Predigten 2004


"Was  ihr von anderen erwartet, das tut ebenso ihnen"
Lk 6,27-38

Predigt von Pfarrer Peter Herberhold, Pfarrei Herz-Jesu in Essen-Altenessen, am 21. Februar 2004 in der Vorabendmesse zum 7. Sonntag im Jahreskreis

 
 
 
Viele von uns werden schon mal ein Puzzle zusammengesetzt haben. Manche geben sich besonders gern an größere heran mit 500 oder 1000 Teilen. Tagelang, wochenlang können sie sich damit beschäftigen. Etliche Zeit braucht man allein, bis man die einzelnen Teile so gelegt hat, dass das Bild nach oben zeigt. Bei manchen hat man den Eindruck, sie gehören gar nicht dazu. Bei großen Puzzeln kann es sein, dass sich irgendwann die Phase der Ernüchterung einstellt: Man fragt sich, ob man das Ganze überhaupt hinbekommt.

Sinnvoll ist es, zunächst einmal die Randstücke zu suchen und den Rahmen zu legen. Hat man das geschafft, hat man schon Wichtiges erreicht. Dann kann man sich langsam Stein für Stein voranarbeiten, bis das Bild irgendwann fertig ist.
Mir scheint, das heutige Evangelium ist auch so etwas wie ein Puzzle. Zunächst erscheint alles sehr verwirrend: lauter einzelne Teile, lauter einzelne Sätze. Jeder für sich ist wichtig. Aber es fehlt der große Zusammenhang.

Deshalb sollten wir erst einmal versuchen, den Rahmen zu finden, noch besser einen Eckstein. Wenn wir überlegen, worum es Jesus immer wieder gegangen ist, dann fällt uns eine Äußerung Jesu auf, die eigentlich der Grundsatz aller seiner Predigten ist: Gott ist gütig und barmherzig, er liebt die Menschen ohne jede Ausnahme. Dieser Grundsatz könnte die vier Ecken unseres Evangelien-Puzzles bilden. Der ist so wichtig, dass er den Rahmen für alles weitere absteckt.

Jetzt brauchen wir die Seitenteile. Jesus folgert aus diesem Grundsatz: Darum sollt auch ihr Kinder Gottes sein und genauso handeln wie er.
Das klingt einleuchtend. Deswegen können wir diesen Satz an den rechten und linken Rand legen. Aber jetzt fehlen noch der obere und der untere Rand.

Wir haben schon: Gott ist gütig und barmherzig, als seine Kinder sollen wir ebenso handeln. Aber wie geht das? Und da können wir auf einen weiteren Satz stoßen, auf einen, der auch die "goldene Regel" genannt wird: Behandelt die Menschen so, wie ihr selber von ihnen behandelt werden wollt. Damit ist der Rahmen abgesteckt. Und jetzt geht es darum, diesen Rahmen zu füllen. Aber das ist nicht so einfach, denn nun liegen ja noch massenhaft Puzzleteile, sprich Jesusworte, herum, die eingebaut werden wollen.

Da liegen zum Beispiel einige, die zum Lieben auffordern, zum Gutes-Tun, zum Segnen, zum Beten, zum Geben, zum Leihen ohne Hintergedanken, zur Barmherzigkeit, zum Lossprechen. Da gibt es andere, die uns ermahnen, nicht zu richten, nicht zu verurteilen, nichts zurückzuverlangen, die andere Wange auch noch hinzuhalten ...

Mit all diesen Worten geht es uns wie beim Bilderpuzzle: Wir sehen die Teile, nehmen sie in die Hand, betrachten sie von allen Seiten, probieren sie aus und legen sie wieder weg. Manche sagen: "Das kann unmöglich dazu passen" - und legen es wieder auf die Seite. Mit diesem Puzzle geht es um unser Leben. Der Rahmen ist von Jesus abgesteckt worden. Unser Leben beruht auf dem Grundsatz, dass Gott gut und barmherzig ist. Und unser Leben wird begrenzt durch die Forderung Jesu, dass wir als Gottes Kinder ebenso gut und barmherzig sein sollen, indem wir die anderen so behandeln, wie wir selbst behandelt werden wollen.

Diesen Rahmen unseres Lebens gilt es zu füllen. Die Puzzleteile dazu werden geprägt durch die verschiedenen Lebensumstände und die unterschiedlichen Menschen, mit denen wir zu tun haben. Aber wie können wir sie in unser Leben einbauen?

Zu jedem Puzzle gibt es eine Vorlage: Sie zeigt das Bild so, wie es fertig aussehen soll. Für unser Leben haben wir auch so eine Vorlage. Wir haben das Vor-Bild von Jesus selber. Und mit der Heiligen Schrift haben wir genügend Baumaterial. Und es ist beim Lebenspuzzle genauso wie beim Bilderpuzzle: Damit es etwas wird, muss ich immer wieder auf die Vorlage, auf das Vorbild schauen und mein eigenes Leben damit vergleichen. Manches werde ich korrigieren müssen. Und dann ist es immer wichtig, mit den Steinen anzufangen, von denen ich weiß, wo sie hingehören.

Und so gibt es viele Steine, sprich: viele Bibelstellen, die wir in unser Leben einbauen können. Bei dem einen hat der Satz: "Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet" einen Platz im Leben gefunden. Anderen ist wichtig, dass Gott gut zu allen ist und seine Liebe an uns verschwendet. Und darum versuchen sie, diesen Grundsatz in ihr Leben einzubauen und nicht immer gleich zu rechnen, was sie für dies oder das wiederbekommen.

So gibt es Teile aus dem Puzzlekasten der Bibel, die uns etwas bedeuten und schon einen Platz in unserem Leben gefunden haben. Und es gibt viele andere, die wir nicht verstehen, mit denen wir noch nichts anzufangen wissen. Manche solcher Sätze begegnen uns immer wieder, genauso wie wir ja auch beim Bilderpuzzle einzelne Teile mehrmals in die Hand nehmen. Wir wissen nur noch nicht, wo und wie wir sie einbauen sollen.

Aber ich denke mir: Wir müssen uns gar keine Sorgen machen, weil erst ein Teil unseres Lebenspuzzles fertig ist. Wir müssen uns keine Sorgen machen um die Teile, die wir noch nicht verstanden haben. Viel wichtiger ist, dass wir immer wieder auf das Vorbild Jesus schauen und versuchen, es nachzubilden. Sicher wird unser Lebenspuzzle unvollständig bleiben, aber wir hoffen, dass es mit jedem Stein IHM ähnlicher wird. Wir hoffen, dass man auch aus den Bruchstücken und aus den Löchern erkennen kann, was es sein soll: ein Abbild von Jesus und seinem Leben.

Und so wie mit unserem Leben, ist es auch mit der Kirche: Jeder von uns ist wie ein Puzzlesteinchen, und alle zusammen bilden wir den einen Leib Christi, die Kirche. Unser ganzes Leben ist ein einziger großer Versuch, Jesus und sein Evangelium nachzupuzzeln, d.h. wie bei einem Mosaik: Steinchen für Steinchen in unser Leben einzubauen, damit die Menschen durch uns sein Gesicht erkennen können.

Und ich bin sicher: Je mehr wir Stück für Stück nach seinem Evangelium leben, umso mehr werden wir auch unseren Platz in ihm und in der Kirche finden. Dann gilt, was er sich gewünscht hat: Er ist in uns, und wir sind in ihm.

 
 
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Last updated 06.12.07