Predigten 2003

Eröffnung der Gebetswoche für die Einheit der Christen
Leitthema: "Ein Schatz in zerbrechlichen Gefäßen" (2 Kor 4,5-18)

" Ökumenischer Kirchentag 2003 in Berlin "
 
Logo der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK)
Ansprache von Dr. Walter Bayerlein, Vaterstetten,
Vizepräsident des ZdK, im Pfarrgottesdienst am 19. Januar 2003 in St. Albertus Magnus
 
 


Liebe Gemeinde St. Albertus Magnus!

Vom 28. Mai bis zum 1. Juni 2003 findet in Berlin der Ökumenische Kirchentag statt. Das ist die Woche, in die das Fest Christi Himmelfahrt fällt.
Als Vizepräsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken bin ich Mitglied des Gemeinsamen Präsidiums dieses Ökumenischen Kirchentages.

"Dass alle eins seien, damit die Welt glaube"

Mein erster Wunsch ist, dass Sie sich den Termin schon einmal fest vormerken, verbunden mit dem ernsthaften Gedanken: "Ökumene ist mir schon seit langem wichtig, da fahre ich hin. Und zwar nicht allein, sondern mit möglichst vielen."
Wie soll denn sonst "ökumenische Schubkraft" entstehen, wenn gerade diejenigen in Berlin fehlen, die in ihren Gemeinden praktische Ökumene kreativ und positiv leben und gestalten? Und dürfen in Berlin gerade die bayerischen Katholiken und die bayerischen Lutheraner fehlen, die in der praktizierten Ökumene nach meinem sicheren Eindruck schon einige Schritte weiter sind als in anderen Landeskirchen und Bistümern? In der Ökumene zeichnen sich ja mehrere Ebenen ab, auch wenn sie teils ineinander greifen: Die Ebene der Kirchenleitungen mit ihrer spezifischen Verantwortung, die Ebene der Theologischen Wissenschaft, die das Mögliche an Konsens auszuloten sucht, und die Ebene der Gemeinden, in denen die Ökumene vor Ort praktisch gelebt wird. Der Ökumenische Kirchentag bietet eine besondere Chance, diese Ebenen enger zueinander zu rücken und damit das Anliegen voranzubringen, was nicht allein und vor allem ein mehr oder weniger ausgeprägter Wunsch der Kirchen ist, sondern ein Auftrag unseres gemeinsamen HERRN "Dass alle eins seien, damit die Welt glaube". Es war gewissermaßen sein eindringliches Vermächtnis. Und wir alle, egal in welcher Konfession, sind seit Hunderten von Jahren insoweit "säumige Testamentsvollstrecker"!

"Ihr sollt ein Segen sein"

Das Leitwort des Ökumenischen Kirchentages "Ihr sollt ein Segen sein" empfinde ich als sehr einladend. Dieses Wort spricht mich an, denn ich bin einer, der sich mit dem "Ihr" gemeint fühlt: "Ihr Christen verschiedener Konfession, ihr Menschen guten Willens, euch meine ich, so wie ihr seid und wo ihr seid, auf einer hellen Anhöhe oder im dunklen Tal eures Glaubensweges, ihr alle seid gemeint."
Wer spricht uns da so an? Der selbe Gott, zu dem die evangelischen Christen mit der Losung des Evangelischen Kirchentags in Frankfurt vertrauensvoll gesagt haben: "Du stellst meine Füße auf weiten Raum". Es ist sozusagen die Fortsetzung des Gesprächs, ohne dass der, mit dem wir sprechen, so benannt wird, als könnten wir ihn einfach fassen. Er ist uns so nahe, dass wir uns mit "Ihr" und "Du" anreden, und doch bleibt er einer, nach dem wir und viele Zeitgenossen immer wieder eher tastend suchen. Diese behutsam mittelbar gestellte und doch für unser Leben so wichtige Frage nach Gott erscheint mir sehr einladend ausgedrückt.

Ein Segen sollen wir sein. Das "Sein" meint eine Wesensbeschreibung, eine die ganze Person erfassende Haltung, die sich im konkreten Tun auswirkt. Segen ist man für andere, denen man gut will, für die man sich einsetzt, denen man Gutes tut, vom Gebet über die konkrete Zuwendung und Hilfe in der Not bis zum politischen Mitgestalten besserer Rahmenbedingungen, vor allem für die Schwächeren. Mit dem Segen haben viele eine eigene Erfahrung. So segnen viele Eltern abends ihre Kinder. Verliebte sagen: "Es ist ein Segen, dass es dich gibt". Patienten meinen dankbar: "So ein Arzt wie der, das ist ein Segen". Segen ist ein sympathisches Wort.
Mir ist in bleibender Erinnerung, wie mir bei einer sehr schweren Operation in einer großen Münchner Klinik ein Assistenzarzt unmittelbar vor Beginn der Narkose für einen kurzen Augenblick seine Hand ruhig auf die Stirn legte und sagte: "Haben Sie keine Angst, es wird gut werden". Ich kannte ihn nicht, er mich nicht. Ich weiß nicht, ob er ein Christ war. Aber ich war für ihn kein Fall, sondern ein Mensch in Ängsten, dem er auf seine Weise ein Segen war.
Wenn wir uns nur umsehen, werden wir im Alltag genug Gelegenheiten finden, Empfangende oder Gebende zu sein.

Die vier Themenbereiche des Kirchentags

Das Leitwort wird in Berlin in vier Themenbereichen konkretisiert:

  1. Glauben bezeugen - im Dialog leben

    Hier geht es um die Sehnsucht auch moderner Menschen nach religiöser Heimat; um die zentrale Bedeutung des Glaubens an die Auferstehung; um Gottesbilder und Menschenbilder unserer Zeit, um christliche Leit- und Lebensbilder.
     
  2. Einheit suchen - in Vielfalt einander begegnen

    Hier wird die Ökumene selbst zum Gegenstand. Die Konfessionelle Identität als Reichtum und Herausforderung; die Ökumenische Spiritualität zum Lob Gottes. Dabei soll noch Trennendes und ungewohnte Traditionen keinesfalls verschwiegen oder bagatellisiert werden. Aber durch Begegnung und Kennenlernen soll gegenseitiges Verstehen wachsen, Verschiedenheit nicht einfach negativ, sondern eher als Reichtum erfahren werden, so dass am Ende für alle Teilnehmer und die Kirchen ein "ökumenischer Zugewinn" entsteht.
     
  3. Menschenwürde achten - die Freiheit wahren

    Hier geht es um die drängenden Fragen nach grundlegenden gemeinsamen Wertvorstellungen, die weit reichende Konsequenzen haben etwa in den Fragen der Forschung und der Biomedizin, in Bildung und Erziehung, im Schutz von Ehe und Familie, in der Balance zwischen individuellem Freiheitsanspruch und Bindung dieser Freiheit an das Gemeinwohl.
     
  4. Welt gestalten - in Verantwortung handeln

    Hier geht es um den gemeinsamen Auftrag der Christen, aus der Wurzel ihres Glaubens und aus den Erkenntnissen der christlichen Sozialethik heraus die Welt nach besten Kräften mitzugestalten. Dabei ist unsere eigene Gesellschaft betroffen mit den Fragen um eine schöpfungskonforme Balance zwischen Ökologie und Ökonomie, um friedensfördernde gewaltreduzierende Initiativen, um einen christlichen Umgang mit den vielen Fremden unter uns, um Geschlechtergerechtigkeit, aber auch um die Verantwortung der gewählten Politiker und eine gesteigerte Partizipation der Bürger. Aber es geht auch um Fragen, die unsere nationalen Grenzen überschreiten, z.B. um eine tragfähige Wertordnung im zusammenrückenden Europa, das mehr ist als ein wirtschaftliches Projekt oder ein großer Markt.

Neben dieser thematischen Arbeit in Hauptvorträgen, Foren, Podien, Werkstätten und Projekten wird es Zentren für Frauen, Männer und Jugend geben, ein Geistliches Zentrum, in dem der Reichtum der geistlichen Erfahrungen der verschiedenen Kirchen zu einem gemeinsamen Angebot für eigene geistliche Erfahrung der Teilnehmer fruchtbar werden kann.

Um was es konkret geht und nicht gehen kann

Beim Ökumenischen Kirchentag geht es nicht darum, einen Katholikentag mit vielen evangelischen Teilnehmern oder einen Evangelischen Kirchentag mit vielen katholischen Teilnehmern zu veranstalten, sondern etwas Neues, was es seit der Reformation so nicht gegeben hat, eben einen Ökumenischen, gemeinsam getragenen, vorbereiteten, gestalteten und gemeinsam verantworteten Ökumenischen Kirchentag. Mit dem Beschluss von ZdK und DEKT, einen ÖKT durchzuführen, wurde ausdrücklich der dringende Wunsch ausgesprochen, dass bis 2003 ein Gemeinsames Abendmahl oder doch zumindest eine wechselseitige eucharistische Gastfreundschaft möglich sein werde. Zugleich wurde aber in aller Deutlichkeit gesagt, dass dies nur im Einvernehmen mit den jeweiligen Kirchenleitungen geschehen kann und dass eine Abendmahlgemeinschaft nicht Bedingung für die Veranstaltung ist. Damals war die Hoffnung groß, dass die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre bald unterzeichnet werde und dann die noch trennende Frage nach dem kirchlichen Amt mutig angegangen wird. Sie alle wissen, dass sich aus verschiedenen Gründen, die ich hier nicht ausbreiten will, dieser Vorgang sehr verzögert hat und dass sich wesentliche Fortschritte in der Amtsfrage derzeit noch nicht abzeichnen. Es wäre unrealistisch, zu glauben, es könnte sich insoweit bis Ende Mai 2003 noch Entscheidendes verändern.

Wir werden also zeitlich und inhaltlich aufeinander abgestimmte konfessionelle und ökumenische gottesdienstliche Feiern haben, so dass die tiefe Wunde, ausgerechnet am Tisch des Herrn noch getrennt zu sein, schmerzhaft spürbar werden wird. Zugleich ist dies aber ein wichtiges Stück Ehrlichkeit untereinander. Selbsttäuschung und schlichtes Überspielen des Umstands, dass die Kirchen eben leider noch nicht so weit sind, würde auch nicht über den Tag hinaus reichen und nur zu neuen Rissen in den Kirchen führen. Schon gar nicht eignet sich eine demonstrative gemeinsame Eucharistie als Provokation der Kirchenleitung zu rascherem Tempo in den ökumenischen Bemühungen. Man mag für eine gemeinsame Eucharistie demonstrieren, aber nicht durch eine gemeinsame Eucharistie. Dazu ist die Eucharistie zu kostbar.

Wenn wir also 2003 in Berlin kein gemeinsames Abendmahl feiern können, wird es umso wichtiger, gottesdienstliche Feierformen zu entwickeln, die das Gemeinsame zeichenhaft verdeutlichen und feiern. Dazu wird unter anderem die zeichenhafte Erinnerung an die gemeinsame Taufe und das gemeinsame Vertrauen auf die einheitsstiftende Kraft des Heiligen Geistes gehören, aber auch gemeinsame Bußfeiern bezüglich der Verantwortung der Kirchen für die konfessionelle Trennung und die Fortdauer dieser Trennung, für die schweren Belastungen, die für viele Menschen in den verschiedenen Kirchen mit dieser Trennung verbunden waren und verbunden sind.

Und für die Zeit nach dem Ökumenischen Kirchentag müssen Stufen sichtbar werden, die zur Einheit in versöhnter Verschiedenheit weiterführen. Dazu gehört natürlich auch die Umkehr jedes einzelnen Christen, aber auch die geistliche Anstrengung der Kirchen, endlich dem letzten Wunsch des HERRN zu entsprechen. Ich bin überzeugt, je näher wir als einzelne und als Kirchen der Mitte unseres Glaubens kommen, d.h. je mehr wir Jesus nach Kräften nachfolgen und uns in der Anbetung Gottes üben, umso leichter werden wir in SEINER Nähe die Einheit in legitimer Verschiedenheit finden, so wie sich die Speichen eines Rades an der Nabe am nächsten sind.

Christen wollen sich einmischen und die Zukunft Europas verantwortlich mitgestalten

Und ein Letztes: Es ist eine große Herausforderung, einen Ökumenischen Kirchentag ausgerechnet in Berlin zu veranstalten, einer säkularen Großstadt, in der es zwar zahlreiche Gemeinden verschiedener Konfessionen gibt, die aber im Übrigen nicht gerade vom Christlichen Leben geprägt ist. Und dennoch ist die Wahl des Ortes gerade deshalb richtig. Christen wollen gerade dort zeigen, dass sie sich auch aus einer solchen Welt nicht in kuschelige Nischen zurückziehen, um unter den "Stürmen eines unchristlichen Zeitgeistes", wie man das gerne plakativ vereinfachend nennt, zu "überwintern", bis "bessere Zeiten" kommen. Gerade dort, wo in Deutschland wesentlich gesellschaftsgestaltende Politik gemacht wird und Weichen für die künftige Gestaltung Europas und der Globalisierung gestellt werden, wollen Christen ihren spezifischen Beitrag zu einer humanen Gesellschaft artikulieren und leisten.

Darum nochmals meine herzliche Bitte: Kommen Sie mit möglichst vielen vom 28. Mai bis 1. Juni 2003 zum ersten Ökumenischen Kirchentag nach Berlin, auch wenn Berlin aus der oberbayerischen Sicht auf den ersten Blick "etwas abgelegen" erscheinen mag. Der weite Weg wird sich gewiss lohnen: Für uns selbst, für die Kirchen und die gesamte Ökumene, die einen neuen Aufbruch braucht.

 

(Das "Wort der deutschen Bischöfe zum Ökumenischen Kirchentag" wurde am 12. Januar 2003 in den meisten katholischen Kirchen verlesen. Es wird hier als 26-KB-Word-Datei zum Download angeboten.)

 
 
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Last updated 06.12.07