Predigten 2004

 
Mit Gott in ein neues Europa


Predigt von Dekan Dr. Czeslaw Lukasz in der Osternacht,  11. April 2004

 
 
 
Osterbotschaft für alle Menschen

"Christus ist auferstanden!" – das ist die Botschaft dieser heiligen Osternacht. Wir können sie nicht oft genug singen, nicht oft genug wiederholen, uns darüber nicht genug freuen. Wir danken Gott, dass sie uns an diesem Ostermorgen in der eindrucksvollen Liturgie mit aller Deutlichkeit wieder verkündet wird.

Die neue Osterkerze wurde entzündet und im festlichen Osterlob besungen. Sie wird uns an diese Nacht und an die Auferstehung des Herrn erinnern. An ihr haben wir dieses Mal den europäischen Kontinent abgebildet und darüber ein großes Kreuz angebracht: von Skandinavien bis zum Mittelmeer, von Spanien und Irland bis zum Ostbaltikum. Das Jahr 2004 ist sehr wichtig für Europa. Die Erweiterung der EU um zehn neue Mitglieder, die wahrscheinliche Verabschiedung einer künftigen EU-Verfassung, das Ringen um kulturelle und religiöse Identität des Kontinents – sind Themen, die auch uns europäische Christen betreffen und herausfordern.

Seit fast 2000 Jahren wird auf unserem Kontinent die Auferstehung Christi gefeiert. Paulus brachte diese Botschaft nach Griechenland. Sie verbreitete sich dann schnell im Laufe der folgenden Jahrhunderte vor allem von Rom aus
über den ganzen europäischen Raum, von Süden bis Norden, von Westen bist Osten. Überall wurden die Gemeinden gegründet, Kirchen gebaut, Millionen von Menschen haben im Glauben Halt und Orientierung für ihr Leben gefunden und die Gesellschaft christlich geprägt.

Erwähnung Gottes in der Verfassung

Ohne das Christentum ist das Europa in der Vergangenheit und auch in der Gegenwart nicht zu verstehen. Der christliche Glaube bildet zusammen mit dem griechisch-römischen Gedankengut das Fundament, auf dem unsere europäische Zivilisation gewachsen ist. Verständlich ist deshalb, dass wir Christen hinsichtlich der Gestaltung der Zukunft unseres Kontinents mitreden möchten.

Das ist der Grund warum der Heilige Vater, die Bischofkonferenzen, christliche Institutionen und Parteien den so genannten Gottesbezug in der Präambel der künftigen EU-Verfassung verlangen. Eine europäische Verfassung ohne Erwähnung Gottes wäre ein falscher Weg in die Zukunft. Ein Europa mit einem rein laizistischen Grundgesetz würde sich von seinen eigenen Quellen abschneiden. Eine Verfassung ohne Erwähnung Gottes und des christlichen Erbes würde auch im Widerspruch zur Europafahne und zur Europahymne stehen.

Europafahne und Europahymne mit religiösen Inhalten

Die azurblaue EU-Fahne mit zwölf Sternen ist eine Fahne des Glaubens. Als der Europarat 1949 gegründet wurde, war er sich des christlichen Sinns des von ihm gewählten Symbols noch bewusst. Der himmlische Sternenkranz findet sich in der Offenbarung des Johannes: "Dann erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet; der Mond war unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt". Ohne die Erwähnung Gottes im Grundgesetz dürfte die
Europafahne nicht einmal mehr auf Halbmast gesetzt werden.

Auch die Europahymne dürfte nicht einmal mehr halblaut gespielt werden. Für den Schlusschor seiner neunten Symphonie hat Beethoven aus der "Ode an die Freude" von Friedrich Schiller geschöpft. "Brüder, überm Sternenzelt, muss ein lieber Vater wohnen", heißt es darin. Und auch von Fahnen, die auf dem Sonnenberg des Glaubens wehen, ist die Rede. Die Hymne ist die offizielle Musik für das vereinte Europa. Würde in der Präambel, die ja gleichsam das Vorzeichen der Verfassung ist, auf Gott verzichtet, dann müsste auch diese Musik verstummen. Sie passte dann einfach nicht mehr dazu.

Fundament für Europa

Weil man für die Symbolik der Fahne nicht blind und für die Musik nicht taub werden darf, muss man sich eben auf die Wurzeln besinnen. Und die europäischen Wurzeln sind viel tiefer als es der bisherige Hinweis in dem Entwurf auf "die kulturellen, religiösen und humanistischen Überlieferungen" andeutet. Solche fundamentalen Werte wie Würde des Menschen, wie Freiheit, Solidarität, Nächstenliebe sind nicht erst Ergebnis der Aufklärung. Sie sind dem Christentum zu verdanken. Die Rechte des Menschen, seine Würde und auch seine Verantwortung lassen sich letztlich nicht anders begründen als durch das christliche Menschenbild. Wenn die EU nicht auf dieses christliche Fundament baut, dann baut sie auf Sand. Und wir wissen aus einem Gleichnis Jesu welches Schicksal das Haus erwartet, das auf Sand gebaut wird (Mt 7).

Durch die Nennung Gottes wird der EU, deren Staaten und Institutionen, eine Verabsolutierung untersagt und eine Grenze für das politische Handeln angegeben. Gott wird dann zur höchsten Instanz, die nicht von Menschen manipuliert werden kann und somit der letzte Grund von Wahrheit und Gerechtigkeit, Solidarität und Frieden. Im Interesse aller Menschen, die auf unserem Kontinent wohnen, die friedlich und gerecht zusammen leben möchten, verlangen die Christen einen Platz für Gott in der europäischen Verfassung.

Christliche Gemeinschaft pflegen
 

Diese Verfassung soll die EU konsolidieren, die bald um zehn neue Staaten erweitert wird. Diese Erweiterung der EU ist auch für unsere Kirche bedeutsam. Unter den neuen Mitgliedsstaaten sind mehrere Länder mit überwiegend katholischer Bevölkerung wie Polen, Slowakei, Ungarn, Litauen, Malta. Die Erweiterung wird die katholische Kirche innerhalb der EU zahlenmäßig stärken. Wir alle stehen vor der Aufgabe Kontakte mit den Kirchen der neuen EU-Länder zu intensivieren. Wir Christen sollten als erste zeigen, dass wir den Menschen anderer Sprachen ohne Ängste und ohne Vorurteile begegnen können. Unsere Kirche, wie der Name "katholisch" schon sagt, ist allumfassend und alles einschließend, eine Kirche für alle Menschen.
In dem selben politischen Rahmen der EU wird es einfacher sein, neue Kontakte mit Schwestern und Brüdern anderer Länder anzuknüpfen und enger zusammenzuarbeiten. In dieser Hinsicht darf es unter uns Katholiken keine Europaskepsis geben, im Gegenteil, wir sollen helfen, sie zu überwinden, überall dort, wo noch Ängste und Unsicherheit herrschen. Wir katholische Christen können durch Begegnung und Kooperation dazu beitragen, dass unser Kontinent kulturell und religiös mehr zusammenwächst.

Gefahr des Laizismus

Noch ein drittes Thema, das mir in dieser Osternachtsfeier im Zusammenhang mit der Zukunft Europas am Herzen liegt. Es hat mit dem so genannten Kopftuchverbot zu tun. Die letzten Entwicklungen sind fragwürdig. In Baden-Württemberg wurde das Kopftuch bei Lehrerinnen verboten, christliche Symbole aber werden weiter erlaubt. Ähnliche Gesetze sind in Vorbereitung in Bayern und in einigen anderen Bundesländern. Man kann sich aber fragen – angesichts des aufkommenden Säkularismus - wie lange noch wird zwischen Kopftuch und Kreuz unterschieden. Ich befürchte, es wird irgendwann so sein, wie es bereits der Fall ist in Frankreich und in Berlin. Nach den Plänen des Berliner Senats sollen Richter, Polizisten und Lehrkräfte Kreuze im Dienst nicht mehr öffentlich sichtbar tragen.

Dieses Verbot ist eine beunruhigende Sache. Hier geht es um die Religionsfreiheit und um den Platz der Religion im öffentlichen Leben. Zur Religionsfreiheit gehört auch das Recht zum Zeigen religiöser Symbole. Unter dem Deckmantel der so genannten Neutralität des Staates wird hier ein bodenloser Laizismus propagiert. Dieser Laizismus, der die Politik voll erfasst hat, stellt eine Bedrohung für Institutionen und die Gesellschaft dar, die ausgewaschen werden aus jeder religiösen Dimension. Wir Christen, wir müssen uns gegen diese Vertreibung der Religion aus der Öffentlichkeit ins rein Private wehren.

Was können wir tun?

Wohin steuert unsere Gesellschaft, wohin steuert unser Europa, wenn es keinen Platz für Gott geben würde? Die Kirche wehrt sich gegen laizistische Strömungen. Ihr geht es um ein Fundament auf dem die Zukunft von Millionen Menschen gebaut wird.

Wenn es keinen Gott und keine Verantwortung vor Gott gibt, dann kann man z.B. nach dem Prinzip "nicht erwischt zu werden" leben. Unsere Medien berichten genug in der letzten Zeit von Finanzskandalen und Korruptionsaffären. Begriffe wie Gerechtigkeit, Solidarität, Ehrlichkeit werden zunehmend zu Fremdwörtern. Hat aber eine Gesellschaft ohne Gerechtigkeit, ohne Solidarität und Ehrlichkeit, ohne Gott eine Zukunft?

Ich weiß, dass diese Themen schwierig sind, dass wir Christen an der Basis nicht viel bewirken können, weil die Entscheidungsgremien anderswo sitzen. Schweigen dürfen wir trotzdem keinesfalls. Jeder von uns kann z.B. in seinem Bekanntenkreis, mit den Familienangehörigen und Freunden, mit Arbeitskollegen und Nachbarn eine klare christliche Position beziehen. Wo wir die Möglichkeit haben politisch Einfluss zu nehmen, wie z.B. bei der Europawahl im Juni, da sollte man die Kandidaten wählen, die auch das Religiöse und die Kirche im Sinne haben. Europa und unsere Länder brauchen in der Zeit des großen Wandels die Präsenz des Christlichen. Das können wir leisten, wenn unsere Kirche und wir selbst ein klares christliches Profil besitzen, wenn wir mutige Christen sind, die zu ihrem Glauben stehen.

Treu dem Taufversprechen

Wir werden jetzt unser Taufversprechen erneuern, in dem die Liturgie der Osternacht gipfelt. Durch die Taufe und den Glauben sind wir verpflichtet, uns für eine neue und bessere Welt einzusetzen, die in der Auferstehung Christi ihren Anfang nahm. Wenn wir gefragt werden, ob wir an Gott den Vater, an Jesus Christus und an den Heiligen Geist glauben, dann sagen wir unser klares und überzeugtes JA. Gott hat uns durch die Taufe zu seinen Söhnen und Töchtern gemacht, zu seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, damit wir unsere Gegenwart und die Zukunft in seinem Geiste und nach seinem Willen zum Wohl der Menschen gestalten.

 
 
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Last updated 06.12.07