Predigten 2002

 


Pfingsten mit "Vaterunser" in vielen Sprachen

 
Predigt von Dekan Dr. Czeslaw Lukasz zum Pfingstfest, 19. Mai 2002
 
 
 
Der Geist macht uns zu Kindern Gottes

"Wir haben den Geist empfangen, der uns zu Kindern Gottes macht." – So lautet eine Einführung zum Gebet "Vaterunser". Der Geist, den wir empfangen haben, macht uns zu Kindern Gottes.
Werden wir aber nicht durch Jesus zu Kindern Gottes? Wir haben gelernt: Jesus war Sohn Gottes und alle, die an ihn glauben, werden Kraft dieses Glaubens auch Söhne und Töchter Gottes. Oder anders herum: Jesus, der Sohn Gottes, ist Mensch und unser Bruder geworden. So wird sein Vater auch zu unserem Vater. Durch Jesus werden wir zu Kindern Gottes.
Wie ist es dann zu verstehen, dass der Heilige Geist uns zu Kindern Gottes macht? Werden wir durch Jesus oder durch den Heiligen Geist zu Kindern Gottes?
Dies ist kein Gegensatz. Der Geist, der uns gegeben wird, ist der Geist Jesu, es ist sein Geist. Der Heilige Geist ist nicht etwas von Jesus Getrenntes, Unabhängiges. Den Heiligen Geist können wir uns als das Lebensprinzip, als die Lebenskraft in Jesus selbst vorstellen als das, was Jesus selbst erfüllte und bewegte, was Jesus ausmachte.

Der Geist der Gottessohnschaft

Dieses Prinzip war in Jesus seine Gottessohnschaft. Das machte Jesus aus, davon lebte er, dass er Gottessohn war. Wenn wir nun seinen Geist empfangen, dann empfangen wir das, was ihn ausmachte, eben den selben Geist der Gottessohnschaft.
Der Apostel Paulus, der sich selbst vom Heiligen Geist erfüllt und geführt spürte, spricht von ihm in faszinierenden Worten: "Denn alle, die sich vom Geist Gottes leiten lassen, sind Söhne Gottes. Denn ihr habt nicht einen Geist empfangen, der euch zu Sklaven macht, so dass ihr euch immer noch fürchten müsstet, sondern ihr habt den Geist empfangen, der euch zu Söhnen macht, den Geist, in dem wir rufen: Abba, Vater!" (Röm 8,14-15).
Durch die Gabe des Geistes werden wir zu Kindern Gottes. Das äußert sich darin, dass wir rufen und beten können: "Abba, Vater". Mit anderen Worten, der Geist befähigt uns dazu, dass wir im Gebet Gott Vater nennen. Der Geist Gottes öffnet uns den Weg zum Vater, er legt in unser Herz das Wort "Abba, Vater" mit dem wir uns an Gott wenden können. Der Heilige Geist macht uns fähig, eine väterliche Beziehung zu Gott aufzubauen und durch diese Beziehung werden wir zu Söhnen und Töchtern Gottes.
Bedeutsam ist, dass Paulus hier das ureigene Wort Jesu zitiert: "Abba". "Abba" ist im Aramäischen, in der Muttersprache Jesu, die vertrauliche Form, in der man den Familienvater anredet. Eine Übersetzung auf Deutsch mit "Papa, Papi" wäre möglich. So hat Jesus mit Gott gesprochen. Er hat sich so wohl, so aufgehoben in seinem Vater gefühlt, dass er diese innige Beziehung zu Gott an die Jünger weiter gegeben hat.

"Vaterunser" - das Gebet der Kinder Gottes

"Lehre uns beten" baten ihn die Jünger (Lk 11,1). "Wenn ihr betet, sollt ihr nicht plappern wie die Heiden, die meinen, sie werden nur erhört, wenn sie viele Worte machen. Macht es nicht wie sie... So sollt ihr beten: Vater unser im Himmel ..." (Mt 6,7-9).
Der Heilige Geist, der Geist Jesu, betet in uns und mit uns, wenn wir zu Gott als unserem Vater beten. Er macht uns Jesus ähnlich und führt uns in diese Vertrautheit mit Gott dem Vater, in der Jesus selbst lebte.
So können wir nachvollziehen was Paulus im nächsten Satz schrieb: "So bezeugt der Geist selber unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind" (Röm 8,16).
Der Heilige Geist sagt unserem Geist, dass wir Gott als Vater haben. Wenn der Geist Gottes mit unserem Geist spricht, bewirkt er die Gottessohnschaft in uns und macht uns zu Kindern Gottes.
Öffnen wir an diesem Pfingstfest unseren Geist für Gottes Geist. Lassen wir den Heiligen Geist in uns wirken, dass er unsere Beziehung zu Gott als unserem Vater stärkt. Lassen wir den Heiligen Geist in uns hinein und hören wir, wie er in uns und mit uns betet "Abba, Vater". Lassen wir uns von diesem Gebet tragen und entdecken wir erneut, dass wir Kinder unseres Vaters im Himmel sind, dass wir in ihm geborgen und gut aufgehoben sind.
Wir beten heute am Pfingsttag: Komm Heiliger Geist, stärke und verwandle unseren Geist, damit wir aus dem Geist Jesu leben und immer mehr Söhne und Töchter Gottes werden.

"Vaterunser" in zehn Sprachen

Jesus hat in seiner Muttersprache, in Aramäisch gebetet. In der ganzen Welt wird das "Vaterunser" in über 5000 Sprachen gebetet – so dass jeder Christ "Vater" in seiner Muttersprache beten kann. Die eigene Muttersprache liegt einem am nächsten und keine Übersetzung, keine Sprachkenntnisse können dieses Gefühl vermitteln, das man in seiner Muttersprache hat, wenn man Gott "Vater" nennt.
Heute am Pfingstfest, an dem das Pfingstwunder - das Sprachwunder - geschah, möchten wir unsere Fürbitten mit dem Gebet "Vaterunser" in mehreren Sprachen aussprechen.
Ein Gemeindemitglied hat das Gebet "Vaterunser" in zehn Sprachen kunstvoll verziert auf zehn große Tafeln geschrieben.
Nicht nur auf Deutsch wird das "Vaterunser" in unserer Pfarrgemeinde gebetet. Einige Gemeindemitglieder beten es anders, wenn sie in ihrer Muttersprache beten.
Wir schließen uns diesem Gebet in mehreren Sprachen an und bekräftigen es mit der Bitte um den Geist. Nach jeder Fürbitte singen wir den Refrain: "Sende aus deinen Geist, und das Antlitz der Erde wird neu."
Möge sich das Antlitz der Erde immer mehr dadurch erneuern, das immer mehr Menschen Gott ihren Vater nennen und als Kinder Gottes leben.
 

Vater unser (Griechisch) GRIECHISCH (Dr. Lukasz)

Das Gebet "Vaterunser" kennen wir aus dem Matthäus- und Lukas-Evangelium, die auf Griechisch verfasst sind. Griechisch ist die Sprache des Neuen Testaments und die Sprache der ersten Generationen der Christen.
Ich möchte heute für alle beten, die sich dem Bibelstudium widmen, für meine Professoren und Studienkollegen vom Bibelinstitut in Rom, für alle, die die Heilige Schrift lieben und sie oft lesen, dass der Heilige Geist, der diese Schriften inspiriert hat, unser Herz öffnet für ihre Botschaft.
Darum möchte ich das "Vaterunser" im Original, nach dem Matthäus-Evangelium beten.
(Es folgt "Vaterunser" auf Griechisch.)
LATEIN (Hr. Lamatsch)

Die lateinische Sprache war fast 2000 Jahre die sprachliche Verbindung in der Weltkirche und die Grundlage für die Verbreitung unseres Glaubens. Sie half auch bei der Weitergabe von Forschung, Bildung und Wissenschaft.
Herr, ich möchte heute für die Gelehrten und Forscher beten: Lass ihr Wissen und ihre Fähigkeiten im Glauben an dich zum Wohle aller Menschen gedeihen.
Vater unser (Latein)
Vater unser ... (Französisch) FRANZÖSISCH (Fr. Wager)

Frankreich rühmte sich, eines der ersten Länder in Europa gewesen zu sein, die sich zum Christentum bekehrt haben. Das Land wurde "die erstgeborene Tochter der Kirche" (Fille Aînée de l'Église) genannt. Heute ist Frankreich eines der am meisten säkularisierten Länder Europas.
In meiner Muttersprache möchte ich heute für französisch sprechende Christen auf allen Kontinenten und für alle, die nicht an Gott glauben beten.
SPANISCH (Hr. Rohwedder)

Spanisch sprechen die meisten Christen auf unserer Erde. In Lateinamerika leben und leiden die Menschen unter Korruption, Unterdrückung und in bitterer Armut.
Herr, ich bitte dich in meiner Muttersprache für die Verantwortlichen in Staat und Kirche, dass sie in der Fülle der Sachzwänge und Einzelinteressen, das Wohl des Volkes im Auge behalten und sich von den Prinzipien Frieden, Gerechtigkeit und Solidarität leiten lassen.
Vater unser ... (Spanisch)
Vater unser ... (Italienisch) ITALIENISCH (Fr. Fornasier)

Italienisch ist die heutige Sprache Roms, der Stadt, die seit 2000 Jahren ohne Unterbrechung geistiger Mittelpunkt unseres christlichen Abendlandes ist.
Herr, ich bete heute für eine die Welt prägende Kraft unseres christlichen Menschenbildes, ich bete auch für alle Gläubigen, die nach Rom zu den heiligen Stätten des Christentums pilgern.
Der Heilige Geist legt mir ins Herz, dieses Gebet zu unserem Vater in meiner Muttersprache zu sprechen.
ENGLISCH (Fr. Rohwedder)

Englisch ist die Einheitssprache unserer "schönen" globalisierten Welt und die Computersprache schlechthin.
Herr, ich bete darum, dass dieser Globalisierung nicht alle nationalen Kulturen und Sprachen, und nicht der Mensch und Gott geopfert werden.
Ich bete auch für unsere Jungend, dass sie vor schädlichen Einflüssen der modernen Kommunikationsmedien bewahrt werde.
Um all das möchte ich zu unserem Vater in meiner Muttersprache beten.
Vater unser ... (Englisch)
Vater unser ... (Kroatisch) KROATISCH (Fr. Gaisa)

Nicht alle Länder durften in den letzten Jahrzehnten in Frieden leben. Nationalismus und Egoismus haben viel menschliches Leid und Zerstörung gebracht.
Herr, ich möchte heute beten für alle Länder und Völker die uneins sind und gegeneinander Kriege führen. Um Frieden in der ganzen Welt möchte ich in meiner kroatischen Muttersprache beten.
POLNISCH (Fr. Kaistra)

Seit dem 17. Oktober 1978 sitzt auf dem Bischofsstuhl von Rom der Nachfolger Petri, dessen Muttersprache Polnisch ist. Unser Papst bereist die ganze Welt und spricht mehrere Sprachen, immer besuchte er auch gerne seine Heimat und sprach Polnisch.
In seiner und meiner Muttersprache möchte ich beten für den Heiligen Vater, um gute Gesundheit und um gute Berater, die ihm bei seiner Gebrechlichkeit treu zur Seite stehen.
Vater unser ... (Polnisch)
Vater unser ... (Deutsch) DEUTSCH (ein Kind)

Viele Kinder aus unserer Gemeinde wachsen mit dem Gebet "Vaterunser" auf. Ich möchte für alle Kinder beten, dass sie lernen, Gott als unseren Vater zu lieben.
 
 
(Hinweis: Die VaterUnser-Tafeln (DIN A2) wurden von Werner Jaugstetter gestaltet;
Bilder nach Fotos von Herbert Grohmann)
 

 
 
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Last updated 06.12.07