Predigten 2006


DEUS CARITAS EST - GOTT ist die LIEBE
Predigtreihe zur Enzyklika von Papst Benedikt XVI.
Altarraum in St. Albertus Magnus; Fastenzeit 2006
bullet1. Teil: Liebe als Eros und Agape, 19. März 2006
    Predigt von Pfarrer Dr. Czeslaw Lukasz
bullet2. Teil: Gott liebt die Menschen, 26. März 2006
    Predigt von Pfarrer Dr. Czeslaw Lukasz
bullet3. Teil: Liebestätigkeit in der Kirche, 2. April 2006
    Gedanken von PR Gabriele von Reitzenstein
 
 
 
Predigtreihe Teil 1, 3. Fastensonntag, 19. März 2006

Liebe als Eros und Agape

Predigt von Pfarrer Dr. Czeslaw Lukasz

"Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm" (1 Joh 4,16). In diesen Worten aus dem Ersten Johannesbrief ist die Mitte des christlichen Glaubens, das christliche Gottesbild und auch das daraus folgende Bild des Menschen und seines Weges in einzigartiger Klarheit ausgesprochen. Außerdem gibt uns Johannes in demselben Vers auch sozusagen eine Formel der christlichen Existenz: "Wir haben die Liebe erkannt, die Gott zu uns hat, und ihr geglaubt" (vgl. 4,16).

Mit diesen Sätzen beginnt die erste Enzyklika von Papst Benedikt. Sie hat die Liebe zum Thema – ein aktuelles, spannendes, aber auch ein schwieriges Thema, weil man heute unter dem Wort "Liebe" ganz unterschiedliche Dinge versteht. Das Wort "Liebe" ist heute zu einem der meist gebrauchten und auch meist missbrauchten Wörter geworden. In diesem Durcheinander der verschiedenen Deutungen der "Liebe" eine Ordnung zu schaffen, auf Gott als die Quelle der Liebe hinzuweisen und die Christen zur Nächstenliebe zu ermutigen – das sind die Hauptanliegen der Enzyklika.

Es ist eine relativ kurze Enzyklika, wenn man sie mit einigen von Johannes Paul vergleicht. Sie zählt 58 Seiten und besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil hat als Überschrift: "Die Einheit der Liebe in Schöpfung und Heilsgeschichte" und behandelt das Verständnis der Liebe in der Antike und in der Bibel. Der zweite Teil hat die Überschrift: "Caritas. Das Liebestun der Kirche als einer ´Gemeinschaft der Liebe´" und spricht von der kirchlichen Umsetzung des Gebotes der Nächstenliebe in die Praxis.

In drei Predigten an den kommenden Sonntagen möchte ich Sie auf die Enzyklika neugierig machen. Ich werde einige Punkte herausgreifen – ohne dieses Papstschreiben zusammenfassen zu wollen.
Was unterscheidet das christliche Verständnis von Liebe von den anderen Auffassungen? Auf diese Frage möchte ich heute eine Antwort in der neuen Enzyklika suchen.

Wie gesagt, das Wort "Liebe" ist heute eines der meist gebrauchten Wörter mit einer ganzen Bedeutungsvielfalt. Der "Urtypus" der Liebe war und ist auch heute die Liebe zwischen Mann und Frau – aus diesem Kontext leitet sich die ganze Bedeutungsvielfalt ab, wie Vaterlandsliebe, Liebe zur Arbeit, Liebe unter Freunden.

Eros bei den alten Griechen

Um das spezifisch Christliche aufzuzeigen vergleicht der Papst die biblische Auffassung der Liebe mit der der alten Griechen. Die Griechen benutzten am häufigsten für die Liebe das griechische Worte "Eros" und verstanden darunter "die Liebe zwischen Mann und Frau, die nicht aus Denken und Wollen kommt, sondern den Menschen gleichsam übermächtigt". In diesem "Eros" haben die Griechen zunächst den Rausch, die Übermächtigung der Vernunft durch eine "göttliche Raserei" gesehen, die den Menschen aus der Enge seines Daseins herausreißt und ihn in diesem Überwältigtwerden durch eine göttliche Macht die höchste Seligkeit erfahren lässt. Deshalb gab es in den Religionen Fruchtbarkeitskulte, zu denen die kultische Prostitution in vielen Tempeln gehörte. Eros wurde als die göttliche Macht gefeiert, als Vereinigung mit dem Göttlichen.

Das Alte Testament hat sich dieser Art der Religion mit aller Härte widersetzt und sie als Perversion des Religiösen bekämpft. Was von den Griechen gefeiert wurde, ist die falsche Vergöttlichung des Eros. Das steht nicht nur dem Glauben an den einen Gott entgegen. In der Tempelprostitution werden Menschen nicht als Personen behandelt, sondern sie werden als Objekte der Begierde missbraucht. Die angestrebte göttliche Ekstase ist in Wirklichkeit Absturz des Menschen. Der Papst schreibt: So wird sichtbar, dass Eros der Zucht, der Reinigung bedarf, um dem Menschen nicht den Genuss eines Augenblicks, sondern einen gewissen Vorgeschmack der Höhe der Existenz zu schenken – jener Seligkeit, auf die unser ganzes Sein wartet.

Agape und biblisch-christliche Auffassung

Gegen diesen heidnischen Hintergrund versucht der Papst die Liebe im christlichen Verständnis zu erklären. Hier nur Hinweise auf einige Schwerpunkte:

(1) Dieser Blick in die biblische Umwelt zeigt, dass Liebe doch irgendwie mit dem Göttlichen zu tun hat. Sie verheißt Unendlichkeit, Ewigkeit – das Größere und ganz Andere gegenüber dem Alltag unseres Daseins. Die Bibel und die Christen bekennen auch die göttliche Dimension der Liebe: "Gott ist die Liebe".

(2) Der Mensch als Person besteht aus Leib und Seele. Nur wenn diese beiden Elemente zusammengefügt werden, kann die Liebe – Eros - zu ihrer wahren Größe reifen. Wir erleben heutzutage eine einseitige Verherrlichung des Leibes. Eros wird zum Sex degradiert, zur Ware, zur bloßen "Sache", die man kaufen und verkaufen kann. In diesem Phänomen sieht der Papst eine "Entwürdigung des menschlichen Leibes", der aus der Ganzheit unseres Leib-Seele-Daseins losgelöst wird. Dem gegenüber betont der christliche Glaube, dass der Mensch, der aus Leib und Seele besteht, mit dem Leib und auch mit Geist ganzheitlich lieben soll. Deshalb weist die Kirche den Vorwurf der Leibfeindlichkeit zurück. Ihr geht es darum, dass der Mensch zu einer größeren Liebe als nur zur Befriedigung des Leibes den Weg findet.

(3) Um diese neue Auffassung der Liebe zu beschreiben, gebraucht die Bibel ein anderes Wort als "Eros" (das nur zweimal im AT und kein einziges Mal im NT vorkommt). Dieses neue biblische Wort für die Liebe heißt im griechischen Original "Agape". Im Gebrauch eines neuen Wortes zeigt sich die Neuheit des Christentums gerade im Verstehen der Liebe.
Was heißt Agape? Dieses Wort drückt die Erfahrung der Liebe aus, die die Entdeckung des anderen ist und so den egoistischen Zug überwindet, der beim griechischen Eros vorher so deutlich war. Liebe wird zur Sorge um den Anderen und für den Anderen. Agape will nicht mehr sich selbst – das Versinken in der Trunkenheit des Glücks –, sie will das Gute für den Geliebten: sie wird Verzicht, sie wird bereit zum Opfer.
Auch diese Liebe – Agape - zielt auf das Endgültige, sie zielt auf Ewigkeit. Ja, sie ist "Ekstase", aber Ekstase nicht im Sinne des rauschhaften Augenblicks, sondern Ekstase als ständiger Weg aus dem egoistischen Ich zur Freigabe des eigenen Ich, zur Hingabe und so gerade zur Selbstfindung und zur Findung Gottes.

(4) Am Ende dieser Erwägungen über das Wesen der Liebe, sagt der Papst, dass in Wirklichkeit sich Eros und Agape niemals ganz voneinander trennen lassen und sie dürfen auch nicht getrennt bleiben. Je mehr beide in Einheit miteinander treten, desto mehr verwirklicht sich das wahre Wesen der Liebe überhaupt.
Nach diesen philosophischen Überlegungen über das Wesen der Liebe geht der Papst zur Bibel über und sucht in ihr nach Bildern, die über die Liebe Gottes zum Volk sprechen, die den Höhepunkt in der Hingabe Jesu für alle Menschen den Höhepunkt erreicht. Darüber, wie Gott die Menschen liebt, werde ich am nächsten Sonntag sprechen.

Das wichtigste Gebot

Heute zum Schluss ein biblischer Impuls:
Der Glaube an Gott ist keine nur intellektuelle Angelegenheit. Der Glaube an Gott, unser Verhältnis zu ihm, hat mit Liebe zu tun: mit seiner Liebe zu uns und mit unserer Liebe zu ihm.
Gott ist die Liebe. Er hat uns als Erster geliebt - ganz ohne unsere Verdienste. Deshalb heißt es schon im Glaubensbekenntnis Israels, das auch Jesus als das erste und wichtigste Gebot zitiert: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. (Mt 22,36-39). Von diesen zwei Geboten hängt alles ab.

Diese beiden Liebesgebote könnten auch Programm für unsere Fastenzeit werden: zu entdecken, wie Gott uns liebt und auf seine Liebe mit unserer Liebe zu antworten: mit der Liebe zu ihm und zu unserem Nächsten. Gewiss - ein zentrales und anspruchsvolles Programm für diese österliche Bußzeit.
 

Predigtreihe Teil 2, 4. Fastensonntag, 26. März 2006

Gott liebt die Menschen

Predigt von Pfarrer Dr. Czeslaw Lukasz

Wer Liebe schenken will, muss selbst mit ihr beschenkt sein. Der Mensch kann nicht immer nur geben. Er muss auch empfangen. - So der Papst in der Enzyklika. Damit der Mensch wahrhaft lieben kann, muss er selbst immer wieder aus der ursprünglichen Quelle trinken, die in Gott und in Jesus Christus sich erschließt. Gott ist die Liebe – Gott ist die Quelle auch für unsere Liebe.

Darüber, wie das zu erfahren ist und wie Gott Menschen liebt, möchte ich in dieser zweiten Predigt zur Enzyklika sprechen. So wie in der ersten vor einer Woche, will ich hier keine Zusammenfassung der Enzyklika geben, sondern einige Gedanken vermitteln, um Ihnen die persönliche Lektüre schmackhaft zu machen.

Gott, von dem die Bibel spricht, ist ganz anders als die Götter der antiken Religionen. Die Götter der antiken mesopotamischen Welt haben sich mit sich selbst im Himmel vergnügt. Sie wollten ihre Ruhe haben und von Menschen nichts wissen. Als eines Tages die Menschen auf der Erde zu viel Lärm gemacht und den Schlaf der Götter gestört hatten, haben diese beschlossen, die Menschheit mit einer Sintflut zu bestrafen. So der Alte babylonische Mythos Enuma Elisch aus dem 12. Jh. v. Chr. (Diesen Vergleich finden Sie nicht in der Enzyklika, er ist mir im Zusammenhang mit unserer Thematik eingefallen.)

Im Alten Testament

Wenn wir die Bibel lesen, dann stellen wir von Anfang an fest: der Gott der Bibel ist alles andere als eine schlafende Gottheit. Er schläft und schlummert nicht (Ps 121,4), sondern kümmert sich um seine Schöpfung. Er kümmert sich um die Menschen, er ruft sie, er führt sie, er redet zu ihnen. Und vor allem: er liebt den Menschen. Er liebt mit einer leidenschaftlichen Liebe, die die Propheten Hosea und Ezechiel mit Hilfe der Bilder aus der Ehe darzustellen versuchen. Wie der Bräutigam seine Braut leidenschaftlich liebt, so liebt Gott das Volk Israel als seine Braut. Einen "Ehe-Bund" hat Gott mit seinem Volk geschlossen.

In dieser Leidenschaft Gottes für das Volk taucht ein wichtiger Bestandteil der Gottesliebe auf: es ist eine verzeihende Liebe. Die Liebe als Agape – als eine sich schenkende Liebe wird hier deutlich. Israel hat durch Untreue die "Ehe" gebrochen. Die Braut wird untreu, sie läuft anderen Göttern nach, aber die Liebe Gottes hört nicht auf. Gott müsste das Volk eigentlich richten, verstoßen. Aber Gott ist treu, er wendet sich nicht ab, er sucht seine untreue Braut von neuem und verzeiht ihr ihre Untreue und ihre Schuld. Gerade darin zeigt sich die Unverdientheit der Liebe Gottes zum Volk, weil Gott eben Gott ist und nicht ein Mensch: "Wie könnte ich dich preisgeben, Efraim, wie dich aufgeben, Israel?" - spricht Gott durch den Propheten Hosea (11,8-9). Eine leidenschaftliche, eine unverdiente, eine beschützende und eine vergebende Liebe Gottes zum Menschen, eine Liebe in der Eros und Agape zur gleichen Zeit mitspielen, eine Liebe, die der von Bräutigam und Braut ähnelt – das ist ein großartiges Bild von Gott im Alten Testament, das außerhalb der Bibel kaum Entsprechungen findet. Mit dieser Geborgenheit schenkender Liebe umgibt Gott das Volk Israel und jeden Menschen, auch den Sünder.

Im Neuen Testament

Diese Liebe, die im AT schon so unvorstellbar groß erscheint, wird noch gesteigert. Als die Fülle der Zeiten gekommen war, sandte Gott seinen Sohn - die fleischgewordene Liebe Gottes - in diese Welt. In Jesus Christus geht Gott erneut "dem verlorenen Schaf", der leidenden und verlorenen Menschheit nach. Jesus heilt, tröstet, ermutigt, hilft. Der Höhepunkt seiner Liebe ist sein Tod für die ganze Menschheit. Im Tod am Kreuz verschenkt Jesus sein Leben, um den Menschen aufzuheben und zu retten – es ist Liebe in ihrer radikalsten Form. Das formuliert die Bibel in diesen schönen Sätzen: "Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt" (Joh 15,13). "Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zu Grunde geht, sondern das ewige Leben hat" (Joh 3,16).

Diesem Akt der Hingabe – so der Papst - hat Jesus eine bleibende Gegenwart verliehen durch die Einsetzung der Eucharistie während des letzten Abendmahles. Er ist wirklich Speise für uns – als Liebe. Was das AT von der Leidenschaft Gottes für sein Volk erzählt, was das NT über die fleischgewordene Liebe Gottes in Jesus kündet, ist auch heute Gegenwart. In seiner Liebe geht auch heute Gott uns nach, er sucht uns, er wirbt um uns, er liebt uns, er vergibt uns.

Im Leben der Kirche

Über die Wege, die Liebe Gottes heute zu erfahren schreibt der Papst zusammenfassend: "In der weiteren (nachbiblischen) Geschichte der Kirche ist der Herr nicht abwesend geblieben: Immer neu geht er auf uns zu – durch Menschen, in denen er durchscheint; durch sein Wort, in den Sakramenten, besonders in der Eucharistie. In der Liturgie der Kirche, in ihrem Beten, in der lebendigen Gemeinschaft der Gläubigen erfahren wir die Liebe Gottes, nehmen wir ihn wahr und lernen so auch, seine Gegenwart in unserem Alltag zu erkennen." (17).

Dass eine so große Liebe unsererseits nicht unbeantwortet bleiben kann – das versteht sich von selbst. Unsere Antwort auf die Liebe Gottes geht in zwei Richtungen: Gott zu lieben und unseren Nächsten zu lieben. Dieser letzten Dimension widmet der Papst den zweiten Teil der Enzyklika und darüber werden wir am kommenden Sonntag nachdenken.

Der heutigen Betrachtung entnehmen wir, dass die Gebote der Gottes- und der Nächstenliebe nicht so aus der Luft gegriffen sind. Die beiden Gebote leben aus der uns zuvorkommenden Liebe Gottes, der uns zuerst geliebt hat. So sind sie nicht "Gebote" von außen her, die uns das Unmögliche vorschreiben. Die Quelle für unsere Liebe und die Kraft dafür ist eben diese uns geschenkte Erfahrung der Liebe Gottes, die Erfahrung von innen her. Weil er uns geliebt hat, wollen und können wir lieben. Liebe wächst durch Liebe. Sie ist "göttlich", weil sie von Gott kommt.

Liebe ist mehr als Gefühl

Zum Schluss noch die Antwort des Papstes auf zwei Fragen, die wir uns häufig stellen:

(1) Können wir Gott, den wir nicht sehen, überhaupt lieben? Wir können ihn lieben und zwar dann, wenn er sich uns auf vielfältige Weise zeigt mit seiner Liebe: in den Mitmenschen, im Wort, in den Sakramenten. Wir können ihn lieben, auch "indirekt", indem wir unseren Nächsten lieben. "Wenn jemand sagt: 'ich liebe Gott', aber seinen Bruder hasst, ist er ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, kann Gott nicht lieben, den er nicht sieht" (1 Joh 4,20) – die Nächstenliebe ist ein Weg Gott zu begegnen und ihn zu lieben.

(2) Kann man die Liebe befehlen? Sie sei doch ein Gefühl, das da ist oder nicht da ist. Der Papst dazu wörtlich: "Gefühle kommen und gehen. Das Gefühl kann eine großartige Initialzündung sein, aber das Ganze der Liebe ist es nicht ... Zur Reife der Liebe gehört es, dass sie alle Kräfte des Menschseins einbezieht, den Menschen sozusagen in seiner Ganzheit integriert. Die Begegnung mit den sichtbaren Erscheinungen der Liebe Gottes kann in uns das Gefühl der Freude wecken, das aus der Erfahrung des Geliebtseins kommt. Aber sie ruft auch unseren Willen und unseren Verstand auf den Plan. Die Erkenntnis des lebendigen Gottes ist Weg zur Liebe, und das Ja unseres Willens zu seinem Willen einigt Verstand, Wille und Gefühl zum ganzheitlichen Akt der Liebe. Dies ist freilich ein Vorgang, der fortwährend unterwegs bleibt: Liebe ist niemals "fertig" und vollendet; sie wandelt sich im Lauf des Lebens, reift und bleibt sich gerade dadurch treu." (17)

Um dieses Wachstum der Liebe in uns durch die Entdeckung der Liebe Gottes beten wir heute, am 4. Sonntag der Fastenzeit. Und haben wir nie Angst Gott in seiner Ruhe zu stören, wenn wir ihn um mehr Liebe bitten möchten! Unser Gott schläft und schlummert nicht (Ps 121,4).
 

Predigtreihe Teil 3, 5. Fastensonntag, 2. April 2006

Liebestätigkeit in der Kirche

Gedanken von Pastoralreferentin Gabriele von Reitzenstein

"Dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut ..."

"Wenn das Brot, das wir teilen, als Rose blüht" – dieses Lied wurde vor Jahren in der ehemaligen DDR getextet und komponiert, und zwar 1981 zum 750. Todestag der Hl. Elisabeth. Es nimmt Bezug auf die bekannte Legende, die erzählt, Elisabeth habe wieder einmal in ihrer Schürze Brot zu den Armen getragen. Dabei sei sie von ihren Verwandten ertappt und vorwurfsvoll zur Rede gestellt worden. Elisabeth habe ihre Schürze geöffnet, und es seien Rosen darin gewesen.
Geteiltes Brot und mitgeteilte Liebe, so will die Legende sagen, ist blühenden und duftenden Rosen ähnlich. Ja mehr noch, die Strophen des Liedes weisen darauf hin, dass Gott schon in unserer Welt wohnt, wenn wir bereit sind, Brot und Schmerzen zu teilen, Not zu lindern und Trost zu geben, "Ja dann schauen wir heut schon sein Angesicht in der Liebe, die alles umfängt." Oder wir können dasselbe auch mit einem Satz aus dem 1. Johannesbrief der Heiligen Schrift ausdrücken: "Wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott" (1 Joh 4,16).
Elisabeth von Thüringen ist zur Patronin christlicher Caritas geworden, weil sie die Liebe in radikaler Weise vorgelebt hat. Sie lebte bewusst die Einheit von Gottes- und Nächstenliebe.

Das Liebestun als Auftrag der Kirche

"Die in der Gottesliebe verankerte Nächstenliebe ist zunächst ein Auftrag an jeden einzelnen Gläubigen, aber sie ist ebenfalls ein Auftrag an die gesamte kirchliche Gemeinschaft, und dies auf all ihren Ebenen: von der Ortskirche über die Teilkirche bis zur Universalkirche als ganzer. Auch die Kirche als Gemeinschaft muss Liebe üben", schreibt Papst Benedikt XVI. in seiner Enzyklika Deus caritas est – Gott ist die Liebe. (vgl. S. 29)
Das Wesen der Kirche drückt sich in einem dreifachen Auftrag aus: Verkündigung von Gottes Wort – Feier der Sakramente – Dienst der Liebe. Es sind Aufgaben, die sich gegenseitig bedingen und sich nicht voneinander trennen lassen. (S. 33)
"Kirche als Familie Gottes muss heute wie gestern ein Ort der gegenseitigen Hilfe sein und zugleich ein Ort der Dienstbereitschaft für alle der Hilfe Bedürftigen, auch wenn diese nicht zur Kirche gehören." (S. 48) Das Wesentliche dabei ist die Liebe.

Liebe – Caritas

"Täglich wird uns bewusst, wie viel Leid es auf Grund vielgestaltiger materieller wie auch geistiger Not in der Welt gibt, und das trotz der großen Fortschritte auf wissenschaftlichem und technischem Gebiet. Folglich ist in dieser unserer Zeit eine neue Bereitschaft gefragt, dem Not leidenden Nächsten zu helfen. Schon das Zweite Vatikanische Konzil hat das mit sehr deutlichen Worten hervorgehoben:
Heute, da die Kommunikationsmittel immer vollkommener arbeiten, die Entfernungen unter den Menschen sozusagen überwunden sind ... kann und muss das karitative Tun alle Menschen und Nöte umfassen." (S. 42)
Es gehört einfach zum Wesen unseres christlichen Glaubens, mit anderen zu teilen, was wir haben, unseren Glauben, unsere Hoffnung, unser Gebet, auch unser kleines und großes Geld. Christ ist man für andere, wie das Licht, das leuchten soll für andere, anstatt unter einem Scheffel verborgen zu werden.

Die Liebe ist umsonst; sie wird nicht getan, um damit andere Ziele zu erreichen. Das bedeutet aber nicht, so schreibt Papst Benedikt, dass das karitative Wirken sozusagen Gott und Christus beiseite lassen müsste:
"Wer im Namen der Kirche karitativ wirkt, wird niemals den anderen den Glauben der Kirche aufzudrängen versuchen ... Der Christ weiß, wann es Zeit ist, von Gott zu reden, und wann es recht ist, von ihm zu schweigen und nur einfach die Liebe reden zu lassen. Er weiß, dass Gott Liebe ist und gerade dann gegenwärtig wird, wenn nichts als Liebe getan wird." (S. 47)
Was die Mitarbeiter betrifft, die praktisch das Werk der Nächstenliebe in der Kirche tun, so müssen sie zuallererst Menschen sein, die von der Liebe Christi berührt sind, deren Herz Christus mit seiner Liebe gewonnen und darin die Liebe zum Nächsten geweckt hat, so der Papst. (S. 49)

Den Nächsten lieben bedeutet, ihn mit allen Ecken und Kanten anzunehmen; Nächstenliebe kann heißen, dem anderen Fehler zu verzeihen, seine Fähigkeiten und Möglichkeiten ernst nehmen und schätzen oder sich dafür zu interessieren, was ihn bewegt und welche Bedürfnisse er hat.
Sicher ist das ein hoher Anspruch. Eine falsche Vorstellung wäre es, wenn wir glauben würden, alle Probleme wären sofort gelöst. Aber mit liebevollem Blick ändert sich unser Umgang mit vielen Schwierigkeiten. Das Wesentliche ist also Liebe. In der Liebe, in der Freude wachse ich über mich selbst hinaus. Ich kann etwas tun und ertragen, was mich sonst nicht freut. Das Leid wird erträglich in der Freude, in der Liebe. Freude und Leid sind keine Gegensätze mehr: Wie das Licht die Finsternis, so kann die Freude das Leid verwandeln.

In seinem Hymnus auf die Liebe lehrt uns der Apostel Paulus, dass Liebe immer mehr ist als bloße Aktion: "Wenn ich meine ganze Habe verschenkte und wenn ich meinen Leib dem Feuer übergäbe, hätte aber die Liebe nicht, nützte es mir nichts" (1 Kor 13,3).
Liebe kann man nicht machen, nicht erzwingen; sie muss von selber kommen, sie muss mich "überkommen" als Geschenk, als Gnade. Ebenso kann man auch keine Freude machen. Ich kann Geschenke machen, aber ich kann nicht machen, dass sie Freude machen. Um Liebe und Freude kann und muss ich bitten: gerade in Situationen, in denen ich die Erfahrung der Endlosigkeit der Not mache, ich in meinem Tun entmutigt bin - durch das Gebet hole ich mir aber wieder neu von Christus her Kraft.

Die exemplarische Heilige

Elisabeth von Thüringen ist eine exemplarische Heilige, die uns Antwort zu geben vermag auf die auch heute wichtige Frage, wie die Verbindung herzustellen ist von Glaube und Leben, Gottes- und Nächstenliebe. Sie erinnert uns ferner daran, dass es gewiss auch für uns wesentlich ist, uns sehr persönlich und unmittelbar mit den Bedürftigen zu konfrontieren und nicht allein mittelbar für sie Geld zu spenden oder für sie zu arbeiten.
Schließlich kann uns Elisabeth auch zum Wagemut animieren. Wenn es nötig ist, sollten auch wir neue Wege hin zu den Armen und für die Hilfsbedürftigen zu gehen wagen, Wege, die unter Umständen auch Widerspruch hervorrufen. Elisabeth hat für sich und für die, die ihr folgten, als Lebensmaxime formuliert: "Wir müssen die Menschen fröhlich machen."

Wenn das auch uns gelingt, dann wird wahr, was das Elisabeth-Lied immer wieder als Refrain wiederholt: "Dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut, dann wohnt er schon in unserer Welt. Ja dann schauen wir heut schon sein Angesicht in der Liebe, die alles umfängt."

Amen.


Elisabeth-Lied

Wenn das Brot, das wir teilen, als Rose blüht
und das Wort, das wir sprechen, als Lied erklingt,
dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut,
dann wohnt er schon in unserer Welt.
Ja dann schauen wir heut schon sein Angesicht
in der Liebe, die alles umfängt.

Wenn das Leid jedes Armen uns Christus zeigt
und die Not, die wir lindern, zur Freude wird,
dann hat Gott ...

Wenn die Hand, die wir halten, uns selber hält
und das Kleid, das wir schenken, auch uns bedeckt,
dann hat Gott ...

Text: C.P. März, Melodie: Kurt Grahl

 

Mit dieser Predigtreihe sollte Ihnen u.a. die "persönliche Lektüre der Enzyklika schmackhaft gemacht werden". Wenn es gelungen ist, können Sie die Enzyklika bereits hier aufschlagen: (Download PDF-Datei, 275 KB)

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Last updated 06.12.07