Predigten 2002

 


Der Mensch lebt nicht nur von Brot allein

 

Predigt von Dekan Lukasz zum Beginn der Fastenzeit, Sonntag, 17. Februar 2002
 
 
 
Fastentuch St. Albertus Magnus 2002 Ausgestreckte Hände

Viele ausgestreckte Hände, die sich erheben und nach etwas suchen sehen wir auf unserem diesjährigen Fastentuch. Sie sind nach oben gestreckt, weil das, was sie suchen, nicht auf der Erde zu finden ist. Ich möchte heute mit Ihnen, als Einführung in die Fastenzeit, dieses Tuch samt dem Spruch betrachten, Sie aber auch einladen, die Botschaft dieses Altarbildes ganz persönlich, jeder für sich selbst, zu erschließen.

Mit einer kurzen Meditationsstille werden wir beginnen ... Jeder von uns kann sich fragen: Woran denke ich, wenn ich diese Hände sehe? Ausgestreckte Hände, große, kleine, junge, alte, weiße, schwarze, viele Hände. An welche Situationen, an welche Menschen lassen sie mich denken? Welche Nöte, Bedürfnisse, welches Verlangen wird hier mit diesen Händen ausgedrückt? Sind dabei vielleicht auch meine Hände, die ich aus meiner Not heraus nach oben, zu Gott erhebe? Welches Verlangen, welchen Hunger trage ich in meinen ausgestreckten Händen? Betrachten wir jetzt in Stille das Bild und jeder von uns sucht in diesem Händewald seine eigenen Hände, seine Not und seinen Hunger.

(Stille)

In der Wüste: nicht nur Brot

Das Evangelium erzählt von Jesus, der nach vierzigtägigem Fasten in der Wüste Hunger bekommen hat. Das Verlangen nach einem Stück Brot war sicher groß, aber in der Wüste gibt es kein Brot. Da kommt unerwartet einer zu ihm, der eine Lösung parat hat: "Wenn du Gottes Sohn bist, so befiehl, dass aus diesen Steinen Brot wird" – sagt der Teufel. Eine schnelle, einfache Lösung. Auf einmal so viel Brot wie herumliegende Steine! Man kann nehmen und essen so viel man will, bis man satt wird.
Dies wäre aber eine kurzfristige Lösung. Das Brot allein sättigt nicht. "Der Mensch lebt nicht nur von Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt" – zitiert Jesus aus der Bibel (Dtn 8,3)).
Er weist den Teufel zurück, indem er auf ein anderes Grundbedürfnis des Menschen zeigt. Nicht nur eine physische Sättigung braucht der Mensch, sondern auch eine geistige Speise, das Wort des Herrn, das den Hunger der Seele stillen kann.
Wie viele Menschen strecken heute ihre Hände aus in ihrer Not! Hier zu Lande sicher nicht nach dem materiellen Brot. Keiner muss verhungern und viele haben mehr als nötig. Wir leben in Überfluss, wir leben in einer Konsumgesellschaft.
Nichtsdestotrotz ist die geistige Not sehr groß und scheint ständig zu wachsen. Menschen sind auf der Suche nach den Werten, die über das Materielle hinaus gehen. Wenn man sich das Bücherangebot aus Esoterik anschaut, wenn man von dem großen Zulauf der Sekten hört, wenn man Menschen sieht, die bei Psychologen und Psychotherapeuten Hilfe suchen, dann wird jedem klar, der geistige Hunger, die geistige Not ist groß.

Hunger nach dem Wort des Herrn

Beim Propheten Amos findet sich die Beschreibung einer geistigen Not, die auch von unserer Zeit zu sprechen scheint (Am 8,11-13).

"Seht, es kommen Tage - Spruch Gottes, des Herrn - da schicke ich den Hunger ins Land, nicht den Hunger nach Brot, nicht Durst nach Wasser, sondern nach einem Wort des Herrn. Dann wanken die Menschen von Meer zu Meer, sie ziehen von Norden nach Osten, um das Wort des Herrn zu suchen; doch sie finden es nicht. An jenem Tag werden die schönen jungen Mädchen und die jungen Männer ohnmächtig vor Durst ..."

Wie viele Menschen irren heute herum in der Wüste ihres Lebens und finden nicht das, was sie wahrhaft sättigt und glücklich macht. Wie viele wanken von Meer zu Meer, ziehen von Norden nach Osten, um das Wort des Herrn zu suchen; doch sie finden es nicht! Wie viele werden ohnmächtig vor Durst nach Liebe, nach Geborgenheit, nach dem Sinn des Lebens! Wie viele Kinder, die alles haben, was sie sich nur wünschen, verwahrlosen heute, weil ihnen die wahren Werte, die das Leben lebenswert machen, nicht vorgelebt und vermittelt werden! Wie viele Erwachsene, die materiell gesehen jeden Grund zur Zufriedenheit haben müssten, sind bedrückt und unglücklich! Ihr Problem ist - um Amos zu zitieren - nicht der Hunger nach Brot, nicht Durst nach Wasser, sondern – ob sie das wissen oder nicht - nach einem Wort des Herrn.
Die Fastenzeit ist die Zeit der Suche nach dem Wort des Herrn, nach dieser geistigen Speise, die mehr ist als eine Sättigung des Leibes. Es ist die Zeit die Speise zu suchen und zu kosten, die den ganzen Menschen sättigt.

Das Gebet und die lectio divina

Drei Wege, drei Fastenzeitübungen, die uns diese Suche erleichtern, werden in Mt 6,1-6.16-18 genannt und am Aschermittwoch den Gläubigen auferlegt: Gebet, Fasten und Almosen geben. Dabei steht das Gebet an der ersten Stelle. Was das Brot für den Leib, ist das Gebet für die Seele. Es gehört nicht viel Disziplin dazu, am Morgen, am Abend und beim Essen ein kurzes Gebet zu sprechen. In der Fastenzeit darf es allerdings ein bisschen mehr sein. Die Fastenzeit ist eine gute Gelegenheit unser Gebetsleben zu prüfen.
Zu einer Vertiefung des Gebetslebens führt sicher die Lektüre der Heiligen Schrift. Es gibt eine Leseweise der Bibel, die lectio divina, spirituelle Lektüre, genannt wird. Sie beginnt mit dem Lesen und endet mit dem Beten. Es sind drei einfache Schritte, die Bibel zu lesen, darüber nachzusinnen und dann zu beten. (1) Ich lese z.B. das Evangelium vom Tag und versuche den Text zu verstehen. (2) Dann versuche ich den Abschnitt auf mein persönliches Leben zu übertragen und frage mich: Was sagt mir das Evangelium? (3) Und im dritten Schritt bete ich zu Christus in dem Anliegen, das gerade mir deutlich geworden ist. So wird die Schriftlesung nicht nur eine Begegnung mit der Geschichte Jesu, sondern sie führt zur persönlichen Begegnung mit dem Herrn. Diese Form der Schriftlesung kann ein besonderer Gewinn für unser geistliches Leben werden.
Sicher ist die Bibel das Buch der Christen. Es kann aber auch ein gutes religiöses Buch sein, das ich mal als Geschenk bekommen und bis jetzt nicht gelesen habe. Ein gutes religiöses Buch, eine kirchliche Zeitung, könnten auch auf dem knapperen Einkaufszettel in der Fastenzeit stehen.

Individuelle Wege

Es gibt viele Wege, die Fastenzeit so zu leben um ihr Ziel zu erreichen und das geistliche Leben zu erneuern. Das kann z.B. die Teilnahme an den Exerzitien im Alltag sein, ein Besuch der Werktagsgottesdienste oder der Kreuzwegandachten.
Zu den Fastenzeitübungen zählt die Bibel neben Beten auch Fasten und Almosen geben auf. Das leibliche Fasten, Verzicht auf übermäßiges Essen und Trinken bringt geistige Gewinne. Die Medizin weiß seit langem um die heilsame Wirkung des Fastens. Das Fasten bringt nicht nur eine Entschlackung des Körpers, sondern auch eine Entschlackung für die Seele. Wenn wir fasten, leben wir freier und bewusster. Es entsteht eine größere Sehnsucht nach den Werten, die das Leben wertvoller machen. Es entsteht größere Sehnsucht nach Gott.
Beim "Almosen geben" handelt es sich nicht ausschließlich um eine Geldspende. Das Wort Almosen leitet sich von dem selben griechischen Wort ab, wie Barmherzigkeit. Der barmherzige Umgang mit unseren Mitmenschen gehört unter die Fastenzeitübung "Almosen geben" – eben, weil diese Menschen vielleicht von mir kein Geld brauchen, sondern meine Zeit, mein gutes Wort, mein hilfreiches Dasein.
Für jeden von uns wird diese Fastenzeit anders sein, weil unsere Bedürfnisse und die Bedürfnisse von Menschen, die wie wir die Hände nach oben erheben unterschiedlich sind.
"Der Mensch lebt nicht nur von Brot allein"
– möge dieses Bild und dieser Spruch uns durch die diesjährige Fastenzeit begleiten. Nehmen wir es wahr, setzen wir uns mit seiner Botschaft jedes Mal auseinander, wenn wir da sind.

Nehmen wir unseren geistigen Hunger und unsere geistige Not ernst. Gönnen wir unserer Seele häufiger als sonst eine wahre Speise.

 

 
 
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Last updated 06.12.07