Predigten 2003


Zum 25. Amtsjubiläum von Johannes Paul II.


Predigt von Dekan Dr. Czeslaw Lukasz am "Kirchweihsonntag", 19. Oktober 2003
 
 
 
"Der Brückenbauer", "Der Friedensstifter", "Ein Glücksfall für die ganze Menschheit", "Der Athlet Gottes", "Der Mystiker", "Der Global Player", "Der Fels", "Mahner zum Wohl der Menschheit", "Unermüdlicher Diener", "Geschenk für unsere Zeit", "John Paul – Superstar", "Ein lebendiger Heiliger" - solche Überschriften waren zu finden in der Presse letzte Woche. Wer ist das? Ja: "Karol der Große", "Ein Papst der Rekorde", der 264. Nachfolger auf dem Stuhl Petri in Rom, Johannes Paul II., der am vergangenen Donnerstag sein 25-jähriges Amtsjubiläum gefeiert hat. Es ist das drittlängste Pontifikat der Kirchengeschichte.

Perfekte Sensation

Die Sensation war perfekt an diesem späten Nachmittag vor 25 Jahren, als aus der Benediktionsloggia der Petersbasilika verkündet wurde: "Habemus papam! Dominum Carlum, sanctae romanae ecclesiae cardinalem Wojtyla. – hier wurde die applaudierende Menge auf dem Petersplatz still und perplex: Wer ist dieser? fragte man sich. Die Ankündigung wurde fortgesetzt: "Qui sibi nomen imposuit Johannis Pauli."
Vielleicht erinnern Sie sich auch an diesen Abend des 16. Oktober 1978 als diese überraschende Nachricht aus Rom kam. Nach 450 Jahren der erste Nicht-Italiener, ein Kardinal aus Krakau, damals hinter dem eisernen Vorhang. Papst "aus einem fernen Land", wie er es selbst gesagt hat.
Ich war damals im Priesterseminar in Warschau, ging durch den halbdunklen Gang als ein Mitstudent plötzlich aus seinem Zimmer heraus sprang und laut schrie: "Wojtyla Papiezen""Wojtyla wird Papst". Aus allen Zimmern sprangen Studenten heraus, wir standen alle da auf dem breiten Gang. Überraschung, Freude, Sprachlosigkeit, Bewundern – mischten sich. Ich konnte damals nicht so richtig begreifen, was die Wahl bedeutete.

"Komm, Heiliger Geist, und erneuere das Gesicht dieser Erde"

Ein Jahr später als Karol Wojtyla an Pfingsten 1979 seine Heimat zum ersten Mal als Papst besuchte, habe ich mich als Ordnungsverantwortlicher für 200 Meter der Strecke, die vom Flughafen in die Warschauer Altstadt führte, gemeldet. Da ich mehrere Helfer hatte und alle Leute sehr diszipliniert waren, konnte ich ihm zum ersten Mal von der Nähe zuwinken. Zwei Tage danach habe ich die ganze Wucht eines Leibwächters am eigenen Leib gespürt. Noch bevor ich es gemerkt hatte, wurde ich von ihm fünf Meter zurückgeschoben. Die Albe, die ich als Seminarist trug, war kein Argument. Ich wäre ohne Erlaubnis zu nahe an den Altar getreten, an dem er die Hl. Messe für Studenten feierte.

Mutig klangen seine Worte am Pfingstfest auf dem großen, zentralen Siegesplatz in Warschau, Worte die – buchstäblich – Geschichte machten: "Komm, Heiliger Geist; komm, Heiliger Geist – betete er - und erneuere das Gesicht der Erde, dieser Erde" – diesen Zusatz kennt jeder Pole: erneuere das Gesicht dieser Erde.
Und der Heilige Geist ist gekommen. Ein Jahr später, im Sommer 1980, dem Jahr meiner Priesterweihe, entsteht Solidarnosc – die erste freie Gewerkschaft mit Lech Walesa, dem späteren Friedensnobelpreisträger, an der Spitze. Nichts konnte diesen Geist bändigen, weder der Kriegszustand, der im Dezember 1981 von General Jaruzelski verhängt wurde, noch die Angst vor einer sowjetischen Invasion, noch die Gleichgültigkeit der Nachbarstaaten. Von Rom aus unterstützte der Heilige Vater bei Audienzen und Ansprachen sein Volk in der Heimat im Kampf um Freiheit und Demokratie und besuchte es noch zweimal bis im Frühjahr 1989 Solidarnosc wieder zugelassen wurde und nach den halbfreien Wahlen die erste nicht kommunistische Regierung im Ostblock unter Mazowiecki gebildet wurde. Das war Juni 1989, der Anfang vom Ende des Kommunismus, der erste Schritt zum Zusammenbruch des Ostblocks.

Papst für Europa

Die freiheitlichen Ideen wirkten diesmal auch auf die Nachbarn, zuerst auf Ungarn, dann auf Tschechien, dann auf die DDR und wie es weiter ging, wissen Sie selbst sehr gut. Der Fall der Berliner Mauer, die Vereinigung Deutschlands, die Demokratisierung aller Ostblockländer, der Zerfall der Sowjetunion. Es entstand ein freies Europa, das – wie der Papst sagte – mit zwei Lungen atmen kann.
Es wird oft übersehen und vergessen, worauf diese großartigen friedlichen Veränderungen Europas zurückzuführen sind: auf die Wahl und die Wirkung dieses Papstes. Davon sind viele überzeugt. Selbstverständlich haben andere Bürger und Politiker mitgewirkt. Der Same der Freiheit wurde aber von ihm durch seine erste Reise und durch die ständige Unterstützung von Solidarnosc gesät. Ohne ihn wäre diese friedliche Revolution in Europa nicht möglich gewesen.
Kein Wunder, das ihm die Einheit Europas bis heute sehr am Herzen liegt. Der Papst unterstützt die europäische Einigung. Er tritt stark ein für die Wiederentdeckung der christlichen Fundamente, auf denen unser Kontinent in 2000 Jahren gewachsen ist. Die Bemühungen um den so genannten Gottesbezug und die Erwähnung der christlichen Werte in der neuen Europäischen Verfassung sind durch seine Sorge getragen, dass dieses bunte europäische Haus eine tiefere Basis der Einheit haben muss um bestehen zu können. Die freie Marktwirtschaft und offene Grenzen können nicht zur dauerhaften Einheit führen, zur Einheit, die unser Kontinent braucht, damit wir alle in Frieden leben und arbeiten können.
Fast alle Länder Europas besuchte er. Nur nach Russland schaffte er es noch nicht: Mehrere tüchtige Gesandte, Bischöfe, Priester, Ordensleute vertreten dort die katholische Kirche und die Anliegen des Papstes.
Ein Europäer ist unser Heiliger Vater. Wie kein anderer vor ihm kennt er viele unserer europäischen Sprachen, was den Menschen das Gefühl vermittelt: Er nimmt uns alle mit unseren Sprachen und Kulturen ernst.

Papst für die Welt

Wie kein anderer vor ihm ist er auch der Weltpapst. Alle Kontinente bereiste er, um Christen im Glauben zu stärken. Den Politikern überall redete er ins Gewissen. Er hat die Geschichte in der Welt entscheidend geprägt und der Kirche Ansehen in der Welt verschafft. Es wird gesagt: bis jetzt sei kein Mensch so vielen Menschen begegnet wie er. Niemand kann Millionen von Menschen versammeln wie er. Die Eucharistie auf den Philippinen mit vier Millionen Menschen war die größte Versammlung in der Geschichte der Menschheit. Beim Weltjugendtag 2000 in Rom jubelten zwei Millionen Jugendliche dem Papst mit einer unwahrscheinlichen Begeisterung zu. Ein Papst der unumstrittenen Rekorde.
Durch seine Weltreisen brachte er zum Ausdruck, dass wir Christen aller Länder und Sprachen der einen Kirche angehören, in der er, der Nachfolger Petri, das Zeichen der Einheit und der universale Hirte ist.
Mich beeindruckte es jedes Mal, wenn er nach der Landung den Boden des besuchten Landes geküsst hat, solange er es noch konnte. Ich habe empfunden: er zeigt durch diese Geste: Auch dieses Land ist Gottes Erde, Gottes Boden, und die Menschen, die darin wohnen, sind Gottes Geschöpfe.

Papst für jeden Menschen

In Erinnerung bleibt mir seine Art einen Menschen anzuschauen, sein scharfer Blick. Noch als Philosophiestudent in Krakau ist mir aufgefallen, wie er mich und andere bei einer Begegnung, damals noch als Bischof, buchstäblich fixiert hat. Diesen Blick habe ich später in Rom wieder erfahren. Vier, fünf Male durfte ich ihm begegnen und auch ein paar Worte mit ihm wechseln. In seinen Augen habe ich immer das Gleiche gelesen. Sein Blick ist so, als ob er jedem Menschen sagen möchte: Du bist von Gott gewollt, du bist Gott ebenbildlich, einzigartig, unersetzlich, um einen hohen Preis erlöst.
Deshalb ist ihm jeder Mensch unglaublich wichtig, deshalb tritt er ein für den Frieden, für die Menschenrechte, für die Gerechtigkeit, für jedes Leben in dieser Zivilisation, die man "Zivilisation des Todes" nennt, und der er das "Evangelium des Lebens" verkünden will.

Papst für Deutschland

Unser Herr Kardinal, mehrere deutsche Bischöfe und Gläubige, waren in Rom, um mit dem Heiligen Vater am letzten Donnerstag den Dankgottesdienst zu feiern. Diese Besucher können nicht darüber hinweg täuschen, dass er in Deutschland, wie in keinem anderen mir bekannten Land, so skeptisch beurteilt, wenn nicht manchmal auch ungerecht verurteilt wird.
Es mag sein, dass deutsche Christen besonders kritische Christen sind, dass dieses Land der Reformation eine andere Sicht seines Amtes fordert, dass dieser Mann aus Polen aufgrund der europäischen Geschichte nicht leicht die volle Anerkennung hierzulande bekommt, und trotzdem sollten wir Katholiken zu unserem Heiligen Vater und Hirten ein nicht so angespanntes Verhältnis pflegen.
Wer global, weltkirchlich, d.h. katholisch denkt, der wird verstehen, dass der Papst nicht jeden Wunsch der deutschen Christen erfüllen kann. Er muss die Gesamtheit der Kirche im Blick haben. Deutsche Katholiken machen nicht einmal 2% der katholischen Christen weltweit aus. Er schenkt uns mit Sicherheit mehr Aufmerksamkeit als wir auf Grund der Zahl es gerechterweise verdienen würden. Mehre Male besuchte er Deutschland, zwei Mal war er in München, zwar kein einziges Mal in Ottobrunn - aber das versteht man auch. Mehrere deutsche Frauen und Männer hat er selig und heilig gesprochen. Er schätzt sehr die deutsche Gelehrsamkeit: Prof. Josef Ratzinger und Prof. Walter Kasper hat er zu den engsten Mitarbeitern berufen und zu Kardinälen gemacht.
Die Wahrheit Gottes, die er unermüdlich verkündet, wollen nicht alle hören. Aber das ist ja nicht seine Schuld.

"Wie schön ist es dem Herrn zu danken"

Wir danken heute Gott für diesen Papst, den Gott seiner Kirche in diesen turbulenten Zeiten geschenkt hat. Ich war schon ein bisschen traurig, dass er auch dieses Mal den Friedensnobelpreis nicht bekommen hat. Dann habe ich aber gedacht: er braucht von Menschen keine Auszeichnung. Gott selbst wird ihn für seinen treuen Dienst auszeichnen und belohnen. Seine Gebrechlichkeit und Krankheit, die er vor der Welt nicht versteckt, binden ihn noch stärker an Christus, der für uns alle gelitten hat.
Alt und müde wirkte er Anfang September als unsere Ministranten ihn in der Audienzhalle grüßten und mit ihm beteten. Viele jubelnde Gruppen aus der ganzen Welt, die in der Audienz dabei waren, haben uns wieder die Universalität der Kirche vor Augen geführt.
Mit leiser Stimme kommentierte er für uns den Psalm 92, in dem es heißt:

"Wie schön ist es dem Herrn zu danken,
deinem Namen du Höchster zu singen,
am Morgen deine Huld zu verkünden
und in den Nächten deine Treue".

Er sprach engagiert von der Freude am Gebet und wir wissen, dass er ein Mensch des Gebetes ist, eben "der Mystiker". Jeden Tag beginnt er mit einer einstündigen Meditation und der anschließenden Eucharistiefeier. Ich frage mich, wie schafft er das bei all seinen Aufgaben und Pflichten. Zu ihm würden auch Worte passen, die ein Ordensmann einmal sagte: "Ich bete jeden Tag eine Stunde. Nur wenn ich viel zu tun und keine Zeit habe, dann bete ich zwei Stunden." Im Gebet macht der Papst mit Gott alles aus, was für die Kirche und die Welt gut ist.
Ich möchte ihm heute im Gebet Gratulationen und Wünsche unserer Pfarrgemeinde schicken und zwar mit den Worten, die ich bei einer Begegnung mit dem Papst in Rom von den spanischen Jugendlichen gelernt habe. Sie haben im Rhythmus skandiert: "Juan Pablo segundo, te quiere todo el mundo." – "Johannes Paul der zweite, dich liebt die ganze Welt." Wir auch!

 
 
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Last updated 06.12.07