Predigten 2005


Zeiten des Umbruchs und Chancen des Aufbruchs



Predigt von Pfarrer Dr. Czeslaw Lukasz am Patrozinium 2005, Sonntag, 13.11.2005
 
 
 
Wenn wir das Geschehen um uns mit wachem Auge beobachten, stellen wir fest, dass überall in Gesellschaft, Politik und Kirche Veränderungen im Gange sind.
Nach mühsamen Verhandlungen scheint endlich die große Koalition festzustehen. Bürger und Bürgerinnen fragen sich: Was wird uns das alles noch kosten?
In der EU erleben wir momentan einen Stillstand. Die euphorisch verkündete europäische Verfassung wurde überraschend von einigen Ländern abgelehnt. Der Streit um die Verteilung der Subventionen ist noch nicht ausgetragen. Viele fragen sich, wie es weitergehen soll.

Seit dem 2. April ist auch die Kirche nicht mehr so wie sie war. Der Tod von Johannes Paul II. hat die Herzen von Millionen bewegt und uns den Himmel, in den er gegangen ist, greifbar nahe gebracht. Wie ich an Allerheiligen gesagt habe, erlaubt die Kirche schon jetzt Bitten um Gnadenerweise durch die Fürsprache von Johannes Paul II. Ein Heiliger mehr im Himmel und noch ein Wegweiser für uns.
Die Berufung von Kardinal Ratzinger auf den Stuhl Petri ist eine große Ehre für die Kirche in Deutschland, und insbesondere in Bayern. Eine Ehre bedeutet aber auch eine Verpflichtung. "Noblesse oblige!" sagen die Franzosen (Adel verpflichtet!).

Benedikt XVI. – Papst aus Europa

Ich bin froh, dass wir diesen Papst haben, weil er ein hervorragender Theologe ist und die Wahrheit nicht scheut. So gerne hätte ich den Entwicklungsländern einen Papst aus ihren Ländern gewünscht, bin aber im Nachhinein froh, dass wir einen europäischen Papst und einen scharfen Denker haben, der mitreden kann in der aktuellen heftigen Auseinandersetzung zwischen Glauben und Unglauben. Nicht in Amerika, Afrika oder Asien, sondern hier in Europa verläuft die Frontlinie des verbitterten Kampfes zwischen Glauben und Laizismus. Vor allem in Europa sind die Gläubigen mit einer Situation konfrontiert, in der Gott immer mehr aus dem öffentlichen Leben verdrängt wird. Die Gelehrtheit und die Weisheit von Benedikt XVI. kann die Kirche für diesen Kampf gut gebrauchen. Der heilige Benedikt rettete einst die Gesellschaft vor der Verderbnis, die vom römischen Reich ausging, Benedikt XVI. steht nun vor der Aufgabe, das traditionell christliche Europa aus seiner moralischen und religiösen Dekadenz zu befreien. Da Deutschland für das Schicksal Europas von entscheidender Bedeutung ist, scheint ein deutscher Papst tatsächlich ein Zeichen der Vorsehung zu sein.

Renaissance der Sinnsuche

Europa verändert sich in diesen Jahren auch kulturell und ideologisch. Studien weisen darauf hin, dass langsam von der Ideologie der sog. 68-er Generation Abschied genommen wird. Nach fast 40 Jahren läuft langsam das Modell aus. Die Versprechungen, eine bessere Welt ohne Gott und Kirche zu schaffen, sind nicht erfüllt worden. Man dachte damals, dass der Mensch aus sich heraus alles besser machen kann, er brauche dazu nur unbegrenzte Freiheit. Die hoch gepriesene Freiheit führte aber zu Individualismus, Individualismus zu Relativismus, Relativismus zu Gleichgültigkeit, Gleichgültigkeit zu Beliebigkeit, Beliebigkeit zum Nihilismus. Ein Leben und eine Gesellschaft, denen nichts heilig ist, in denen es keine verbindlichen Werte gibt, kann nicht lange Bestand haben und in die Zukunft führen.

Seltsame Geschöpfe hat diese Kultur produziert, die so genannten Bekenntnislosen, früher hat man sie Atheisten genannt. Manchmal denke ich: Wie komisch muss ein eingebildeter mitteleuropäischer Atheist den anderen und sich selbst vorkommen, wenn er die Welt bereist, in der es überall Menschen gibt, die großen oder kleinen Religionen angehören und ihren Glauben im Alltag praktizieren. Ein mitteleuropäischer Atheist - eine seltsame Kreatur, ein Missprodukt des europäischen Säkularismus, den man auf anderen Kontinenten nicht verstehen kann.
In diesen Jahrzehnten scheint Europa eine neue Religion erfunden zu haben: den Laizismus, der bei vielen Politikern den Rang einer Staatsideologie einnimmt. Die Diskussion um den Gottesbezug in der Verfassung hat gezeigt, dass viele Politiker sich eben zur "Religion" Laizismus bekennen. Der Staat sollte aber die Glaubensfreiheit garantieren und nicht den eigenen (Un)glauben den Bürgern aufsetzen.

Sie wissen jetzt was ich meine, wenn ich von einer Frontlinie spreche, die durch Europa verläuft. Wir brauchen in Europa starke Theologen, weise Bischöfe und überzeugte Christen, die fähig sind diese Auseinandersetzung zu führen.
Wenn man den gesellschaftlichen Analysen glaubt, solle es bereits an vielen Orten eine Renaissance der Sinnsuche geben. Immer mehr Menschen stellen sich die Frage nach dem Sinn des Ganzen. Einige Quellen sprechen schon von einem "Comeback des Christentums". Ich wäre noch nicht so optimistisch. Fest steht allerdings schon, dass wir Christen, diesen Menschen bei ihrer Sinnsuche helfen sollten. Wenn nicht aus missionarischem Eifer, dann einfach im Geiste der Nächstenliebe.

Glaube, der Herz und Sinn, Leib und Seele erfasst

Hat nicht der Weltjugendtag in Köln gezeigt, welches Potenzial des Glaubens und der Lebensfreude in den jungen Menschen steckt?
Als ich Hunderttausende lachende und singende junge Christen aus der ganzen Welt in Köln sah, habe ich mich gefragt, ob wir unseren Glauben nicht zu kopflastig und intellektuell überzüchtet gemacht haben. Dazu eine Episode. Etwa vor einem Jahr ging es in der Dekanekonferenz mit dem Kardinal um den Empfang der Gäste zum WJT. Zwei junge Erwachsene aus Ecuador sollten über ihre Erwartungen in Bezug auf Gastfreundschaf berichten. Wir saßen ernsthaft da, mit einem Notizblock und Kugelschreiber in der Hand. Es gab aber kein Referat ... sie haben jedem ein Bildchen von der Muttergottes von Guadalupe gegeben und ein buntes Schultertuch der katholischen Jugend von Ecuador. So einfach, ohne große Worte, und wir haben verstanden, dass es ihnen um Einfachheit und Glaubensfreude geht.

Wir bräuchten auch etwas von dieser Einfachheit im Glauben, von der Spontaneität und Begeisterung. Vielleicht weil wir unseren Glauben zu kompliziert und zu verkrampft auffassen, tut sich unsere Jugend mit dem Glauben so schwer. In der Tat muss der Glaube Herz und Sinn, Leib und Seele erfassen, wenn er auch in unserem Leben Kraft gewinnen will.
Wir wissen, dass die Weltjugendtage im großen Maße von geistlichen Bewegungen getragen sind. Die meisten jugendlichen Besucher sind in geistlichen Gruppierungen organisiert. Das gibt ihnen Stärke und Profil. Dazu hat der Papst die Jugend ermutigt: "Bildet Gemeinschaften aus dem Glauben heraus. In den letzten Jahrzehnten sind Bewegungen und Gemeinschaften entstanden, in denen die Kraft des Evangeliums sich lebendig zu Worte meldet".
Deshalb möchte ich dem neuen PGR, der im März gewählt wird, vorschlagen, eine dieser Bewegungen in die Pfarrei einzuladen, damit auch unsere Jugend sich besser organisiert und vor allem Gelegenheit hat, den Glauben in Bibel- und Gebetsstunden, in Einkehrtagen und gemeinsamen Unternehmungen zu vertiefen. Billard spielen, Kaffee oder Bier trinken das ist viel zu wenig für die kirchliche Jugendarbeit.

Johannes Paul II. hat sehr diese neuen geistlichen Bewegungen, die in Italien, Spanien und Frankreich stärker Fuß gefasst haben, unterstützt. Er hat ihnen zugetraut, dass sie zur Revitalisierung des Glaubens in unserm Kontinent beitragen. Auch Papst Benedikt schätzt sie: zu Pfingsten 2006 lädt er sie wieder zu einem großen Treffen in Rom ein.

Sonntägliche Eucharistie

Damit unser Glaube stark wird, brauchen wir Zeiten und Quellen, aus denen sich der Glaube nähren und erneuern kann. Eine Hauptquelle ist die sonntägliche Eucharistiefeier. Es ist bekannt: Katholiken gehen sonntags in die Kirche. Der regelmäßige Gottesdienstbesuch ist aber auch unter vielen Katholiken keine Selbstverständlichkeit mehr. Man geht, wenn es gerade passt ... so entstehen die sog. Privatwege im Glauben. Ich danke heute allen Mitchristen, die Sonntag für Sonntag von ihrem engagierten Glauben Zeugnis geben und unsere eucharistische Gemeinschaft bilden. Andere möchte ich heute an diese Praxis erinnern, gerade in diesem Jahr der Eucharistie, in dem wir diese Quelle, und diesen Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens zu vertiefen versuchten. Es ist nicht Machtwille der Kirche, wenn sie uns sagt, dass zum Sonntag die Eucharistie gehört.
Das Thema hat der Papst in Köln bei der Abschlussmesse deutlich formuliert. Was er zur Jungend sagte, gilt auch für erwachsene Christen.

"Es ist schön, dass in vielen Kulturen heute der Sonntag ein freier Tag ist oder gar mit dem Samstag ein so genanntes freies Wochenende bildet. Aber diese freie Zeit bleibt leer, wenn Gott nicht darin vorkommt. Liebe Freunde! Manchmal ist es vielleicht im ersten Augenblick unbequem, am Sonntag auch die heilige Messe einzuplanen. Aber ihr werdet sehen, dass gerade das der Freizeit erst die rechte Mitte gibt. Lasst euch nicht abbringen von der sonntäglichen Eucharistie, und helft auch den anderen, dass sie sie entdecken. Damit von ihr die Freude kommt, die wir brauchen, müssen wir sie natürlich auch immer mehr von innen verstehen und lieben lernen. Mühen wir uns darum – es lohnt sich. Entdecken wir den inneren Reichtum des Gottesdienstes der Kirche und seine wahre Größe: dass da nicht wir selber uns allein ein Fest machen, sondern dass der lebendige Gott selbst uns ein Fest gibt."

Es fällt mir noch ein ganz konkreter Tipp ein. Es kommt bald Weihnachten und die obligatorische Suche nach Geschenken. Schenken Sie Ihren Angehörigen und Freunden ein Buch von Kard. Ratzinger, in jeder Buchhandlung zu bekommen. Lassen Sie sich selbst ein Buch schenken. Sie werden eine gute, fundierte Theologie finden, eine schöne, gepflegte deutsche Sprache. Und ... Sie können den Papst im Original lesen – welches Privileg, wie viele Prozent der Christen können das? Ein Weihnachtsgeschenk, das es in sich hat!

Kirche wächst

Liebe Mitchristen! Lassen wir uns nicht in die Ecke drängen. Auch kirchenkritische Medien lobten anlässlich des WJT die Vitalität der Kirche. Die Statistik spricht eine deutliche Sprache: die Kirche wächst. Seit dem Amtseintritt von Johannes Paul II., ist die Zahl der Katholiken weltweit um 25% gestiegen: von 750 Mio. in 1978 auf 1070 Mio. im Jahr 2003. Dabei spielen auch demografische Faktoren, vor allem der Kinderreichtum in den Entwicklungsländern eine Rolle. Leider ist dieses Wachstum nicht für Europa festzustellen. Die Kinderarmut ist eine Ursache davon, aber auch die genannten Säkularisierungsprozesse, die in vielen Köpfen Verwirrung schaffen.

Unser Kirchenpatron Albertus Magnus hat sich mit Sicherheit gefreut, dass die Stadt Köln, wo er viele Jahre lebte, wo er gestorben ist und wo sich sein Grab befindet, zum Ort des Weltjugendtages wurde, dass eine Million junger Christen dorthin kam, dass der Nachfolger Petri auch dort war.
Albertus Magnus war ein Genie seiner Zeit. Er konnte – wie es im Messbuch heißt – das Wissen seiner Zeit und den Glauben in Einklang bringen.

Folgen wir seinem Beispiel. Bringen wir unser Leben und den Glauben in Einklang. Es gibt so viel Gutes in der Welt, es gibt so viel Gutes in unserem Leben. Wenn wir das Gute, das es in unserem Leben bereits gibt, durch Gottvertrauen und seine Gnade festigen und wachsen lassen, dann werden wir auch erfahren, was es heißt, ein neuer Mensch nach dem Vorbild Christi zu werden.

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Last updated 06.12.07