Predigten 2004

Gegen eine Monokultur der religiösen Intoleranz


Predigt von Dekan Dr. Czeslaw Lukasz am Patrozinium, Sonntag 14.11.2004

 
 
 
"Dies irae, dies illa…". Dieser Tag, Tag des Zorns – wenn der Richter kommt, Recht und Unrecht zu richten. Diese Sequenz im Requiem bezieht sich auf das jüngste Gericht. Dort werden die Karten jedes Menschen vor Gott offen gelegt und ausgewertet. Deshalb stellen wir Christen uns immer wieder die Fragen: Welche Karten habe ich vor Gott? Welche Karten haben wir?
Ein politisches und gesellschaftliches Phänomen beobachte ich in letzter Zeit mit Sorge: Unser immer mehr säkularisiertes Europa und insbesondere die letzten Entwicklungen in der europäischen Politik werden, meine ich, zunehmend schlechte Karten vor Gott haben.

EU-Verfassung ohne Gott und christliche Werte

Erstens:
In der neuen EU-Verfassung wird Gott kein einziges Mal erwähnt. Bis zum letzten Moment kämpften einige Länder um den so genannten Gottesbezug in der Präambel, aber vergeblich: Die Mehrheit der Staatsoberhäupter wollte von Gott nichts hören. Sie meinen wahrscheinlich, sie würden es auch ohne Gott schaffen. Eine Verantwortung vor einer höheren Instanz als irdische Parlamente und Gerichte ist nicht erwünscht.
Zweitens:

Auch christliche Werte werden in der neuen EU-Verfassung nicht genannt. Die EU soll nur aus "den kulturellen, religiösen und humanistischen Überlieferungen" schöpfen. Es war nicht möglich "religiös" mit "christlich" zu ergänzen. Dabei wird vergessen, dass unser Europa nicht das wäre, was es heute ist in Bezug auf Freiheit, auf die Menschenwürde und Menschenrechte ohne das Christentum. Wir schneiden uns von den Wurzeln ab, auf denen wir gewachsen sind. Ob das gut gehen kann ...
Drittens:

Wenn die führende Politik so wenig vom Christentum hält, dann sieht sie auch kein Problem ein gänzlich moslemisches Land, mit einer ganz anderen Geschichte und Kultur in die EU aufzunehmen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass viele der Entscheidungsträger nicht wissen, was unsere abendländisch-christliche Kultur ist und dass es ihnen nicht um Werte unseres Kulturkreises geht, sondern lediglich um wirtschaftliche Interessen.

Die Vorgänge um Buttiglione und die ideologische Intoleranz

Viertens:
die jüngsten Vorgänge um Buttiglione. Ein hoch qualifizierter, europäisch denkender, katholischer Staatsmann durfte nicht EU-Kommissar werden. Sie kennen die heiße Diskussion der letzten Wochen. Zuerst hat ihm der Rechtsausschuss des EU-Parlaments "Integrität, Unabhängigkeit und die nötige politische Erfahrung" bestätigt und ihn einstimmig zum Kommissar für Justiz und Inneres vorgeschlagen. Einige Tage später wurde er vom Innenausschuss mit 27 gegen 26 Stimmen abgelehnt, Begründung: seine Ansichten zur Homosexualität, die er als Sünde bezeichnet hat. Um ihn noch schwärzer zu machen, hat man ihm auch noch frauenfeindliche Äußerungen vorgehalten.
Wer den Wortlaut seiner Ausführungen, wie ich, gelesen hat, wo er ganz klar zwischen seinen moralischen Überzeugungen und den rechtlichen Vorgaben für das politische Amt unterscheidet, der fragt sich: wieso diese Aufregung? Man kann sie nur mit einer ideologischen Hetze, einer Verfolgungsjagd seitens der Sozialisten, Grünen und Liberalen, gegen einen katholischen Politiker erklären, eine Verfolgung, die einer Inquisition ähnelt.
Es ist für mich ein Musterfall für die religiöse Intoleranz, seitens derer, die angeblich Toleranz und Gewissensfreiheit für so wichtig halten. Es handelt sich hier um den Versuch, von einem Staatsmann eine ausschließlich laizistische Weltanschauung zu verlangen und das bedeutet: Gott und das Heilige beiseite zu schieben. Diese Ideologie hat leider gesiegt: Buttiglione musste zurücktreten.

Unser Herr Kardinal lässt sich nicht leicht aus dem Gleichgewicht bringen. Dieses Mal reagierte er aber empört mit deutlichen Worten: Es handle sich hier um "im Gewand von Liberalität und Toleranz inszenierten Kulturkampf". "Obgleich der bekennende katholische Christ Buttiglione deutlich gemacht hat, dass er zwischen seiner persönlichen Moralvorstellung und geltendem Recht sehr genau zu unterscheiden wisse und obgleich bekannt ist, dass er ein entschiedener Vertreter einer europäischen Einigung ist, wird ihm gerade wegen seiner persönlichen, auf der Lehre der katholischen Kirche beruhenden Moralvorstellung, die Eignung für ein wichtiges politisches Amt in der Europäischen Union abgesprochen". Unser Erzbischof bezeichnete den Vorgang als "alarmierend, weil er einer Art Berufsverbot für katholische Christen gleichkommt". Er betonte: die Kirche akzeptiere die weltanschauliche Neutralität des Staates. "Aber sie kann nicht hinnehmen, dass von Politikern verlangt wird, sie müssten ihre christliche Grundhaltung und ihr Bekenntnis verbergen oder gar verleugnen, wenn sie eine verantwortungsvolle politische Aufgabe übernehmen wollen." Und er fügte hinzu: "Offensichtlich wäre es nicht einmal mehr den christlich geprägten Gründervätern eines einigen Europas, Konrad Adenauer, Robert Schuman und Alcide De Gasperi, möglich, heute EU-Kommissar zu werden."

In einer lockeren Art schrieb jemand in einem Leserbrief: Die Regulierungswut bestimmter EU-Repräsentanten beziehe sich mittlerweile nicht nur auf Emissionsgrenzwerte, Milchkontingente und Käseschachteln. Auch Gewissensüberzeugungen sollten jetzt normiert werden. Ich denke ähnlich: Die EU-Behörden dürfen bestimmen, wie groß ein Apfel sein muss, damit er in Europa als Apfel gilt. Sie überschreiten aber ihre Kompetenz, wenn sie dem Anwärter für ein politisches Amt Glaubensüberzeugungen vorschreiben wollen.

Der Druck auf Rocco Buttiglione, sowie der fehlende Gottesbezug in der EU-Verfassung beweisen, dass eine gefährliche Ideologie auf dem Vormarsch ist, die das Religiöse diskriminiert und aus dem öffentlichen Leben verbannen will. Es ist eine aggressive Ideologie, die keinen Widerspruch toleriert: "Wenn du nicht so denkst wie wir, dann verschwinde!" Unter der sog. "liberalen Demokratie" versteckt sich ein linker Fundamentalismus, ein fanatischer Dogmatismus, der alles, was nicht ins atheistische Konzept passt, ausgrenzt – eine gefährliche Ideologie, die hauptsächlich vom Vorurteil gegenüber allem Christlichen motiviert ist.

Herausforderungen an uns

Warum rede ich heute davon?
Erstens:
Wir sollen Augen und Ohren offen halten und wachsam beobachten, was unter dem Deckmantel des Liberalismus angestrebt wird: eine Kultur der Intoleranz gegenüber allem was christlich und kirchlich ist. Traurig ist es auch deswegen, weil in der EU 80% der Bürger Christen sind und eine bessere Vertretung verdienen würden.
Zweitens:

Wir Christen haben ein Recht auf unsere Meinung, mag sie noch so unpopulär sein und nicht gerade im Trend liegen. Wir haben auch ein Recht, die Strömungen der Zeit auf ihre Übereinstimmung mit den christlichen Grundsätzen zu prüfen. Wir sollen auch mehr Mut haben, diese Überzeugungen vor der Öffentlichkeit zu vertreten.
Drittens:

Damit diese immer mehr sich einschleichende laizistische Kultur uns selbst nicht überrollt, müssen wir unser eigenes christliches Profil schärfen. Das geschieht durch die Weiterbildung im Glauben, durch das Gebet und die Teilnahme an der Liturgie der Kirche. Wir müssen mehr aus den Quellen schöpfen, die uns stärken. Die Gemeinschaft der Kirche und der Sonntagsgottesdienst sind Hilfen, die uns zur Verfügung stehen. Ein unregelmäßiger Gottesdienstbesuch schwächt den persönlichen Glauben und das Zeugnis der Kirche. Angesichts des fortschreitenden Laizismus brauchen wir Entschlossenheit und Wagemut gegen den Strom der Zeit zu schwimmen.
Viertens:

Unser Kirchenpatron, der hl. Albertus Magnus, war ein Europäer. Tausende Kilometer legte er damals im 13.Jh. zu Fuß zurück, um dort zu sein, wo er am besten Gott, Kirche und Menschen dienen konnte. Er würde sich mit Sicherheit freuen, heute ein sich einigendes Europa zu sehen: ein buntes Gemisch aus Völkern unterschiedlicher Sprachen und Kulturen. Er würde uns aber wahrscheinlich ins Gewissen reden, das gemeinsame europäische Haus nicht auf Sand sondern auf Felsen zu bauen. Und dieser Fels ist Gott selbst, eine feste Burg in der Brandung.

Dieser Gott wird eines Tages von jedem von uns Rechenschaft verlangen dafür, wie wir geglaubt und wie wir gelebt haben. Und wir hoffen, dass dieser Tag des Gerichtes nicht zu einem Tag des Zorns, sondern zu einem Tag der Gnade für uns wird. So helfe uns Gott! Amen.

 
 
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Last updated 06.12.07