Predigten 2006


Glaube und Vernunft nach dem hl. Albertus Magnus und Papst Benedikt
 
 
Predigt am Patrozinium von Pfarrer Dr. Czeslaw Lukasz, am 19. November 2006
 
 
 
Haben Sie auch daran gedacht, dass unser Kirchenpatron, der hl. Albertus Magnus, und unser Papst Benedikt gut zusammen passen? Ähnlich sind sie nicht nur in ihrer Liebe zu Gott, der Liebe zur Kirche, im Streben nach persönlicher Heiligkeit, in der Ausübung eines verantwortungsvollen Amtes. Es verbindet Sie noch etwas mehr: sie beide sind von brillanter Intelligenz.

Der hl. Albertus Magnus wurde schon von seinen Zeitgenossen "der Große" und "doktor universalis" genannt. Es wird von ihm gesagt, er sei der letzte Gelehrte, der noch das gesamte philosophische und naturwissenschaftliche Wissen seiner Zeit beherrschte. Danach war dies nicht mehr möglich.

Der große Intellektuelle unserer Zeit, Joseph Ratzinger kann mit diesem umfassenden Anspruch von Albertus Magnus nicht mithalten. Keinem Menschen ist es heute möglich, das gesamte Wissen unserer Zeit zu beherrschen. Man muss sich für einen Bereich entscheiden. Vom Papst wird z.B. gesagt, dass er es mit dem technischen Fortschritt nicht so hat, z.B. mit dem Handy. Seine Reden schreibt er klassisch mit der Hand – seine Sekretäre werden sie dann in die Computer eintippen und ins Internet stellen. Der Papst spart anscheinend die Kräfte seines Intellekts bei technischen Neuerungen, um sie woanders ganz einzusetzen, um z.B. so einen gescheiten Vortrag zu schreiben, wie jenen, den er in Regensburg gehalten hat.

Albertus Magnus und Benedikt – zwei brillante Intellektuelle, auch wenn sie 800 Jahre  zeitlich voneinander trennen.

Erkenntnis Gottes – das höchste Ziel der Vernunft

Ich habe hier ein Zitat, das von einem von ihnen stammt, aber zu den beiden passt: "Die vornehmste Kraft des Menschen ist die Vernunft. Das höchste Ziel der Vernunft ist die Erkenntnis Gottes".

Nicht Denken und Verstand, nicht der Wille, sondern die Vernunft wird hier als die vornehmste Kraft des Menschen genannt. Man kann sogar sagen: wer die Vernunft benutzt ist ein "vornehmer" Mensch.

Wozu hat aber der Mensch die Vernunft, seine Rationalität? Sicher brauchen wir die Vernunft überall: in der Lebensplanung, in der Arbeit, im Forschen, in der Erziehung der Kinder u.s.w. Das höchste Ziel der Vernunft ist aber die Erkenntnis Gottes. Die Suche nach Gott ist die ureigene Bestimmung der Vernunft.

Jetzt raten Sie von wem dieser Spruch stammt? Von Albertus Magnus oder vom Papst? Stimmen wir ab? Ja, vom hl. Albertus Magnus.

Unser Kirchenpatron und der Papst sind sich ähnlich, weil sie ihre ganze intellektuelle Kraft zur Erkenntnis Gottes einsetzen. Gott mit allen Kräften des Intellekts, der Vernunft zu suchen – das ist das große Anliegen des hl. Albertus Magnus und des Papstes.

Kein Konflikt zwischen Wissenschaft und Glaube

Die entscheidende intellektuelle Leistung von Albertus Magnus liegt nicht im Bereich der Theologie, sondern im Bereich der profanen Wissenschaften und in der Philosophie. Dieser mittelalterliche Gelehrte gilt als früher Wegbereiter der modernen Naturwissenschaften. Viele von seinen Erkenntnissen auf den Gebieten der Botanik, Zoologie, Mineralogie, der Psychologie und der Schlafforschung haben bis heute ihre Gültigkeit. Albertus Magnus entwickelt die rationale Wissenschaft und erkennt ihren Wahrheitsanspruch an.

Johannes Paul II. sagte bei seinem Besuch in Köln 1980 über ihn: Albertus Magnus hat das Statut einer christlichen Intellektualität verwirklicht, dessen Grundsätze heute noch gültig sind. Und dann zusammenfassend den Gedanken von Albertus Magnus sagte Johannes Paul: "Denn zwischen einer Vernunft, welche durch ihre gottgegebene Natur auf Wahrheit angelegt und zur Erkenntnis der Wahrheit befähigt ist, und dem Glauben, der sich der gleichen göttlichen Quelle aller Wahrheit verdankt, kann es keinen grundsätzlichen Konflikt geben." So "modern" war unser Kirchenpatron und lieferte schon damals eine Antwort allen, die heute zwischen Wissenschaft und Glauben Widerspruch sehen.

Über das Verhältnis zwischen Glauben und Vernunft schrieb Johannes Paul II. 1998 eine seiner großen Enzykliken: "Fides et Ratio", die so beginnt: "Glaube und Vernunft (Fides et ratio) sind wie die beiden Flügel, mit denen sich der menschliche Geist zur Betrachtung der Wahrheit erhebt."

Verkürzte Vernunft der westlichen Kultur

Die Vernunft als der Weg zur Erkenntnis Gottes - das war auch eines von den Themen der Papstreise nach Bayern. Kardinal Ratzinger hat sich schon früher in seinen zahlreichen Schriften mit dieser Thematik befasst. Vielleicht am bekanntesten ist sein Gespräch mit dem Philosophen Jürgen Habermas im Jahr 2004 "Dialektik der Säkularisierung. Über Vernunft und Religion."

Der Papst kennt wie kein anderer heutige philosophische und gesellschaftliche Strömungen in Europa mit dem propagierten Laizismus. In der Vorlesung in der Regensburger Universität legt er den Finger in die Wunde der europäischen Kultur. Sie droht ihre eigenen Grundlagen zu zerstören, wenn sie Glauben und Vernunft trennt, wenn sie Wissenschaft ohne Gott betreibt und die Religion zur Privatsache macht. Der Papst diagnostiziert der abendländischen Kultur Lähmung der Vernunft, eine Verkürzung, eine selbst verfügte Beschränkung der Vernunft. Eine Vernunft, die nur die Materie, nur das, was im Experiment erfassbar ist erforscht und keine Fragen nach dem Sinn des Ganzen stellt, ist insgesamt eine eingeschränkte, kranke Vernunft. So entsteht heute überall eine kalte Vernunft der Wissenschaftlichkeit, des Materialismus, des sozialen und intellektuellen Relativismus, der materialistischen Kultur. Dadurch steuert die Menschheit in Richtung einer Katastrophe der Selbstzerstörung. Deshalb der laute Ruf des Papstes an die westliche Welt: "Mut zur Weite der Vernunft, nicht Absage an ihre Größe".

In seiner Sorge um die Welt und das Schicksal der Menschen lädt Benedikt XVI. zu einem Dialog des christlichen Glaubens mit der modernen Welt ein, auch zu einem Dialog der Kulturen und Religionen auf Basis der Vernunft, denn – so der Papst – "nicht vernunftgemäß zu handeln ist dem Wesen Gottes zuwider".

Die Regensburger Vorlesung, seine schlaue "lectio magistralis", soll den europäischen Intellektuellen eine Herausforderung sein, über das Verhältnis zwischen Vernunft und Religion, Rationalität und Glaube nachzudenken. Bis jetzt haben sich aber nicht viele zu Wort gemeldet. Gemeldet haben sich dagegen Islamisten, obwohl der Papst in Regensburg nicht dem Islam, sondern dem säkularen Europa die Leviten gelesen hat.

Gegen Taubheit und Schwerhörigkeit

Die Vorlesung in Regensburg war aber nicht nur für "Spezialisten", sie war kein rein "akademischer Akt", bei dem es sich nur um eine intellektuelle Debatte handelte. Der Papst lehrte und predigte das, was notwendig das Leben eines Christen und sein Leben mit den anderen ausmacht.

Seine Worte auf dem Münchner Messegelände sagen das Gleiche in einer verständlicheren Form, aktuell für jeden von uns.

"Es gibt eine Schwerhörigkeit Gott gegenüber, an der wir gerade in dieser Zeit leiden. Wir können ihn einfach nicht mehr hören – zu viele andere Frequenzen haben wir im Ohr. Was über ihn gesagt wird, erscheint vorwissenschaftlich, nicht mehr in unsere Zeit passend. Mit der Schwerhörigkeit oder gar Taubheit Gott gegenüber verliert sich natürlich auch unsere Fähigkeit, mit ihm und zu ihm zu sprechen. So aber fehlt uns eine entscheidende Wahrnehmung. Unsere inneren Sinne drohen abzusterben. Mit diesem Verlust an Wahrnehmung wird aber der Radius unserer Beziehung zur Wirklichkeit drastisch und gefährlich eingeschränkt. Der Raum unseres Lebens wird in bedrohlicher Weise reduziert."

Deshalb bleibt der Ruf Jesu an den Taubstummen "Effata", "Öffne dich", und die Heilung der Taubheit sehr aktuell. Der Heilige Vater wünscht sich von Christen mehr Öffnung für diese heilende Stimme Jesu, für die Heilung und die Heiligung, die uns in den Sakramenten der Kirche zur Verfügung stehen.

Gott mit allen Kräften der Seele, des Verstandes und der Vernunft zu suchen, Glaube und Wissen in Einklang zu bringen, diesen Glauben weiterzugeben an Kinder und Jugend, sie in der Treue zur Kirche zu erziehen, sie gut auszubilden als Menschen mit breiten intellektuellen Horizonten, mit einer Weite der Vernunft – all das heißt als vernünftiger und "vornehmer" Mensch zu leben.

"Die vornehmste Kraft des Menschen ist die Vernunft. Das höchste Ziel der Vernunft ist die Erkenntnis Gottes". – so wahr uns Gott, durch die Fürsprache unseres Kirchenpatrons, helfe. Amen.

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Last updated 06.12.07