Predigten 2001



Fortschrittsglaube und die Kraft der Liebe
Aktuelles zum Muttertag

(5. Sonntag der Osterzeit; Offb 21,1-5a; Joh 13,31-35)

Sonntagspredigt von Dekan Lukasz am 13. Mai 2001


"Liebt einander, wie ich euch geliebt habe"
– in keinem anderen Evangelium spricht Jesus so viel von der Liebe wie bei Johannes. Wenn man sich Zeit nimmt, die so genannte Abschiedsrede Jesu zu lesen, dann fühlt man sich versetzt, mitgenommen, in eine ganz andere Welt, die von der Liebe so erfüllt ist, dass wir sie heute als idyllisch und damit auch als unrealistisch empfinden.

Der Mensch von heute setzt wenig auf die Liebe, wenn er an die Zukunft der Menschheit denkt. Er möchte die neue Welt vielmehr durch die Produktivität und seine Leistung verändern, durch die vielen Möglichkeiten, die der technische Fortschritt ihm zur Verfügung stellt. Kann die moderne Technologie allein eine bessere Zukunft garantieren?

Gerade die letzte Woche lieferte einige Bespiele, wie die Menschheit um die Zukunft ringt. Es sind Zeichen, die in die Zukunft weisen wollen. Ich möchte sie mit Ihnen heute kurz genauer anschauen.

Weltalltourismus und Embryoforschung

Um die Erde gingen die Bilder vom ersten Touristen im Weltall. "Ich komme zurück vom Paradies. Es war wunderbar" sagte Dennis Tito, der 60-jährige amerikanische Multimillionär, als man ihn aus der Sojuskapsel nach der Landung herausgezogen hat. Das Paradies scheint sich 300 km über der Erde zu befinden, in der Weltraumstation, die in über einer Stunde die Erdkugel umrundet und einmalige Anblicke unseres Planeten bietet. Dieses Paradies ist also nicht so weit und ist schon für 20 Millionen Dollar zu haben. Anfang einer paradiesischen Zukunft für die Menschheit?

Liegt vielleicht diese in der Genforschung? Von der ethisch umstrittenen Forschung an embryonalen Stammzellen kann die Medizin doch nicht Abstand nehmen. Überraschend wurde diese Woche bekannt gegeben, dass die deutsche Forschungsgemeinschaft ihre Meinung geändert hat und sich doch für das Experimentieren an importierten Embryonen ausgesprochen hat. Man glaubt, dass dadurch ein gesünderer, ein leistungsfähigerer Mensch "hergestellt" werden könnte. Die neue Menschheit durch genetische Eingriffe und durch das Spiel mit dem Leben! Ist das die Zukunft?

Am Beginn des dritten Jahrtausends glauben viele, dass die Zukunft der Menschheit "machbar", dass der Mensch alles machen kann, in jeder Hinsicht - in den Forschungsinstituten, in den medizinischen Labors, in den Chipherstellerfabriken. Ist das menschliche Glück machbar?

Der neue Himmel und die neue Erde, die Gott schaffen wird und an der die Menschen schon jetzt arbeiten sollten, wird bei der Zukunftsplanung wenig berücksichtigt. Und doch zählt diese Vision aus der Apokalypse des Johannes (die Lesung heute) zu den schönsten Texten der Bibel. Wie trifft uns diese Vision heute? Ist die Zeit der großen Visionen von einer gerechten, friedlichen Welt nicht endgültig vorbei? Haben wir uns nicht zu schnell damit abgefunden, dass die Menschen schlecht sind und so immer bleiben werden? Wer glaubt heute noch an diese neue Welt, von der es in der Lesung heißt, es wird dort keine Tränen, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal geben, an diese Welt, in der Gott Wohnung unter den Menschen nimmt?

Können die Spitzenleistungen des Menschen, wie z.B. die Weltraumfahrt und die Entschlüsselung des menschlichen Erbgutes diese ersehnte bessere Welt näher rücken?

Trennwände abbauen

Es gab aber auch diese Woche Bilder von den Bemühungen, die Zukunft durch mehr Menschenliebe zu gestalten. Ich denke an zwei wichtige Etappen der letzten Papstreise. Durch die Begegnung mit den Vertretern der orthodoxen Kirchen in Athen hat der Heilige Vater versucht, die Jahrhunderte alten Wunden zu heilen und Vorurteile zwischen der West- und Ostkirche abzubauen. Ein orthodoxer Mönch, der bei einer Gegendemonstration ein Schild trägt: "Pope go home" (Papst kehre nach Hause zurück) hat nicht viel von der christlichen Vergebungsbereitschaft und vom Mut zum Neuanfang verstanden. Vielleicht wird nirgendwo unsere Rede von der Nächstenliebe so unglaubwürdig, wie angesichts der getrennten Christenheit. Gerade in diesem Bereich wäre jeder Schritt zur Einheit ein hoffnungsvolles Zeichen für die Menschheit.

Wenn Johannes Paul II. als der erste Papst in der Geschichte eine Moschee in Damaskus betritt, kann das vielleicht eine neue Epoche des Dialogs zwischen Christen und Muslimen öffnen. Wenn alle, die an einen Gott glauben, sich gegenseitig ermutigen, diesen Gott der Liebe unter den Menschen gegenwärtig zu machen, würde unsere Welt einen wichtigen Grundstein für die Zukunft der Menschheit bekommen.

Und noch ein dramatisches Bild dieser Reise und der dringende Appell um den Frieden. Das Gebet des Papstes in einer zerstörten Kirche auf den Golanhöhen, die allein steht in einer von den israelischen Bombardierungen verwüsteten Stadt, war der Ruf zur Vernunft an alle, die meinen, durch die Zerstörung eine bessere Welt erlangen zu können.

"Liebt einander, wie ich euch geliebt habe" – das ist unser christliches Rezept für die Zukunft. Selbstverständlich nützen auch wir technische Errungenschaften unseres Zeitalters. Die naturwissenschaftliche Forschung muss auch weiter vorangetrieben werden – so lange sie neue Erkenntnisse bringt und sich nicht gegen das Leben und die Menschen richtet. Dass dadurch aber die Welt besser wird, darf angezweifelt werden. Der Fortschrittsglaube gehört schon heute eindeutig der Vergangenheit an. Wir brauchen einen Gottesglauben. Der Mensch, die Welt, werden besser, wenn sie an den Gott der Gerechtigkeit, der Liebe, des Friedens glauben und sich dafür selbst einsetzen.

Lieben, wie er uns geliebt hat

Heute ist Muttertag. Wir danken unseren Müttern für alles, was sie für uns auf sich genommen haben. Aus der mütterlichen Liebe heraus haben sie Großartiges geleistet. Schön, dass es diesen Tag gibt, an dem wir mehr als an jedem anderen an diese Liebe denken. Unsere Mütter sind oder waren auch keine vollkommenen Wesen. Wie jeder Mensch haben auch sie ihre Schwächen, die wir ihnen aber leicht verzeihen können, weil sie uns Liebe, Geborgenheit und ihr ganzes Herz schenkten. Sie sind auch der hohen Anforderung Jesu nicht immer nachgekommen: "Liebt einander, wie ich euch geliebt habe". Wer kann schon andere so lieben wie Jesus? Er legt die Latte sehr hoch. Wir werden es auch nicht schaffen können, so zu lieben, wer er uns geliebt hat. Es gibt aber für uns den Weg der kleinen Schritte. Mit dem Beispiel Jesu vor Augen, und gehalten - wie er - von einer tiefen und innigen Beziehung zu Gott, der uns als Erster geliebt hat, beginnen wir jeden neuen Tag und tragen dazu bei, dass in unserer kleinen Welt eine neue Welt entsteht.



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Last updated 06.12.07