Predigten 2002

 

DIE  ZUKUNFT  EUROPAS  UND  SEIN  CHRISTLICHES  ERBE
- Gedanken zur  europäischen Verfassung -


 
Predigt von Dekan Dr. Czeslaw Lukasz am Patrozinium, 17. November 2002
 
 

Der "europäische" Wanderer

Unser Kirchenpatron war ein Reisemensch, ein Wanderer. Lange Strecken legte er zu Fuß zurück, nicht als Freizeitbeschäftigung, sondern aus Eifer als Lehrer und Wanderprediger, als Streitschlichter und Bischof: von Paris nach Rom, von Lyon nach Berlin und Riga.
Flüsse, Berge, Zollgrenzen musste er passieren. Entfernte Gebiete rückten in seinem Denkhorizont zusammen. Menschen anderer Sprachen und Kulturen waren ihm genauso wichtig wie seine Landsleute.
Heute, über 800 Jahre nach seinem Tod, würde er sich freuen, dass die Länder, die er in mehrwöchigen Märschen durchquert hatte, immer mehr zusammen rücken, nicht nur durch schnelle Verkehrsmittel, sondern auch durch politische Annäherung. Er würde sich auch freuen, dass der europäische Kontinent sich in einem Einigungsprozess befindet, dass man schon heute ohne Grenzkontrollen von Gibraltar bis fast zum Nordpol reisen kann und neuerdings in vielen Ländern mit der selben Währung zahlen kann.

Die Europäische Union

Die EU ist entstanden aus dem Wunsch nach Frieden. Nach den Grausamkeiten des 2. Weltkrieges und der Verwüstung des Kontinents wurde dieser Wunsch besonders laut. Der Annäherung Deutschlands und Frankreichs folgten mehrere Länder und rückten zusammen, weil sie freundschaftlich leben und eine Zukunft ohne Krieg und Hass bauen wollten. Der Prozess der europäischen Einigung ist heute weit fortgeschritten aber längst nicht abgeschlossen.
Ein großes Ereignis, das das Gesicht des alten Kontinents weiter verändern wird, steht vor der Tür. Die so genannte Osterweiterung um ein Dutzend mitteleuropäischer und baltischer Staaten ab 2004 ist so gut wie beschlossen. Historiker meinen, dass erst mit dieser Erweiterung und dem Beitritt slawischer und baltischer Völker die Teilung des Kontinents als Folge des 2. Weltkrieges endgültig überwunden wird.

Die christliche Prägung

Dieses Zusammenwachsen des Kontinents braucht organisatorische Strukturen und operative Vorgaben, die das neue Miteinander fördern, regeln und sichern. Die europäische Einigung braucht aber auch eine Basis auf der alles wächst, sie braucht ein festes Wertefundament, das dem bunten Völker- und Sprachgebilde auch ethische Orientierung und Zusammenhalt verleiht.
Die junge EU ist aus dem Wunsch nach Frieden und als sein Werk entstanden. Sie ist jung, sie basiert aber auf Voraussetzungen, die sie selbst nicht unmittelbar hervorbringen kann, auf Werten, die weit in die europäische Geschichte und Kultur zurückzuführen sind. Die EU stützt sich auf das europäische Verständnis von Menschen und auf die Wertebasis, die viel älter sind als sie selbst. Es handelt sich um Werte, die insbesondere aus dem Christentum hervorgehen, wie Würde des Menschen als Abbild Gottes, Unantastbarkeit des Lebens, gleiche Rechte für Mann und Frau, Gerechtigkeit, Wert der Familie, Wert der Arbeit, Heiligung des Sonntags, u.s.w. Seit 2000 Jahren prägen diese Werte unseren Kontinent. Ohne Christentum wäre Europa nicht das, was es heute ist.
Wenn sich die EU nicht als nur ein loser Staatenbund, als nur eine Freihandelszone verstehen will, sondern auch als eine – wie es heißt – Wertegemeinschaft, so muss sie auch bekennen, dass ihre Wurzeln im Christentum liegen und der christlichen Tradition in ihren künftigen Strukturen Platz einräumen.

Der Konvent zur Zukunft Europas

Um den europäischen Einigungsprozess voranzutreiben wurde im Frühjahr dieses Jahres der sog. "Konvent zur Zukunft Europas" einberufen, zu dem hohe Vertreter der Mitgliedsstaaten der EU und der Kandidatenländer gehören. Den Vorsitz hat der frühere französische Staatspräsident Valéry Giscard d' Estaing. Der Konvent, der auch kontinentale Verfassungsversammlung genannt wird und in Brüssel regelmäßig tagt, hat die bedeutende Aufgabe - bis zum Sommer nächsten Jahres - der Europäischen Union eine neue rechtliche Basis zu geben, eine Art Grundgesetz. Die Bearbeitung des bisherigen europäischen Vertragswerkes könnte der Anfang einer künftigen "Europäischen Verfassung" werden.
Sie können sich vorstellen, dass die Kirche in Europa die Arbeit des Konvents mit Aufmerksamkeit verfolgt, weil hier die Weichen für die Zukunft des Kontinents gestellt werden, nicht nur in organisatorischer und struktureller, sondern auch in inhaltlicher und moralischer Hinsicht.
Die Kirche unterstützt die Einigung des Kontinents. Da alle Länder der EU in großer Mehrheit christliche Länder sind, - so wird es auch nach der Osterweiterung sein - leistet die Kirche schon jetzt eine wesentliche Integrationsfunktion für die Völker Europas. Die Kirche fordert die Einheit des Kontinents, indem sie die Staaten und die Verantwortlichen aufruft, sich auf die gemeinsamen christlichen Wurzeln zu besinnen. Sie verlangt, dass in dem neuen europäischen Vertragswerk die Wertegebundenheit der EU festgeschrieben wird.

Die ökumenische Stimme aus Deutschland

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Kardinal Karl Lehmann und der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirchen in Deutschland Präses Kock haben eine gemeinsame Stellungnahme zum Konvent zur Zukunft Europas verabschiedet. Einige Punkte der Erklärung möchte ich nennen.

Die Kirchen fordern, dass die sog. Grundrechte-Charta, die dem christlichen Menschenbild Rechnung trägt, in den neuen Verfassungstext aufgenommen und damit rechtsverbindlich gemacht wird.
Die Religionsfreiheit und das Selbstbestimmungsrecht der Kirchen, die bereits von den nationalen Rechtsordnungen garantiert sind, sollten auch in dem europäischen Vertragsrecht gesichert und auf europäischer Ebene gewährleistet sein.
Mit der zunehmenden Vertiefung der EU soll ein positives europäisches Religionsrecht formuliert werden, das u.a. das soziale, kulturelle und caritative Wirken der Kirchen gewährleistet und religiöse Feiertage innerhalb der EU respektiert.
In einer Präambel sollte sich zudem die EU durch die Nennung Gottes zum religiösen Erbe Europas bekennen. Durch diesen Gottesbezug sollte auch eine Absage an die Verabsolutierung der politischen Ordnung der EU erteilt werden. Mit anderen Worten: nicht politische Macht, sondern Gott selbst soll "die letzte Instanz" im Leben der Menschen bleiben.
Mit diesen Forderungen wünschen sich die Kirchen, dass die EU auf ein bewährtes, stabiles Wertefundament gebaut wird.

In diesem Zusammenhang wird klar, dass es bei Diskussionen über einen eventuellen EU-Beitritt der Türkei, nicht nur um wirtschaftliche und strategische Fragen geht, sondern um eine wichtige Grundsatzentscheidung: Wie passt ein moslemisches Land zum christlichen Europa? "Ein Beitritt der Türkei wäre das Ende der EU" – behauptete der Präsident des Verfassungskonvents Giscard d' Estaing (SZ 10.11.02). "Das Kreuz mit dem Halbmond" titulierte kürzlich eine Zeitung den Artikel zu diesem Thema (SZ 13.11.02).

Wünsche für Europa von Albertus Magnus

Unser Kirchenpatron, Albertus Magnus, wenn er heute lebte, wäre wahrscheinlich als ein brillianter Mensch, als Genie des Jahrhunderts, als Alleskenner zu den Beratungen des Konvents eingeladen. Er würde die Einladung annehmen, weil ihm das friedliche Miteinander der Völker und Staaten und die christliche Ausrichtung Europas ein inniges Anliegen wären.

Er würde die Versammelten zu überzeugen versuchen, dass sie bei aller Sorge um gerechte Strukturen und Rechtsordnungen, um ein effektives und handlungsfähiges Europa, das Wesentliche nicht übersehen. Er würde die Meinung vertreten, dass so ein historisch einmaliges Werk wie die EU, nur mit Gott und auf der bewährten christlichen Wertebasis Bestand und Zukunft haben kann. Handelsbeziehungen, Freizügigkeit bei der Niederlassung und Arbeitsaufnahme sind viel zu wenig, um ein paar hundert Millionen Menschen Frieden und Gerechtigkeit zu garantieren.

Unser Kirchenpatron würde alle Europäer ermutigen, zum Glauben, zum christlichen Leben und zur Kirche zu stehen. Er würde davor warnen, in der Esoterik oder in fernöstlicher Mystik nach Lösungen zu suchen. "Nimm und lies die Bibel, die du so wenig kennst, entdecke und vertiefe die biblische und christliche Spiritualität" – würde er jedem raten.

Der tibetische Religionsführer und Friedensnobelpreisträger Dalai Lama, hat unlängst etliche deutsche Sympathisanten des Buddhismus ganz schön überrascht als er bei der so genannten "Sinnsucher-Konferenz" im Bayerischen Hof sagte: "Ihr Leute aus dem Westen, behaltet eure eigenen Traditionen, das Christentum hat das gleiche Potenzial" (SZ 12./13.10.02). Das musste einer von auswärts sagen! Den eigenen Propheten, den Kirchen, scheinen die Europäer nicht zu glauben.

Lernen wir von unserem Kirchenpatron die europäische Weite, Weite des Denkens und des Herzens, lernen wir von ihm die Liebe zur europäischen Heimat. Schöpfen wir selbst aus dem Evangelium Kraft und Mut, unser eigenes Leben, unsere Familien und unsere Arbeit nach dem Vorbild Christi zu gestalten. Wir werden zum Konvent zur Zukunft Europas nicht eingeladen um die künftige europäische Verfassung zu erarbeiten. Wir können aber doch sehr viel in dieser Hinsicht tun: Wir können das christliche Erbe Europas in unserem Leben und in unserem Umfeld bewahren und es sichtbar werden lassen.

Unser Kirchenpatron helfe uns dabei. Er trete für uns bei Gott ein! St. Albertus Magnus, bitte für uns!

 
 
Hinweis:
Zur Vertiefung dieser Gedanken kann der Vortrag von Kardinal Karl Lehmann als Word-Datei zum Download (63 KB) angeboten werden, den er am 5. September 2002 in Freising gehalten hat. Thema:
Christliche Wurzeln einer europäischen Gesellschaft.
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Last updated 06.12.07