Predigten 2003


Die Geburt des Retters - Grund der großen Freude
Weihnachten im Zeitalter der Postmoderne


Predigt von Dekan Dr. Czeslaw Lukasz in der Christmette, 24. Dezember 2003
 
 
 
Für die Hirten, die auf einem Feld bei Betlehem Nachtwache hielten, beginnt das Abenteuer der Heiligen Nacht zuerst mit Erschrecken. "Sie fürchteten sich sehr" als der Engel des Herrn im Lichterstrahl zu ihnen trat. Dieser Zustand dauerte aber nicht lange und es war eine ganz normale Furcht vor dem Göttlichen, das den Menschen so nahe trat in der Dunkelheit der Nacht.
Dann kam aber die Botschaft und die Stimmung schlug radikal um: Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude: Heute ist euch der Retter geboren, er ist der Messias, der Herr.

Der einzige Herr

Der tiefste Grund dieser großen Freude war die Geburt des Retters, des Messias, des Herrn – mit diesen drei Titeln wird das Kind genannt. Hören Sie gut zu: Der Neugeborene heißt nicht: ein Retter, ein Messias, ein Herr, sondern der Retter, der Messias, der Herr. Deshalb war die Freude so groß. Die Hirten erfuhren von der Geburt nicht irgendeines, selbst deklarierten Messias, die es damals in Mengen gab. Sie erfuhren von der Geburt des einzigen, des lang ersehnten, des endgültigen Erlösers, Messias und Herrn. Nur ein solcher, der echte, der einzige Messias, kann die Freude so groß machen.

Schon in diesem Bibeltext am Anfang des Lukasevangeliums wird die einmalige Stellung Jesu verkündet. Nach seinem Tod und seiner Auferstehung wird diese seine Rolle in der urkirchlichen Verkündigung auf den Punkt gebracht, wenn es heißt: "In Jesus Christus und in keinem anderen ist das Heil zu finden. Denn es ist uns Menschen kein anderer ... gegeben, durch den wir gerettet werden sollen" (Apg 4,12). Auf der Verkündigung der Einzigkeit Christi ist die Kirche entstanden und lebt und glaubt bis heute: Nur in ihm gibt es Heil, nur er öffnet den Menschen die Tür zur Ewigkeit.

In dieser heiligen Nacht freut sich über eine Milliarde von Christen in der ganzen Welt, wenn diese Botschaft verkündet wird. Auch wenn sie nicht so überraschend auf uns kommt wie damals auf die Hirten von Betlehem - wir haben sie schon öfters gehört - möchte sie wieder eine ähnlich große Freude in uns wecken.
So einfach und unproblematisch ist diese Botschaft aber heute nicht. Auch mancher Christ fragt sich: Stimmt es, dass Jesus der einzige Retter der ganzen Menschheit ist? Wie ist es dann mit anderen Religionen, die nicht an Jesus, sondern an andere Religionsstifter glauben? Auf diese Fragen gibt man dann schnell eine einfache Antwort: was für uns Jesus ist, ist für andere Mohammed oder Buddha. Es gibt eben mehrere Religionen und sie alle seien gleich – so eine heute weit verbreitete Meinung.

Relativismus der Postmoderne

In dieser Denkweise spiegelt sich die gegenwärtige Epoche, die wir als "die Postmoderne" bezeichnen. Ihr Charakteristikum ist die Tendenz, alle möglichen Trends im Denken, in der Moral, in Familien und Gesellschaft unkritisch zu akzeptieren. Ganz unterschiedliche Weltanschauungen, Werteskalen und Lebensstile werden gelebt und ihr Miteinander toleriert. Sicher, diese Vielfalt ist Ausdruck der Freiheit des Menschen, auch seiner Glaubens- und der Gewissensfreiheit. Als solche ist die Vielfalt zu bejahen.

Kritisch zu beurteilen ist diese Vielfalt allerdings, wenn dadurch alles relativiert wird, weil die Frage nach dem Wahrheitsgehalt der unterschiedlichen Strömungen nicht gestellt wird. Es kann nicht sein, dass alles gleich, d.h. "gleichwertig" ist. Es ist nicht gleichwertig, z.B. ob einer Christ ist oder Esoteriker oder Agnostiker, gläubig oder ungläubig. Es kommt nicht darauf an, dass man glaubt, sondern darauf, was man glaubt.
Alles für Gleich und Gleichwertig zu halten bedeutet nichts Anderes als die Kapitulation, die Niederlage des menschlichen Verstandes und der menschlichen Vernunft. Unterschiedliche Strömungen und Phänomene werden nicht hinterfragt, die Frage nach ihrem Wahrheitsgehalt wird nicht gestellt und die größere Wahrheit, die alles umfasst, wird nicht mehr gesucht. Der Mensch und sein Verstand haben versagt.

Optimismus der Moderne

Nicht so hat das moderne Zeitalter begonnen. Die Aufklärung, die im 18. Jh. einsetzt und mit der die sog. Moderne beginnt, war das goldene Zeitalter für die intellektuelle Kraft des menschlichen Geistes. Man hat angefangen alles rational zu durchforschen und zu durchleuchten. Dem menschlichen Intellekt wurde zugetraut, dass er das Tiefgründige der Welt und des Lebens erforschen kann. Der Frage nach Wahrheit in der Forschung und im Leben wurde eifrig nachgegangen. Davon profitierten nicht nur Naturwissenschaften, nicht nur Anthropologie und Soziologie sondern auch die Theologie und vor allem die Bibelwissenschaft.
Etwa in der Mitte des 20. Jh. begann dann die Krise: Die Suche nach etwas mehr hinter all dem, was es gibt, wird aufgegeben. Es gibt heutzutage zwar Spitzenfachleute für einzelne Teilbereiche: z.B. Technik und Medizin werden immer perfekter - wir alle profitieren davon - aber die Frage nach dem Sinn des Ganzen wird nicht gestellt, die größere Wahrheit als die Erkenntnisse der einzelnen Forschungsbereiche wird nicht gesucht.

Unser Zeitalter, die sog. postmoderne Zeit, ist in diesem Sinne eine miserable Zeit für den menschlichen Geist, der unfähig zu sein scheint Sinnfragen zu stellen. Was bleibt dann? Eben, an alles Mögliche zu glauben, alles Mögliche zu bekennen und alles Mögliche zu tun. Traurige Folgen dieser Denkweise sind weit verbreitete Gleichgültigkeit und Beliebigkeit. Den Menschen wird zunehmend immer mehr alles egal. Willkürlich, nach eigenem Gutdünken werden Entscheidungen getroffen und beliebige Dinge für wahr gehalten.

Nicht alles ist gleichwertig

Sie spüren, dass in diesem Zeitgeist der Postmoderne vieles gegen unsere christlichen Überzeugungen verstößt. Wir Christen sind der Wahrheit verpflichtet, die in dieser heiligen Nacht aus Betlehem verkündet wird: Das Licht kam in die Finsternis der Welt, das Licht das jeden Menschen erleuchtet. Dieses Licht, Jesus Christus, ist der Weg und die Wahrheit und das Leben.
So müssen wir Christen einige Strömungen unserer Zeit skeptisch betrachten und kritisch beurteilen.

Von unserem Glauben her gesehen kann es nicht gleichwertig sein, ob einer Allah, Buddha oder den Gott der Bibel anbetet. Die Glaubensfreiheit, die Freiheit des Gewissens, bedeutet noch nicht, dass alle Religionen gleich sind im Sinne des Wahrheitsgehalts.
Von unserer christlichen Berufung her kann es nicht gleichwertig sein, ob ein Christ seinen Glauben in der Gemeinschaft der Kirche lebt, Sakramente empfängt und sich im Gottesdienst stärkt, oder ein so genanntes Kulturchristentum pflegt, das sich – gerade jetzt um Weihnachten – nur auf das christliche Brauchtum reduziert und inhaltlich weitgehend leer ist. Ähnliche Überlegungen gelten auch für die christliche Erziehung der Kinder.
Von der Nächstenliebe her kann es nicht gleichwertig sein, ob einer offene Augen für die Not der Menschen in seiner Umgebung hat, oder nur an sich und die Seinen denkt.
Von der christlichen Wertschätzung des Weltfriedens her kann es uns Christen nicht gleichwertig sein, ob Konflikte mit Aggression und Waffengewalt gelöst werden, oder ob man für Dialogbereitschaft und Gewaltverzicht eintritt. In dieser heiligen Nacht schauen wir alle nach Betlehem und in die Heimat Jesu. "Das Heilige Land braucht Brücken, keine Mauern" – sagte kürzlich der Papst.

Den Katalog der Dinge, die mit unseren christlichen Überzeugungen nicht übereinstimmen, könnten wir noch weiter fortsetzen. Sie kennen weitere Bereiche in Familie, Arbeitswelt und Gesellschaft, wo das Christliche und das Nichtchristliche aufeinander prallen. Die Postmoderne eröffnete mit der Ideologie der subjektiven Gleichwertigkeit viele Abwege, die nicht unsere Wege sind und die uns Christen nicht verführen sollten.

In dieser pluralistischen und zunehmend laizistischen Welt, wo die Beliebigkeit das Leben vieler Menschen prägt, ist von uns Christen mehr denn je ein klares, eindeutiges Profil verlangt. Wir sollten zeigen, dass es lebenswerte Alternativen zu vielen billigen Lösungen gibt. Familien, Gesellschaft, Arbeitswelt, erwarten von uns Christen – auch wenn sie dies nicht aussprechen - klare Stellungnahmen und Vorbilder, gerade in der Zeit der großen Desorientierung und der vielen Umwälzungen. Dieser Verantwortung dürfen wir Christen uns nicht entziehen. Andere haben Anspruch darauf.

Die große Freude am Herrn

Nachdem die Engel auf dem Hirtenfeld die Geburt des Messias ankündigt hatten, sagten die einen Hirten zu den anderen: Kommt, wir gehen nach Betlehem, um zu sehen, was uns verkündet wurde. Sie ermutigen sich gegenseitig und gehen dorthin, um schon im Kind dem Erlöser, dem Heiland und dem Herrn zu huldigen. Die Zeit des Wartens, die Zeit des Herumirrens, die Zeit der Unsicherheit, die Zeit der Suche nach etwas mehr im Leben, ging für die Hirten in dieser heiligen Nacht zu Ende.
Seit dieser Nacht vor über 2000 Jahren müssen auch wir nicht mehr umherirren. Lasst uns durch den Zeitgeist nicht verunsichert werden. "Euer Herz lasse sich nicht verwirren" – sagte Jesus. Der Retter, das Fundament und das Ziel unseres Lebens ist geboren: unser Weg, die Wahrheit und unser Leben. "Kommt, lasset uns anbeten!"
Die Wahrheit, die uns Christen anvertraut wurde, ist eine von Gott offenbarte Wahrheit. Sie kann durch keine Zeitströmung, durch keine Beschlüsse irgendeiner Institution verändert werden. Diese Wahrheit ist nicht verhandelbar. Sie ist zu bezeugen!

In diesem Sinne wünsche ich uns allen, dass die Botschaft der heutigen Nacht auch uns alle – wie damals die Hirten – mit großer Freude erfüllt. Amen.

 
 
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Last updated 06.12.07