Predigten 2001



"Ihr sollt eure Feinde lieben"
(1 Sam 26; Lk 6,27-38)

Predigt von Dekan Lukasz am Sonntag, 18. Februar 2001

Aggression in der Politik

Wenn ich die politische Szene hier im Lande so gelegentlich beobachte, da kann ich nur den Kopf schütteln, wie man miteinander umgeht. Ich habe den Eindruck, dass es in der Politik zunehmend nur darum geht, den politischen Gegner anzugreifen, seine möglichen Schwächen kaltblütig auszunutzen, um sich auf seine Kosten zu behaupten. Verbale Kämpfe und Kriege werden ausgetragen. Und das heißt oft "Aktuelle Stunde im Bundestag". In den Landtagen, in den Gemeinden ist es nicht viel anders - auch bei uns in Ottobrunn vor der bevorstehenden Bürgermeisterwahl. Ich war bei dem "Duell" zwischen zwei Anwärtern im Wolf-Ferrari-Haus nicht dabei, den Meldungen zufolge aber haben die beiden Kandidaten nicht gerade nur nette Worte ausgetauscht.

So läuft es auf vielen Ebenen. Mit einer sachlichen Debatte über die Probleme der Bevölkerung hat das oft nichts zu tun. Was muss der eine Parlamentarier von dem anderen halten, wenn generell jede Äußerung des Gegners als falsch abgestempelt wird. "Schlagwortabtausch" – heißt es, ein Wort, das die deklarierte oder unterschwellige Aggression nett herunterspielt.

Worte des heutigen Evangeliums klingen in diesem Kontext fast exotisch:

Liebt eure Feinde, tut denen Gutes, die euch hassen.
Segnet die, die euch verfluchen,

betet für die, die euch misshandeln (Lk 6,27-28).

Es klingt so unrealistisch: "Tut denen Gutes, die euch hassen; segnet die, die euch verfluchen." Ich möchte gerne wissen, wie viele von unseren Politikern mal über diese Worte Jesu nachgedacht haben. Kann eine Debatte, die mit Schlagworten geführt wird, denn noch konstruktiv werden? Vergraulen sich die Leute dann nicht gegenseitig und machen sich unfähig, gemeinsam für das Land zu arbeiten? Ich frage mich, wo ist die Grenze des guten Stils, wo ist political fairness und political correctness? Gilt Moral nicht in der Politik?

Verzicht auf Gewalt

Die Politik, die von Machtkämpfen beherrscht ist, ist der Bibel nicht fremd. Das alte Testament überliefert viele Szenen, wo wir nur staunen, zu welchem Übel den Mitmenschen gegenüber der nach Macht gierige Mensch fähig ist. Es gibt aber auch Gegenbeispiele, wo auf die Anwendung der Gewalt bewusst verzichtet wird. Eines davon erzählt die heutige Lesung aus dem ersten Buch Samuel.

Der spätere König David hat seine Karriere als Krieger begonnen. Er hat sich einen Namen in den Kämpfen gegen die Philister gemacht und schnell sammelte sich um ihn eine Schar kämpferischer Männer, eine kleine Armee. Der regierende König Saul hat sich von dem jungen Krieger und seiner Schar in seiner Macht bedroht gefühlt und hat David verfolgt. Zwischen den beiden kam es zu mehreren Kampfhandlungen. Eines Tages passiert Unfassbares. Ohne dass David nach einer Gelegenheit gesucht hat, findet er sich nachts in einem Lager unerwartet vor dem schlafenden König Saul. Seine Leibwache schläft auch. Der Speer des Königs steckt neben seinem Kopf in der Erde. Abischai, ein Offizier von David, bittet leise um Erlaubnis: "Jetzt werde ich ihn mit einem einzigen Speerstoß auf den Boden spießen, einen zweiten brauch ich nicht dafür." David aber entgegnet Abischai: "Bring ihn nicht um! Denn wer hat je seine Hand gegen den Gesalbten des Herrn erhoben und ist ungestraft geblieben?" David schreckt vorm Mord zurück. Er will dem schlafenden Gegner nichts antun. Leise verlässt er das Lager und zieht sich auf die andere Seite des Tals zurück. Er schickt dann dem König Saul die folgende Botschaft: "Obwohl dich der Herr heute in meine Hand gegeben hatte, wollte ich meine Hand nicht an den Gesalbten des Herrn legen". David hat seinen Verfolger, der ihm wehrlos ausgeliefert war, nicht angetastet. Die Bibel lobt die Tat Davids, sie lobt seine Gerechtigkeit und Gottestreue. Heute würden wir ein solches Verhalten Großmut nennen.

Es handelt sich hier um ein alttestamentliches Beispiel der Feindesliebe. David hat Saul, trotz der Verfolgung, nicht als seinen Feind, sondern als seinen König angesehen. Er wuchs bei dieser Gelegenheit über sich selbst hinaus und sein Handeln entspricht dem Wort und Beispiel Jesu.

Liebt eure Feinde, tut denen Gutes, die euch hassen.
Segnet die, die euch verfluchen,

betet für die, die euch misshandeln (Lk 6,27-28).

Der Weg der kleinen Schritte

Wir wissen gut, wie schwer es uns selbst fällt, mit unseren Gegnern, mit unseren "Feinden", ein friedliches Verhältnis zu haben. Christlich wäre schon, wenn wir auf die Anwendung der Gewalt, der verbalen Gewalt verzichten würden. Christlich wäre schon, nicht von vorne herein die Möglichkeit auszuschließen, dass wir anders reagieren können als die meisten Menschen. Es muss nicht immer das Böse mit dem Bösen beantwortet werden, böse Worte mit bösen Worten, böse Taten mit bösen Taten. Jesus würde uns sagen: Wenn ihr Christen euch nur so verhaltet wie alle, was Besonderes leistet ihr dann? Wenn ihr nur die liebt, die euch lieben, wenn ihr nur die grüßt, die euch grüßen, wenn ihr nur denen Gutes tut, die euch Gutes tun, welchen Dank erwartet ihr dafür? Das tun alle Menschen. Das ist noch kein besonderer Verdienst!

Jedes Mal dagegen, wenn es uns gelingt, über unseren eigenen Schatten zu springen, jedes Mal, wenn wir über den Anderen besser denken als er uns vorkommt, über ihn besser sprechen als er es verdient und mehr für ihn tun als er für uns tut, nähern wir uns dem Wort und dem Beispiel Jesu. Er hat die Feindesliebe gepredigt, er hat sie gelebt, indem er in jedem Menschen, in jedem Mann und jeder Frau, das Abbild Gottes gesehen hat, die Würde des Menschen, die durch nichts in dieser Welt in den Schatten gestellt werden darf.



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Last updated 06.12.07