Predigten 2005


Johannes Paul II. und die Sehnsucht nach einer Leitfigur



Predigt von Dekan Dr. Czeslaw Lukasz am Sonntag vor dem Konklave,  Sonntag des Guten Hirten, 17.4.2005
 
 
 
Ein guter Hirt

Vor genau zwei Wochen, am Samstag Abend, dem 2. April, starb der Heilige Vater Johannes Paul II. Je mehr die Zeit verläuft und je mehr wir uns von diesen Tagen der Trauer und des Gebetes entfernen, desto mehr sollten wir versuchen Lehren daraus zu ziehen. Die überwältigende Anteilnahme fast der ganzen Welt, das starke emotionelle Erlebnis dieser Tage, waren ein großes Zeichen für uns Christen und für die Welt. Und wir sollen die Zeichen der Zeit deuten (Lk 12,56).
Diese Tage des Abschiednehmens vom geliebten Papst haben – so sehe ich es - eine große Sehnsucht der Menschen nach einer Leitfigur gezeigt. Anders ist diese große Anteilnahme Menschen verschiedener Kulturen und Glaubensrichtungen nicht zu verstehen. Auch die große Politik braucht und hat eine Leitfigur gefunden, wie die Teilnahme von so vielen Staatsoberhäuptern am Begräbnis beweist.
Auch wir Christen brauchen eine Leitfigur, wir brauchen einen Hirten, dem man vertrauen kann, der im Wirren der Zeit das Evangeliums authentisch verkündet. Millionen von Menschen, die in Rom waren, darunter Scharen junger Leute, Millionen, die in ihren Zimmern vor den Fernsehbildschirmen um den Papst trauerten, Millionen, die sich in Kirchen zum Gebet versammelten, drücken Johannes Paul II. ihre Dankbarkeit dafür aus, dass er die Kirche in den letzten 26 Jahren geleitet hat und dabei die Welt, vor allem auf dem europäischen Kontinent politisch verändert hat.

Der Papst war eine Leitfigur nicht dadurch, dass er sich selbst ins Licht gestellt hätte und sich selbst verkündet hätte. Er war eine Leitfigur, weil er sich selbst einer Leitfigur anvertraut hat, dem guten Hirten, dem Herrn Jesus Christus.

Der Papst war derjenige, der – wie das heutige Evangelium sagt – die Stimme der guten Hirten gehört hat. Er ist dem guten Hirten gefolgt, er ließ sich von ihm auf die Weide führen. Dadurch war er ein Abbild des guten Hirten Jesus Christus. Er war der Stellvertreter Christi auf Erden.
  Foto: Czeslaw Lukasz

Das Leben in Fülle

Wir leben in einer Zeit, in der jeder macht, was er will. Wir leben in einer Zeit, in der jeder nur noch auf sich selber achtet. Die Menschheit schaut so aus, wie eine große Herde, deren Schafe auseinander laufen und nicht wissen wohin. Diebe und Räuber brechen ein und machen große Beute. Woran können wir uns orientieren? Wo können wir Sicherheit finden?
Vor diesem Hintergrund klingen die Worte Jesu im Evangelium sehr klar: "Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben" (Joh 10,10). Das Leben in Fülle, was ist es? Es ist ein gerettetes Leben. Jesus ist gekommen um die Rettung zu bringen: "Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird" (Joh 3,17). Um welche Rettung geht es hier?

Das Johannesevangelium spricht hier Klarkontext. Jesus, der gute Hirt, rettet von dem, was den Menschen zerstört, was ihm Tod bringt und das ist: das Leben ohne Gott. Wer ohne Gott lebt, lebt in Finsternis. Wer an Gott glaubt hat das Licht für das Leben. Wer an Jesus glaubt, erkennt die Wahrheit und diese Wahrheit macht ihn frei. Er wird ein freier Mensch.
"Wenn ihr in meinem Wort bleibt... dann werdet ihr die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch befreien"
(Joh 8,32). Das Leben in Fülle, zu dem uns der gute Hirte führt, ist das Leben in Wahrheit und in Freiheit.
Jesus ist die Tür zu diesem Leben. Das ist sein Angebot: "Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden".
Was braucht die Welt von heute mehr als Wahrheit und Freiheit? Die Welt braucht Menschen, die von dieser Wahrheit Zeugnis ablegen. Dazu sind wir alle berufen, dazu braucht die Welt auch die Stimme des Stellvertreters Christi. Er soll uns Christen im Glauben stärken. Er soll der Welt die wahren Werte zeigen, die nicht vergehen. Er soll die Welt zur Freiheit führen.

Die Wahl des neuen Papstes

Morgen beginnt im Vatikan das Konklave. Kardinäle aus der der ganzen Welt, auch unser Herr Kardinal Friedrich Wetter, werden einen neuen Papst wählen. Wir sollten sie alle in unser festes Gebet nehmen.
Wie damals zwischen Ostern und Pfingsten die Apostel sich "zusammen mit den Frauen und mit Maria, der Mutter Jesu, und mit seinen Brüdern" (Apg 1,14) im Abendmahlssaal versammelt haben, so sollte jetzt die Kirche in diesen Tagen im Gebet vereint sein. Wir beten um den Heiligen Geist für die in Rom versammelten Kardinäle, damit sie offen bleiben für das Wirken des Heiligen Geistes und die rechte Wahl treffen. Möge der Heilige Geist unserer Kirche und unserer Welt wieder eine starke Leitfigur schenken, einen Papst nach dem Herzen Gottes.
Welche Nationalität und Hautfarbe der künftige Stellvertreter Christi auf Erden haben auch mag, wir beten schon heute für ihn, damit ihm Gott zahlreiche Gnaden schenken möge und sein Dienst viele Früchte der Heiligkeit für die Kirche und viele Früchte des Friedens für die Welt hervorbringe.

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Last updated 06.12.07