Predigten 2001



Predigt von Dekan Dr. C. Lukasz beim ökumenischen Gottesdienst der Ottobrunner Pfarreien auf der Maderwiese, am Sonntag, den 8. Juli 2001:



"Die Freude am Herrn ist unsere Stärke" (Neh 8,10)

Singt für Gott, spielt seinem Namen; jubelt ihm zu, ... freut euch vor seinem Angesicht! (Ps 68,5).
Jauchzt vor dem Herrn, alle Länder der Erde, freut euch, jubelt und singt!
(Ps 98,4).
Du sollst vor dem Herrn, deinem Gott, fröhlich sein und dich freuen über alles, was deine Hände geschafft haben
(Deut 12,18).
Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut euch!
(Phil 4,4).


Liebe Christen,

unzählige Male spricht die Bibel von der Freude und so oft wie kaum ein anderes Buch ruft sie zur Freude auf. Die Freude ist ein Herzstück des Glaubens. Sowohl im Alten wie im Neuen Testament ist sie ein Kennzeichen der Glaubenden. Sie artikuliert sich im fröhlichen Gesang, in lauter Musik und Tanz, bei Festen, Feiern und Gottesdiensten. Wir möchten heute wissen, um welche Freude es sich hier handelt und was ihre Gründe sind, damit auch wir uns von ganzem Herzen freuen können.

Die Freuden des Lebens

Dekan Dr. C. Lukasz bei der Predigt Der Mensch der Bibel freut sich zuerst des Lebens. Gott hat diese Welt wunderbar erschaffen. Großartig und außergewöhnlich schön ist seine Schöpfung: Sonne, Mond, Sterne, Berge, Flüsse, Meere, Fische, Vieh und Vögel loben ihren Schöpfer und erfüllen das menschliche Herz mit Staunen und Freude. Das Geschenk des Lebens ist ein besonderer Grund zur Freude. Diese steigert sich bei einigen Anlässen, wie bei Verlobung und Hochzeit oder bei der Geburt eines Kindes.

Über Früchte seiner Arbeit darf sich der Mensch auch freuen. Die Weinlese ist Zeit der Freude: Der Wein erfreut das Herz des Menschen (Ps 104,15). Die Rückkehr von Gefangenen, die Krönung eines neuen Königs, Frieden mit Feinden sind auch Gründe zum Jubel. Der weise Mensch weiß die Bedeutung der Freude des Herzens zu schätzen, weil sie den Menschen auch gesund macht (Spr 17,22). So wie Gott sich seiner Schöpfung freut (Ps 104,31), so darf auch der Mensch die Freuden des Lebens genießen. Gott verwirft nur abartige Freuden, die dann aufkommen, wenn Böses getan wird (Spr 2,14) oder wenn Feinde sich über das Unglück des Gerechten freuen (Ps 13,5; 35,26).

Die Freuden des Glaubens

Der Mensch des Alten Testaments hat aber noch einen zweiten Grund sich zu freuen. Gott, der schon das Leben so schön gemacht hat, bereitet seinem Volk noch größere Freuden dadurch, dass er mit ihm den Bund der Treue geschlossen hat. Die Menschen wissen sich von ihm getragen. In einem Klima des Enthusiasmus und Jubels feiern sie Jahresfeste, besonders intensiv das Paschafest (2 Chr 30,21). Sie erinnern sich dabei an die großen Taten Gottes in ihrer Geschichte und singen: Dies ist der Tag, den der Herr gemacht hat; wir wollen jubeln und uns an ihm freuen (Ps 118,24). Dem treuen Gott, der ihnen Freiheit und das Land geschenkt hat, stimmen sie Freudenlieder an.

Es gibt aber auch innere Freuden, die einem anderen nicht immer mitgeteilt werden (Spr 14,10), wie z.B. die Freude über die Sündenvergebung (Ps 51,14.16). Das Wort Gottes ist eine wichtige Quelle der Freude. Jeremia schreibt: Kamen Worte von dir, so verschlang ich sie; dein Wort war mir Glück und Herzensfreude (Jer 15,16). Und welche Freude das erste öffentliche Lesen der Tora nach der Rückkehr aus der babylonischen Verbannung verursacht hatte, berichtet die heutige Lesung aus dem Buch Nehemia. Den Versammelten wird aufgetragen: Nun geht, haltet ein festliches Mahl, und trinkt süßen Wein! Schickt auch denen etwas, die selbst nichts haben; denn heute ist ein heiliger Tag zur Ehre des Herrn. Macht euch keine Sorgen; denn die Freude am Herrn ist eure Stärke (Neh 8,10). - Diesem Text entnahmen wir das Motto des heutigen Gottesdienstes. - Die Freude an Gott und an seinem Kult ist im Alten Testament auch Heilmittel gegen eine ständige Versuchung, sich den heidnischen Kulten anzuschließen. Ein freudiger Glaube stärkt die Treue zu Gott und seinem Bund und beugt dadurch dem Glaubensabfall vor. Je größer die Freude, desto fester der Glaube.

Große Freude in den Evangelien

Nicht seltener als das Alte Testament spricht von der Freude des Glaubenden auch das Neue Testament. Unter vielen Erwähnungen der Freude habe ich in den Evangelien drei Stellen entdeckt, die von einer wörtlich "großen" Freude sprechen. Diese drei Situationen sind bedeutsam und zeigen uns Christen, wo eine besonders große Freude zu finden ist.

Das erste Mal wird von einer großen Freude bei der Geburt Christi gesprochen:
Der Engel sagte zu den Hirten auf dem Feld: Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteil werden soll (Lk 2,10; 1,14). Und als die Weisen aus dem Osten den Stern sahen, wurden sie von sehr großer Freude erfüllt (Mt 2,10). Der fröhliche Gesang der Engel über der Krippe, das Kommen der Hirten, die Anbetung der Weisen sind Ausdruck dieser besonders großen Freude.

Das zweite Mal ist die Rede von einer großen Freude, nicht bei so vielen froh- und heilmachenden Begegnungen mit Jesus während seines öffentlichen Wirkens, sondern erst am Ostermorgen. Nachdem die Frauen entdeckt hatten, dass das Grab leer ist, eilten sie voll Furcht und großer Freude zu seinen Jüngern, um ihnen die Botschaft zu verkünden (Mt 28,8). Die ersten Zeuginnen der Auferstehung begreifen noch nicht ganz, was hier geschehen ist, aber ihr Herz ist schon von der großen Freude erfüllt.

Das dritte Mal sprechen die Evangelien von der großen Freude nach der Himmelfahrt Christi. Es ist eine unerwartete Behauptung in dieser Szene des Abschieds, der die Menschen normalerweise mit Traurigkeit erfüllt. Der Evangelist Lukas berichtet: Nachdem Jesus vom Ölberg zum Himmel emporgehoben wurde, fielen die Jünger vor ihm nieder. Dann kehrten sie in großer Freude nach Jerusalem zurück. Und sie waren immer im Tempel und priesen Gott. (Lk 24,51-53). Dieser letzte Hinweis auf das Verweilen im Tempel lässt ahnen, was die Ursache dieser ungewöhnlichen Abschiedsfreude ist: die Verheißung des Beistands, des Heiligen Geistes. Das gemeinsame Gebet in der freudigen Erwartung der Gabe des Geistes ist hier schon ein Bild der sich formenden Kirche. Nach der Ausgießung des Geistes am Pfingsttag entsteht die erste christliche Gemeinde. Die Freude erfüllt die Herzen der Gläubigen, die in ihren Häusern das Brot brechen und miteinander das Mahl halten in Freude und Einfalt des Herzens (Apg 2,46).

Die Freude wird später allen zuteil, die an Christus glauben werden. Sie freuen sich über ihre Erlösung und über die Verbreitung des Evangeliums in immer neuen Gebieten (Apg 8,8; 15,3; 2 Kor 8,2). Der Heilige Geist gießt die Freude in die Herzen der Gläubigen (Apg 13,52; Röm 14,17; 1 Thess 1,6).

Paulus, der durch seinen Enthusiasmus und Eifer viele Völker für Christus begeistert hat, ruft in seinen Briefen die christlichen Gemeinden vermehrt zur Freude auf. Jeder Gläubige soll im täglichen Leben mit Christus an seiner Freude Anteil nehmen und sich täglich daran erfreuen, ihn zu kennen und von ihm erlöst zu sein (1 Thess 5,16; Phil 3,1; 4,4; 1 Petr 1,8). Diese Freude erlischt nicht mit dem Tod. Sie wird in Ewigkeit fortdauern und sich in die ewige Glückseligkeit bei Gott verwandeln (Mt 5,12). Christen sollen sich freuen, dass ihre Namen im Himmel für immer verzeichnet sind (Lk 10,20).

Das ist in den Grundzügen das Zeugnis der Bibel, das Zeugnis vieler Menschen des Alten und des Neuen Testaments, die in ihrem Leben zu Gott gefunden haben und dabei erfuhren, wie froh machend der Glaube sein kann. Sie stehen da, um auch uns heute zu ermutigen, eine ähnliche Erfahrung in unserem Leben zu machen. Sie verweisen uns darauf, wo die Quellen der wahren Freude zu finden sind.

Freude und Leid

Für viele Menschen von heute, auch für viele Christen, ist allerdings diese Aufforderung zur Freude fast eine Zumutung, oft eine Herausforderung. Die Welt um uns herum gibt nicht immer Grund zur Freude. Darf sich heute ein Mensch, der sich nicht egoistisch in sein privates Glück zurückzieht, sondern mit anderen mitfühlt, freuen? Das Leiden vieler Menschen an unheilbaren Krankheiten, an Hunger sterbende Kinder und Erwachsene, gescheiterte Familien, der Hass der Menschen gegeneinander, Kriege und Katastrophen nehmen die Freude weg. Übrigens: Auch einige Prozesse und Entwicklungen in den Kirchen bieten uns Christen nicht immer Grund zum Freuen.

Gewiss, der Christ kann und darf sich nicht freuen, wenn ein anderer Mensch weint. Im Gegenteil, er soll dem Ruf von Paulus folgen: Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden! (Röm 12,15). Die große Konstitution des zweiten Vaticanums "Die Kirche in der Welt von heute" beginnt mit den folgenden Worten: "Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi" (Gaudium et spes I). Zum Leben gehört beides: Freud und Leid. Die Christen dürfen Leid und Trauer nicht überspielen und nicht verdrängen. Wenn wir dies täten, dann wäre unsere Freude oberflächlich und nicht echt. Es ist vielmehr unsere Aufgabe beides zu verbinden und dem Leid durch Gottvertrauen und Glaubensfreude seinen Stachel zu nehmen.

In Gott geborgen

Die Freude eines Christen ist mehr als ein Gefühl, sie ist Bewusstsein der Geborgenheit bei Gott. In allen Situationen des Lebens wissen wir uns ja in Gott geborgen und dieses Bewusstsein macht uns stark, wenn wir mit Tod, Leid und Traurigkeit konfrontiert werden. "Ohne den Glauben müsste ich verzweifeln" – sagte mir unlängst einer aus der Pfarrgemeinde, der ganz unerwartet von einer schweren Erkrankung erfahren hat. Nicht jeder Augenblick des Lebens kann eine reine Freude sein. Aber der Christ weiß um die Quellen, aus denen sich innere Gelassenheit, Friede und Freude nähren können, wenn der Alltag Beschwerliches beschert. Freude ist sicher ein Geschenk des Glaubens, sie ist aber zugleich eine Aufgabe, die sich besonders im Leid bewähren muss. Paulus und die ersten Christen fanden Freude daran, das eigene Leiden mit dem Leiden Christi zu verbinden (2 Kor 6,10; 7,4; Kol 1,24; 1 Petr 4,13). Eine enge Vereinigung mit Christus in der Liebe macht es möglich (Gal 2,20).

Sie sehen schon: Die Freude, die hier gemeint ist, ist nicht mit dem Lachen gleichzusetzen. Wer heute zu fröhlich erscheint, wird ja nicht ernst genommen. Wenn eines Menschen Mund immer nur voll Lachen ist, kommt uns dieser Mensch zu wenig realistisch vor. Unsere Freude drückt sich nicht dadurch aus, dass wir alle mit lächelnden Gesichtern durch die Welt laufen - wir würden dann wahrscheinlich nur befremdend wirken. Unsere Freude drückt sich vielmehr dadurch aus, dass wir – im Bewusstsein, von Gott getragen zu sein – innere Gelassenheit und Frohsinn ausstrahlen.

Freude mitteilen

Und dennoch, diese tiefe innere Freude, die Lebensfreude und die Freude des Glaubens dürfen wir Christen nicht unter den Scheffel stellen (Mt 5,15), sie nur für uns und für unsere Zusammenkünfte behalten. Eine echte Freude will sich mitteilen. Wenn sie mitgeteilt wird, kehrt sie dann doppelt in das eigene Herz zurück. Haben wir deshalb Mut unsere Freude zu zeigen, andere mit ihr anzustecken. Sprechen wir unser Herz aus. Wovon das Herz voll ist, davon redet der Mund, ja, davon muss der Mund reden!

Das Reden von Freuden ist aber noch nicht das Ziel. Wo das Herz voll, ja übervoll ist, da öffnet sich nicht nur der Mund, es öffnet sich auch leichter die Hand, die sich ausstreckt zur Geste der Freundschaft und Versöhnung, zur Tat der helfenden Nächstenliebe. Echte Freude ist – den Worten Jesu nach - mehr im Geben als im Nehmen zu erfahren: Geben ist seliger als nehmen (Apg 20,35).

Wir wünschen uns heute in ökumenischer Verbundenheit, dass die irdischen Freuden und die Freude des Glaubens uns stark machen, damit wir uns als Christen auch in Bedrängnis bewähren können. Sie mögen uns stärken und uns Kraft geben mehr zu lieben und uns noch mehr für eine bessere Welt einzusetzen, für eine Welt, in der es für Menschen immer weniger Grund zur Traurigkeit und immer mehr Grund zur Freude gibt.



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Last updated 06.12.07