Predigten 2006


Mit Glaube und Vernunft in die Berge
In Anlehnung an die Regensburger Gastvorlesung von Benedikt XVI.
 

Predigt in der Bergmesse auf der Kampenwand von Pfarrer Dr. Czeslaw Lukasz, am 24. September 2006

 
 
 
Ehrfurcht vor der Schöpfung

Viele von uns, wenn wir im Gebirge unterwegs sind und diese wunderschöne Landschaft bestaunen, denken an Gott und danken ihm dafür, dass er die Welt so wunderbar gemacht hat. Mir persönlich kommen jedes Mal die Worte des Psalms 8 in Erinnerung, in dem es heißt:

Herr, unser Herrscher,
wie gewaltig ist dein Name auf der ganzen Erde;
über den Himmel breitest du deine Hoheit aus.
Seh ich den Himmel, das Werk deiner Finger,
Mond und Sterne, die du befestigt:
Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst,
des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?
Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott,
hast ihn mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt.
Herr, unser Herrscher,
wie gewaltig ist dein Name auf der ganzen Erde!

Hinter dieser einmaligen Schönheit der Natur sieht der Glaube Gott, den Schöpfer, der für sein wunderbares Werk gelobt wird. Wer dies spürt ist mit Halleluja im Herzen und auf den Lippen in den Bergen.

Verengung der Vernunft

Sie können sich aber einen Menschen vorstellen, der im Gebirge wandert und nur Gipfel, Felsen, Wald und Pfade erkennt. Er sieht, er bewundert all das, aber er denkt nicht daran, dass all dies etwas mehr ist als man sieht und dass es mit Gott zu tun hat. Er fragt nicht weiter nach dem Grund von all dem. Wenn schon, dann lautet die Antwort: all dies ist die Folge des Urknalls, der Eiszeit und der Evolution - eine naturwissenschaftliche Antwort.
Diese Art des Denkens nennt der Papst in der berühmten Gastvorlesung an der Regensburger Universität: "Beschränkung und Verengung der Vernunft". Sie findet dort statt, wo man nur den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen glaubt und nicht weiter fragt, "warum es so ist".

Das ist heute ein großes Problem in der westlichen Welt: Menschen besitzen Vernunft, erforschen und produzieren tolle Dinge, aber fragen nicht weiter. Die Vernunft bleibt auf der Strecke, sie haftet an dem, was unmittelbar erfahrbar und erforschbar ist ohne weiter zu suchen, nach dem Grund aller Dinge.
Solch ein Mensch wird Gott für die schönen Berge nicht loben. Solche Menschen sind allerdings nichts Neues. Die Bibel kennt sie auch.

Wie groß sind deine Werke, o Herr,
wie tief deine Gedanken!
Ein Mensch ohne Einsicht erkennt das nicht,
ein Tor kann es nicht verstehen.
(Ps 92,6-7)

Ein anderer Psalm ist nicht weniger aktuell:

Der Herr blickt vom Himmel herab auf die Menschen,
ob noch ein Verständiger da ist, der Gott sucht.
(Ps 14,1)

Glaube und Vernunft in Einklang zu bringen

Wenn der Papst sagt: man sollte Glauben und Vernunft in Einklang bringen, dann meint er eine Einladung an die westliche Welt, Gott auch mit menschlicher Vernunft zu suchen, Mut zu haben mit unserem Erfassungsvermögen, mit unseren geistigen Kräften auch die Fragen nach Woher und Wohin dieser Welt, nach Woher und Wohin des Menschen zu stellen.

Die Aufklärungsprozesse in Europa und ein verbreiteter Laizismus sind schuld daran, dass viele blind geworden sind. Sie schauen zwar hin, aber sehen nichts. Es ist eine geistige Blindheit und Schwerhörigkeit Gott gegenüber.

Dazu kann man aus der Bibel viele Stellen zitieren. Es ist ein häufiges Thema in der Weisheitsliteratur des AT. Töricht waren von Natur alle Menschen, denen die Gotteserkenntnis fehlte. Sie hatten die Welt in ihrer Vollkommenheit vor Augen, ohne den wahrhaft Seienden erkennen zu können. Beim Anblick der Werke erkannten sie den Meister nicht. (Weish 13,1).

Gott lässt sich aber in seiner Schöpfung finden:

Er (Gott) zeigte ihnen die Größe seiner Werke,
um die Furcht vor ihm in ihr Herz zu pflanzen.
Sie sollten für immer seine Wunder rühmen.
(Sir 17,8-9)

Auch Paulus ist davon zutiefst überzeugt, dass Gott auch mit Vernunft zu finden ist. Denn was man von Gott erkennen kann, ist ihnen [Menschen] offenbar; Gott hat es ihnen offenbart. Seit Erschaffung der Welt wird seine unsichtbare Wirklichkeit an den Werken der Schöpfung mit der Vernunft wahrgenommen, seine ewige Macht und Gottheit. (Röm 1,20)
Wir bekennen heute, in dieser wunderschönen Szenerie: Gott wie wunderbar sind deine Werke. Wie groß bist du in deiner Schöpfung. Was ist angesichts deiner Schöpfung der Mensch, dass du an ihn denkst und dich seiner annimmst. Die Natur wird als fünftes Evangelium bezeichnet, als ein Buch, das die Größe Gottes kündet.

Mut zur Weite der Vernunft

Möge Gott uns offene Augen und ein offenes Herz schenken, die uns helfen, immer mehr auf seine Spur in der Schöpfung zu kommen.

Beten wir für alle, die mit ihrer Erkenntnis zu kurz kommen – wie der Papst gesagt hat: um "Mut zur Weite der Vernunft.", die Gott nicht ausklammert, sondern ihn sucht. "Eine Vernunft – so der Heilige Vater in Regensburg - die dem Göttlichen gegenüber taub ist und Religion in den Bereich der Subkulturen abdrängt, ist unfähig zum Dialog der Kulturen". Deshalb sein Appell zum "Mut zur Weite der Vernunft, nicht Absage an ihre Größe" .

Gott hat uns Menschen Verstand und Vernunft gegeben, damit wir ihn auch mit unserem Intellekt suchen. Das erste Gebot ist: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all deinen Gedanken." (Lk 10,27; Dtn 6,5). Amen.

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Last updated 06.12.07