Predigten 2001



Über Terror, Vergeltung und Frieden

Predigt von Dekan Lukasz am Sonntag, 16. September 2001, nach den Terroranschlägen in Amerika vom 11. September 2001


"USA rüsten zum Krieg"

"Wir werden zurückschlagen. Ich versichere, dass die Täter dieses fürchterlichen Anschlags mit aller Strenge bestraft werden, wo immer sie sich aufhalten" – so etwa sprach der amerikanische Präsident bei der Pressekonferenz nach den verheerenden Flugzeugabstürzen auf das Welthandelszentrum in Manhattan und auf das Pentagon am vergangenen Dienstag. Im Moment der Bestürzung über das Ausmaß der Tragödie fand ich persönlich diese Worte störend. Können solche Worte von der blutigen Vergeltung den Menschen Trost spenden, die vor Entrüstung über die schreckliche Tat und Tausende von Toten sprachlos geworden sind? Kann das Versprechen einer blutigen Rache trösten? Schon in der darauf folgenden Nacht wollten einige in den Raketen über Kabul amerikanische Vergeltungsschläge sehen. Zum Glück handelte es sich dabei um die Auseinandersetzungen zwischen den örtlichen Milizen. Ich bin froh, dass Amerika gewartet hat und bis heute wartet, dass diese Großmacht sich nicht in einen Kleinkrieg mit den Gewalttätern verwickeln lässt. An der Vergeltung hält es aber fest. Der Präsident sprach vom 1. Krieg des 21. Jahrhunderts. "USA rüsten zum Krieg" – lautet die Überschrift der Wochenendausgabe einer unserer Zeitungen. Mit Spannung wird auf die ersten Vergeltungsschläge gewartet. Spekulationen werden angestellt: Wann und wo wird zuerst zurückgeschlagen?

Ich frage mich: Kann diese Tragödie vergolten werden? Sollten in einem Land genau so viele Menschen getötet werden, wie an der amerikanischen Ostküste? Wäre das ein gerechter Vergeltungsschlag? Wenn mit einigen mutmaßlichen Tätern wieder Tausende von unschuldigen Menschen sterben sollten – ist dies eine angemessene Vergeltung? "Auge um Auge, Zahn um Zahn", wie du mir, so ich dir? Solche Anwendung der Gewalt wäre moralisch unvertretbar. Sie wäre dann letztlich auch uneffektiv. Durch die Vergeltungsschläge kann keineswegs mehr Gerechtigkeit und Frieden erzeugt werden.

Gibt es ein gerechtes Strafmaß?

Die Justiz vieler Länder diskutiert seit Jahren die Frage, wie man mit Straftätern umgehen sollte. Darin ist sie sich nicht einig. Das sieht man nicht nur in dem Maß der Höchststrafe: Während in den USA und in vielen anderen Ländern die Mörder hingerichtet werden, bleiben sie in Europa in lebenslanger Haft. Die Kirche tritt entschieden gegen die Todesstrafe ein, aus der Überzeugung heraus, dass nur Gott, der das Leben gibt, es zurückfordern darf.

Was ist das richtige, gerechte Strafmaß? Keine Frage: Recht und Ordnung müssen sein, sonst wäre das Zusammenleben gefährdet. Klar ist auch: Wenn man Recht und Ordnung zwar mit Worten lobt, aber nicht mit Taten durchsetzt, hält sich bald keiner mehr daran. Ist aber immer Härte angesagt oder unter bestimmten Voraussetzungen Entgegenkommen vertretbar?

Buchhalter-Gerechtigkeit?

Wenn ich als Christ diese Fragen aus der Sicht des Glaubens betrachte, dann komme ich nicht umhin, mich an Jesus zu wenden und seine Worte heranzuziehen. Allein wäre ich mit den Antworten überfordert und würde zu menschlich urteilen.

Wir erfahren – zuerst - aus den Evangelien, dass keiner von uns perfekt und ohne Sünde ist. Die Messlatte, die Jesus anlegt, z.B. in der Bergpredigt, ist für uns oft zu hoch. Keiner von uns ist frei von Fehlern und Schuld. Das bewahrt uns vor Überheblichkeit. Das mahnt uns zur Vorsicht bei der Beurteilung und Verurteilung von Straftätern.

Auf der anderen Seite stellt Jesus seinen Vater zwar als Richter dar, der die Menschen in die Verantwortung ruft. Aber dieser Vater hat ein Herz. Er freut sich über jeden Sünder, der umkehrt. Er vergisst die richterliche Strenge, wenn er einen Verlorenen, der reumütig zurückkehrt, wieder in seine väterlichen Arme nehmen kann.

Deutlich wird das im heutigen Sonntagsevangelium, in der Geschichte vom barmherzigen Vater (Lk 15,11-24). Nach der irdischen Gerechtigkeit müsste der Vater den untreuen und verschwenderischen Sohn abweisen, er müsste ihm wenigstens neuerliches Erbe verweigern. Doch er tut das Gegenteil. Er umarmt den verlorenen Sohn und setzt ihn wieder in die früheren Rechte ein, so dass sich sein älterer Bruder empört. Die väterliche Liebe ist stärker als jegliche Buchhalter-Gerechtigkeit. Die Freude über die Heimkehr des Verlorenen übertrifft das bloße Aufrechnen seiner Schulden und bezwingt jeden Anflug von Bitterkeit und Beleidigtsein.

Die Großzügigkeit des Vaters ist aber mehr als eine Laune des Herzens. Drei Voraussetzungen bahnen sie nämlich an. (1) Der verlorene Sohn sieht ein und bereut, was er falsch gemacht hat, (2) er büßt dafür, indem er Schweine hütet, (3) und er bittet den Vater um Verzeihung. Diesem Vorgang der Umkehr verdankt er letztlich, dass ihm vergeben wird.

Diesen Vorgang der Umkehr müsste die irdische internationale Justiz berücksichtigen, wenn sie eine gerechte Justiz werden will. Einen uneinsichtigen Straftäter darf sie nicht genauso behandeln wie einen reuigen Sünder, der zur Wiedergutmachung bereit und entschlossen ist.

Gebet um Besonnenheit

Um nicht missverstanden zu werden: Es geht mir nicht darum, über jedes Verbrechen, sei es groß oder klein, den Mantel des Vergessens zu legen. Denn wie gesagt: Recht und Ordnung sind unverzichtbar. Und: Was gut ist, muss gut bleiben, und was böse ist, muss als solches auch beim Namen genannt werden. Sonst könnten wir alles Reden von Werten und Normen einstellen.

Trotzdem wünsche ich mir und wünsche ich uns etwas mehr von jenem väterlichen Großmut, von dem Jesus im Gleichnis erzählt. Damit könnten viele zwischenmenschliche Beziehungen gelassener werden. Damit könnten auch viele Kriege vermieden werden, wenn verfeindete Parteien – bevor sie zu Waffen greifen - mehr Einsicht, Gesprächs- und Verständigungsbereitschaft zeigen würden.

Sicher, ein Ladendieb ist ein Ladendieb, ein Betrüger ist ein Betrüger, ein Attentäter ist ein Attentäter, aber er muss es nicht für alle Ewigkeit bleiben.

Jesus hat seinen Mördern am Kreuz vergeben: Vater, verzeih ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Johannes Paul II. hat seinem Attentäter vom Petersplatz verziehen. Amerika wird das fürchterliche Massaker wahrscheinlich nicht so verzeihen. Es wird und es muss nach den Tätern und ihren Hintermännern suchen. Ich möchte aber heute mit Ihnen beten, dass es nicht aus reiner Rache nach Schuldigen sucht, sondern sich dabei auch Gedanken um einen dauerhaften Weltfrieden macht. Terror kann nicht mit Waffengewalt allein bezwungen werden. Man kann nicht Böses mit Bösem vertreiben.

Ich möchte auch heute nicht nur für die Opfer und ihre Familien beten. Ich schließe in das Gebet auch die Menschen ein, die das Massaker organisiert haben und am Leben geblieben sind: dass sie vom Bösen abrücken. Ich möchte heute mit ihnen auch für die Verantwortlichen in der Politik und für die Nato-Staaten beten, um Besonnenheit, dass sie keine neue Gewaltspirale auslösen, dass ihr Friedenswille stärker wird als Gefühle von Hass, Vergeltung und Rache.

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Anmerkung:
Zum selben Anlass fand am 14. September ein Ökumenischer Gottesdienst in der Johanneskirche in Düsseldorf statt. Die Einführungsworte von EKD-Präses Kock und die Predigt von Kardinal Lehmann können hier nachgelesen werden.


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Last updated 06.12.07