Predigten 2004

Dramatische Lage der Christen im Nahen Osten


Predigt von Dekan Dr. Czeslaw Lukasz am Weltmissionssonntag, 24.10.2004

 
 
 
Sie fühlen keine wirkliche Unterstützung

Zwei Dinge aus der PowerPoint-Information über die Lage der Christen im Nahen Osten, mit der wir den Gottesdienst begonnen haben, haben mich sehr nachdenklich gemacht. Erstens: die Worte des lateinischen Patriarchen von Jerusalem Michel Sabbah: "Unsere Christen sind entrüstet, denn sie fühlen keine wirkliche Unterstützung; sie glauben, dass die christliche Welt und die christlichen politischen Kräfte nicht mehr existieren." (Fribourg/Schweiz am 15.11.2002). Bischof Sabbah sprach vor allem im Namen der Christen im Heiligen Land, die angesichts der Gewalt zwischen Israel und Palästina ohnmächtig sind. Ähnlich dramatisch geht es den Christen im Irak: Bombenattentate auf die Kirchen und christliche Einrichtungen, ständige Bedrohung durch den Terror als Folge des Irakkrieges.
Zweitens: der dramatische Rückgang der Zahl der Christen in den Ländern des Nahen Ostens. Nach dem Ersten Weltkrieg stellten die Christen noch 25-30 Prozent der Bevölkerung, heute etwa drei Prozent. Allein in den vergangenen fünf Jahren sind mehr als zwei Millionen Christen aus dem Nahen Osten geflohen. Dramatisch klingt der Satz: "Christen stehen vor den Trümmern der eigenen Existenz."

Was können wir tun?

Was können wir tun, um unseren Schwestern und Brüdern das Gefühl zu vermitteln: wir haben sie nicht vergessen, wir möchten ihnen helfen.
Die Situation ist viel zu kompliziert als dass sie sich nur mit Spenden verbessern ließe. Hier ist die Weltöffentlichkeit und die große Politik gefordert. Umfassende Friedenslösungen im Heiligen Land wären der erste Schritt zu einer politischen Neuordnung in der ganzen Gegend. Deshalb ist es wichtig, dass wir für den Frieden im Heiligen Land, im Irak, im ganzen Nahen Osten beten, auch für die Staatschefs, die für den Krieg Verantwortung tragen und für den Frieden verantwortlich sind.
Unsere Solidarität können wir dadurch zum Ausdruck bringen, dass wir uns zuerst über die Lage der Christen im Nahen Osten informieren, wie wir alle an diesem Sonntag es tun.

Die Herausforderungen

Damit das nicht so allgemein und unpersönlich bleibt, möchte ich auf die Situation der Christen in Aleppo, in Nordsyrien, hinweisen. Ich fühle mich diesen Christen besonders verbunden, da ich den dortigen Bischof, Antoine Audo, gut kenne – wir haben zusammen in Rom studiert. Auf unserer Pfarrreise nach Syrien im Jahr 2002 haben wir ihn besucht. Beeindruckt waren wir alle von seinen Erzählungen über das Leben der Christen in der moslemischen Umgebung.
Zur Zeit ist er in Deutschland. Er bedauert, dass er zu uns nach Ottobrunn nicht kommen kann: er ist von Missio eingeladen und von ihr ganz verplant. Er lässt Sie alle grüßen und bedankt sich für die Aufmerksamkeit und die Spenden.
Ich habe von ihm auch die Erlaubnis, seine Ansprache, die er am vergangenen Sonntag in St. Michael in München gehalten hat, zusammen zu fassen.
In vier Punkten hat er die Situation und die Aufgaben der Christen in Syrien geschildert.

1. Auf Grund des Irakkrieges ist momentan die Solidarität mit den Christen im Irak und die Aufnahme von denen, die aus dem Irak fliehen, für die Christen in Syrien eine besondere Herausforderung. Über die Grenze kommen sie in Tausenden nach Syrien, ohne Mittel, ohne alles. Syrische Christen versuchen sie zu empfangen, ihnen praktische Hilfe zu geben, sie auch geistig zu stärken, dass sie die Hoffnung nicht aufgeben.

2. Wenn es um das Leben der Christen in Syrien geht, dann ist die Vertiefung des Glaubens der Christen und die theologische Bildung die dringendste Aufgabe. Die meisten bekommen den Glauben in den Familien überliefert: von Generation auf Generation. Dieser Glaube ist oft traditionell, durch die Absetzung vom Islam definiert. Bischof Audo meint: um als Minderheit bestehen zu können, müssen die Christen sich ihres Glaubens bewusster werden. Deshalb werden in den Pfarreien Glaubenskurse angeboten, um über den Glauben mehr zu erfahren, ihn zu personalisieren, ihn verantwortungsbewusster zu leben.

3. Dringend notwendig ist Bewusstseinsbildung und Verbesserung der Stellung der Frau. Die Frau im Islam ist dem Mann ganz unterworfen und definiert sich durch den Mann. Das widerspricht dem Bild und der Stellung der Frau im Christentum. Der Bischof und die Kirchen dort sehen es als ihre Aufgabe an, den christlichen Frauen zu mehr Selbstbewusstsein zu verhelfen, ihnen das Gefühl der Freiheit und der Gleichheit mit dem Mann zu vermitteln, dass sie genauso wie der Mann Verantwortung für die Familie und für die Erziehung tragen, dass sie sich auch weiterbilden und in der Öffentlichkeit auftreten dürfen.

4. Bedingung des Überlebens der Christen ist qualifizierte Menschen zu werden in zweierlei Hinsicht: fachlich und moralisch. Sie sollen gut ausgebildete Fachleute sein, die von Muslimen geschätzt werden. Deshalb soll es den Christen möglich sein, in guten Schulen und an guten Universitäten sich für das Berufsleben vorzubereiten. Sie sollen moderne Wissenschaft kennen lernen und den technischen Fortschritt schätzen. So wie das qualifizierte Wissen sind für das Überleben der Christen auch höhere moralische Maßstäbe und die Integrität im Glauben von wesentlicher Bedeutung. In diesen Ländern, wo Korruption alles zu regieren scheint, sollen die Christen dazu ermutigt werden, das Zeugnis des Evangeliums abzulegen, der Bevölkerung zu zeigen, dass Ehrlichkeit und Gerechtigkeit an erster Stelle stehen sollten.

Christen im Nahen Osten sind wenige, leider: immer weniger. Als kleine Gemeinden im Ozean des Islams tun sie sich schwer ihre Identität zu leben. Sie geben aber ihren Glauben und das Zeugnis des christlichen Lebens nicht auf. Sie sind unsere Schwestern und Brüder. Ihnen gilt unsere Bewunderung, unsere Solidarität, unser Gebet.

 
 
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Last updated 06.12.07