Predigten 2004


"Siehe, es ist Raum bei mir ..."
2 Mose 33,18-23

Predigt von Pfarrerin Toni Lutz-Kopp von der ev. Michaelskirche Ottobrunn am 18. Januar 2004 in St. Albertus Magnus, anlässlich der Eröffnung der Gebetswoche für die Einheit der Christen

 
 
 

Liebe Gemeinde!

Sie erinnern sich vielleicht: Mose ist im Alten Testament der Mann, der von Gott den Auftrag bekam, das Volk Israel aus Ägypten herauszuführen. Aus einem brennenden Dornbusch hatte Gott ihn damals angerufen, und Mose hatte Gott um seinen Namen gefragt, weil er wissen wollte, mit wem er es zu tun habe, damit er sich vor dem Volk legitimieren könnte. Damals hatte Gott ihm geantwortet: "Ich bin, der ich bin." "Ich werde sein, der ich sein werde" – oder auf bayerisch: "Ihr werd's es schon noch spannen." Das war eine Abweisung und Zusage zugleich, und Mose hatte sich daraufhin auf Gott eingelassen.
Und so hatte er das Volk bis zum Sinai geführt. Jetzt ist er – so stelle ich mir vor – den Sinai hinaufgestiegen und steht nun ganz oben auf dem Berg in einer Wüste von Fels und Stein – weit und breit kein Baum, kein Strauch.

Die Stelle, von der er noch hinunter schauen konnte auf die tief unten liegenden kleinen Zelte, die die Israeliten am Fuße des Berges aufgeschlagen hatten – diese Stelle hatte er schon lange hinter sich gelassen. Jetzt war er allein und die Menschen, die mit ihm zusammen ausgezogen waren, die waren weit entfernt – unten im Tal.
Weit weg waren für ihn inzwischen auch die Aufregungen, die es gegeben hatte, und auch die wütenden Worte, die Mahnungen und Erwiderungen, die gesprochen worden waren, weil die Israeliten sich in seiner Abwesenheit das goldene Kalb gemacht hatten.
Weit weg war auch sein Zorn, mit dem er das Kalb gepackt und ins Feuer geworfen hatte.

Jetzt war er allein ganz oben auf dem Berg. Aber innerlich kam er nicht zur Ruhe.
Tiefe Erschütterung hatte ihn erfasst. Denn das Volk hatte seinen Gott verraten, den Gott der Väter; den Gott, der sich zu erkennen gegeben hatte, der sie herausgeführt hatte aus Ägypten und vor ihnen hergezogen war durch das Schilfmeer hindurch und durch die Wüste bis hin zu diesem Berg. Wie konnte es weitergehen, nachdem sie ihn so verraten hatten?
Ich denke, Mose war müde – tief innen drin war er müde. – Verzweifelt, ratlos und allein steht er da oben in dieser Wüste aus Fels und Stein. Mose war fertig – er war am Ende.
Wenn Gott sich jetzt nicht zeigte, wenn er ihm jetzt nicht ein Wort gab, ein Wort, das ihm Kraft gab und neue Hoffnung – die Hoffnung, mit ihm zu sein – wenn das jetzt nicht geschah, dann konnte er nicht mehr. Dann würde er aufgeben.

Und darum – so verstehe ich es – ruft Mose voller Resignation: "Lass mich doch deine Herrlichkeit sehen"; "Zeig mir doch dein Gesicht! Zeig mir, dass du bei mir bist! Zeig mir, dass du mir und dem Volk zugewandt bleibst! Ich bin so am Ende, ich brauche das. Wenn du nicht mit mir bist, wenn ich deine Herrlichkeit nicht sehen kann, dann kann ich nicht mehr! Ich brauche ein Zeichen von dir; ich muss wissen, ob ich auf dem richtigen Weg bin!"

Und dann geschah etwas: Im Dunkel des Felsens, in einer Felskluft erfuhr Mose, dass er geborgen war, geborgen wie ein Kind im Schoß der Mutter geborgen ist. Gott breitete einen Schutzraum um ihn, er hüllt Mose wie in einem Schutzmantel ein.

"Siehe, es ist ein Raum bei mir" – das ist die Einladung Gottes an Mose.

Liebe Gemeinde, es gibt in der Bibel ganz unterschiedliche Vorstellungen von Gott, weil Gott eben nicht fassbar ist in einem Bild. Wir Menschen müssen uns aber Bilder von ihm machen, wie wir uns auch von jedem Menschen, mit dem wir näher zu tun haben, jeweils ein Bild machen, wohl wissend, dass mein Bild vom anderen Menschen diesen anderen nicht völlig beschreibt, sondern meine Sicht immer nur einen Teilaspekt des/der anderen meint. Und das gleiche gilt auch für Gott: Wir Menschen können nur einzelne Züge an ihm erkennen, aber nie ihn ganz.
Das, liebe Gemeinde, jetzt vorausgesetzt, möchte ich zwei von den vielen biblischen Vorstellungen von Gott kurz nennen:

Die eine Vorstellung sieht Gott als autoritären Herrscher – entsprechend den politischen Herrschern, die sie in ihrer Zeit erlebten – aber in viel größeren Dimensionen. Und dieser gewaltige Herrscher konnte ganz selbstverständlich von seinen Untertanen Gehorsam und Demut fordern. Und wenn die Menschen nicht so handelten, wie dieser Gott es wollte, dann wurde er zornig und bestrafte die Menschen für ihren Ungehorsam.

Nach einer anderen biblischen Vorstellung, ist Gott der, der erfahrbar wird, so, wie ihn Mose in dieser Geschichte erfährt, wo Gott ihn vor sich selber beschützt und Mose ihn als Vorübergehenden erfährt, oder wie Elia ihn erlebte, als er sein Gesicht verhüllte und Gott in sich einließ, nicht weil er - etwa vom Verstand her - Gott begriffen hätte, sondern weil er sich erfassen ließ von diesem leisen Säuseln, in dem er Gott wahrnahm und sich davon berühren ließ.

Gott als unsichtbare Macht, die über das Schicksal der Menschen bestimmt und Anspruch hat auf Gehorsam, Verehrung und Anbetung – das ist die eine Vorstellung. Und Gott als die Kraft, die ich erfahre, wenn ich ihn in mich einlasse, das ist eine andere Vorstellung. Ich kann – und ich denke, vielen von Ihnen geht es ähnlich – mit dieser zweiten Vorstellung mehr verbinden. Diese zweite Sicht von Gott wird für mich in dieser Geschichte von Mose auf dem Sinai und auch in der von Elia am Horeb (1. Kön 19) vermittelt.
Mose will Gottes Herrlichkeit sehen. Das wird ihm verwehrt. Gott schützt ihn vor sich selbst, indem er ihn umhüllt, ihm einen Schutzraum anbietet. Elia verhüllt sein Gesicht selbst. Beide aber – der eine durch das Tun Gottes, der andere von sich aus – beide erhalten einen Schutzraum: "Siehe, es ist ein Raum bei mir ..." – das ist eine Einladung Gottes an Mose.

Es gibt also einen Ort, an dem ich die/der sein kann, die/der ich bin – ohne Anstrengung; ohne begutachtet oder beurteilt zu werden. Es gibt einen Raum der Güte. Es gibt einen Ort, an dem ich mich in meinem Innersten erkannt, geliebt und aufgehoben fühlen kann – ohne jede Vorbedingung, ohne Wohlverhalten, umfangen von Wohlwollen, empfangen mit Freude – es gibt einen Raum der Gnade.
Es gibt einen Ort, an dem nicht meine Verdienste zählen, noch meine Fehler; einen Ort der Geborgenheit, wie ein Kind sie im Mutterschoß erlebt – das hebräische Wort für "Barmherzigkeit" ist übrigens abgeleitet vom hebräischen Begriff für Mutterleib – (racham). Es gibt einen Raum der Barmherzigkeit.

Hier kann Mose ausruhen. Hier muss er sich nicht beweisen und darstellen als Führerfigur, sondern kann die Last der Verantwortung ablegen und ganz er selbst sein – in dem Vertrauen: Hier bin ich erkannt und anerkannt so, wie ich bin. Ich bin geliebt und kann mich darum fallen lassen in diesem geschützten Raum, in dem mir Gott begegnet. Und nach dieser Erfahrung treten beide – Mose wie Elia – wieder hinaus ins Weite und stellen sich dem Alltag: Mose, indem er die Gesetzestafeln ein zweites Mal schreibt und mit dem Volk weiterzieht, und Elia, indem er sich auf den Weg nach Damaskus macht, um den neuen König zu salben.

"Siehe, es ist ein Raum bei mir..."

Liebe Gemeinde, es gibt diesen Raum nicht nur für Mose und Elia, es gibt ihn für alle Menschen: diesen Raum der Geborgenheit, der Begegnung mit Gott. Wenn wir uns auf diesen Raum einlassen, werden wir die Kraft bekommen, wieder ins Freie zu treten – und anders geworden, weiter zu gehen. Und das ist nicht nur meine Hoffnung, sondern die von vielen von uns für unseren gemeinsamen ökumenischen Weg – dass wir uns miteinander als Geschwister einlassen auf den Raum der Begegnung mit Gott – dies geschieht z.B. schon jetzt bei uns beim Weltgebetstag, oder bei den Exerzitien im Alltag, oder auch bei unserem gemeinsamen Gottesdienst auf der Maderwiese.

Aber wenn wir davon ausgehen, dass wir noch viel mehr gemeinsame Räume brauchen, wo Begegnung miteinander und mit Gott - angstfrei und ohne Vorurteile - stattfinden kann, dann sollten wir uns nicht davon abhalten lassen, unsere ganze Phantasie ins Spiel zu bringen und uns zu öffnen für einander und auch für andere Religionen. Denn wenn ich weiß, was mein Fundament ist, dann kann ich auch auf andere zugehen und schauen, was miteinander möglich ist.
Voraussetzung aber ist – so zeigt diese Geschichte von Mose, dass ich die Angst um mich selbst verliere, das meint, dass ich es wage, mich in Gott fallen zu lassen und aus der Verbindung mit ihm lebe. Wenn wir das wagen, dann werden wir auch fähig zu den nächsten Schritten und dazu das, was verantwortlich getan werden kann, auch zu tun. Dafür ist Mose hier ein Beispiel.

"Siehe, es ist ein Raum bei mir ..." Wo wir uns auch gegenseitig diesen Raum gönnen und uns gütig und barmherzig begegnen, da wird etwas sichtbar von dem Raum, den Gott uns anbietet. Denn er sagt auch uns zu: "Siehe, es ist ein Raum bei mir - auch für dich und für andere". Amen

 
 
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Last updated 06.12.07