Patrozinium 1997
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Predigten 1997

 

Patrozinium 1997
 
Predigt von Dr. Czeslaw Lukasz zu seiner Amtseinführung am 16. November 1997

 
 

Über unseren Kirchenpatron Albertus Magnus, sein Leben, sein Wirken und seine Zeit, habe ich noch nicht so viel gelesen, dass ich sagen könnte, wie es ihm und der Kirche damals, im 13. Jahrhundert, ging, leichter oder schwerer als uns heute. Einerseits war das die Zeit der Errichtung der großen gotischen Kathedralen, die wir bis heute bewundern. Ihre in den Himmel ragenden Spitztürme bezeugen die Ausrichtung des Lebens auf Gott. Andererseits stellt z.B. (1) die Entstehung der Bettelorden, der Franziskaner und der Dominikaner, Albertus Magnus war selber Dominikaner, eine innerkirchliche Protestbewegung gegen das Besitzdenken in Kirche und Gesellschaft dar. Es tat also Not, die evangelischen Werte der Einfachheit und Armut wieder zu entdecken. (2) Die Kreuzzüge, die man damals gepredigt und durchgeführt hat, bezeugen die Ängste der Kirche vor der Islamisierung und dem Untergang des Christentums. Sie entlarven aber auch eine Kirche, die zu vergessen schien, dass selbst ein edles und frommes Ziel, nicht die Mittel heiligt. (3) Die Erfolge, die Albertus Magnus als Theologe hatte, legen offen, dass eine theologische und kirchliche Erneuerung mehr als notwendig war. Das alles weist daraufhin, dass es bestimmt keine leichte Zeit für die Kirche war.

Man kann sicher schlecht Vergleiche anstellen. Wir empfinden aber, dass wir in Zeiten leben, in denen der christliche Glaube auf die härteste Probe in der Geschichte gestellt ist. Den vielen Krisendarstellungen der Kirche bei uns in Mitteleuropa möchte ich hier keine neue hinzufügen. Wenn ich an den Verlust der Anziehungskraft der Kirche in der Öffentlichkeit und - andererseits - an unsere interne Unsicherheit, was die Zukunft betrifft, denke, dann fällt mir der Vergleich mit der Wüstenwanderung Israels ein. Geht es uns nicht oft so, wie dem Volk Israel auf seiner langen Wanderung durch die Wüste, mit seinem Herumirren und auch mit seinem Suchen nach dem verheißenen Land?

Ich möchte hier heute meiner Hoffnung Ausdruck geben, dass es für uns Christen, nach der jetzigen Zeit der Wüste und des Herumirrens, ein verheißenes Land geben wird. Wir wissen zwar nicht genau, wie es aussehen wird und auf welchem Weg wir dorthin gelangen können. Wir können aber versuchen, uns die Entwicklung der Kirche in den nächsten Jahrzehnten vorzustellen, aufgrund von Erfahrungen, die wir schon jetzt machen und aufgrund der Hoffnung, die uns trägt.

Ich meine, dass das Problem unserer Kirche, nicht nur der katholischen, sondern, aller christlichen Kirchen, hauptsächlich in der konfliktträchtigen Beziehung mit unserer modernen Kultur liegt. Die Kirche und die neue Denk- und Lebenskultur prallen oft aufeinander. Dieser Zusammenstoß findet in mehreren Bereichen statt. An seinen Wurzeln liegt (u.a.) eine unterschiedliche Auffassung von Fortschritt und Entwicklung. Unsere Gesellschaft und auch wir selbst, wir sind geprägt von der Moderne. Die Moderne sieht in der Veränderung an sich schon einen Wert. Deshalb gelten Offenheit für das Neue, Flexibilität, Mobilität, schnelle Anpassung als Zeichen eines modernen Menschen. Das steht in starkem Kontrast zu der christlichen Grunderfahrung, die auf einem einmaligen Geschehen der Vergangenheit beruht, auf dem Leben, dem Tod und der Auferstehung Jesu. Die Sache Jesu steht - sozusagen - fest, sie wird in der christlichen Überlieferung einfach weitergegeben. Freilich gibt es auch in der Theologie Entwicklung, selten aber gelingt es, die christliche Weltanschauung in der Zeit des sich beschleunigenden Wandels immer neu zu begründen und nach außen glaubhaft zu machen.

Dennoch stehen sich hier, meine ich, nicht zwei Weltsichten gegenüber, die sich notwendigerweise ausschließen. Auch wenn sie in vielen Punkten gegensätzlich sind, folgt keineswegs daraus zwingend die Ablehnung des einen oder des anderen. Selbst wenn es für viele nahe liegt, den Glauben aufzugeben und aus der Kirche auszutreten, ist das keine Lösung für die Spannungen zwischen Glauben und Kultur. Eben so wenig darf es für uns eine Lösung sein, die Moderne als Teufelswerk abzutun, und uns in kleinen kirchlichen Zirkeln zu bewegen, die sich weitgehend abschotten. Wenn wir die Wege der modernen Kultur nicht mitmachen wollen, werden wir uns zunehmend als Fremdlinge in der Gesellschaft fühlen. Auch die Gefahr, mal Irrwege einzuschlagen, soll uns von dem Entgegenkommen, von dem Dialog, nicht abhalten.

Statt sich abzuschotten, statt sich aneinander zu reiben, sollten vielmehr die Kirche und unsere Zivilisation ein friedliches Miteinander üben und von einander lernen. Die moderne, und sich anscheinend von ihren christlichen Wurzeln entfernende, Kultur birgt viele Werte, die eigentlich in unser christliches Selbstbewusstsein mit hineingehören, die aber in der Kirche der letzten Jahrzehnte zu kurz kamen. Diese können wir (als Kirche) neu erlernen. Ich denke an Toleranz, an die Achtung des Gewissens als letzte Entscheidungsinstanz in ethischen Fragen, an Kommunikation und Partizipation, an Freiheit und an Selbstbestimmung. Und umgekehrt, auf dem Hintergrund unseres Glaubens und unserer Verkündigung können wir Christen entdecken, wo unsere Kultur gegen das Christliche und damit auch gegen das Menschliche wirkt. Etwa in der Auflösung einer dauerhaften, verbindlichen Solidarität, in Desorientierung in Lebensfragen, in Gleichgültigkeit und Oberflächlichkeit.

Das bedeutet aber, dass sich gelebter Glaube und echte Verkündigung heute neu orientieren müssen. Und dazu braucht es oft schmerzhafte Schritte und die Aufgabe von Sicherheiten, die nicht mehr tragen.

Ganz sicher werden wir die unkommunikativen, zentralistischen und klerikalen Strukturen, die es bei uns noch immer gibt, aufgeben müssen, um völlig unnötige Kontraste zu unserer Kultur zu vermeiden. Wir leben in einer demokratischen Gesellschaft, und dies bedeutet natürlich auch, dass unser Zusammenleben in Gemeinden und Gemeinschaften nicht mehr nach dem Modell der vergangenen Kulturen gestaltet werden darf. Natürlich weiß keiner von uns so genau, wohin diese Umgestaltung führen wird. Aber diese Ungewissheit, die mit den "Geburtswehen" einer neuen Form der Kirche und Gemeinde notwendig verbunden ist, können wir durchaus auch als Chance und Herausforderung begreifen, die Gott uns durch unsere Kultur zumutet, um uns "Neuland" (das verheißene Land) für unseren Glauben entdecken zu lassen.

Wir entdecken schon heute in unseren Überzeugungen und teilweise auch in der kirchlichen Praxis, Elemente, die zukunftsfähig sind und die Kirche der Zukunft ausmachen werden. Übrigens, zu solchen Elementen gehört bestimmt nicht die strenge Trennung von Priesteramt und Laienarbeit, wie sie die in der letzten Woche veröffentlichte Vatikan-Erklärung fordert. Solche Postulate schaden nur dem öffentlichen Ansehen der Kirche, die gerade hier in Deutschland gute Erfahrungen in diesem Bereich gemacht hat.

Welche Elemente sind also zukunftsfähig? Drei solche möchte ich hier nennen.

Erstens: Ich denke vor allem an den Aufbau einer Kirche, in der der Mensch in der Mitte steht. Nicht der Machterhalt, nicht die Funktionstüchtigkeit eines Systems, sondern nur der einzelne Mensch, der als der höchste Wert gilt, kann der Kirche Zukunft geben. Es muss eine Kirche sein, die nicht richtet, sondern rettet - dem Wortlaut Jesu nach. Strukturelle Veränderungen werden folgen müssen, um nach diesem Prinzip zu leben. Die Strukturen werden vereinfacht, die kirchlichen Ämter werden zu kirchlichen Diensten werden müssen.

Zweitens: Wir werden neue Formen eines gemeinsam gelebten und geteilten Glaubens ausprobieren müssen. Persönliche Beziehungen und persönliche Gebetserfahrungen der Einzelnen werden an Bedeutung gewinnen, um im Gespräch miteinander neuen Raum für gemeinsame Glaubenserfahrungen zu finden. Gemeinde wird in Zukunft wohl mehr und mehr von solchen kleinen "Glaubenszellen" leben, die miteinander meditieren, beten, die Bibel lesen, ihre persönliche und gesellschaftliche Situation besprechen und so weiter.

Diese Vision der Kirche, die aus kleinen Kreisen des gemeinsam und intensiv gelebten Glaubens besteht, verbreitet sich bereits in den höheren Etagen der kirchlichen Hierarchie. Kardinal Ratzinger sprach vor kurzem in einem bekannten Interview das so aus:

Vielleicht müssen wir von den volkstümlichen Ideen Abschied nehmen. Möglicherweise steht uns eine anders geartete, neue Epoche der Kirchengeschichte bevor, in der das Christentum eher wieder im Senfkorn-Zeichen stehen wird, in scheinbar bedeutungslosen, kleinen Gruppen, die aber doch intensiv gegen das Böse anleben und das Gute in die Welt hineintragen ("Salz der Erde", 1996).

Unsere Gemeinde darf sich heute diese Worte ans Herz legen. Ihr Autor hat vor 20 Jahren, am 2. Oktober 1977, diese unsere gemeinschaftsfördernde Kirche eingeweiht.

Drittens: Es wird eine in sich selbst versöhnte Kirche sein. Es wird eine einzige - im ursprünglichen Sinne des Wortes katholische, d.h. eine allgemeine, eine weltumfassende, eine alle Menschen einladende Kirche werden. Diese wird gleichzeitig "katholisch", weil sich jeder Mensch, vor allem der Arme und Bedürftige in ihr zu Hause fühlen kann; diese Kirche wird gleichzeitig "evangelisch", weil die Werte des Evangeliums aktiv gelebt werden; diese Kirche wird auch gleichzeitig "orthodox", weil sie die Wahrheit des Glaubens unverfälscht vertritt. Eine (1) offene, (2) evangelische und (3) glaubwürdige Gemeinschaft von Frauen und Männern, eine Gemeinschaft eines miteinander gelebten und geteilten Glaubens, wird zum Träger der Hoffnung in der Welt.

Von Albertus Magnus wird gesagt, er wäre der letzte Mensch der Geschichte gewesen, der noch alles wusste. Sein Wissen umfasste alle Gebiete, von Philosophie und Literatur zu Physik und Astronomie, von Geschichte und Theologie zu Naturkunde und Medizin. Er war auch überzeugt, dass die Verkündigung der frohen Botschaft immer neue Formen finden muss und finden wird, um dem Menschen zu dienen und ihn zu Gott zu führen.

Ich denke aber, dass er doch nicht alles wusste. Er wusste bestimmt nicht, dass es 700 Jahre später, am Ende des auslaufenden Jahrtausends, unsere Gemeinde, die nach ihm benannt ist, geben wird. Er wusste auch nicht, dass so interessante und spannende Zeiten für die Welt und für die Kirche kommen werden. Wir dürfen in ihnen leben. Wir dürfen unsere Welt und unsere Kirche gestalten!

 
 
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Last updated 06.12.07