Predigten 2002

 

Predigt aus Anlass des Gottesdienstes zum Dank für die Heidenau erwiesene Hilfe bei der Flutkatastrophe im August 2002
 
Von Pfarrer Dr. Michael Kleiner, St. Georg Heidenau, in der Pfarrkirche St. Otto Ottobrunn, Mittwoch, 23.10.2002
 
Lesung: Eph 3,2-12
Zwischengesang: 209/2 Psalm nach Lektionar Mittwoch, 29. Woche im Jahreskreis Jahr II
Evangelium: Lk 12,39-48

 
 

1. Liebe Schwestern – liebe Brüder!

Im Tal der Müglitz ruht ein Schatz. Vor Jahrmillionen wurde er dort angelegt im Osterzgebirge. Es geschah, als die Gesteinsformationen aushärteten. Spätestens jetzt ahnt ihr schon, dass es sich um keinen Schatz in einer Truhe handelt und dass keiner ihn vergrub. Nahe beim Ort Schlottwitz bildeten sich aus den Mineralien des Osterzgebirges die Halbedelsteine Amethyst, Jaspis und Achat. Dort treten die Gesteinsgänge zu Tage und das Wasser der Müglitz fließt über sie hinweg. An normalen Tagen spielt das Wasser einfach nur um sie, um Amethyst und Achat. Von Zeit zu Zeit wird das Wasser wild als böse Flut. Mit zerstörerischer Kraft reißt sie die Erde und sogar auch Felsen auf. Dann spült die Müglitz mit allem anderen, das sie fortreißt, auch die Edelsteine fort und trägt sie das Tal hinab. Dann kann es sein, dass einer, der dort suchen geht, nach einer Flut die edlen Steine findet. Je mächtiger die Flut, desto größer sind die Teile aus dem Schatz der Erde. So weit von der Müglitz und vom Schatz, der dort in der Erde ruht.

2. Ich bin heute bei euch, Schwestern und Brüder, von einem anderen Schatz zu reden, der meist verborgen ist.

Von Zeit zu Zeit wird er frei gelegt durch den Eingriff von Gewalt und Zerstörung. Zerstörerische Kraft trägt ihn uns zu in leuchtenden, strahlenden Teilen. Jetzt können wir sie, wenn wir sie erkennen, aufheben und in unser Lebens-Wohnfeld tragen. Dort können sie vor uns liegen. Jedes Mal, wenn unser Blick auf sie fällt, können uns die strahlend leuchtenden Teile neu die Geschichte erzählen von dem Schatz, der verborgen in der Tiefe der Menschen ruht. Deshalb komme ich, wenn sich der Bogen dieser meiner Predigt schließt, noch einmal auf Achat, Jaspis und Amethyst zu sprechen.

A   Zerstörerische Kraft ballte sich am Montag, dem 12. August dieses Jahres über dem Osterzgebirge zusammen, als Niederschläge fallen von 80 bis 120 Liter pro Quadratmeter. Kein Boden ist mehr in der Lage, die Wasser aufzunehmen. Friedlich murmelnde Bäche schwellen an zu gischtenden Wildwassern. Der Prießnitzdamm bricht oberhalb von Glashütte und entlässt eine wilde Woge das Tal hinab. Die vereinigt sich mit vielen anderen tobenden Wassern. Das Müglitztal hinab rast eine Wasserwalze. Nach Glashütte zermalmt die Müglitz alles, was sich ihr in den Weg stellt. So auch in den Orten Schlottwitz, Mühlbach, Weesenstein und Dohna. Ohne Vorwarnung, weil dieser Fall bisher nicht denkbar war, überrascht die Flut die Menschen. Weil die Müglitz durch Heidenau in die Elbe mündet, und eine Brücke ihr standhaft den Durchlass verweigert, verlässt sie ihr Bett und sucht einen neuen Weg durch die Straßen von Heidenau zur Elbe. Gegen 18.00 Uhr beginnt sie durch die Straßen zu schießen. Wie Spielzeuge hat sie schon von oberhalb Autos und große Container fort getragen. Von den Häusern, die sie zum Einsturz brachte, nimmt sie die Balken mit, die jetzt wie Rammböcke das Zerstörungswerk flussab verschärfen. Metertief werden Straßen aufgerissen. Bahndämme werden abgetragen, dass Gleise wie im Traum verbogen und verdreht in der Luft hängen.

B   Alles trägt die Müglitz fort, auch die Steine bei Schlottwitz, größere und mehr als je zuvor.
Am Dienstag kommt der Anstieg zum Stillstand und allmählich beginnt der Pegel zu fallen. Alles sonst Selbstverständliche ist ausgefallen: Strom, Gas und Wasser. Kein Telefon, kein Licht, kein Fernsehbild. Der eine weiß nicht vom andern. Für viele half nur noch die Evakuierung aus der Luft. Sie kennen diese Bilder.
Die Menschen, die nicht wussten, wie ihnen geschah, die, die in ihren Häusern bleiben konnten, als plötzlich, wie aus dem Nichts, die Wasser in ihre Häuser drangen, regen sich jetzt zum Widerstand. Es geht an die Beseitigung, zuerst das Wasser. Ist es beseitigt, dann zeigt sich, was die Fluten unbesehen mitgebracht und hinterlassen haben: der Schlamm. Im ganzen Müglitztal beginnt der Kampf der Beseitigung. Ungeahnte Kräfte brechen auf.

C   So wird es Donnerstag, der 15. August, Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel. Sanft zwar, aber unaufhaltsam stieg die Elbe an. Eben an diesem Tag flutet sie von einer anderen Seite Teile von Heidenau. Dasselbe Szenario folgt aufeinander: Evakuierung, Sperrung der betroffenen Stadtteile und schließlich am Sonntag, dem 18. August, Beginn der Rückkehr in die Häuser. Ende der Ungewissheit bei den Betroffenen, was das Wasser in ihren Häusern angerichtet hat. Mit einigen Tagen Verzögerung setzt ein, was im Müglitztal an Widerstand begann.

3. Jetzt beginnt das Wunderbare, von dem ich heute zu euch sprechen wollte.

Die Flutkatastrophe hat mit ihrer zerstörerischen Kraft einen Schatz freigelegt, von dem wir zu unseren normalen Zeiten nichts ahnten. Fundamente in uns, nicht nur Fundamente an den Häusern, die wir sonst nicht sehen, lagen auf einmal in unserem Blick.

A   Am Donnerstag ging mein Telefon wieder. Das erste Telefon der betroffenen Pfarreien ringsum. Stunde um Stunde gingen jene wunderbaren Anrufe ein, wo Menschen zu mir sprachen, Menschen, die ich nie gesehen und auch nicht entfernt gekannt habe. Wieder und wieder hatte ich die Frage zu beantworten, wie man uns helfen könne. Hilfe wurde mir zugesagt. Eins ums andre Mal habe ich Kontonummern und Telefonverbindungen durchgegeben. Wie eine Woge lief es zu uns heran, mitfühlendes Verstehen und der Beginn der Tat, uns zu helfen. Für alle, die hier getroffen waren, fühlte ich mich getragen und konnte dies dann weitergeben, als ich sie dann besuchen ging. Als sie zur Kirche kamen, zum nächsten Gottesdienst. Es war wie eine gewaltige, unsichtbare Kraft, die uns buchstäblich aufhob und zu tragen begann. Ich konnte erleben, wie es mir gegeben war, dies anderen zu überbringen, eben den Flutbetroffenen.

B   Die Flut hat Schätze freigelegt, die, uns unbewusst, in unserer Tiefe als Volk schlummern. Sie sind da. Als einen Verlauf, der mit seiner Eigenheit nach dem Geschehen an diesem Ort für unzählige andere steht, möchte ich so dankend nachzeichnen, was hier seinen helfenden Weg nahm. Ich spreche von Ottobrunn und ich meine damit in Stellvertretung den wunderhaften Vorgang, dass Leute zueinander sprachen: Wir müssen etwas tun!
Im Arbeitskreis "EineWelt" kam der Vorschlag, am Sonntag, dem 18. August, eine erste Sammlung für Heidenau zu halten. Die herrliche Idee kam auf, da in diesen Tagen ständig von den Pegeln der Überschwemmungsflüsse die Rede war, in Ottobrunn an drei Stellen der Stadt einen Pegel aufzubauen. Einer fand sich, der sein Können einsetzte, diese drei Pegel zu fertigen. Diese drei Pegel, zunächst für 10.000,- € angelegt, vermochten bald die Spendenflut nicht mehr zu messen. Sie mussten erweitert werden. Ihre Hilfsbereitschaft wuchs über die gewohnten Ufer hinaus. Diese drei Pegel nun sollen, hier erwähnt, stellvertretend für alles andere stehen, was in den Kirchen und Gemeinden in jenen Tagen vor sich ging. Ob Spendenkasten oder Einzahlung, die Woge uns Betroffene tragender Liebe schwoll an.

Ein Benefizkonzert und die Zuwendungen eines "Bürgernetzes" sollen hier für viele andere, die nicht aufzählbar sind, stellvertretend genannt werden. Besonders berührte uns die Zuwendung der evangelischen Pfarrgemeinde Ottobrunn.

C   Ich spreche hier zu euch, um euch zu danken. Dazu bin ich hierher gekommen. Ich stehe am Ort der Verkündigung, von dem aus Gottes Wort ausgerufen wird, die Frohe Botschaft vom heute handelnden Gott.

1) So bin ich hier um mehr zu tun, als euch den landläufigen Dank zu sagen, der dem gebührt, der geholfen hat. Ich bin hier, um euch zu sagen, dass ihr die Stunde erkannt habt, da der Herr vor der Tür steht und anklopft. Ihr habt das eure zu öffnen gewusst und zu teilen begonnen, dass viele davon leben können. Ich bin hier, euch zuzusprechen: Ihr wart treue Verwalter des euch anvertrauten Gutes. Ja, ich bin überzeugt, die Tage der Flutkatastrophe waren die Stunde des Herrn für Deutschland. ER hat an Herzen gerührt und heilsam verändert. ER hat eine Liebe und Verbundenheit geweckt, die ihresgleichen sucht. Ich bin mir gewiss geworden, dass wir den Vorübergang des Herrn erfahren haben. Jetzt ist es an der Zeit, dies auch auszusprechen. Wir halten in den Händen unserer Seele die Edelsteine eines neuen Handelns für eine gewisse Zeit.

2) Ihr sollt wissen, dass ihr mich in die Lage versetzt habt, in den ersten Tagen mit dem Fahrrad zu den Betroffenen zu fahren, als sie mitten im Kampf waren mit dem Schlamm, und ihnen einen ersten Geldbetrag in die Hand zu legen. Ihr habt mich in die Lage versetzt, den Betroffenen, als sie ihren verschlammten Hausrat hinauswarfen, zu sagen: Die Christen in Deutschland stehen zu euch. Es zählt zu den bewegenden Momenten meines Priesterlebens, das tun zu dürfen. Ich durfte für euch dort bei den Betroffenen stehen. Ihr dürft gewiss sein: Ihr, wir, sind verstanden worden!

4. Jetzt möchte ich die Stimme der Vielen sein, die euch danken möchte. Ich wollte nicht mit leeren Händen kommen. Etwas Greifbares soll euch erreichen und bei euch verbleiben von dieser einzigartigen Zeit, von dieser Erfahrung ohne Vergleich.

Halbedelsteine aus der Müglitz A   Jetzt komme ich auf den Anfang meiner Predigt zurück, auf die edlen Steine, die immer eine Flut, und nur eine Flut, im Tal der Müglitz freilegt. Als ich in den ersten Tagen nach der Flut mit dem Fahrrad das Gebiet der Pfarrei das Müglitztal hinauf fuhr, traute ich bei einer Rast an der Müglitz meinen Augen nicht: Vor mir lag ein Stein in der fein ziselierten Bänderung eines Amethyst. Einmal wach geworden mit meinem Blick, fand ich in seiner Nähe einen großen Achat. Mir vor die Füße hatte die Müglitz diese edlen Steine gespült. Dort ist die Idee vom Herrn her geboren, euch davon zu bringen. Jedem Spender so einen edlen Stein, den die Flutkatastrophe freigelegt und uns zugetragen hat.

B
   Das Weitere ist schnell erzählt. Einen reichlichen Zentner Gesteins habe ich von dort auf meinem Fahrrad in diesem und weiteren Suchgängen fort getragen. Der größte von ihnen wog einen halben Zentner. Ein Steinschneider fand sich, der die
Steine sägte und zerteilte. Ihre polierte Oberfläche trägt dem Blick die ganze Schönheit vor: Die feinen Linien des Achat, das blaue kristalline Leuchten des Amethyst und das Braun des Jaspis. Für jeden Spender ein Stein. Am Ausgang der Kirche stehen Mitarbeiter für euch bereit. Von der Unheilsflut der Müglitz kommen sie direkt zu euch. Nehmt den Stein zuhause in die Hand und betrachtet ihn.
 
 
Halbedelstein aus der Müglitz C   Dieser Stein ist klein genug, dass er bei euch liegen kann, auf eurem Schreibtisch oder auf dem Bücherbord, in eurem Blick. Weil Steine Jahrhunderte bleiben können, vermag ihre Botschaft lange zu erzählen. Nehmt ihn einfach immer wieder einmal in die Hand, ihn, der in der Müglitz lag und nur von der Flut uns zugetragen werden konnte.

5. Wenn ihr wollt, nehmt diese Stunde jetzt als einen anderen Tag der Deutschen Einheit.

Die Flut hat uns einander nahe gebracht wie kaum ein Ereignis zuvor. Wenn ihr wieder jemanden anklagen hört, dass die im Osten so viel jammern und den Blick für das Gelungene nicht finden wollen, dann nehmt diesen Stein. Haltet ihn mit seinem Leuchten und seiner Bänderung demjenigen hin, dass er all das sieht. Eine Botschaft ist in diesem Stein. Noch mehr: Dieser Stein ist eine Botschaft.
Einer aus jenem Teil Deutschlands, ein Sachse, hat den Stein für dich aus der Müglitz heim getragen. Ein von dieser Idee begeisterter Steinschneider hat sie geschnitten und poliert. Ich lasse euch noch ein paar Steine da. Schenkt jedem Fragenden einen solchen Stein. Notfalls ruft mich an, dass ich euch weitere Steine schicke. Erzählt ihm dazu die Geschichte, die so beginnt: "Im Tal der Müglitz ruht ein Schatz … "

WIR DANKEN EUCH!
AMEN.

 
 
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Last updated 06.12.07