Predigten 2001



"
Zur Freiheit hat uns Christus befreit"

Predigt von Dekan Lukasz zur Feier der Osternacht, 15. April 2001

 

Der Traum von Freiheit, von einer grenzenlosen Freiheit – wer hat ihn nicht schon geträumt? Freiheit, eine grenzenlose Freiheit, wird uns an diesem Ostermorgen verkündet.

Gott der Befreiung

Der Gott der Bibel ist Gott der Befreiung. Einige Taten der Befreiung in der Geschichte werden in der Liturgie der Osternacht verkündet. Am Anfang der Geschichte erschuf Gott eine freie Welt und einen freien Menschen (Gen 1). Als das Volk in Ägypten versklavt wurde, berief er Mose, der das Volk durch das Wasser des Roten Meeres und durch die lebensbedrohende Wüste in die Freiheit führte (Ex 14). Als der Mensch sich in seiner eigenen Welt verfangen und in seinem eigenen Gefängnis eingesperrt hatte, versprach er ihm ein neues Herz und einen neuen Geist (Ez 36).

Die größte von Gottes Taten der Befreiung ist die Auferweckung Jesu Christi. Jesus wird aus den Fesseln des Todes befreit, er lebt, er ist frei. Der Tod hat keine Macht mehr über ihn. Er ist frei, wie auf unserem Auferstehungskreuz: Er schwebt frei im Raum, seine Hände und seine Füße sind frei, sie sind befreit von den Nägeln, die sie ans Kreuz und an den Tod genagelt hielten. Der Tod wollte ihn einsperren, behalten, versklaven – stattdessen musste der Tod vor Gottes mächtigem Handeln zurückweichen und Jesus frei geben.

Liebe Christen! Das ist die Botschaft dieser Nacht: Christus hat uns befreit und wir sind frei, wir sind freie Menschen! – eine ungeheuere, großartige Botschaft! Ein Satz des heiligen Paulus aus dem Galaterbrief hat mich – während der letzten Reise auf den Spuren des Apostels in der Türkei besonders beschäftigt. An die Christen in Galatien, das ist das Gebiet rund um die heutige Hauptstadt Ankara, schrieb er: "Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Bleibt daher fest und lasst euch nicht von neuem das Joch der Knechtschaft auflegen!" (5,1). "Zur Freiheit hat uns Christus befreit" – das klingt doch einzigartig: Was uns gefangen halten kann, wird in Christus überwunden. In ihm öffnet sich die Tür zur Freiheit. Wir werden freie Menschen, wenn wir uns von Christus in die Freiheit führen lassen.

Von der Freiheit reden heute viele und sie kann Verschiedenes bedeuten: politische Freiheit, wirtschaftliche Freiheit, Pressefreiheit, Gewissensfreiheit, etc. Ich habe mir die Frage gestellt: Welche Freiheit schenkt uns der Auferstandene? Aus welchen Unfreiheiten und Versklavungen befreit er uns?

Innere Freiheit

Christus befreit von der inneren Unfreiheit. Innere Zwänge, Gewohnheiten, Abhängigkeiten, unverarbeitete Erfahrungen, verdrängte Einsichten halten viele im eigenen seelischen Gefängnis eingesperrt. Sie sind geistig unfrei und unfähig aus sich selbst herauszugehen, sich zu überwinden, etwas neues zu wagen.

"Zur Freiheit hat uns Christus befreit". Er gibt mir die Möglichkeit meine Zwänge und geistigen Versklavungen zu überwinden, weil er mich stark macht. Er stärkt den inneren Menschen in mir, er baut mein Ego auf, weil er Ja zu mir sagt. Er nimmt jede Angst von mir. Er erfüllt mich mit Zuversicht, gibt mir Sicherheit, nimmt mich an der Hand und führt mich in die Zukunft.

Der alte Adam in mir, der alte Mensch der Begierde und Selbstliebe, lässt Platz dem neuen Adam in mir, dem neuen Menschen der Gnade und Liebe nach dem Vorbild Christi. Wer in Schuld und Sünde verstrickt ist, den versöhnt er. Zur inneren Freiheit hat uns Christus befreit.

Äußere Freiheit

Christus befreit von der äußeren Unfreiheit. Wir leben in einem Netz sozialer Beziehungen: Familie, Arbeitskollegen, Freundeskreis, Vereinsfreunde. Viele sind unfrei in den Beziehungen, weil sie meinen, sie müssten Masken tragen, sie müssten vor anderen Rollen spielen, sie müssten angeben, weil sie sonst nicht ernst genommen werden. Die Freiheit eines Christenmenschen besteht darin, dass er diese Schutzmaßnamen nicht braucht. Er kann vor anderen so antreten, wie er ist.

"Zur Freiheit hat uns Christus befreit". Ich kann frei sein dem anderen gegenüber, weil ich andere Menschen nicht als Konkurrenz und Bedrohung zu betrachten brauche, sondern als Schwestern und Brüder, Schwestern und Brüder von Jesus und auch von mir. Da gewinne ich Freiheit, die mich wachsen lässt, die mich zur Liebe befähigt, die mir Offenheit und Ehrlichkeit schenkt, die mich fähig macht, dauerhafte Freundschaften zu schließen, die mir Kreativität und Spontaneität im Umgang mit den Mitmenschen ermöglicht. Zur äußeren Freiheit hat uns Christus befreit.

Freiheit im Glauben

Christus befreit auch von der Unfreiheit im Glauben, von der religiösen Unfreiheit. Viele, die heute auf der Suche nach Gott sind, erleben eines Tages ein böses Erwachen, wenn sie merken, dass sie sich in Sekten und Psychosekten hineinmanövriert haben und anstelle der ersehnten Freiheit dem Psychoterror und den Eigeninteressen des Vereins ausgesetzt sind. "Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Bleibt daher fest und lasst euch nicht von neuem das Joch der Knechtschaft auflegen!" – schrieb Paulus an die Galater.

Es gab von Anfang an und es gibt auch heute noch Bestrebungen den Christen das Joch der Knechtschaft aufzuerlegen. Damals in Galatien ging es darum, die an Christus Glaubenden zur Beachtung der jüdischen Gesetze zu zwingen. Paulus war strikt dagegen: Obwohl er selbst als frommer Jude aufgewachsen und ausgebildet war, hat er nach seiner Bekehrung begriffen, dass es bei Gott nicht auf den Vollzug einiger religiöser Praktiken ankommt: wie z.B. die Beschneidung oder die Unterscheidung zwischen reinen und unreinen Speisen. Er hat in Christus die Freiheit gewonnen, sich von derartiger Gesetzesfrömmigkeit zu lösen.

Ich staune immer wieder darüber, wie viele Menschen es gibt, die sich heute von Sekten oder religiösen Gruppierungen angezogen fühlen, weil sie ihren Anhängern ganz genau sagen, was sie zu glauben haben, welche Riten sie zu verrichten haben, was sie tun müssen. Die Einhaltung jener klaren Regeln gibt diesen Menschen Sicherheit. Viele können anscheinend ohne solche konkreten, klaren und festen Regeln ihren Glauben nicht leben. Das Christentum ist in dieser Hinsicht eine schwierige Religion. Leute, die nach dem greifbaren Gott suchen, die ihn durch einige Praktiken schnell erreichen möchten, werden hier enttäuscht. Die Freiheit, die uns in Christus geschenkt wurde, ist für den Menschen eine Herausforderung. Der Christ darf sich nicht zum Sklaven von Vorschriften machen, die ihn dieser Freiheit berauben.

Wenn man als Christ in einem moslemischen Land unterwegs ist, werden einem unsere christlichen Freiheiten besonders deutlich. Als Christ brauche ich mich nicht beim Gebet in eine bestimmte Richtung zu stellen, ich muss nicht einen bestimmten Ort, sei er so heilig wie Jerusalem, einmal im Leben besuchen. Essen und trinken darf ich alles, was mir schmeckt. Eine Christin kann selbst entscheiden welche Kleidung sie trägt.

Das Christentum ist keine leichte Religion, weil sie dem Menschen in dieser Hinsicht eine große Freiheit lässt. Einige, auch Christen, sind von dieser Freiheit überfordert, sie können diese Freiheit nicht verkraften und tendieren zum religiösen Fanatismus. Aber das ist genau der Punkt: Zur Freiheit, auch zur religiösen Freiheit, hat uns Christus befreit.

Freiheit und Liebe

Diese Freiheit hat allerdings nichts mit Beliebigkeit, mit Verantwortungslosigkeit oder Unbestimmtheit zu tun.

"Liebe, und tue was du willst" – sagte einer der Kirchenväter. Die Liebe ist das Kriterium und das Maß der Freiheit. "Ihr seid zur Freiheit berufen, Brüder. Nur nehmt die Freiheit nicht zum Vorwand für das Fleisch, sondern dient einander in Liebe! Denn das ganze Gesetz ist in dem einen Wort zusammengefasst: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!" (Gal 5,13-14). Freiheit und Glaube sollten sich in der Liebe entfalten und in ihr wirksam werden (Gal 5,6).

Wir danken Gott heute dafür, dass er Jesus auferweckt und uns zur Freiheit der Kinder Gottes berufen hat. Wir danken ihm dafür, dass wir in der uns geschenkten Freiheit uns selbst, unseren Nächsten und ihn selbst mehr lieben können.

Unser Weg zur Freiheit der Gotteskinder hat in der Taufe seinen Anfang. Wir werden jetzt unser Taufversprechen erneuern. Wir werden auch die Taufe eines Kindes feiern, das heute, wie wir damals, in die Gemeinschaft mit Jesus, dem Auferstandenen, aufgenommen und zu neuem Leben berufen wird.



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Last updated 06.12.07