Predigten 2002

 


"Ihr sollt ein Segen sein"

 
Predigt von Pastoralreferent Josef Germeier, Pfarrei St. Magdalena, 23. Juni 2002, beim ökumenischen Gottesdienst der vier Ottobrunner Pfarreien auf der Maderwiese
 

 
Prof. Herbert Schnädelbach, in der Fachwelt angesehener Philosoph, schrieb in der Wochenzeit "Die Zeit" einen Beitrag mit dem Titel "Der Fluch des Christentums". Darin zählt er nicht einzelne Sünden, Untaten des Christentums auf, sondern bezeichnet das Christentum
Zitat: "… in seiner Wurzel von Übel, eine geistes-, eine religionsgeschichtliche Verirrung, ein Fluch für die Menschheit, eine historische Missgeburt!"
Weiter: "Nicht bloß die Untaten einzelner Christen, sondern das verfasste Christentum selbst als Ideologie, Tradition und Institution lastet als Fluch auf unserer Zivilisation." Am besten wäre es, dieses Christentum verschwände ganz aus der Welt.

Ich könnte nun die 7 Thesen von Schnädelbach erörtern und Widerlegungen aufzeigen – das dauert unangemessen lange. Daher nur ein Beispiel: Unter der Überschrift "Missionsbefehl" schreibt Schnädelbach, dass der Auftrag "Alle Völker zu taufen" dem Toleranzgebot entgegen steht. Die Germanen beschreibt er als starkes Naturvolk, das vom Christentum überfallen und deformiert wurde. Schnädelbach zeichnet ein Germanenbild, wie es Deutschnationalen und Nazis nur wünschen können. Die historische Forschung stellt dagegen fest, dass man die Germanen durchaus als Barbaren bezeichnen kann, bei denen Krieg Normalzustand war.

Schnädelbachs Rundumschlag lässt sich im einzelnen widerlegen, aber: Sein Pamphlet zeigt, wie heute über Christen gedacht wird. Wir werden von der Öffentlichkeit an hohem Anspruch gemessen: "Ihr redet vom Segen – also seid ein Segen! Ihr redet von Nächstenliebe – also lebt sie!"

Kritiker können sich hier leicht tun, wenn sie wollen: Kritiker, die nicht bereit sind, sich dem ethischen Anspruch zu stellen, messen die Kirche an hoher Messlatte. Wie Pharisäer, die nicht bereit sind den Finger zu rühren, legen sie den Christen schwere Lasten auf. Wenn ich so rede, kann ich die Wahrheit treffen und doch ist es eine Schmollreaktion und klingt nach Beleidigtsein. Das bringt die Kritik nicht zum Verstummen und es nimmt die eigene Kraft!

Ein anderer Kritiker des Christentums, Heinrich Böll, der vor allem den Katholizismus Kölner Prägung anging, bringt seine Kritik differenzierter: Warum ist die Welt "trotz 800 Mio Christen so voll Terror, Unterdrückung und Angst?" (vgl. "Eine Welt ohne Christus" – List-TB Band 105).
Er wirft den Christen vor, zu wenig christlich zu sein. Aber: Böll sieht auch die andere Seite: Zitat: "Ich überlasse es jedem, sich den Alptraum einer Welt vorzustellen, in der Gottlosigkeit konsequent praktiziert würde: den Menschen in die Hände des Menschen fallen zu lassen. Selbst die allerschlechteste christliche Welt würde ich der besten heidnischen vorziehen, weil es in der christlichen Welt Raum gibt für die, denen keine heidnische Welt je Raum gab: für Krüppel und Kranke, Alte und Schwache und mehr noch als Raum gab es für sie: Liebe für die, die der heidnischen wie der gottlosen Welt nutzlos erschienen und erscheinen."

Böll sieht bei aller Kritik nicht nur Fehler sondern auch den Segen, den das Christentum der Welt brachte.

Du sollst ein Segen sein – das ist eine starke Überschrift. Die Reaktion kann sein: Das ist mir zu viel, das schaff ich nicht, da breche ich zusammen, ich bin viel eher Fluch als Segen gewesen für andere. Dieser Spruch "Du sollst ein Segen sein" setzt einen moralischen Grundsatz voraus, der besagt: Sollen setzt Können voraus. D.h. von niemandem kann vernünftigerweise etwas verlangt werden, was er schlichtweg zu leisten nicht im Stande ist.

Martin Buber übersetzt diese Stelle im Buch Genesis mit "Ich will dich segnen – werde ein Segen". Hier ist die Voraussetzung: Du bist gesegnet, also kannst du Segen werden – sprachlich besser ausgedrückt: Vertrau darauf, du kannst ein Segen sein für einen anderen. Gott erwartet von uns, was wir können: Ein Segen sein für Alte, Schwache, Behinderte, Kranke, Einsame.

In dieser Weltsituation von struktureller Armut und Ungerechtigkeit, Gewalt, neuer Intoleranz, Beziehungslosigkeit, Sprachlosigkeit zwischen Kulturen und Religionen traut Gott uns zu, ein Segen zu sein. Mit schöpferischer Kraft, mit Kreativität sollen / können wir Gottes Plan für diese Welt weiterführen, dessen Ziel ist: Die Armen sollen selig sein, die Trauernden getröstet werden, die Gewaltlosen nicht leer ausgehen.
Wo Christen christlich leben, da dürfen die Armen sich freuen, da werden die Trauernden Trost erfahren, da werden die Gewaltlosen das Sagen im Land haben.

An Abraham erging die Verheißung:
Ich will dich segnen, werde Segen - Ich will dich segnen, darum vertrau darauf, dass du ein Segen sein wirst.

Segen geht von Gott aus, geht durch den Menschen weiter auf andere Menschen.
Darum gilt: Gott verlangt nicht mehr Segen zu sein von uns, als er uns Segen gegeben hat. Es bedarf Menschen wie Abraham: Menschen die der Verheißung Gottes mehr trauen als der eigenen Erfahrung von Einsamkeit, von gescheiterten Beziehungen, von Gewalt und Zerstörung. Segen ist dann weniger ein Produkt menschlicher Leistung und lässt sich nicht am Erfolg an angehäuftem Vermögen oder Lebensglück messen.
Segen ist dann vielmehr ein Sichtbarwerden von Gottes Zuneigung, Liebe - nicht nur innerhalb der Kirche oder des Christentums.

Der ökumenische Kirchentag 2003 wird ebenfalls das Motto tragen "Ihr sollt ein Segen sein!" – Damit ist der Auftrag an uns Christen zum Motto geworden. Nicht: Wer von beiden Konfessionen steht besser da, hat die größere Besucherzahl auf Kirchentag bzw. Katholikentag oder die besseren Referenten, sondern: Ihr sollt beide zusammen ein Segen sein.
Abschließend ein Wort des evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer, geschrieben Pfingsten 1944 aus dem Gefängnis: "Segen heißt: Die sichtbare, spürbare, wirksam werdende Nähe Gottes. Segen will weitergegeben sein, er geht auf andere über."

 
 
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Last updated 06.12.07