Predigten 2002

 


Charta Oecumenica für Europa

 

 

Predigt von Dekan Lukasz zur Eröffnung der Gebetswoche für die Einheit der Christen, Sonntag, 13. Januar 2002

 

Seit der letzten Gebetswoche für die Einheit der Christen ist wieder ein Jahr vergangen. In dieser Zeit haben wir hier in Ottobrunn weiter auf die Annäherung mit den evangelischen Mitchristen hingearbeitet. Der gemeinsame Gottesdienst der Ottobrunner Pfarreien auf der Maderwiese, die ökumenischen Exerzitien im Alltag, der Gebetstag der Frauen, die Erarbeitung des gemeinsamen Willkommenfaltblattes mit den Adressen und der Gottesdienstordnung der vier Pfarreien, regelmäßige Treffen der Seelsorger und der Vorstände der Pfarrgemeinderäte sind deutliche Zeichen der intensiven ökumenischen Zusammenarbeit auf örtlicher Ebene.

Katholisch-evangelische Missstimmungen

In der Weltökumene hat sich dieses Jahr nicht viel getan. Die Wellen der Entrüstung nach der Veröffentlichung der katholischen Erklärung "Dominus Iesus" (August 2000) sind abgeflaut, das Thema wurde aber weiter diskutiert. Anfang November 2001 kam die Antwort darauf von der evangelischen Kirche in Deutschland mit einer Erklärung "Kirchengemeinschaft nach evangelischem Verständnis", die von der katholischen Seite als "schroff" bezeichnet wurde (Kardinal Walter Kasper, Präsident des päpstlichen Rats zur Förderung der Einheit der Christen). Sie sei undifferenziert und berücksichtige nicht die bisherigen Dialogergebnisse. Das umstrittene Dokument "Dominus Iesus" der vatikanischen Glaubenskongregation erscheine demgegenüber geradezu als ein "freundlicher ökumenischer Text" (Kardinal Kasper).
Diese Auseinandersetzung um das Modell der Einheit zeigt, wie wenig man noch bereit ist, seine eigenen Positionen kritisch zu überprüfen und auf die Argumente des Dialogpartners einzugehen. Es ist ein Beweis dafür, wie der offene theologische Dialog dringend notwendig ist, um der bereits auf vielen Ebenen gut funktionierenden Zusammenarbeit eine feste theologische Einheitsbasis zu geben.
Ich möchte dieses Jahr nicht wieder über ein strittiges theologisches Thema sprechen. Die Ausführungen in dieser Richtung führen immer zur Ernüchterung und zu Irritationen, wie das der Fall vor einem Jahr war, als ich von den theologischen Hindernissen bei der eucharistischen Gemeinschaft und Interkommunion gesprochen habe.
Die mühsame Suche nach den theologischen Grundlagen der Einheit darf die Kirchen nicht von der gemeinsamen Antwort auf die Herausforderungen der Zeit ablenken. Die Kirchen sind nicht dafür da, die theologischen Feinheiten zu bestreiten, sondern den Auftrag Jesu zu erfüllen: "Gehet hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen".

"Charta Oecumenica"

Ein ökumenisches Dokument, das letztes Jahr erschienen ist, hat mein Interesse geweckt, weil es von den gemeinsamen Aufgaben aller Kirchen in Europa spricht. Es handelt sich um die so genannte "Charta Oecumenica", die am Sonntag nach Ostern, am 22. April 2001 in Straßburg, veröffentlicht wurde.
Vorbereitet und unterschrieben ist dieses Dokument von Vertretern der zwei wichtigsten christlichen Gremien unseres Kontinents, von dem Metropoliten Jeremie, dem Präsidenten der Konferenz Europäischer Kirchen und Kardinal Vlk, dem Präsidenten des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen. Zur Konferenz der Europäischen Kirchen gehören 125 anglikanische, evangelische, orthodoxe und alt-katholische Kirchen. Der Rat der Europäischen Bischofskonferenzen besteht aus den 34 römisch-katholischen Bischofskonferenzen des Kontinents. Die beiden Gremien repräsentieren jede für sich, etwa die Hälfte der Europäischen Christen. Die Zusammenarbeit der beiden Gremien stellt einen wichtigen ökumenischen Faktor in Europa dar. - Unter Europa versteht man hier den gesamten europäischen Kontinent zwischen Atlantik und Ural, zwischen Nordkap und Mittelmeer.
Die Charta soll auf allen Ebenen des kirchlichen Lebens eine ökumenische Kultur des Dialogs und der Zusammenarbeit fördern. Sie hat jedoch keinen lehramtlich-dogmatischen oder kirchenrechtlich-gesetzlichen Charakter. Ihre Verbindlichkeit besteht vielmehr in der Selbstverpflichtung der europäischen Kirchen.
Im Dokument werden zwölf gemeinsame Aufgaben genannt, die von allen Kirchen Europas wahrgenommen werden sollten. Im ersten Teil werden die Aufgaben aufgezählt, die die Kirchen zur größeren Einheit führen sollen, im zweiten Teil gemeinsame Aufgaben der Kirchen gegenüber Menschen, Völkern und Ländern Europas.
Sie sind auch hier für uns an der Basis interessant, weil sie uns Richtung weisen, wie wir unsere ökumenische Zusammenarbeit intensivieren können.

Der Weg zur sichtbaren Einheit der Kirchen in Europa

(1). Die Kirchen verpflichten sich nach der sichtbaren Einheit zu streben im Sinne des Glaubensbekenntnisses des Konzils in Nizäa-Konstantinopel (381). Weil wir mit unserem Credo "die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche" bekennen, besteht unsere unerlässliche ökumenische Aufgabe darin, diese Einheit, die immer Gottes Gabe ist, sichtbar werden zu lassen. Mit anderen Worten: die Einheit kann nicht darin bestehen, dass wir uns gegenseitig versöhnen und intensiv zusammen arbeiten. Es müssen gemeinsame Strukturen geschaffen werden, die diese Einheit sichtlich machen: dass wir eine Kirche sind.
Auf diesem Weg zur sichtbaren Einheit ist wichtig, dass die Kirchen die folgenden Aufgaben gemeinsam wahrnehmen.

(2). Gemeinsam das Evangelium verkünden. Die wichtigste Aufgabe der Kirchen in Europa ist, gemeinsam das Evangelium durch Wort und Tat für das Heil aller Menschen zu verkündigen. Angesichts vielfältiger Orientierungslosigkeit, der Entfremdung von christlichen Werten, aber auch mannigfacher Suche nach Sinn sind die Christinnen und Christen besonders herausgefordert, ihren Glauben zu bezeugen ... Ebenso wichtig ist es, dass das ganze Volk Gottes gemeinsam das Evangelium in die gesellschaftliche Öffentlichkeit hinein vermittelt wie auch durch sozialen Einsatz und die Wahrnehmung von politischer Verantwortung zur Geltung bringt.

(3). Aufeinander zugehen. Wichtig ist es, die geistlichen Gaben der verschiedenen christlichen Traditionen zu erkennen, voneinander zu lernen und sich so beschenken zu lassen ... Wir verpflichteten uns, Selbstgenügsamkeit zu überwinden und Vorurteile zu beseitigen, die Begegnung miteinander zu suchen und füreinander da zu sein ...

(4). Gemeinsam handeln. Ökumene geschieht bereits in vielfältigen Formen gemeinsamen Handelns. Viele Christinnen und Christen aus verschiedenen Kirchen leben und wirken gemeinsam in Freundschaften, in der Nachbarschaft, im Beruf und in ihren Familien. Insbesondere konfessionsverschiedene Ehen müssen darin unterstützt werden, Ökumene in ihrem Alltag zu leben. Wir empfehlen, auf örtlicher, regionaler, nationaler und internationaler Ebene bi- und multilaterale ökumenische Gremien für die Zusammenarbeit einzurichten und zu unterhalten.

(5). Gemeinsam beten. Die Ökumene lebt davon, dass wir Gottes Wort gemeinsam hören und den Heiligen Geist in uns und durch uns wirken lassen ... Viele ökumenische Gottesdienste, gemeinsame Lieder und Gebete, insbesondere das Vaterunser, prägen unsere christliche Spiritualität ... Wir verpflichten uns, füreinander und für die christliche Einheit zu beten, die Gottesdienste und die weiteren Formen des geistlichen Lebens anderer Kirchen kennen und schätzen zu lernen; dem Ziel der eucharistischen Gemeinschaft entgegenzugehen.

(6). Dialoge fortsetzen. Ohne Einheit im Glauben gibt es keine volle Kirchengemeinschaft. Zum Dialog gibt es keine Alternative. Wir verpflichteten uns, den Dialog zwischen unseren Kirchen auf den verschiedenen kirchlichen Ebenen gewissenhaft und intensiv fortzusetzen sowie zu prüfen, was zu den Dialogergebnissen kirchenamtlich verbindlich erklärt werden kann und soll; bei Kontroversen, besonders wenn bei Fragen des Glaubens und der Ethik eine Spaltung droht, das Gespräch zu suchen und diese Fragen gemeinsam im Licht des Evangeliums zu erörtern.

Gemeinsame Verantwortung in Europa

Nicht nur das Streben nach der Einheit sehen die Kirchen als ihre Aufgabe, sondern auch ihre gemeinsame Verantwortung in Europa und für Europa. Zu dieser Verantwortung zählen folgende Verpflichtungen:

(7). Europa mitgestalten. Die Kirchen fördern eine Einigung des europäischen Kontinents. Ohne gemeinsame Werte ist die Einheit dauerhaft nicht zu erreichen. Wir sind überzeugt, dass das spirituelle Erbe des Christentums eine inspirierende Kraft zur Bereicherung Europas darstellt. Auf Grund unseres christlichen Glaubens setzen wir uns für ein humanes und soziales Europa ein, in dem die Menschenrechte und Grundwerte des Friedens, der Gerechtigkeit, der Freiheit, der Toleranz, der Partizipation und der Solidarität zur Geltung kommen. Wir betonen die Ehrfurcht vor dem Leben, den Wert von Ehe und Familie, den vorrangigen Einsatz für die Armen, die Bereitschaft zu Vergebung und in allem die Barmherzigkeit. Als Kirchen und als internationale Gemeinschaften müssen wir der Gefahr entgegentreten, dass Europa sich zu einem integrierten Westen und einem desintegrierten Osten entwickelt. Auch das Nord-Süd-Gefälle ist zu beachten. Zugleich ist jeder Eurozentrismus zu vermeiden und die Verantwortung Europas für die ganze Menschheit zu stärken, besonders für die Armen in der ganzen Welt.

(8). Völker und Kulturen versöhnen. Die Vielfalt der regionalen, nationalen, kulturellen und religiösen Traditionen betrachten wir als Reichtum Europas. Angesichts zahlreicher Konflikte ist es Aufgabe der Kirchen, miteinander den Dienst der Versöhnung auch für Völker und Kulturen wahrzunehmen ... Weil wir die Person und Würde jedes Menschen als Ebenbild Gottes werten, treten wir für die absolute Gleichwertigkeit aller Menschen ein. Als Kirchen wollen wir gemeinsam den Prozess der Demokratisierung in Europa fördern ... Wir verpflichten uns, jeder Form von Nationalismus entgegenzutreten, die zur Unterdrückung anderer Völker und nationaler Minderheiten führt und uns für gewaltfreie Lösungen einzusetzen ...

(9). Die Schöpfung bewahren. Im Glauben an die Liebe Gottes, des Schöpfers, erkennen wir dankbar das Geschenk der Schöpfung, den Wert und die Schönheit der Natur. Aber wir sehen mit Schrecken, dass die Güter der Erde ohne Rücksicht auf ihren Eigenwert, ohne Beachtung ihrer Begrenztheit und ohne Rücksicht auf das Wohl zukünftiger Generationen ausgebeutet werden. In Verantwortung vor Gott müssen wir gemeinsam Kriterien dafür geltend machen und weiter entwickeln, was die Menschen zwar wissenschaftlich und technologisch machen können, aber ethisch nicht machen dürfen. In jedem Fall muss die einmalige Würde jedes Menschen den Vorrang vor dem technisch Machbaren haben.
Zur gemeinsamen Verantwortung in Europa gezählt werden weiter:

(10) die Vertiefung der Gemeinschaft mit dem Judentum als unseren jüdischen Schwestern und Brüdern und (11) die Pflege der Beziehungen mit den Muslimen, die seit Jahrhunderten in Europa leben.

(12). Begegnung mit anderen Religionen und Weltanschauungen. Die Pluralität von religiösen und weltanschaulichen Überzeugungen und Lebensformen ist ein Merkmal der Kultur Europas geworden. Östliche Religionen und neue religiöse Gemeinschaften breiten sich aus und finden auch das Interesse vieler Christinnen und Christen. Auch gibt es immer mehr Menschen, die den christlichen Glauben ablehnen, sich ihm gegenüber gleichgültig verhalten oder anderen Weltanschauungen folgen. Wir wollen kritische Anfragen an uns ernst nehmen und uns gemeinsam um eine faire Auseinandersetzung bemühen. Dabei ist zu unterscheiden, mit welchen Gemeinschaften Dialoge und Begegnungen gesucht werden sollen und vor welchen aus christlicher Sicht zu warnen ist.
Wir verpflichten uns, die Religions- und Gewissensfreiheit von Menschen und Gemeinschaften anzuerkennen ... für das Gespräch mit allen Menschen guten Willens offen zu sein, gemeinsame Anliegen mit ihnen zu verfolgen und ihnen den christlichen Glauben zu bezeugen.

Die "Charta Oecumenica" endet mit der Anrufung Gottes. Jesus Christus ist als Herr der einen Kirche unsere größte Hoffnung auf Versöhnung und Frieden. In seinem Namen wollen wir den gemeinsamen Weg in Europa weitergehen. Wir bitten Gott um den Beistand seines Heiligen Geistes. Ein Satz des Römerbriefes wird zum Schluss zitiert: "Der Gott der Hoffnung erfülle uns mit aller Freude und mit allem Frieden im Glauben, damit wir reich werden an Hoffnung in der Kraft des Heiligen Geistes." (Röm. 15,13).

Das wünschen wir den Kirchen und Christen Europas, das wünschen wir auch uns für unsere ökumenischen Bestrebungen.
 

 
Hinweis:
Der volle Wortlaut der
Charta Oecumenica -
Leitlinien für die wachsende Zusammenarbeit unter den Kirchen in Europa - kann hier als Word-Datei (62 KB) herunter geladen werden.

 
 
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Last updated 06.12.07