Predigten 2003


"Der Stein war schon weggewälzt"


Predigt von Dekan Dr. Czeslaw Lukasz in der Osternacht, am 20. April 2003
 
 
 

Jemand anderer hat den Stein weggerollt

Die drei Frauen, die in aller Frühe zum Grab gingen, um den Leichnam Jesu zu salben, waren von einer Sorge geplagt: "Wer kann uns den Stein vom Eingang des Grabes wegwälzen?" (Mk 16,3). Sie hofften, vielleicht einige Arbeiter zu treffen, die gerade an diesem Tag nach dem Sabbat, am ersten Tag der jüdischen Arbeitswoche, in aller Frühe zur Arbeit eilten. Wer einmal so einen Rollstein in den Gräbern aus der Zeit Jesu in Jerusalem gesehen hat, der weiß, dass diese Sorge der Frauen nicht unbegründet war. Der Stein war sehr groß – so das Evangelium.
So eingenommen von den Gedanken, zuerst eine harte Arbeit erledigen zu müssen, kommen sie zum Grab. Dann stellen sie auf einmal und mit großem Erstauen fest: Der Stein ist schon weggewälzt. Jemand anderer hat ihn weggerollt: Der Weg ist für sie frei zur Entdeckung der Auferstehung Christi.

Mich spricht an diesem Ostermorgen diese Szene sehr an. Die Sorgen der Frauen um die Arbeit, die sie überfordern würde – einerseits - und die überraschende Entdeckung: "Wir müssen nichts tun, ein anderer hat es schon getan" – andererseits - sind für mich zwei Bilder, die uns an diesem Ostermorgen etwas Wichtiges zu sagen haben.

Es kommt nicht immer auf unsere Leistung an

Wir leben heute in einer Leistungsgesellschaft. Es wird von allen sehr viel verlangt. Schüler, Lehrer, Arbeiter, Angestellte, Seelsorger und Wissenschaftler müssen sich durch ihre Leistungen beweisen. Wer nichts leistet, gerät leicht an den Rand. So breitet sich die Überzeugung aus: Wir müssen viel machen, viel leisten, um etwas zu erreichen und uns bestätigt zu fühlen. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft und viele arbeiten unter Leistungsdruck.
Das, was der Mensch leisten kann, stößt aber an klare Grenzen. Wir wissen heute, nur durch mehr arbeiten und mehr produzieren wird die Welt nicht besser und die Menschheit nicht glücklicher.
Der so genannte Fortschrittsglaube, der Glaube, dass mit dem technischen Fortschritt alle Probleme gelöst werden können, hat sich als naiv erwiesen. Das erhoffte allgemeine Glück ist ausgeblieben. Wir nützen Computer, Internet und Handies. Wir kommunizieren schnell. Grausame Kriege werden aber wie vorher geführt, die Arbeitslosigkeit nicht gemindert, neue Krankheiten und Seuchen brechen aus, die Scheidungen nehmen zu, immer mehr der immer weniger werdenden Kinder wachsen nicht in einer intakten Familie auf.
Der ursprüngliche Optimismus, dass die moderne Wissenschaft und der technische Fortschritt die Welt besser machen werden, ist verflogen.

Der weggewälzte Stein des Grabes Christi stellt die Leistungsphilosophie als die einzige Lebensphilosophie auch unter ein Fragezeichen. Die Osternacht, wie keine andere, erinnert uns daran, dass es nicht immer auf unsere Arbeit ankommt, dass es schon jemanden gibt, der für uns so viel gemacht hat, wie wir selbst nie tun könnten.

Zeugnisse der Bibel

Die Bibeltexte verkünden in dieser heiligen Nacht die großen Taten Gottes zu unserem Wohl.

(Gen 1). Der eindrucksvolle Schöpfungsbericht aus dem Buch Genesis übermittelt die erste Botschaft. Wie monumental und einmalig klingt sie in dieser heiligen Osternacht. Hier werden keine naturwissenschaftlichen Aussagen über die Entstehung der Welt gemacht. Hier wird etwas viel Bedeutenderes gesagt. Es wird uns gesagt, wie sehr wir Menschen Gott sehr wichtig sind: Mit Weisheit und Liebe hat er uns als Vollendung seiner Schöpfung ins Leben gerufen. Die Ebenbildlichkeit Gottes hat er in unsere Herzen gelegt. Wir tragen das Siegel Gottes auf unserem Menschsein. Das macht unsere Würde aus, die Würde jedes Menschen, die immer besteht und von seiner Leistung unabhängig ist. Dass der Mensch auch ohne Arbeitserfolge einen Wert hat, zeigte Gott daran, dass er nach sechs Arbeitstagen einen Ruhetag sich selbst und dem Menschen verordnet hat.

(Ex 14). Einmal ins Leben gerufen, wächst der Mensch und dann, leider, zeigt sich, dass die Wege seines Lebens nicht immer gerade sind. Gott hat den Menschen immer wieder geholfen, den richtigen Weg zu finden. Vieles was einem im Leben widerfährt, kann man selbst nicht richten, trotz der besten und modernsten Mittel. Wir dürfen aber wie die Israeliten aus der ägyptischen Sklaverei zu Gott rufen, ihn um Hilfe bitten. Er bleibt nicht stumm, er hört das Rufen, er führt mit erhobenem Arm die Unterdrückten durch die Fluten des Meeres in die Freiheit. Dieser Exodus ist nur eine der ersten seiner Befreiungstaten. Viele weitere werden folgen, bis in den heutigen Tag. So darf an diesem Ostermorgen sein Lob gesungen werden: "Dem Herrn will ich singen, machtvoll hat er sich kundgetan."

(Jes 55). Gott weiß um den Durst des Menschen, um den großen Durst, der sich nicht mit den selbst fabrizierten und gekauften Speisen stillen lässt. Deshalb sprach er durch den Propheten Jesaja die Worte, die auch uns heute gut tun: "Kommt ihr Durstigen, kommt alle zum Wasser. Kommt und kauft ohne Geld, kauft Wein und Milch ohne Bezahlung".
(Jes 55,1). Gott kann Hunger und Durst stillen, ohne dass es Geld kostet. Er tut es umsonst.

Diese drei Bibeltexte des Alten Testaments sind nur einige Kostproben des Gotteswirkens. Es sind Beispiele der Gottesleistungen für die Menschen.

Die größte Tat Gottes

Die größte Gottesleistung ist die Auferweckung Jesu von den Toten. Es war eine unerhörte Gottestat für Jesus, aber auch für uns: "Ihr seid mit Christus auferweckt" - heißt es im Kol 3,1. Wir sind mit ihm auferweckt, uns ist ein neues Leben geschenkt, ohne dass wir es verdient haben, umsonst, ohne jede Vorleistung unsererseits.
Halten wir uns das vor Augen. Im Alltag empfinden wir manchmal das Gegenteil. Jeder von uns könnte einige eigene Taten aufzählen: Wir kommen zum Gottesdienst, wir beten, lesen aus der Bibel, engagieren uns in der Pfarrgemeinde. Das sind unsere Taten. Sie sind aber nur eine kleine Antwort auf all das, was Gott für uns getan hat. Zuerst war sowieso er.

In der Erneuerung unseres Taufversprechens gipfelt die Liturgie der Osternacht. Wenn wir gefragt werden, ob wir an Gott den Vater, an Jesus Christus und an den Heiligen Geist glauben, dann sollten wir unser Bekenntnis nicht als eine Leistung auffassen. Gott verlangt von uns nicht eine Glaubensleistung, sondern er erinnert uns daran, dass er uns durch die Taufe zu seinen Söhnen und Töchtern gemacht hat. Das zu erneuernde Taufversprechen stellt uns die Taten Gottes vor Augen. Wir wurden ohne unsere Verdienste getauft. Unsere Taufe ist ein Geschenk. Er hat uns als seine Kinder angenommen, er hat uns geliebt bevor wir zur Liebe überhaupt fähig waren (1 Joh 4,19).

Der Stein fällt vom Herz

Sehen Sie, warum die Frauen im Morgengrauen so angenehm überrascht waren, dass der Stein vom Eingang des Grabes, der große Stein, schon weggewälzt war. Gott selbst hat ihnen die schwere Arbeit abgenommen. Gott selbst hat ihnen den Weg zur Auferstehung Christi frei gemacht. Sie mussten nichts machen, dafür konnten sie sofort sehen: Das Grab ist leer, und staunen: Jesus ist auferstanden.
Eine solche überraschende Entdeckung, dass auch unser Weg zur Begegnung mit dem Auferstandenen von Gott selbst frei gemacht wurde, und ein ähnliches Staunen wie das der Frauen wünsche ich uns allen an diesem Ostermorgen.

Den drei Frauen, Maria Magdalena, Salome und einer anderen Maria, ist vor dem leeren Grab Christi ein großer Stein vom Herzen gefallen. Möge in dieser Osternachtsfeier auch uns ein großer Stein vom Herzen fallen, der Stein, den wir selbst manchmal zwischen uns und Gott stellen, weil wir zu sehr auf uns selbst setzen und zu wenig ihm vertrauen.

 
 
Copyright © 10 / 1999 - 2009 by Dieter Herberhold
Last updated 06.12.07