Predigten 2001



Kirche als Ort der Gottesberührung


Predigt von Dekan Lukasz am Kirchweihfest, 21. Oktober 2001



Es gehört einfach dazu, dass eine Kirchengemeinde eine Kirche hat. Auch Nichtchristen haben ihre Versammlungsorte: die Juden ihre Synagogen, die Muslime die Moscheen, die Buddhisten ihre Tempel.

Sie werden sicher selbst schon Gelegenheit gehabt haben, nicht katholische und nicht christliche Gebetshäuser zu besuchen und kennen zu lernen. Die ökumenische Bewegung gibt uns immer wieder die Möglichkeit, mit den Mitchristen anderer Konfessionen in ihren Kirchen zu beten. Der interreligiöse Dialog zwischen den großen Weltreligionen fördert Begegnungen der Christen mit Juden, Muslimen und Buddhisten. Es finden auch sporadisch gemeinsame interreligiöse Andachten in den jeweiligen Gebetshäusern statt, wie z.B. nach den Terroranschlägen vom 11. September, als Christen und Muslime gemeinsame Friedensgebete gehalten haben.

Ein Außenstehender könnte den Eindruck gewinnen, dass sich die Versammlungsorte verschiedener Religionen zwar äußerlich durch die Ausstattung von einander sehr unterscheiden: Kreuze und Altäre in den Kirchen, Thorahäuschen bei den Juden, Mihrab und Teppiche bei den Muslimen, überdimensionale Buddhastatuen bei den Buddhisten, ihre Zweckbestimmung ist aber etwa dieselbe: Gläubige versammeln sich hier zum Gebet. Dem Glauben fern stehende Menschen behaupten deshalb: Alle Religionen sind gleich, sie streben nach dem Gleichen und benutzen dazu ähnliche Mittel.

Ich stelle heute am Kirchweihfest die Frage: Was unterscheidet ein katholisches Kirchengebäude von den Versammlungsorten anderer Konfessionen oder Religionen und was unterscheidet unsere Versammlung von den Gebeten der anderen Gläubigen?

Eine Kapelle für Christen und Muslime?

Auf einen interessanten Briefwechsel bin ich vor kurzem gestoßen. Die Geschäftsführung der Städtischen Krankenhäuser in München bittet die katholischen und evangelischen Krankenhausseelsorger ihre Zustimmung zu geben, dass die ansonsten für den katholischen und evangelischen Gottesdienst bestimmten Krankenhauskapellen auch von den Muslimen genutzt werden können. Diese Bitte geht zurück auf den Antrag einiger Münchner Stadträte, die unter Hinweis auf das Grundrecht auf freie Religionsausübung, die Einrichtung von islamischen Gebetsräumen in den Krankenhäusern anregen. Die Geschäftsführung der Krankenhäuser wendet sich zuerst an die Kirchen mit der Begründung, dass es kurzfristig nicht möglich sei, auf Grund bestehender akuter Raumnot eigene Räume für Muslime zur Verfügung zu stellen.

Das Seelsorgereferat des Erzbischöflichen Ordinariats und das Referat für christliches Leben der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern antworten: Die christlichen Kirchen und Kapellen in Krankenhäusern sind grundsätzlich für alle Einzelpersonen zum Gebet und stillen Verweilen offen. Auch Muslime, wenn sie das wünschten, könnten sie in diesem Sinne aufsuchen. Allerdings trügen sie klar in Zeichen und Bildern, in Kunst und Ausstattung, christlichen Charakter und nähmen so ganz bewusst die Besucher in die Welt christlichen Lebens hinein.

Beide Kirchen vertreten die Auffassung, dass auch muslimische Gläubige einen Raum brauchen, der ihrer Kultur und Religion gemäß ausgestattet ist. Dazu gehöre unbedingt eine Gelegenheit für vorgeschriebene rituelle Waschungen. Es habe sich auch in vergleichbaren Fällen gezeigt, dass es für die Muslime beim gemeinschaftlichen öffentlichen Gebet nicht tragbar ist, wenn christliche Symbole und Bilder vorhanden sind. Aus prinzipiellen und aus praktischen Erwägungen sei daher eine Doppelnutzung christlicher Kirchenräume auch für öffentliche muslimische Gottesdienste abzulehnen, erklären die Vertreter beider Kirchen. Christliche Kirchen und Kapellen seien für muslimische Gottesdienste nicht geeignet und würden, wie die Erfahrung zeige, auch den Ansprüchen an einen muslimischen Gottesdienstraum nicht gerecht. So weit die Stellungnahme seitens der katholischen und evangelischen Kirche.

Gebetshäuser anderer Religionen

Diese Stellungnahme zeigt, dass sich ein Gebetsraum einer bestimmten Glaubensrichtung für offizielle öffentliche Gebete anderer Religionen nicht eignet. Es ist so, weil ein Gebetsraum etwas einer Religion Inniges ist: Er muss in der äußeren Ausstattung den Bedürfnissen der Religionsangehörigen entsprechen. Ich persönlich finde Gebetshäuser anderer Religionen interessant und besuche gerne Synagogen, Moscheen und buddhistische Tempel – diese Besuche sind allerdings eher touristischer Natur. Richtig geistig zuhause fühle ich mich in einer katholischen Kirche.

Ein katholisches Gotteshaus hat eine andere Struktur und Ausstattung als eine Synagoge, eine Moschee oder ein Buddhatempel. Ein geübtes Auge merkt auch schnell, ob eine Kirche katholisch, evangelisch oder orthodox ist.

Verschieden sind aber vor allem die Ziele, in denen man sich versammelt. Buddhisten streben die Erleuchtung an, die Buddha ihnen vorgelebt hat; die Juden suchen Gott, der sich Abraham zeigte und durch Mose und die Propheten gesprochen hat; die Muslime lassen sich von der Lehre Mohammeds belehren.

Gotteserschließung in Jesus

Und was machen wir Christen? Wir suchen Gott, der sich den Menschen in Jesus Christus geoffenbart hat. Das Christentum ist kein Lehrsystem über Gott, sondern es beruht auf einer konkreten Person in Zeit und Geschichte, auf Jesus von Nazareth, der vor der Zeitwende geboren ist und in Jerusalem vermutlich im Jahre 30 oder 33 am Kreuz gestorben ist. Die Schriften des Neuen Testaments bezeugen: In Jesus Christus hat Gott selbst sich den Menschen erschlossen, und zwar in einer ganz bestimmten Weise, die sich eben im Leben dieses Jesus, in seinen Worten und seinem Verhalten, nicht zuletzt in seinem Sterben und Auferstehen, kurz: in seinem ganzen "Lebensprogramm" zeigt.

Sakramentale Zeichen

Wenn Christen sich zum Gebet in der Kirche versammeln, suchen sie im Hören auf das Wort der Bibel, im Gesang und im Gebet nach diesem Gott, der in Jesus ein Teil der Menschheitsgeschichte geworden ist. Und da dieser Jesus in Zeit und Raum unserer Geschichte Gott eine konkrete, tastbare, berührbare Gestalt gegeben hat, überliefert die katholische bzw. die orthodoxe Kirche, mehr als die Kirchen der Reformation, auch konkrete Zeichen für unsere Berührung mit Gott in der Liturgie. Sieben Sakramente, die in den katholischen Kirchen gespendet werden, sind konkrete Zeichen, an die die Heilszusage gebunden ist.

bulletIch taufe dich im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
bulletSei besiegelt durch die Gabe Gottes, den Heiligen Geist.
bulletIch spreche dich los von deinen Sünden im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
bulletNehmet und esset: Das ist mein Leib; nehmet und trinket, das ist mein Blut.

Das sind konkrete Worte und konkrete Zeichen, die das Heil direkt vermitteln.

Gott greifbar nahe

Weil Gott sich in der konkreten Biografie des Jesus von Nazareth erschlossen hat, ist für katholisches Christentum Gottesoffenbarung immer konkret, greifbar, es ist ein "inkarnatorisches" Geschehen. Ein sichtbarer Hinweis darauf ist das im Gegensatz zur evangelischen Frömmigkeitspraxis im katholischen und orthodoxen Raum ausgeprägte sakramentale Denken, also die Bindung der Heilszusage an die konkreten sakramentalen Zeichen. Diese Zeichen haben etwas mit der Welt und unserem Leben zu tun, so ähnlich, wie sich in einem Handschlag, einer Umarmung, einem Kuss, eine geistige Wirklichkeit, also etwa Gemeinschaft, Solidarität, Liebe anzeigt. Solche sakramentale Zeichen darf man nicht magisch verstehen. Sie sind Nachvollzug dessen, was der christliche Glaube am Handeln Gottes erkennt: Gott bleibt nicht ein ferner Gott, sondern er rückt uns auf den Leib. Er tritt in die Welt und die Geschichte ein. Jesus Christus ist gleichsam das Ursakrament der heilsamen Gottesberührung. Diese Berührung setzt sich fort in der Kirche, die den Gläubigen das Wort Gottes und die Sakramente als Heilszeichen durch die Zeit und Geschichte hindurch präsent macht. Für katholische und orthodoxe Christen ist die Kirche darum nicht nur eine unsichtbare Wirklichkeit. Sie ist in ihrer Konkretheit, die manchmal auch ärgerlich sein kann, Raum der Gottesberührung für alle Generationen. (J. Wanke)

Ein katholisches Gotteshaus als der Ort der konkreten sakramentalen Gottesberührung – das ist auch diese unsere katholische Kirche St. Albertus Magnus. Unsere Generation, unsere Gemeinde, hat in diesem Gotteshaus einen solchen Raum der Gottesberührung. In den hörbaren Worten und in den sichtbaren Zeichen, in dieser Eucharistiefeier unter den konkreten Gestalten von Brot und Wein, dürfen wir den unsichtbaren Gott berühren.



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Last updated 06.12.07