Predigten 2005


Der Papst der jungen Leute



Predigt von Dekan Dr. Czeslaw Lukasz am 10.4.2005, dem Sonntag nach dem Begräbnis von Johannes Paul II.
 
 
 
Die Anziehungskraft

Wie ein Idol wurde der Papst von den jungen Leuten bejubelt. Er rief ihnen zu: "Ihr seid Zukunft und Hoffnung der Kirche. Ihr sollt eine Zivilisation der Liebe und der Gerechtigkeit bauen". Sie applaudierten ihm noch lauter und riefen: "Johannes Paul, dich liebt die ganze Welt!"
Solche Szenen wiederholten sich bei seinen Reisen und bei Treffen in Rom. Dieser wunderbare Dialog mit den Jugendlichen dauerte 26 Jahre lang: sowohl am Anfang als der Papst eine junge und kräftige Stimme hatte, wie am Ende als ihm die Stimme versagte.

Die Fernsehsender zeigten in den letzten Tagen ganze Scharen von jungen Menschen, die nach Rom strömten, als der Heilige Vater im Sterben lag. Sie wollten ihm nahe sein in seiner Todesstunde, so nahe wie möglich, auf dem Petersplatz, hundert Meter vor seinem Krankenbett im apostolischen Palast. Unzählig sind sie gekommen zur Begräbnisfeier von ihrem Johannes Paul II. Sie warteten 10 Std. in der Schlange um zum aufgebahrten Papst zu gelangen. Sie schliefen in den kalten Nächten auf den Straßen. Sie trugen bei dem Requiem Transparente mit der Inschrift "Santo subito" (sofort Heiligsprechung), sie skandierten "santo, santo" und spendeten dem toten Papst Beifall. Die katholische Jungend nahm Abschied von ihrem Idol. Das war ihr Papst, der Papst ihres Lebens, sie haben keinen anderen gekannt.

Aus Liebe zur Jugend rief Johannes Paul II. die Weltjungendtage (WJT) ins Leben. Den ersten offiziellen Weltjugendtag 1985 feierten 250.000 Jugendliche in Rom. Er rief ihnen zu: "Welches großartige Schauspiel bietet eure Versammlung". Inzwischen hat sich der WJT zu einem festen Termin im Kalender des Papstes und der katholischen Jugend entwickelt.
Die Welt bewunderte die enorme Anziehungskraft des Papstes. Die Jugendlichen spürten, dass er sich – anders als viele Stars der Medienwelt – nicht von persönlichem Ehrgeiz oder Karrieredenken leitet ließ, sondern dass er sich ganz in den Dienst der Verkündigung der Frohbotschaft Jesu Christi stellte. So hat er trotz der Forderungen, die er an die Jugend stellte, von der Jugend immer großen Applaus geerntet.

Als der Heilige Vater beim WJT 1997 in Paris der Menge spontan zurief: "Wollt ihr die Heiligen des neuen Jahrtausends werden?", da hat man einen Herzschlag lang spüren können, wie die jungen Leute erschraken. Aber dann haben sie jubelnd ihre Kerzen in die Höhe gerissen.
Während der Gebetswache im Heiligen Jahr 2000 bei Torre Vergata in Rom hat der Papst die versammelten 2 Millionen junge Leute "Wächter des Morgens" genannt. Denn sie seien dazu berufen, den Morgen des neuen Jahrtausends mitzugestalten und ihre Lebenskraft ins neue Jahrtausend zu investieren. Das Lichtermeer der Millionen von Kerzen hat damals die Nacht in Rom erhellt, in der Papst Johannes Paul II. – wie so oft – den Jugendlichen zugemutet hat, zu Vorbildern eines geglückten Lebens zu werden.

Beim WJT in Toronto 2002 hat der schon schwer von seiner Krankheit gezeichnete Heilige Vater die Teilnehmer des damaligen WJT zu Jubelstürmen hingerissen, als er es ablehnte, den bereitgestellten Aufzug zu benutzen. Zitternd ist er am Stock die Treppe vom Flugzeug hinunter gestiegen.
Er hat zum nächsten großen WJT 2005 in Köln die Jugend der Welt gerufen: "Kommt, lasset uns anbeten!" – Worte der Weisen aus dem Osten, die auf der Suche nach dem Messias sind, so wie viele Jugendliche heute auf der Suche nach Christus sind. Nach Köln wird Johannes Paul jetzt nicht mehr kommen.

Das Faszinierende an dem Papst

Was faszinierte junge Menschen an diesem Papst?

Erstens: Ich würde sagen die einfache Tatsache, dass er zu ihnen gekommen ist, dass er in den 129 Ländern der Welt, die er besucht hat, immer Jugendliche getroffen hat, mit ihnen Liturgie gefeiert und scherzhaft und locker diskutiert hat. Es spielt sicher eine Rolle, dass er in den meisten Fällen auch in ihrer Muttersprache gesprochen hat. Er hat ihnen das Gefühl vermittelt: der Papst kennt mich, meine Fragen und meine Probleme. Der Papst mag mich so wie ich bin, auch mit meinen Fehlern, auch mit meinem schwachen Glauben.

Zweitens: Der Papst hat der Jugend Halt gegeben. In dieser Welt, in der vieles durcheinander geraten ist, in der oft nur das Materielle zählt, sprach er über geistige Werte. Er sprach davon, wie schön es ist Christ zu sein, wie schön es ist sein Leben auf Christus zu bauen. Er mutete den Jugendlichen zu, Heilige des neuen Jahrtausends zu werden.

Drittens: Der Papst hat diese enorme Anziehungskraft gehabt, weil die Jugendlichen seine unglaubliche Authentizität und Glaubwürdigkeit spürten. Er hat Mut gehabt, auch an als unpopulär geltende Wahrheiten zu erinnern. Er rief ihnen zu: "Christus fordert von euch, gegen den Strom zu schwimmen ... Die treue Befolgung der Zehn Gebote führt zu einer echten, freien und tiefen Liebe". (Ansprache in Lemberg, 2001). Er hat gezeigt: die Jugend wird nicht dadurch gewonnen, dass man an sie keine Ansprüche stellt. Was nichts kostet, ist oft auch nicht viel Wert. In diesem hohen Anspruch, den er authentisch und konsequent, immer wieder gestellt hat, spürte die Jugend die Klarheit der Lehre und einen authentischen Zeugen, dem man vertrauen kann.

Unzählig waren die Begegnungen des Papstes mit der Jugend, die auch die Medienwelt während dieses Pontifikats in Staunen versetzt haben. Kein Wunder, dass sie jetzt massiv nach Rom strömt, um sich von ihrem Papst zu verabschieden.

Was können wir lernen?

Wenn ich diese Bilder im Fernsehen siehe, da denke ich spontan an unsere Jugend. Ich frage mich, was können wir, jung, erwachsen und alt aus diesem Pontifikat für unsere Jugend lernen? Was können wir machen, um sie für den Glauben, für die Kirche und nicht zuletzt für den Papst zu begeistern?

Wie Sie gut wissen, ist das Thema "Jugend" ein schwieriges Thema, nicht nur bei uns. Auffällig ist z.B., dass bei den großen Weltjungendtagen eine relativ geringe Zahl von Jugendlichen aus Deutschland anwesend war. Ich sprach darüber im Herbst 2000 nach dem großen WJT in Rom (die Predigt ist im Internet zu finden). Ich fragte mich damals: Warum waren unter mehr als zwei Millionen jungen Menschen aus 160 Ländern der Welt nur ca. 10.000 Jugendliche aus Deutschland? Das kann nicht an der Entfernung von Rom oder an Geldmangel liegen. Aus dem laizistischen Frankreich kamen immerhin 70.000! Ähnlich schwach wurde die deutsche Jugend bei anderen WJT vertreten. Warum? Helfen Sie mir eine Antwort zu finden.
Es ist wahrscheinlich die Folge davon, dass sich viele Jugendliche hierzulande mit dem Papst schwer tun. Mag dies teilweise auch daran liegen, dass man in diesem Land der Reformation von vornherein skeptisch ist gegen vieles, was auch Rom kommt. Eine Beziehung, auch eine emotionelle Beziehung zum Nachfolger Petri aufzubauen, damit tun sich nicht nur Jugendliche, sondern auch viele Erwachsene hierzulande schwer. Dies mag teilweise auch am Temperament liegen.

Dabei ist es ein wunderschönes Gefühl, einmal unsere Kirche als eine globale Weltkirche zu erleben. Der Papst ist ihr höchster Repräsentant und ein sichtbares Zeichen ihrer Einheit. Als unsere Ministranten im Sommer 2003 die Audienz mit dem Papst im Vatikan besucht haben, waren sie alle sehr beeindruckt. Der Papst war gesundheitlich schon angeschlagen, aber der Applaus seitens der Anwesenden war immer gleich stark. Eine Ministrantin hat gezählt: in 13 verschiedenen Sprachen wurde bei der Audienz gesprochen. So verschieden wir der Herkunft und der Sprache nach sind, gehören wir doch der großen, auf das Fundament der Apostel gegründeten Kirche an. Wir sollten deshalb auch Geduld haben, wenn die Forderungen aus Deutschland nicht sofort vom Vatikan berücksichtigt werden. Wir gehören eben einer großen, über eine Milliarde Christen zählenden Kirche. 30 Mio. Katholiken in Deutschland machen nicht einmal 3% der Katholiken weltweit. Wir sollten aber froh sein, dieser globalen Kirche anzugehören, die gerade erst jetzt durch die Reisen von Johannes Paul ihre Katholizität, ihre Weltdimension ganz bewusst erlebt.
Letzte Woche habe ich aus der Jugendstelle unseres vergrößerten Dekanats erfahren, dass bis jetzt nur 7 Anmeldungen für die Fahrt nach Köln vorliegen, 7 Anmeldungen aus 20 Pfarreien. Die Jugendstelle rechnet damit, dass noch einige Anmeldungen kommen, aber sie rechnet nicht mit vielen. Wird beim WJT in Köln unsere Jugend wieder unterrepräsentiert sein?

Wie die Jugend ist, hängt auch von uns Erwachsenen ab. Die Jugend sucht – wie es sich bei der Beziehung zum Papst gezeigt hat - nach Echtheit, Klarheit und Authentizität. Authentische Zeugen des Glaubens für junge Menschen zu sein, sollte unsere Aufgabe sein. Dazu gehört es, mit den Jugendlichen über den Glauben zu sprechen, mit ihnen zusammen zu beten; im Alltag der Familie Gott und Jesus einen Raum zu geben; eine Atmosphäre zu schaffen, in der junge Menschen auch die Berufungen zum Priester – großes, immer wiederholtes Anliegen des Papstes – sich entfalten können.

Das Vermächtnis

Johannes Paul II. hinterlässt ein unglaubliches Vermächtnis in Bezug auf junge Leute, er hinterlässt das Zeugnis der Liebe zur Jugend und des Vertrauens in junge Menschen. Er rief den Jugendlichen zu: "Ich glaube an die Jugend! Ich glaube an die Jugend mit meinem ganzen Herzen und der ganzen Kraft meiner Überzeugung. Schon morgen werdet ihr die lebendige Kraft eures Landes sein. Morgen werdet ihr über die Macht verfügen, Träume Wirklichkeit werden zu lassen. Wenn ich euch hier versammelt sehe, sehe ich die Zukunft der Kirche vor mir. Gott hat mit der Kirche seinen Plan, aber zur Ausführung braucht er euch." (Predigt in Galway, 1979).
Als Vermächtnis und unvergessliche Erinnerung bleibt auch sein ganz persönlicher Stil, seine persönliche Art mit den jungen Menschen umzugehen, die keiner nachmachen kann: wie er lächelte, wie seine Augen strahlten. Dieses milde Lächeln eines alten Mannes, diese Augen aus denen so viel Jugendlichkeit blitzte, das werden die jungen Menschen, die sich im August in Köln versammeln, leider nicht mehr erleben.

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Last updated 06.12.07