Predigten 2002


Platz für das Christkind, den Boten des Friedens

 
Stern von Bethlehem
Predigt von Dekan Dr. Czeslaw Lukasz in der Christmette 2002
 
 


Sie haben den Heiligen Abend unterbrochen und sind zur Christmette gekommen. Bei Ihnen gibt es – trotz allen weihnachtlichen Wirbels – noch freien Raum, es gibt in Ihnen Platz für Christus. Wir, hier versammelt, sind wie eine leere Krippe, die das Christkind willkommen heißt.

Der Konkurrent Weihnachtsmann

Bei vielen gibt es aber an diesem Heiligen Abend keinen Platz für das Christkind. Der kommerzialisierte Weihnachtsmann, mit einem Sack voller Geschenke, hat bei ihnen den Platz des Christkindes eingenommen. Das Christkind kann nicht kommen, wenn jede Ecke des Wohnzimmers und des Herzens mit Geschenken des Weihnachtskasperls voll gestopft ist. Die Geschäftswelt hat diesen kitschigen Mann mit der Zipfelmütze in unsere überreiche Wohlstandsgesellschaft importiert und durch ihn das Christkind in der Krippe ersetzt. Oder anders: Die Weihnachtsindustrie hat ihn importiert, weil hier das Christkind nicht mehr zu Hause ist.
Die Vermarktung des Weihnachtsfestes verbaut dem Christkind den Weg in die Herzen der Menschen. Im Unterschied zum Weihnachtsmann drängt sich das Christkind nicht auf. Es kostet kein Geld: Es kommt in Armut und Entbehrung, es klopft an die Tür des Herzens und fragt leise ob es noch freien Platz gibt.
Für diesen Sohn der finanzschwachen Eltern aus Nazareth gab es schon damals in der Herberge von Betlehem keinen Platz. Maria und Josef haben weiter suchen müssen und sie haben doch Glück gehabt: Sie haben eine Grotte gefunden, die leer war und das war ihr Vorteil: Dort konnte Christus in die Welt kommen.
Nur dort, wo nicht alles voll gestopft ist, nur dort, wo es ein bisschen freien Raum gibt, nur dort kann er kommen. Menschen bauen heute viele Wege, gute Wege, aber sie verbauen auch oft Zugänge für Gott und seinen Sohn: durch ihre Besessenheit von irdischen Gütern, durch Selbstbezogenheit und Selbstherrlichkeit, durch Hass und Gewalt.

Trauriges Betlehem heute

An diesem Heiligen Abend denke ich mit vielen Christen besonders an die Stadt Betlehem, wo Gottes Sohn zum ersten Mal in die Welt gekommen ist. Dort bei seiner Geburt verkündeten die Engel: "Verherrlicht sei Gott in der Höhe und auf Erden Friede den Menschen seiner Gnade" (Lk 2,14). Betlehem ist an diesem Weihnachtsfest alles andere als eine Stadt des Friedens. Sie ist besetzt von Israelis. Ausgangssperren wurden verhängt und Zugang zur Geburtsbasilika verweigert – Sie kennen die Fernsehbilder der letzten Tage. Die Hälfte von 30.000 arabischen Einwohnern der Stadt sind Christen. Das sind unsere Schwestern und Brüder im Glauben, die ihre Kirche an diesem hohen Fest nicht aufsuchen dürfen.
Die Geburtsbasilika, die sich an Weihnachten immer mit Christen aus Palästina und Israel und mit vielen Pilgern aus der ganzen Welt füllte, ist heute ein trauriger Ort, Protest gegen Gewalt. Viele von uns haben die 40-tägige Belagerung der Geburtskirche im Frühjahr dieses Jahres noch in Erinnerung.

Solidarität mit den Christen

Den Einwohnern von Betlehem, zur Hälfte Christen und zur Hälfte Muslime, geht es sehr schlecht. 80% sind arbeitslos, Familien und Kinder leiden zunehmend an Hunger. Eingekesselt in der Stadt, ohne Möglichkeit nach dem nur 6 km entfernen Jerusalem zu reisen, wo es mehr Arbeit gibt. Nur vor dem Fernseher zu sitzen und vergeblich auf bessere Nachrichten zu warten macht Menschen seelisch krank. Hilflos stehen sie dem Vandalismus schwer bewaffneter israelischer Soldaten gegenüber, die Häuser sprengen, Geschäfte zerstören, auf Menschen schießen und sie mit immer neuen Maßnamen demütigen. Ausweglosigkeit und Hoffnungslosigkeit führen Menschen an die Verzweiflungsgrenze, die dann unter anderem zu den Selbstmordattentaten führt. Palästinenser sind keine geborenen Terroristen.
Christliche Gemeinschaften drohen mangels Pilger unterzugehen. Die Priester, Ordensfrauen und -männer, die einst Tausende Pilger für das Heilige Land begeistert haben, werden zu Bettelmönchen.
Die Situation in Betlehem ist ein dramatisches Beispiel, wie dem Christkind, dem Boten des Friedens und der Gerechtigkeit, der Eingang in die Menschenwelt verbaut wird. An seinem Geburtstag darf es nicht, mit Tausenden die an ihn glauben, in seine Geburtskirche! Ich muss hier an den Evangeliumssatz denken: "Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf" (Joh 1,11).

Wir kennen die komplexe Situation im Heiligen Land. Wir Christen dürfen in dieser heiligen Nacht aber nicht wegschauen, wie die Welt. Wir Christen müssen die Missstände beim Namen nennen und unsere Verbundenheit und Solidarität mit den Mitchristen in Palästina zum Ausdruck bringen. Es tut weh, zu sehen, wie die Friedensbotschaft von Bethlehem zertrampelt wird. Es tut weh, zu sehen, wie die Chance zum Frieden, die es noch vor zwei Jahren gab, brutal niedergeschlagen wurde.
Ich denke immer an die Pilgerreise unserer Pfarrei ins Heilige Land im März 2000. Zur gleichen Zeit war auch der Papst im Heiligen Land. Ihm ist es gelungen die Israelis und die Palästinenser gleichermaßen zum Frieden zu motivieren. Wir haben gedacht: Endlich kommt Ruhe in dieses Land. Und dann ein paar Monate danach, eine Provokation, der Besuch eines israelischen Politikers auf dem Tempelberg, und der Friedensprozess war dahin. Über zweitausend Menschen wurden in zwei Jahren der Intifada in blutigen Auseinandersetzungen getötet, Tausende körperlich verletzt und Hunderttausende seelisch ruiniert. So leichtsinnig wurde der Frieden verspielt.

Die Botschaft von Betlehem

Und all das in dem Land, aus dem in der Geburtsnacht Christi die Botschaft des Friedens und der Gerechtigkeit für alle Menschen ausging. Jesus ist geboren um die Versöhnung zu stiften, die Unterdrückten zu befreien, den verkrampften Stolz zu lösen, die Verletzungen zu heilen, Gebeugte aufzurichten.
Dieses Angebot gilt für Betlehem, für das Heilige Land und auch für unsere Wohlstandsgesellschaft, die zwar im Kerzenschein der Christbäume in dieser heiligen Nacht ihre Brüche überdeckt, die aber weit entfernt ist von dem, was Christus erfreuen würde. Er hat uns doch deutlich gesagt, wie die Welt besser werden kann und den Weg dorthin gezeigt.
Wir müssen nur für ihn und für seine Botschaft in uns und unter uns Platz machen, uns nur auf ihn verlassen. Und auf ihn ist Verlass! Wir müssen darauf vertrauen, dass in ihm Gott zu uns kommt, um die Welt und die Menschen von bösen Neigungen und Hass zu erlösen, sie mit Gedanken des Friedens zu erfüllen und zu Taten der Liebe zu bewegen.
In Betlehem ist nicht nur ein Kind geboren. Wir haben hier nicht nur mit einem Menschen zu tun. Gottes Sohn kam in die Welt! Er ist in unsere Welt gekommen, er ist wie wir geworden. Aber seine Heimat und seine Herkunft ist eine andere Welt, die Welt Gottes. Er ist einer von uns geworden, Mensch wie wir, damit wir ihn verstehen. Aber darum ist er nicht unser Kumpel. Könnte jemand von uns die Welt erlösen, sie aus Unfrieden, aus Ungerechtigkeit und aus Schuld befreien? Darum ist Christus unser Heil, unser Heiland geworden. Er bringt Gott zu uns. Es lässt den Geist Gottes unter uns wirken.

Christus willkommen heißen

Sehen Sie jetzt, warum wir für ihn in uns unbedingt Platz frei halten sollten. Der Weihnachtsmann kann zwar den Christbaum schmücken, leckeres Essen und ausgefallene Geschenke besorgen. Mehr kann er aber nicht. Den gibt es nur dort, wo es Geld gibt, er geht nur dorthin, wo sowieso Überfluss herrscht. Arme Menschen interessieren ihn nicht, die Bedrängten beachtet er nicht. Nach der dunklen und kalten Grotte, wo Jesus zur Welt kam, würde er auch nicht fragen.
Nicht eine Schar von Weihnachtsmännern, sondern eine Schar von armen Hirten fand als Erste den Weg zur Geburtsgrotte, die Hirten, die von den Menschen in der Stadt nicht gern gesehen wurden. Reichtümer haben sie in der Grotte nicht gefunden, aber sie waren beglückt dem zu begegnen, der Freiheit den Gefangenen, Achtung den Armen, Heil den Kranken, Gerechtigkeit und Frieden den Unterdrückten brachte.
Das Christkind hat eine Botschaft, die antreibt, für eine bessere Welt zu arbeiten, die unser Herz mit Liebe für die Mitmenschen erfüllt. Nicht so der Weihnachtsmann: Auf Dauer macht er nur dick und krank.
Ich frage mich, ob Weihnachten dort richtig gefeiert wird, wo es zwar viele Geschenke gibt, aber wenig Verständnis für einander, wo zwar für einen Tag Harmonie angestrebt wird, aber man für das Weihnachtsgeheimnis verschlossen bleibt.

Ich wünsche uns allen, dass es uns gelingt, in diesen weihnachtlichen Tagen einen freien Raum für das Christkind in unseren Häusern und Familien und vor allem in unseren Herzen zu schaffen. Ein leerer Platz hat in diesem Fall einen unglaublichen Vorteil: Er macht es möglich, dass das Christkind kommt. Möge es kommen und unsere Finsternis mit Licht erhellen, unser Misstrauen in Glaube verwandeln und unser Herz mit Frieden und Liebe erfüllen.

 
 
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Last updated 06.12.07