Predigten 2001



Gottes historische Tat und des Christen konkretes Engagement

 

Predigt von Dekan Lukasz zur Christmette, 24. Dezember 2001

 

"Heute ist euch in Betlehem der Retter geboren; er ist der Messias, der Herr" - das ist die frohe Botschaft dieser einmaligen, stimmungsvollen heiligen Nacht. Aus den Evangelien und aus unseren Weihnachtskrippen sind uns die Umstände der Geburt Christi sehr vertraut. Sie sagen uns eines: Der ewige, allmächtige Gott bleibt kein ferner Gott, sondern rückt in Jesus den Menschen auf den Leib. Durch die Geburt Jesu wird Gott in Betlehem sichtbar, berührbar, er wird Mensch, er wird sehr konkret.

Das historische Ereignis

Wissen Sie, dass man die Christen in der Antike aus diesem Grund für "Atheisten" gehalten hat? Das mag uns heute verwundern, aber dies erklärt sich aus der Tatsache, dass das Christentum die Überzeugung aufgesprengt hat, man könne vom Göttlichen nur in Zeichen und Bildern sprechen. Weil in Betlehem Gott Mensch geworden ist, brauchen Christen keine Zeichen und Bilder von Gott mehr. Sie sind nicht mehr notwendig, weil Jesus das wahre und das einzige Bild Gottes ist.
Der christliche Glaube hat etwas Konkretes an sich. Er begnügt sich nicht mit Mutmaßungen über Gott, er ist kein System von religiösen Aussagen und keine Lehre über Gott. Unser Glaube beruht auch nicht auf Vermutungen, auf Dichtung und Mythen. Unser Glaube beruht auf den historischen Fakten. In der Mitte unseres Glaubens steht ein historisches Ereignis: die Geburt, das Leben und Wirken, der Tod und die Auferstehung Christi. Unser Glaube beruht auf einer Person in Zeit und Geschichte, auf Jesus von Nazareth, der vermutlich im Jahr 6 vor Chr. geboren und im Jahr 30 oder 33 am Kreuz gestorben ist. In diesem Jesus – so die christliche Überzeugung – hat sich Gott den Menschen erschlossen, etwas salopp formuliert: Er hat sich in Jesus "geoutet". Diese Koppelung des Gottesbildes an Jesus von Nazareth ist das eigentliche Ärgernis des Christentums für die damalige Zeit, aber wohl auch heute.

Eine Glaubenszumutung

Gott als Mensch – unvorstellbar, Gottes Sohn in Betlehen geboren – unerhört, an ihn sollen wir als den einzigen Mittler zwischen Gott und Mensch glauben – unzumutbar!
Die Bibel lässt keinen Zweifel daran: In Jesus Christus geschieht die endgültige Gotteserschließung und den Menschen wird nur in Jesus der Gotteszugang gewährt. Im Johannesevangelium spricht Jesus dieses Wort: "Ich bin die Tür" (Joh 10,9). Das ist im Sinne der Durchgangsmöglichkeit von zwei Seiten her zu verstehen: Jesus ist die Tür Gottes zu den Menschen und Jesus ist die Tür der Menschen zu Gott.
In dieser Verortung Gottes in einer konkreten Menschenbiographie unterscheidet sich das Christentum von allen anderen Religionen. Das ist das Eigentliche am Christentum, das ist sein Profil. Gott ist nicht Natur, er ist keine Weltseele oder sonst eine Aufgipfelung menschlicher Denkmöglichkeiten. Gott ist in einem uns unbegreiflichen Maße, in einem analogen Sinn, wie die Theologen sagen, Person, die sich in Jesus den Menschen auf menschliche Weise zuwendet. Das ist die eigentliche Glaubenszumutung des Christentums (J. Wanke).
Um diese Glaubenszumutung zu feiern, sind wir in dieser Heiligen Nacht in diesem Gotteshaus versammelt. Hier wird die eindrucksvolle weihnachtliche Liturgie gefeiert, hier wird an uns und an alle Menschen diese skandalöse Konkretheit Gottes in Jesus Christus verkündet, diese "atheistische" Nähe Gottes zu den Menschen durch die Geburt des Gottessohnes in Betlehem.
Das Fest der Geburt Christi ist deshalb kein leichtes, auf keinen Fall ein kindliches oder niedliches Fest. Was wir heute Nacht feiern ist eine Herausforderung an unseren Verstand, an unsere Vernunft: Wir sind aufgerufen, an Gott zu glauben, der Mensch geworden ist. Ohne den Glauben an diese Konkretisierung Gottes in Christus wird man sich nicht Christ nennen können. Wer sagt: Jesus war nur ein außerordentlicher Mensch, ein Prophet, ein Lehrer, ein Mensch voll Güte und Liebe, ein unerreichbares Vorbild, der übersieht die Menschwerdung Gottes in Jesus, entschärft die Radikalität seiner Person und verliert den Wirklichkeitsbezug.

Der Bastelglaube

So werden heute in dieser Hinsicht oft Abstriche im Glauben gemacht. Manche leben einen Glauben, dessen Inhalte sie selbst bestimmen. Dieser Glaube wird "patchwork" oder "Bastelglaube" genannt. Der "Bastelglaube" besteht darin, dass man sich selbst sein Gottesbild zusammensetzt. Man nimmt wohl einige Elemente vom Christentum, einige von Humanismus und Philosophie, einige von der Moral, dazu vielleicht ein bisschen Esoterik, vielleicht auch etwas aus den fernöstlichen Religionen, und so entsteht ein privates, ganz persönliches Gottesbild und eine Religiosität, zugeschnitten auf das eigene Maß. Bewusst oder unbewusst ausgewählt wird das, was einem gefällt, was man auch leicht versteht. Glaubensinhalte werden an die eigenen Bedürfnisse angepasst. Es wird aber dadurch das Eigentliche im Christentum nicht ersichtlich und die Radikalität des christlichen Anspruchs entschärft.
Eine extreme Form des Bastelglaubens ist die so genannte Naturreligion: eine sehr vage Ahnung von Gott, als ein höheres Wesen, als eine höhere Kraft, die alles zusammenhält. Das Christentum ist keine Naturreligion, keine selbst gemachte, sondern eine geoffenbarte, eine gestiftete Religion. Wir Christen haben nicht eine Ahnung von einem höheren Wesen, sondern ein ganz präzises Wissen darüber, eben, weil dieses höhere Wesen sich in Jesus geoffenbart hat und durch ihn zu den Menschen gesprochen hat.
Wir Christen brauchen also unseren Glauben nicht selbst zu basteln. Wir brauchen nicht Gott weiter in den Sternen zu suchen. Nachdem die Weisen aus dem Osten dem einen Stern gefolgt sind und in Betlehem den Messias aufgefunden haben, brauchen wir den unbekannten Sternen nicht mehr zu folgen, sondern uns dem Kind, über dem der Stern stehen blieb, nur anzuvertrauen. Seitdem wissen wir, wer "der Weg, die Wahrheit und das Leben" ist.

Eine weltverändernde Kraft. Vergleich: Jesus – Buddha

Aus der Verwurzelung Christi in der konkreten Menschheitsgeschichte leitet sich auch ein besonderer Bezug der Christen zur umgebenden Wirklichkeit ab. Was Jesus damals eingeleitet hat, um die Welt zu verändern, sie menschlicher und lebbarer zu machen, das sollten die Christen durch ihren konkreten Einsatz auch heute fortsetzen. Das Christentum ist keine Flucht vor der Welt, kein "Opium für das Volk", sondern eine Kraft, die die Welt verändern möchte.
Um diesen "revolutionären" Anspruch des Christentums und das Aktive am Christentum hervorzuheben, erlauben Sie mir einen kurzen Vergleich mit einer der großen Weltreligionen, mit dem Buddhismus und zwar anhand der beiden Religionsstifter, Buddha und Jesus. Ich verberge nicht, dass dieser Vergleich, den ich Hans Küng verdanke, mich sehr fasziniert.
Von dem 18-jährigen Buddha, der aus adeligem Geschlecht stammte, wird erzählt, dass er eines Tages einen Spaziergang außerhalb des Schlosses durch einen Park machte. Bis zu diesem Moment kannte er nur Reichtum und wurde von allen unangenehmen Dingen fern gehalten. Während dieses Spaziergangs gehen ihm die Augen auf, er sieht die harte Wirklichkeit. Er begegnet einem kranken, einem alten, einem hungernden und einem sterbenden Menschen. Er ist entsetzt, dass es in der Welt so viel Leid und Unglück gibt. Erschüttert durch das Ausmaß des Leids, verlässt er das Schloss und seine schwangere Frau und flieht in die Wüste, in die Einsamkeit. Dort sucht er nach dem seelischen Gleichgewicht. In der Kontemplation möchte er sich innerlich von dem Gedanken an die Leiden des Diesseits befreien. In der Entzückung des Nirwana möchte er zur Erleuchtung gelangen.
Jesus Christus ist auch vielen leidenden Menschen begegnet. Und was tut er? Er zieht sich nicht zurück, um von menschlichen Tragödien Abstand zu nehmen, sondern geht auf diese Menschen zu, um ihr Leid und ihre Sorgen zu teilen. Er begegnet auch kranken, hungernden, sterbenden Menschen. Er aber heilt Kranke, speist die Hungernden, weckt Tote auf.
Und noch ein Vergleich: Buddha stirbt im Alter von 80 Jahren an den Folgen einer Speisevergiftung, Jesus stirbt als junger Mann am Kreuz; er gibt sein Leben hin für andere.

Das konkrete Christsein

Das ist es, was ich mit der Konkretheit des christlichen Glaubens meine, was ich geschichtliches Engagement der Christen nenne: nicht der Rückzug aus der Welt, sondern die Hinwendung zur Wirklichkeit, zu den Menschen um uns, zur Welt, die uns umgibt. Weil Gott durch Jesus so konkret in die Menschheitsgeschichte eingegriffen hat, soll auch unser Glaube ganz konkret gelebt werden. Der Christ ist kein Träumer, kein weltfremder, sondern ein wirklichkeitsnaher Mensch. Der Glaube muss in unserem Alltag ganz konkrete sichtbare Formen annehmen, damit das, was Jesus in Gang gesetzt hat, auch heute fortgesetzt wird.
Jeder von Ihnen weiß, wo er diese Konkretheit am besten zum Ausdruck bringen kann. Diese Konkretheit kann bedeuten, dass ich mich als Christ nicht in die Anonymität der Großstadt zurückziehe, sondern mich als Christ erkennen lasse, dass ich als Christ Farbe bekenne, in meiner Familie, unter den Verwandten, unter den Arbeitskollegen. Konkrete Worte sind gefragt, die bezeugen, dass mir der Glaube und die Kirche wichtig sind. Konkrete Taten sind gefragt, die dem Glauben eine sichtbare Dimension verleihen. Nicht nur an Weihnachten sind solche Taten gefragt, wie Liebe, Aufmerksamkeit, Zeit für alte, kranke, einsame, unglückliche, gestresste Menschen, die es vielleicht gleich in unserer Nachbarschaft gibt ...
Ich wünsche Ihnen und ich wünsche es mir, dass wir an diesem Weihnachtsfest die Liebe Gottes, die damals in Betlehem – unfassbar - eine sichtbare und menschliche Form angenommen hat, ganz konkret spüren und erfahren. Ich wünsche uns allen, dass wir dadurch Christen werden, deren Glaube und deren Nächstenliebe auch konkrete und sichtbare Formen annimmt.
Ich wünsche uns allen, dass wir die Zeit und die Welt, in der wir leben, im Sinne Christi gestalten, prägen und bewegen, dass wir in ihr unsere Spuren hinterlassen, so wie die Geburt und das Leben Christi die Welt geprägt und verändert hat.

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Last updated 06.12.07