Krippe Christi eine Schlüsselfrage von Weihnachten beantworten: Ist dieser Jesus nur ein großer Humanist, ein beseelter Eiferer, oder glaube ich daran, dass in ihm, dem wahren Menschen, der wahre Gott wohnt? Glaube ich daran, dass seit Betlehem Gott nichts Menschliches fremd ist?
Der menschliche Verstand mag es zunächst absurd finden, dass Gott als das höchste Wesen sich mit Menschen befassen sollte, dass er jeden von uns kennt, mit seinen kleinen und großen Freuden, mit kleinen und großen Sorgen. Gott diese Fähigkeit der Zuwendung zu jedem Menschen abzusprechen, bedeutet auch zu menschlich, allzu klein über den großen Gott zu denken. "Mut zur Weite der Vernunft" forderte Papst Benedikt während seiner Bayernreise. Das Große an unserem Gott ist eben dies: dass seine Größe in das Geringste reicht, in das kleinste Detail unseres Daseins. Gott hat sich im wahrsten Sinne des Wortes die Finger für uns schmutzig gemacht.

In Betlehem hat Gott gezeigt, dass er kein fühlloses Denken ist. Er ist eine große Liebe, eine unbegreiflich große Liebe, die Zeit und Raum überschreitet und jeden von uns liebt, dich und mich und jeden Einzelnen von Milliarden von Menschen. Unbegreiflich, aber großartig!
Oder haben Sie von jemandem gehört, der sich von einer abstrakten Idee, von der Physik des Alls geliebt gefühlt hat? Ein Gott, von dem man denkt, er sei nur eine Logik des Alls, bleibt kalt. Eine abstrakte Idee kann keine Gefühle entwickeln, sie kann keinem Menschen Geborgenheit schenken. Oder umgekehrt gefragt: Haben Sie von jemandem gehört, der die Logik und die Mathematik des Alls mit "ganzem Herzen, mit ganzer Seele, mit all seinem Verstand" lieben könnte, der mit diesem abstrakten "Gott" warm werden könnte? Gott wurde Mensch – welch ein Wunder und welch eine Freude!

Die Hirten nehmen das Geoffenbarte an

Die Hirten von Betlehem hatten zunächst auch eine sehr diffuse Vorstellung von Gott. Als einfache fromme Menschen haben sie sich auch Gedanken über ihn gemacht und sich ihn ganz oben im Sternenhimmel gedacht. Ganz neugierig gehen sie nun zur Grotte. Und auf einmal sehen sie und verstehen sie alles. Das Gesehene, das Vorgefundene, das von Gott Geoffenbarte, revidiert ihre Vorstellungen. Philosophisch ausgedrückt: Sie erkennen den Vorrang des Geoffenbarten vor dem Selbstgedachten an. Sie müssen Gott nicht weiter suchen, sie können mit ihrer privaten Gott- und Wahrheitssuche nun aufhören. Sie haben die Wahrheit gefunden, sie werden mit großer Freude erfüllt und sie beten den Mensch gewordenen Gott an.

Die glücklichen Hirten rufen auch uns allen zu: kommt, lasset uns anbeten! Diese Einladung der heiligen Nacht möchte auch uns auf unserer Gott- und Wahrheitssuche näher ans Ziel bringen. Wir dürfen entspannen, ausruhen. Unserem Machen und Erfinden dürfen wir eine Pause gönnen. Wir dürfen empfangen, was uns in der Grotte von Betlehem geschenkt wird. Diese unerhörte Konkretheit der Geburt Christi lässt sich so umschreiben: Gott hat an jeden von uns mit Liebe gedacht. Hier in der Krippe, im Mensch gewordenen Gott, bekommen wir den Boden gezeigt, auf dem unsere ganze Existenz stehen, leben und gelingen kann.

(inspiriert durch: J. Ratzinger, Einführung in das Christentum)

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Last updated 06.12.07