St. Albertus Magnus Ottobrunn

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Predigten 1994

 

Gemeinde im Wandel und der Generationenwechsel
 
 
Predigt von Pfarrer Erwin Obermeier am 13. November 1994 zum Patrozinium 1994

 

 

Wenn wir die Aufgabe gehabt hätten, Texte der Hl. Schrift für das Fest des Hl. Albertus Magnus herauszusuchen, dann hätten wir mit Sicherheit andere ausgewählt; vor allem hätten wir einen anderen Evangelientext ausgesucht. Denn was hat der Hl. Albertus Magnus mit den Fischen zu tun, mit den guten und den schlechten, was hat er mit dem Ende der Welt und mit dem dann zu erwartenden Heulen und Zähneknirschen zu tun? (vgl. Mt 13, 47-52)

Für die Auslegung eines Evangelientextes empfiehlt es sich jedoch immer, auf den letzten Satz des Abschnitts zu schauen. Diese Regel stimmt auch heute wieder: "Jeder Schriftgelehrte also, der ein Jünger des Himmelreiches geworden ist, gleicht einem Hausvater, der aus seinem reichen Schatz Neues und Altes hervorholt." Das trifft auf Albertus Magnus zu, sagt die Kirche mit der Auswahl dieses Textes. Deswegen hat er Bedeutung in der Kirche und ist für die Kirche wichtig, weil er das getan hat: Aus seinem Schatz hat er Neues und Altes hervorgeholt.

Albertus Magnus war ein für seine Zeit fortschrittlicher, er war ein progressiver Mann, sowohl in dem, was ihn interessierte, als auch in seiner Methode, wie er seine Erkenntnis erweiterte; so dass er seinen Zeitgenossen und der Kirche selber lange Zeit eher verdächtig, ja schier unheimlich war. Das können Sie alles nachlesen in dem schönen Artikel in unserem neuesten Pfarrbrief über Albertus Magnus. Dem Neuen, dem Ungewohnten gegenüber war er ganz offen und aufgeschlossen; er konnte es sein, weil er um das Alte und Bewährte, das Überlieferte wusste und so einen festen Boden unter den Füßen behielt.

Neues und Altes hat er aus seinem Schatz hervorgeholt - das muss schließlich dann auch wichtig sein für die ganze Kirche, die sich ihn zum Lehrmeister, zum Kirchenlehrer ernannt hat; das muss auch wichtig sein für eine Gemeinde, die sich diesen Mann zum Patron, zum Wegweiser und Vorbild ausgesucht hat.

Ich glaube, dass es gerade deswegen gut ist, an seinem Festtag die Gemeinde, unsere konkrete Gemeinde, in den Blick zu nehmen. Ich meine, es ist dringend und notwendig, dass wir dies tun.

Vor einigen Wochen hat in unserer Gemeinde ein Gesprächsabend stattgefunden mit dem Thema: "Gemeinde im Wandel". Wir spüren ganz deutlich, dass unsere Gemeinde (wie die anderen auch) im Wandel begriffen ist. Die Gemeinde ist nicht mehr die, die sie vor 20 Jahren bei ihrer Gründung war, die sie vor 10 Jahren war, und in den nächsten 10/15 Jahren wird sich ein gewaltiger Wandel vollziehen müssen. Es haben sich ganz neue Verhältnisse ergeben, was das Freizeitverhalten der Menschen, die Mobilität der Leute, die Erwartungen an eine Gemeinde betrifft; das alles hat Konsequenzen dafür, was wir unter Gemeinde verstehen, wie sie lebendig bleiben und zusammengehalten werden kann, wie sie mit den neuen Gegebenheiten umgehen kann und muss. Da gilt es nach dem Hl. Albertus Magnus, Neues hervorzuholen, aufgeschlossen und offen zu sein auch für ungewohnte Lösungen und keine Angst davor zu haben, ganz neue, vielleicht auch radikale Gedanken zu denken und Wege zu gehen.

Damit dies aber gut geht und gelingt, wird es ebenso notwendig und wichtig sein, Altes hervorzuholen, dass wir uns wieder des ungeheueren Schatzes bewusst werden, aus dem wir schöpfen können, den wir oftmals haben verstauben lassen, oder den wir vielfach schon verloren haben. Gerade da könnte uns vieles Hilfe und Halt sein, wenn wir noch herumtasten, wenn wir unsicher sind in Form und Sprache; wenn wir spüren, dass uns das Neue noch nicht gelungen ist, dass es noch nicht gültig und rund geworden ist, oder oberflächlich und ohne wirklichen Tiefgang ist, wie wir es eigentlich erwarten würden und dürfen. Ja, es wird gelten, Neues und Altes gleichermaßen herauszuholen.

Der Gesprächsabend von dem ich sprach, "Gemeinde im Wandel", hatte auch noch einen Untertitel: "Eine Herausforderung auch für uns?". Der Wandel, der sich bereits erkennbar vollzogen hat und mehr noch, der sich in den nächsten 10/15 Jahren vollziehen wird, wird nicht ein Wandel sein nach dem Motto: "Öfter mal was Neues". Es wird ein Wandel sein, der viel grundlegender, tiefer geht, der an die Substanz geht im wahrsten Sinne des Wortes. In den nächsten Jahren wird es nicht mehr darum gehen, ob wir dies oder jenes so oder anders machen. Es wird darum gehen, ob diese Gemeinde überhaupt weiterlebt. Ich glaube, das sollten wir ohne Panikmache sehen, auch an einem so schönen Fest, bei einem so festlichen Gottesdienst, bei dem ja offensichtlich so alles stimmt, eine volle Kirche, gute Stimmung, tolle Musik. Die alltäglich/sonntägliche Wirklichkeit sieht anders aus und wird anders aussehen.

Die Gründergeneration vor 20 Jahren war damals zwischen 30 und 45 Jahren; sie hat die Gemeinde aufgebaut, getragen und belebt. Wer heute die Gemeinde trägt, verantwortet und belebt, ist im wesentlichen immer noch die gleiche Generation, nur ist sie 20 Jahre älter. Damit will ich die Jüngeren, die es Gott sei Dank auch gibt, nicht übersehen und ihnen Unrecht tun. Aber aufs ganze gesehen ist die Generation der 25-40jährigen nicht in die Gemeinde nachgewachsen. Es sind die Eltern der jüngeren Jugendlichen und der Schulkinder. Wen sollte es da wundern, dass diese Jugendlichen und vielfach auch die Kinder, in der Gemeinde nicht zuhause sind.

Den Empfang der Firmung oder auch die Feier der Erstkommunion empfinden viele noch dazugehörig und löblich, aber sie empfinden sie nicht mehr als einen bewussten Schritt in die Kirche und in die Gemeinde hinein, die sie mittragen und verantworten. Erst-Kommunion ist nicht selten auf längere Sicht eine Letzt-Kommunion und Firmung ist nicht selten das Sakrament des Auszugs aus der Kirche. Das sollten wir nicht mit bissigen oder verbitterten Bemerkungen kommentieren; aber wir dürfen es nicht übersehen, wenn wir uns um die Zukunft der Kirche in der Gemeinde Gedanken oder vielleicht sogar Sorgen machen. Ich bin mir sicher, die Aufgabe, die wir in den vor uns liegenden Jahren angehen und schaffen müssen, ist der Generationenwechsel in der Gemeinde. Das wird und das muss der eigentliche Wandel sein: Trägt die nächste, die jetzige Elterngeneration, die Gemeinde mit und weiter oder nicht. Deswegen ist Gemeinde im Wandel eine Herausforderung an uns, an jeden von uns.

Deshalb werden wir auch im Mai des nächsten Jahres ein Gemeindeforum abhalten, auf dem wir diese Fragen behandeln können. Und jeder, der Interesse an dieser Gemeinde hat, muss sich fragen, was muss ich und was kann ich tun, dass diese Gemeinde weiterlebt. Damit diese Gemeinde auch für die da ist, wenn sie die Gemeinde brauchen, die es nicht schaffen, sie mit zu tragen.

Dazu wird es eine ganze Reihe von Überlegungen brauchen, Neues und Altes wird da hervorgeholt werden müssen. Aber eine ganz zentrale Bedeutung wird da der sonntägliche Gottesdienst haben.

Gewiss: Christ sein, zur Kirche gehören, kann sich nicht im Gottesdienstbesuch erschöpfen, das ist außer Frage. Aber wo sich die Gemeinde nicht mehr sieht, trifft, begegnet, ermuntert und stützt, da bröckelt sie auseinander und zerfällt. Und was übrig bleibt, ist höchstens noch eine Briefkastenfirma, eine Veranstaltungsagentur und ein Büro, das die allfälligen Überweisungen tätigt. Da fällt mir noch einmal der Satz ein, den ich vergangenen Sonntag von Kardinal Ratzinger zitiert habe: Die deutsche Kirche - so sagt er in einem Interview -‚ müsse darüber nachdenken, was geistig noch gedeckt ist und was im Grunde bloß durch die Macht der Finanzen und Organisationen fortbesteht.

Ich bin mir sicher: Wo der Gottesdienst stimmt, da stimmen die anderen Dinge auch. Aber auch für den Gottesdienst gilt, dass wir da Neues und Altes hervorholen müssen. Vielleicht werden wir uns auch auf ganz Ungewohntes, vielleicht auch Unbequemes einrichten müssen. Wir werden auch über das Gottesdienstangebot nachdenken müssen; auch darüber vielleicht, ob jeden Sonntag überhaupt Gottesdienst stattfindet. Nur eines darf nicht sein, dass er zu einer Veranstaltung verkommt, die eher einem Trauerakt im Krematorium gleicht als einer Feier, in der es um das Schönste und Wichtigste, in der es um mein Leben und Sterben geht.

Wenn wir uns solche Gedanken durch den Kopf gehen lassen, dann fragen wir mit Recht, was müssen wir, was muss ich tun? Ich glaube, wir sollten da auch einmal daran denken, dass wir für diese Gemeinde, um diese Gemeinde beten, inständig bitten müssen. Der Hl. Augustinus hätte keine Schwierigkeit gehabt, die Gemeinde ein Sakrament zu nennen: Ein sichtbares Zeichen für die Gnade Gottes, die Gnade seiner Nähe, seiner Gegenwart, seiner Treue, letztlich seiner Liebe. Um diese Gnade gilt es, wie um jede Gnade, zu beten, zu bitten, wie wir es im Stundengebet der Kirche tun:

Gott, dein Name ist heilig, und deine Barmherzigkeit wird gerühmt von Generation zu Generation. Nimm das Gebet deiner Gemeinde an und gib, dass in ihr dein Lobpreis niemals verstumme. 

 
 
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Last updated 11.01.10