Predigten 2004

Die eucharistische Mitte


Predigt von Dekan Dr. Czeslaw Lukasz im gemeinsamen Ottobrunner Fronleichnamsgottesdienst, 10. Juni 2004

 
 
 
Liebe Pfarrangehörige von St. Otto, von St. Magdalena, von St. Albertus Magnus,

hier auf dieser Wiese, im Freien, beginnen wir das diesjährige Fronleichnamsfest, das Hochfest des Leibes und Blutes Christi. Durch die gemeinsame Eucharistiefeier möchten wir unserer katholischen Identität und Zusammengehörigkeit hier in Ottobrunn Ausdruck verleihen. Wir gehören zusammen, weil wir von demselben Glauben getragen sind und weil jede von unseren Pfarrgemeinden dieselbe Mitte hat, und diese Mitte heißt: die Eucharistie, die Sonntag für Sonntag in unseren Kirchen gefeiert wird.
Diese Mitte bezeugen wir heute gemeinsam, wenn wir uns, drei Gemeinden, hier um den einen Altar versammeln um die eine Eucharistie zu feiern. Sie ist der Höhepunkt des christlichen Lebens und die Quelle, aus der all die Kraft herströmt (SC 10).

Die Gegenwart des Herrn

Das 2. Vatikanische Konzil lehrt, dass der Herr auf unterschiedliche Weisen in der Liturgie der Kirche gegenwärtig ist. "Gegenwärtig ist er in seinem Wort, da er selbst spricht, wenn die heiligen Schriften in der Kirche gelesen werden". "Gegenwärtig ist er ..., wenn die Kirche betet und singt, er der versprochen hat: Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen (Mt 18,20)". "Gegenwärtig ist er mit seiner Kraft in den Sakramenten, so dass, wenn immer einer tauft, Christus selber tauft". An der ersten Stelle wird aber die Gegenwart des Herrn in der Eucharistiefeier genannt: "Gegenwärtig ist er im Opfer der Messe, sowohl in der Person dessen, der den priesterlichen Dienst vollzieht ... wie vor allem unter den eucharistischen Gestalten." (SC 7).
Heute an Fronleichnam blicken wir besonders auf die Gegenwart des Herrn unter den eucharistischen Gestalten: "nehmt und esst, das ist mein Leib", "nehmt und trinkt, das ist mein Blut." Wir werden zuerst dieser seiner Aufforderung folgen und tun, was er uns aufgetragen hat zu seinem Gedächtnis.

Das verborgene Geheimnis

Danach werden wir seinen Leib in der Gestalt der Hostie in der Prozession tragen. Wir alle werden ihn dann deutlich sehen können. Was erblicken wir aber in der heiligen Hostie, die in einem würdigen Zeigegefäß, in der Monstranz, unter dem Traghimmel mit Musik, Gesang und Gebet durch unsere Straßen getragen wird?
Um diese Frage zu beantworten, möchte ich hier einen Mystiker unserer Zeit zitieren, Johannes Paul II. Er ist ein Mensch der eucharistischen Frömmigkeit. Der Papst beginnt jeden Tag mit der Anbetung des Allerheiligsten und jeden Morgen versenkt er sich in dieses Geheimnis. In der vor einem Jahr erschienenen Enzyklika "Ecclesia de Eucharistia" , die starke biographische Züge hat, schreibt er: "Seit mehr als einem halben Jahrhundert sind meine Augen jeden Tag auf die weiße Hostie gerichtet, in der Zeit und Raum in gewisser Weise zusammenfallen und in der das Drama von Golgota lebendig gegenwärtig wird."
In der weißen Hostie wird das Drama von Golgota lebendig und gegenwärtig. In der stillen Hostie wird uns das Geschehen von Golgota gezeigt: der Herr, der uns geliebt hat bis in den Tod und seinen Leib für uns alle hingegeben hat. Dies ist ein wahres Geheimnis des Glaubens, das in vielen Fronleichnamsliedern so stolz besungen wird: ein zweifaches Geheimnis: das Geheimnis der Gegenwart des Herrn unter der Brotgestalt und das Geheimnis, das Mysterium seines Todes und seiner Auferstehung.
Zu diesem Geheimnis bekennen wir uns heute. Von diesem Geheimnis möchten wir uns heute erneut berühren lassen.

Die vollendete Fülle

Das heutige Evangelium weist auf die unglaubliche Kraft dieses Mysteriums, das seit zweitausend Jahren unter den Menschen wirkt. Mancher von uns würde sich heute vielleicht ein anderes Evangelium wünschen, ein Evangelium, in dem die eucharistische Gegenwart des Herrn deutlicher ausgedrückt wird, wie z.B. bei Johannes im 6. Kapitel, wenn Jesus spricht: "Ich bin das Brot des Lebens" (6,48) oder "Mein Fleisch ist wirklich eine Speise, und mein Blut ist wirklich ein Trank. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir, und ich bleibe in ihm" (6,55-56).
Anstatt dieser plakativen Aussagen des Johannes, hören wir den Bericht von der Speisung der Fünftausend, eine Brotvermehrungsgeschichte aus dem 9. Kapitel des Lukasevangeliums. Schon durch die Wortwahl spielt der Evangelist auf das letzte Abendmahl an: Jesus nahm Brot, brach es und gab es den Jüngern ... Dass es dem Evangelisten hier um etwas mehr geht als um ein schlichtes Vermehrungswunder, sieht man auch daran, dass nicht gesagt wird wie die Speisung geschehen ist. Was hier stark betont wird, das ist die unglaubliche Wirkkraft, die außerordentliche – würden wir heute sagen - Effizienz des Handelns Jesu: Fünftausend Menschen werden mit wenigen Broten und Fischen gespeist. Nicht die neugierige Menge, nicht die satt gewordenen Fünftausend, sondern die zwölf Apostel sind die Adressaten dieses Wunders. Sie sollen es als Zeichen der Effizienz Jesu verstehen: Er kann jeden Hunger stillen, wie groß er auch immer sein mag. Es ist so, als ob Jesus sie fragen würde: Wisst ihr jetzt, wer ich bin oder wisst ihr immer noch nicht, dass in mir die Fülle Gottes gekommen ist?

Es gibt keine größere Liebe ...

Stellt uns der Herr heute nicht eine ähnliche Frage aus der weißen Hostie heraus? Wisst ihr jetzt, wer ich bin oder immer noch nicht? Denkt ihr daran, das ich mein Leben für euch hingegeben habe? Sehet meine Liebe in Fülle: "Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt." (Joh 15,13). Hier liegt ein noch größeres Zeichen als die Speisung der Fünftausend.
Wenn uns heute an Fronleichnam dieses Wunder unter der Gestalt der Brothostie gezeigt wird, dann werden wir es anbeten und Gott dafür danken, dass er uns daran teilnehmen lässt. Wir werden uns auch fragen nach der Auswirkung dieses Wunders, nach der Effizienz des Todes und der Auferstehung Christi in unserem Leben. Wie wirkt sich diese nachösterliche wunderbare Speisung, die wir in jeder Eucharistie empfangen in unserem Alltag aus? Welche Früchte bringt dieses Geheimnis in unserem Leben?
Das heutige Fest öffnet zuerst unsere Augen für die Gegenwart des Herrn in unserer Mitte. Öffnen wir auch unser Herz für den Reichtum seiner Gaben. Lasst uns heute gemeinsam diese eucharistische Mitte des Glaubens, das Drama von Golgota und das Wunder der unermesslichen Liebe, die in der Hostie so unscheinbar erscheinen, unter uns gegenwärtig machen und mit großer Freude feiern. Mit Thomas, der den Leib des Auferstandenen berühren durfte, beten wir Jesus an: "Mein Herr und mein Gott".

 
 
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Last updated 06.12.07