Predigten 2004

Weihnachten in Zeiten des Umbruchs


Predigt von Dekan Dr. Czeslaw Lukasz in der Christmette 2004, am 24. Dezember

 
 
 
Der Heilige Abend mit seinen schönen Bräuchen, die leuchtenden Christbäume, die Stimmung der Heiligen Nacht dürfen nicht darüber hinweg täuschen, dass wir in turbulenten Zeiten leben. Das Jahr 2004 war in vielerlei Hinsicht ein schwieriges Jahr: Verunsicherung vieler Menschen wegen des Umbaus der Sozialsysteme, leere Staatskassen und Firmenpleiten, Sorgen um den Arbeitsplatz, und dazu Misstrauen, ob die Politik dies alles noch steuern und verbessern kann. Unsere Welt ist auch nicht friedlicher geworden: der Irakkrieg, Unfrieden im Heiligen Land, Bedrohung durch den internationalen Terrorismus, blutige, oft vergessene Konflikte auf dem afrikanischen Kontinent. Worauf können wir uns noch verlassen? Was gibt es, das uns hoffen und zuversichtlich in die Zukunft blicken lässt? – fragen viele mit Besorgnis.

Hoffnung in einem Kind

Unlängst habe ich im Konzert eine neuere Symphonie gehört, von der gesagt wird, sie sei eine Art "Kommentar" zur Geschichte dieser Musikart (Valentin Silvestrov, 5. Symphonie, Jahr 1985). Der Komponist bringt zum Ausdruck, dass eine weitere Entwicklung der Symphonie nicht mehr möglich ist, weil alle Mittel und alle Wege nach zweihundert Jahren der Entwicklung ausgeschöpft sind. Das Orchester in Großbesetzung führt zuerst die stolzen Errungenschaften dieser Musikart vor. Man merkt aber, dass Rhythmen, Motive und Melodien zunehmend nur um sich selbst kreisen. Immer wieder deuten düstere und bedrohliche Klänge das nahe Ende dieser Musik an. Eine Stelle fällt dann besonders auf. Auf einmal verlangsamen sich die Tempi, Instrumente ziehen sich nacheinander aus dem Spiel zurück und dann in dieser Stille hört man ganz leise das Klavier spielen. Das Klavier spielt eine einfache Melodie, eine Kindermelodie, nur ein paar Takte lang und dann geht es wieder höchstsymphonisch und laut weiter. Dieser überraschende Einschub inmitten der Musik, die nicht weiter vorankommt, scheint auf einen Ausweg aus der Sackgasse hinzuweisen: auf das Kind und seine Musikart als Chance für einen neuen Anfang.

Der Dirigent wollte an dem Abend diese Symphonie vom Dirigentenpult aus selbst kommentieren: durch apokalyptische, bedrohende Szenarien künde sie das Ende einer Epoche europäischer Kultur an, aber in diesem Kinder-Klavierthema scheine sie fast auf Weihnachen hinzuweisen, als einen Ausweg aus innerer Begrenzung und einen Weg in die Zukunft.

Ist dies nicht ein musikalischer Ausdruck der Weihnachtsbotschaft? Sind nicht auch viele unserer Weihnachtslieder einfache Kinderlieder? So einfach: Gloria, gloria, in excelsis Deo... Von welcher Freude und von welcher Hoffnung sind sie getragen! Welche Zuversicht strahlen sie aus! Mag eine Ausweglosigkeit sich breit gemacht haben, mag eine Sorge, eine Enttäuschung, eine Last sehr groß sein, sie können aber nicht so groß sein, dass sie nicht angesichts dieses göttlichen Kindes mindestens für eine Weile verschwinden können. Wie gut tut es uns, diese weihnachtliche Botschaft zu hören!

Es tut uns auch gut, in uns selbst unser inneres Kind an Weihnachten immer neu zu entdecken. Sind es nicht die Erinnerungen an Weihnachten in unserer Kindheit, die uns auch heute weitgehend tragen in der Art wie wir den Heiligen Abend und Weihnachten erleben und gestalten. Ist nicht das Jesuskind eng mit dem inneren Kind in uns verbunden?

Jesus - Quelle der Freude

Diese Verbundenheit soll in dieser heiligen Nacht intensiviert werden. "Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns geschenkt." (Jes 9,5). "Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren ... Ihr werdet ein Kind finden, das in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt." (Lk 2,11-12).

Zusammen mit dieser Geburt wird eine immense Freude verkündet. Von ihr spricht schon mit Begeisterung der Prophet: "Du erregst lauten Jubel und schenkst große Freude. Man freut sich in deiner Nähe ..." (Jes 9,2). Große Freude teilt der Engel den Hirten mit: "Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteil werden soll" (Lk 2,10). Eine einfache und freudige Botschaft, eine einfache "Musik", die so machtvoll erklingt. Es ist eine Botschaft, die nicht nur Gegenwart verwandelt, sondern auch Zukunft formt.
Lasst uns in dieser heiligen Nacht von dieser Botschaft und von dieser Freude berührt, angesteckt und verwandelt werden.
Zwei Dinge bringen uns Jesus näher und machen unsere Freude noch größer: die Eucharistie und die Mission.

Eucharistiefeier – jedes Mal Weihnachten

Das Jahr 2005 soll in der ganzen Kirche als das Jahr der Eucharistie begangen werden. Es soll eine Gelegenheit sein, diese Mitte unseres Glaubens zu reflektieren und zu vertiefen.

Johannes fasst das Geheimnis der Geburt Christi mit diesen berühmten Worten zusammen: "Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt" (Joh 1,14). Die Menschwerdung Gottes, sein "Fleischwerden" in Jesus, vergegenwärtigt sich am intensivsten in der Eucharistiefeier. Er selbst wird in den eucharistischen Gaben seines Leibes und Blutes vom Altar an uns gereicht. Jedes Mal wenn wir den heiligsten Leib Christi und das kostbare Blut Christi empfangen, erreicht uns die Liebe Gottes in dieser sichtbaren, konkreten, Mensch gewordenen Gestalt. Und dann ist jedes Mal Weihnachten: Gott kommt in meine Welt. Welche Freude!

Wenn wir Christen Sonntag für Sonntag am eucharistischen Mahl des Herrn teilnehmen, dann geben wir unserem Glauben Nahrung und stärken unsere Gemeinschaft. Ein unregelmäßiger Gottesdienstbesuch schwächt den persönlichen Glauben und das Zeugnis der Kirche. Christsein ist nicht zu Billigpreisen zu haben. Mehr Liebe zur Eucharistie und mehr Beständigkeit beim Gottesdienstbesuch wären eine schöne Frucht des Jahres der Eucharistie.

Missionarisches Christsein

Im Jahr 2004 hat sich der 1350. Todestag des heiligen Bonifazius gejährt, der "Missionar der Deutschen" genannt wird, weil er damals im 8. Jh. viele germanische Stämme missioniert und die kirchlichen Strukturen vor allem im süddeutschen Raum eingerichtet hat. Aus diesem Anlass hat sich die Kirche in Deutschland Gedanken über das missionarische Wirken heute gemacht. Eines steht fest: die Mission gehört zum Wesen der Kirche. Das wurde mit deutlichen Worten gesagt: Christsein ohne Mission sei eine Farce (Bischof Reinelt von Dresden); ein Christ, der nicht missionarisch ist, sei kein Christ (Kardinal Meisner); das Christentum sei im Kern und im Wesen missionarisch, oder es verrate sich selbst (Kardinal Lehmann).
Jeder Christ, jede Christin ist im Grunde genommen kraft der Taufe Missionar bzw. Missionarin. Jeder von uns soll missionieren und zwar dort wo er lebt und arbeitet: in seiner Familie, im Bekanntenkreis, unter Nachbarn und Arbeitskollegen.

Mission ist nicht out, Mission ist in und tut Not! Und falls jemand es merkt und Sie fragt: "Du wirst mich doch nicht missionieren wollen?", dann antworten Sie: "Ja klar, ich will dich missionieren!" Wir Christen möchten niemanden provozieren, aber wir dürfen uns nicht davor fürchten, unseren Glauben öffentlich zu bezeugen.

Ich würde sagen: probieren Sie Ihr missionarisches Talent aus, gleich an diesen Weihnachtstagen mit den Menschen, die Sie besuchen, denen Sie begegnen. An Weihnachten ist es viel einfacher. Die Bibel hilft uns. Sagen Sie einfach die Botschaft weiter, die sie heute selbst gehört haben, die Botschaft des Engels an die verschreckten Hirten: "Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude ... Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren ...". (Lk 2,10-11). Sagen Sie es mit Nachdruck, sagen Sie es mit innerer Freude. Und wenn jemand fragt: "wo hast du diese Botschaft der Freude gehört", dann antworten Sie: "in St. Albertus Magnus – da haben wir eine schöne Christmette gefeiert und viele Weihnachtslieder gesungen. Nächstes Mal musst du unbedingt mitkommen und mitfeiern". So einfach kann das Missionieren gehen!

Dann kann durch unser Wort und unser Beispiel die Geburt dieses Kindes auch andere Menschen mit echter Freude und Zuversicht erfüllen - in diesen unruhigen Zeiten des Umbruchs, in denen wir leben und auf der Suche sind, nach neuen Wegen und einem Aufbruch in die Zukunft. Dann kann Weihnachten auch für andere Menschen ein Wegweiser in die Zukunft sein.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen, die Sie hier in Gemeinschaft der Kirche, um diesen Altar versammelt, Weihnachten "im Original" feiern, dass Sie diese einfache Kindheitsgeschichte Jesu, diese weihnachtliche "Kindermusik", mit Herzensfreude vernehmen, dass die Nähe und Liebe Jesu Ihre Familien und Angehörigen mit Frieden und Zuversicht erfüllt.

 
 
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Last updated 06.12.07