Predigten 2001



Zeit zur Aussaat

Lesung: Apg 13,26b-30a

Predigt von Weihbischof Engelbert Siebler bei der Einführung des neuen Dekans des Dekanats Ottobrunn in St. Albertus Magnus am 8. April 2001


Die Lesung, die wir eben hörten, bringt das zentrale Programm der Heiligen Woche, die wir mit diesem Palmsonntag begonnen haben. Sie sagt uns den Kern unseres Glaubens, wie ihn Paulus schon einmal früher im 1. Korintherbrief niedergeschrieben hatte: "Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift, und ist begraben worden. Er ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäß der Schrift und erschien dem Kephas, dann den Zwölf." (1.Kor 15,3b-5)

Diesen Text hat Paulus - so berichtet die Apostelgeschichte, in seiner größten Missionspredigt im Pisidischen Antiochien in Südgalatien (in der Nähe der heutigen türkischen Großstadt Konya) wiederholt. Zusammen mit Barnabas hat Paulus nach der Landung in Antalya die gefährliche 160 km lange Reise über das Taurusgebirge unternommen, um auf über 1.000 m Höhe der Judengemeinde von Antiochien den "neuen Weg" zu lehren und von Jesus Christus zu predigen.

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Paulus predigt vom "Werk Gottes", Gott führt jenes Israel, das nicht glaubt, in die tiefste Krise. Aus Israel sammelt sich Gott ein neues Volk. Dieses Volk glaubt an die Geschichtstaten Gottes und ist offen für die Heiden. In der Kirche schafft Gott sich ein neues Volk. Das ist aber kein Tun Gottes, das nur am Anfang steht und dann wieder abbricht, sondern sein Tun geht ständig weiter. Er will uns dazu anleiten, den Blick in der Kirche nicht nur auf die Vergangenheit zu richten, sondern auch in der Gegenwart die Taten Gottes in der Mitte der Seinen zu sehen. "Es ist zu befürchten, dass wir dazu kaum noch in der Lage sind." (G. Lohfink) "Ein Indiz dafür" mag sein, "dass wir in unseren Gottesdiensten und Gemeindeversammlungen nicht mehr von den Taten Gottes in der Gegenwart erzählen ... Solche Dinge sind uns peinlich. Das überlassen wir Außenseitern. Wir haben keine Sprache mehr dafür." (G. Lohfink)

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Jedoch spricht Gott zu uns. In der Gemeinschaft der Glaubenden ist er unter uns gegenwärtig. Deshalb kann, wer sich von Gott angesprochen weiß, dies nicht für sich behalten. Jede und jeder Einzelne fühlt sich dann verpflichtet, die Freude am Glauben mit anderen zu teilen. Es entspricht dieser Erfahrung, dass der Glaube keine private Angelegenheit allein ist; vielmehr wird die Gemeinschaft im Glauben zum Erkennungszeichen der Christen. Das Miteinander in der Kirche und der Gemeinden untereinander ist also weit mehr als ein Miteinander nach der Art eines Sozialverbandes. Es ist die geschwisterliche Gemeinschaft - communio -, die getragen ist vom Heiligen Geist. Diese Gemeinschaft sichtbar zu machen ist eine besondere Aufgabe des Dekans.

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Damit diese Art von Gemeinschaft unserer Kirche deutlicher sichtbar wird, sollte sich unsere Kirche noch deutlicher als bisher "personalisieren", aber nicht in ihren Amtsträgern und "Spitzenvertretern", sondern in der Breite ihrer Berührungsmöglichkeiten mit der heutigen Gesellschaft. Die Rede des Konzils vom Apostolat des Laien gewinnt heute neue Aktualität: in der Gesellschaft, in Familie und Beruf ist er Zeugin oder Zeuge des Glaubens an Jesus Christus. Denn die Kirche lebt in ihren Zeugen.

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Bischof Joachim Wanke hat neulich in einem Brief an die Christen geschrieben: "Ich habe die Vision einer Kirche in Deutschland, die sich darauf einstellt, wieder neue Christen willkommen zu heißen." Diese Vision wird hie und da schon Realität. In der Osternacht werden in unserer Diözese viele Erwachsene getauft werden. Unser Erzbischof wird heuer 11 Erwachsene, einen Jugendlichen und ein Kind taufen; immer öfter darf ich Erwachsenen das Sakrament der Firmung spenden. Im Jahr 1998 wurden in allen deutschen Diözesen 248.000 Kleinkinder getauft, aber auch 3.500 Erwachsene. Je mehr sich Menschen von der Kirche entfernt haben, desto mehr wird es Einzelne geben, die sich aufgrund persönlicher Entscheidung unserer Kirche zuwenden wollen. Es wird in Zukunft bei uns Frauen und Männer geben, die - obwohl getauft - die "Einführung in das Christsein" nachholen. Es gibt zunehmend Zeitgenossen, die nach dem "Eingang in die Kirche" fragen. Es ist entscheidend, wen sie in diesem Eingangsbereich zur Kirche treffen. Es wird für unsere Pfarreien wichtiger werden, wie sie dort empfangen werden.

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Die Münchner Statistik sagt, dass 45,4 % der Münchner katholisch sind; in Ottobrunn dürfte die Zahl ähnlich sein. Für unsere Gemeinden ist das eine neue, oft noch nicht wahrgenommene Herausforderung. Alle werden wir lernen, häufiger, selbstverständlicher und mit "demütigem Selbstbewusstsein" von Gott zu sprechen. Unsere Gemeinden werden in den kommenden Jahren missionarischer sein oder sie werden nicht mehr sein. Die Gremien der Pfarreien werden mehr in die Gesellschaft gewandt sein. Die Aktivitäten sollten sich weniger in den Pfarrheimen abspielen, sondern eher in den Treppenhäusern der Wohnungen und an den Stätten, wo Menschen ihre Freizeit verbringen und an den Arbeitsplätzen. Gott ist dort zu Hause, wo die Menschen zu Hause sind. Dieses Auf-die-Menschen-zugehen werden wir lernen müssen. Eine Pfarrei, die sich nur selbst genügte, würde ihre Türen damit nicht öffnen, sondern verschließen. Christliche Gemeinden und Gemeinschaften sind gerufen, den Glauben an Jesus Christus auf den "Marktplätzen dieser Welt" zu verkünden und das Wort auszusäen.

 

Das wünsche ich dem Dekanat Ottobrunn, dass die einzelnen Pfarreien sich ihrer missionarischen Verantwortung immer bewusster werden, dass sie die Herausforderungen der Zukunft mutig und gelassen zugleich annehmen. Dazu ist es notwendig, dass die Gemeinden und die Gemeinschaften in ihr die Gemeinschaft pflegen - die Gemeinschaft untereinander und die Gemeinschaft mit dem Bischof. Diese zu fördern - diese bewusst zu machen - sie immer in Erinnerung zu rufen - ist die Aufgabe des neuen Dekans.
Amen.



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Last updated 06.12.07