Predigten 2006


Katholisch-orthodoxe Ökumene
Zum 40. Jahrestag der Tilgung der Bannsprüche von 1054




Predigt von Pfarrer Dr. Czeslaw Lukasz am Sonntag der Eröffnung der Gebetswoche für die Einheit der Christen, 22. Januar 2006
 
 
 
Heute beginnt die jährliche Gebetswoche um die Einheit der Christen. Wenn man hier in Deutschland von Ökumene spricht, dann denkt man an die Ökumene zwischen Katholiken und Protestanten – kein Wunder im Land der Reformation.

Die katholische Kirche praktiziert Ökumene auch mit der orthodoxen Kirche. Etwa 300 Mio. orthodoxe Christen gibt es in der Welt, hauptsächlich im östlichen Europa. Auch in Deutschland lebt etwa eine halbe Million orthodoxe Christen unterschiedlicher Herkunft, mit denen die katholische Kirche Kontakte pflegt. Zu großen ökumenischen Veranstaltungen kommen Vertreter von drei Konfessionen. Z.B. am kommenden Dienstag beim zentralen Münchner Gebet in der Woche der Einheit der Christen nehmen teil: Kardinal Wetter, Landesbischof Friedrich und Weihbischof Sofian von Kronstadt - der Rumänisch Orthodoxen Metropole für Deutschland und Zentraleuropa. Das wird oft übersehen. Da die Ökumene sich nicht nur auf die Protestanten beschränkt, möchte ich dieses Mal über die Ökumene zwischen Katholiken und Orthodoxen sprechen.

Versöhnungsakt am 7. Dezember 1965

Weitgehend übersehen von der großen Öffentlichkeit wurde am 7. Dezember 2005 der 40. Jahrestag der gegenseitigen Aufhebung der Bannsprüche von 1054. Diese wechselseitigen Bannsprüche des päpstlichen Gesandten Kardinal Humbert von Silva-Candida und des damaligen Patriarchen von Konstantinopel Michael Kerullarios von 1054 gelten als Beginn des Schismas, der Kirchenspaltung zwischen Ost und West, zwischen Rom und Konstantinopel, zwischen der Orthodoxen und der Katholischen Kirche.

Am 7. Dezmber 1965, am vorletzten Tag des II. Vatikanischen Konzils, kam es zu einem Versöhnungsakt. Zeitgleich erklärten der Papst in Rom und der Patriarch in Konstantinopel, jeweils im Beisein einer Delegation der anderen Kirche, dass sie die unseligen und folgenreichen Vorgänge um das Schisma von 1054 bedauern, dass sie die späteren "Exkommunikationssentenzen" "aus dem Gedächtnis und der Mitte der Kirche tilgen und dem Vergessen anheim fallen lassen", und dass sie auch die weiteren ärgerlichen Ereignisse und Entwicklungen, die "schließlich zum tatsächlichen Bruch der kirchlichen Gemeinschaft geführt haben", beklagen.

Bis zu diesem Datum dauerte das von einer über tausendjährigen Entfremdung belastete Verhältnis zwischen Rom und der ganzen Orthodoxie. Erst während des Pontifikates von Johannes XXIII. entkrampfte sich allmählich die Lage. Der Anstoß dazu kam auch von dem Patriarchen von Konstantinopel Athenagoras. Signale für einen "Klimawechsel" waren bereits die römische Einladung an die anderen Kirchen, Beobachter zum II. Vatikanischen Konzil zu entsenden, sowie die – nach anfänglicher Zurückhaltung auf orthodoxer Seite – im Laufe des Konzils wachsende Zahl orthodoxer Konzilsbeobachter. Einen wirklichen Durchbruch brachte jedoch erst die symbolträchtige Begegnung zwischen Papst Paul VI. und Patriarch Athenagoras 1964 in Jerusalem. Beide tauschten den Friedenskuss aus, lasen miteinander aus Joh 17 das Gebet Jesu um die Einheit der Jünger und beteten gemeinsam das Vaterunser. Damit begann ein "Dialog der Liebe", der in vielfältiger Weise die historischen Belastungen aufarbeiten, das Vertrauen fördern und die Aufnahme theologischer Gespräche vorbereiten sollte. Dank diesen vorbereitenden Schritten war die symbolträchtige Aufhebung der Bannsprüche am 7. Dez. 1965 möglich.

Dem Papst und dem orthodoxen Patriarchen war damals wohl bewusst, dass mit dieser Geste der wechselseitigen Vergebung nicht bereits – wie manche in der ersten Euphorie fälschlich meinten – die volle Einheit zwischen der Kirche von Rom und der von Konstantinopel bzw. sogar mit der ganzen Orthodoxie wieder hergestellt sei. Dennoch bildete dieses "Symbol der Liebe und der Annäherung" (Metropolit Meliton) eine notwendige Voraussetzung für alle weiteren Schritte.

Diese Schritte folgten bald in Form der theologischen Gespräche und in vielen Kontakten, die die tausendjährige Entfremdung überwinden sollten.

Bemühungen von zwei Päpsten

Johannes Paul II. hat alle Anstrengungen unternommen, um die Einheit mit der Orthodoxie mit großem Eifer voranzutreiben. Die Aussichten in den ersten Jahren seines Pontifikats auf die Besiegelung der vollen Einheit im Jubiläumsjahr 2000 schienen realistisch. Dann kam es aber nach dem Zusammenbruch des Sowjetsystems zur Abkühlung des Verhältnisses, weil das Patriarchat von Moskau die Katholische Kirche unerlaubter Missionierung in Russland beschuldigte. Diese Missstimmungen konnten in den folgenden Jahren des Pontifikats von Johannes Paul II. leider nicht beseitigt werden.

Mit großer Aufmerksamkeit werden deshalb die ersten Schritte des neuen Papstes in die Richtung Orthodoxie verfolgt. Es ist mit Sicherheit auch sein großes Anliegen, dieser tausendjährigen Spaltung ein Ende zu setzen. Der Vatikan hat schon verlautbaren lassen, dass eine der vier für dieses Jahr geplanten Auslandsreisen des Papstes ihn in die Türkei führen wird. Voraussichtlich am 30. November, dem Fest des hl. Andreas, des Patrons der Orthodoxie, wird Benedikt XVI. Istanbul besuchen. Eingeladen wurde er von Patriarch Bartholomäus, dem Ehrenoberhaupt der orthodoxen Christen. Der Patriarch sagte vor kurzem: "Unser Verhältnis zu Benedikt XVI. ist sehr gut, und wir werden den globalen Dialog zwischen der Orthodoxen Kirche und der Katholischen Kirche wieder aufnehmen."

Allein aber werden die beiden Heiligkeiten die tausendjährige Kirchenspaltung nicht überwinden können. Dazu braucht man auch den Patriarchen von Moskau, Alexij II. Er ist zwar nicht der ranghöchste, aber der mächtigste Führer der orthodoxen Welt. Der Papst würde ihn gerne treffen. Doch Alexij stellt sich immer noch quer und denkt, Rom wolle ihm seine Gläubigen abwerben. Zur Zeit liegt dem Papst keine Einladung nach Moskau vor. Der Traum von Johannes Paul II. in Moskau beten zu können, ging nicht in Erfüllung. Jetzt warten wir ab, ob sein Nachfolger mehr Glück hat.

So ist die jetzige Großwetterlage der Ökumene mit der Orthodoxie: Zuversicht einerseits, Bedacht andererseits. Während die wenigen theologischen Unterschiede schnell überwunden werden könnten, spürt man immer noch zwischenmenschliche Folgen der tausendjährigen Entfremdung.

Vermächtnis von damals

Deshalb ist es sehr wichtig auch mit orthodoxen Christen Kontakte zu pflegen. Die orthodoxe Präsenz in München ist zwar nicht sehr auffällig, aber es gibt mehrere Tausend orthodoxe Christen, verschiedene orthodoxe Kirchen, und es gibt auch an der Universität München eine Fakultät für die orthodoxe Theologie.

Die großartige Versöhnungsgeste von 1965 hat noch einmal gezeigt, wie wirksam solche Momente sind. Sie bewirken oft mehr als Hunderte schlauer Bücher. Lassen auch wir uns von diesem Versöhnungsakt vor 40 Jahren inspirieren. Lassen wir uns leiten von zwei Bibelsätzen, die damals diesen Akt begleiteten.

Nachdem schon Papst Paul VI. darauf Bezug genommen hatte, verwendete auch Patriarch Athenagoras das Schriftwort von Phil 3,13, indem er programmatisch formulierte: "Vertrauen wir, was vergangen ist, der Barmherzigkeit Gottes an und hören wir den Rat des Apostels: ‚Ich vergesse, was hinter mir liegt; ich bin ausgestreckt auf das, was vor mir ist.’ Ich will versuchen, es zu ergreifen, wie ich von ihm ergriffen bin." Und in seiner Weihnachtsbotschaft von 1965 überbietet er diesen Gedanken noch durch den Hinweis auf 2 Kor 5, 17f: "Altes ist vergangen, siehe da: Neues ist geworden. Und dies Ganze kommt von Gott, der uns mit sich versöhnt hat durch Christus und uns das Amt der Versöhnung übertragen hat." – Dieses "Amt der Versöhnung" haben Patriarch Athenagoras und Papst Paul VI. in ihrer Zeit anschaulich gemacht und lebendig werden lassen.
Diese Versöhnung kommentierend, sprach der damalige Regensburger Theologieprofessor Joseph Ratzinger eindringlich von einem Akt der Liebe. Er sagte (1974):

"Was bleibt und was folgt aus dem Ganzen? Der Kernvorgang ist dieser: Das Verhältnis der 'erkalteten Liebe', der 'Gegensätze, des Misstrauens und der Antagonismen' ist ersetzt durch die Beziehung der Liebe, der Brüderlichkeit, deren Symbol der Bruderkuss ist. Das Symbol der Spaltung ist durch das Symbol der Liebe ersetzt. Die Kommuniongemeinschaft ist freilich nicht hergestellt. Aber nachdem der 'Dialog der Liebe' ein erstes Ziel erreicht hat, ist der 'theologische Dialog' verlangt, und zwar nicht als ein beruhigtes akademisches Geplänkel, das an kein Ziel zu kommen braucht und sich im Grunde selbst genügt, sondern unter dem Zeichen der 'ungeduldigen Erwartung', die weiß, dass 'die Stunde gekommen ist'. Agape und Bruderkuss sind an sich Terminus und Ritus der eucharistischen Einheit. Wo Agape als ekklesiale Realität ist, muss sie zu eucharistischer Agape werden. Darauf hat alles Bemühen abzuzielen...." - Es sind fast prophetische Worte, die auch heute aktuell bleiben.

Wir wünschen dem neuen Papst, den Amtsträgern und Christen der beiden Konfessionen diesen Geist der Liebe, der alle Spaltung überwindet. Möge er alle zu mutigen Schritten inspirieren. Darum beten wir besonders heute und in der kommenden Woche.

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Last updated 06.12.07