Predigten 2006


Begegnungen mit Christen in Mexiko
 

Predigt von Pfarrer Dr. Czeslaw Lukasz, Sonntag 7. Mai 2006

 
 
 
Am letzten Montag ist unsere Reisegruppe aus Mexiko zurückgekommen, wohlbehalten und sehr angetan von diesem Land, das so ähnlich unseren Ländern aber auch sehr anders und dadurch so faszinierend ist.

In unserer 30 Personen starken Gruppe konnten wir die ganze Vielfalt dieses Landes, das heute 100 Mio. Einwohner zählt, bewundern: seine reichen präkolumbischen Kulturen, seine faszinierenden Landschaften, seine temperamentvollen Menschen und nicht zuletzt das blühende Christentum. 90% der Mexikaner sind katholische Christen und das hat zur Folge, dass wir uns in Mexiko geistig wie zu Hause fühlten. Über unsere Begegnungen mit der Kirche in Mexiko möchte ich heute kurz berichten.

Besuch eines Sonntagsgottesdienstes

Am 4. Tag der Reise sind wir am Abend nach Oaxaca gekommen, einer Stadt 350 km südöstlich von der Hauptstadt. Am nächsten Tag war Sonntag, 24. April, und wir wollten die heilige Messe besuchen. Da der Tag mit der Besichtigung von Monte Alban, einer antiken Stadt der Zapoteken und Mixteken, verplant war, haben wir beschlossen, zur Frühmesse um 7.00 Uhr zu gehen und erst danach zu frühstücken. Unser sympathischer Busfahrer José Romero begleitete die Gruppe zur schönsten Kirche der Stadt, Santo Domingo. In einer mit Gläubigen gut gefüllten Kirche zelebrierte ich zusammen mit dem mexikanischen Priester die Messe und durfte einen Teil des Hochgebetes auf Deutsch vorlesen. Auf dem Rückweg zum Hotel sagte der Busfahrer: diese Messe war nicht so gut besucht – diese Aussage überraschte uns alle, weil in der großen Kirche Dreiviertel der Sitzplätze besetzt waren und dies um 7.00 Uhr in der Früh. Bei späteren Messen sei die Kirche immer voll, viele müssen stehen.

Die Statistiken sagen, dass ca. 50% der Christen in Mexiko jeden Sonntag in die Kirche gehen - eine Traumzahl, wenn man mit Deutschland vergleicht (15 %). José Romero sagte, wenn er zuhause in Mexiko-Stadt ist, dann geht er jeden Sonntag mit seiner Frau und den beiden Kindern zum Gottesdienst um 8.00 Uhr und erst danach machen sie das Familienfrühstück. So beginnt bei ihnen jeder Sonntag. Andere Länder, andere Sitten – würden wir sagen.
Das Christentum wurde von den Missionaren nach Mexiko gebracht, die nach der Entdeckung Amerikas mit den Spaniern kamen. Es waren vor allem Ordensleute: Franziskaner, Dominikaner und später Jesuiten. Sie evangelisierten und tauften die Indios, bauten Kirchen, gründeten Klöster und Schulen. Bei den Indios trafen sie auf eine große Offenheit dem Christentum gegenüber und die Bereitschaft, die heidnischen Riten abzulegen und den neuen Glauben anzunehmen. Heute sind fast alle Indios in Mexiko katholische Christen. Nicht zu übersehen, auch für flüchtige Touristen, ist die tiefe Frömmigkeit der Mexikaner, die auch unter der Woche in den Kirchen knien und beten.

Marienheiligtum von Guadalupe

Eine große, wenn nicht entscheidende Rolle spielte bei der Evangelisierung und spielt auch heute das Marienheiligtum Guadalupe, das am Nordrand der 20 Mio. Metropole Mexiko-Stadt liegt. Im Jahre 1531, nur zehn Jahre nachdem die Spanier die Azteken besiegten und ihre Stadt eroberten, soll dort dem aztekischen Christen Juan Diego die Mutter Gottes erschienen sein und ihm befohlen haben eine Kirche zu bauen. Nach mehreren Anläufen ist es dem armen Indio gelungen, den spanischen Bischof davon zu überzeugen. Der Bischof ließ eine Kirche zur Ehre der Mutter Gottes errichten, in der das Bild von ihr, das sich auf dem Poncho von Juan Diego abgebildet hatte verehrt wird. Dieses Bild ist heute in der neuen, in den 70er Jahren gebauten riesigen Basilika von Guadalupe hinter dem Altar zu betrachten. Von Anfang an spielt diese Marienverehrung eine wesentliche Rolle in der Evangelisierung von Mexiko. Auch heute ist Unsere Liebe Frau von Guadalupe ein unbestrittenes nationales Symbol von Mexiko. Überall, in den Geschäften, Restaurants, Hotels, auf den Straßen ist ihr Bild zu sehen. Sie wird als "Mutter des mexikanischen Volkes" und als "Mutter Amerikas" verehrt. In Millionen strömen die Pilger dorthin, ca. 20 Mio. pro Jahr. Nach dem Vatikan ist Guadalupe der meist besuchte christliche Ort auf unserem Planeten. Von 6 bis 20 Uhr wird jede Stunde die heilige Messe am Hauptaltar gefeiert.
Unsere Reisegruppe durfte dort auch eine Eucharistie mitfeiern. Nachdem ich dem Rektor der Basilika in der Sakristei von unserem Besuch erzählt hatte, wurde unsere Gruppe in dem großen von ca. 15 Priestern zelebrierten Gottesdienst extra begrüßt als eine Pilgergruppe aus München, der Heimatdiözese des neuen Papstes, was uns alle sehr gefreut hat.

Wenn man Mexikaner fragt, ob sie katholisch sind, antworten sie lieber: wir sind vor allem "guadalupanos" (Guadalupaner). Diese Antwort weist hin auf die Rolle dieser Marienverehrung für die Bildung auch der nationalen Identität der Mexikaner. Historische Studien belegen, dass an diesem Ort eine für unmöglich gehaltene Versöhnung stattgefunden hat. Die brutalen spanischen Eroberer und die besiegten und erniedrigten Indios haben sich schon in den ersten Jahrzehnten nach der Ankunft der Spanier miteinander versöhnt, als Kinder derselben Gottesmutter, als Brüder und Schwestern in derselben katholischen Kirche. Das ist auch für mich das größte Wunder von Guadalupe. Aus Feinden sind Freunde geworden. Das ist auch der Beginn der neuen Rasse, der Rasse der Mexikaner, der Mestizen – der Verschmelzung der Weißen und der Indios. Heute sind Mexikaner zu 80% Mestizen.
Kein Wunder, dass Johannes Paul II. Mexiko fünf Mal besucht hat. Nur in seiner Heimat Polen war er häufiger. Seine erste Auslandsreise im Januar 1979, nur drei Monate nach der Wahl zum Papst, galt Mexiko und Guadalupe. Bei seiner letzten, fünften Reise im Jahr 2002 hat er Juan Diego, dem die Erscheinungen der Gottesmutter in Guadalupe gegolten haben, heilig gesprochen. Es ist der erste heilig gesprochene Indio in der Geschichte der Kirche, eine Ermutigung an alle noch heute lebenden Indios (ca. 10 % der Bevölkerung) und an alle Mexikaner und lateinamerikanischen Christen.

Kirche und Unabhängigkeit

Die Kirche hat dem mexikanischen Volk zur Selbstfindung verholfen und zur nationalen Identität. Zu den nationalen Helden Mexikos gehören auch zwei Priester. Bartolomé de Las Casas kam als Dominikanermönch einige Jahre nach Kolumbus nach Kuba und Mexiko und setzte sich für die Rechte der Indianer ein. Er protestierte bei den europäischen Königen gegen die Ungerechtigkeit und Grausamkeit der Spanier gegenüber den Indianern. Er wurde später zum Bischof von Chiapas in Mexiko berufen, wo er weiter die Indios vor Aggressoren in Schutz nahm.
Der andere Priester, Miguel Hidalgo, gilt als der Held der Unabhängigkeit Mexikos. 1810 begann er als einfacher Dorfpfarrer mit dem Ruf: "es lebe Mexiko, es lebe die Jungfrau von Guadalupe" eine Aktion gegen die spanische Besatzung. Aus dieser Aktion entwickelte sich die Freiheitsbewegung, die zur Erlangung der vollen Unabhängigkeit Mexikos im Jahre 1821 führte.

Kirche und Staat - wechselvolle Geschichte

Zur Geschichte der Kirche in Mexiko gehören aber nicht nur glanzvolle Zeiten.

Der Glaube wurde nach der Gründung des Staates mehrmals auf die Probe gestellt und die Kirche regelrecht verfolgt. In den ersten Jahrhunderten hat die Kirche viele Reichtümer angehäuft, vor allem viel Landbesitz. Mit einem Dekret von 1858 wurde die Kirche von jeglichem Besitz enteignet – ein Vorgehen, das an die deutsche Säkularisation von 1803 erinnert. Seitdem befinden sich alle Kirchenbauten im Besitz des Staates. Der Staat sollte für Erhalt und Renovierung aufkommen, was aber nur selten passiert, so dass die Gemeinden selbst durch Spenden für ihre Gotteshäuser sorgen müssen.

Ab 1920 bricht in Mexiko eine neue Welle der Kirchenverfolgung aus, angeblich als Reaktion auf die wachsende Macht der Kirche. Die Kirchen werden geschlossen, dem Klerus wird verboten zu wählen und öffentliche Ämter zu bekleiden. Nach etwa zehn Jahren entspannt sich die Lage und die Christen dürfen wieder in den Kirchen Gottesdienste feiern. Viele Verbote gelten aber weiter wie z.B.: die Priester und die Ordensleute dürfen keine Priester- oder Ordenskleidung tragen. Dieses Verbot galt noch während der ersten Papstreisen und wurde erst 1992 aufgehoben.
Der Staat, der sich als laizistisch definiert, ging und geht auch heute auf Distanz zur Kirche, obwohl die meisten Präsidenten und Minister gläubige Christen sind. Aber auch hier weicht langsam die scharfe Trennung auf. Der im Jahre 2000 gewählte aktuelle Präsident Vicente Fox ging in den ersten Tagen nach der Wahl nach Guadalupe um den Segen der Mutter Gottes für seine Präsidentschaft zu erbitten. Früher wäre das undenkbar gewesen.

Die Mexikaner selbst sehen dieses angespannte Verhältnis von Staat und Kirche gelassen. Man dürfe nicht alles so ernst nehmen und vieles, was offiziell nicht erlaubt ist, lasse sich doch machen. Bei dem Treffen mit einem mexikanischen Priester, das ich für unsere Reisegruppe organisiert habe, hat der Pater von einem kuriosen Arrangement während des Besuchs des Papstes in Oaxaca 1979 erzählt. Der Gouverneur dieses Bundesstaates durfte nicht offiziell zur Papstmesse. Er wollte aber unbedingt den Papstsegen bekommen. Er bat den Bischof, ihm doch zu ermöglichen dem Papst zu begegnen. So durfte der Gouverneur dem Papst nach der Messe in der Sakristei Kaffee anbieten und dort den ersehnten Papstsegen empfangen.

Dank und Gebet

Bei dem Treffen mit dem erwähnten Pater, habe ich gefragt, wann der neue Papst nach Mexiko kommen wird. Der Pater wurde nachdenklich: man muss abwarten... Johannes Paul war ein Freud von Mexiko. Von dem neuen Papst wissen wir noch nicht viel... In Guadalupe habe ich erfahren, dass sich dort eine neue Kirche zu Ehren des hl. Juan Diego im Bau befindet. Vielleicht wird dies der Anlass für einen Papstbesuch – wurde mir gesagt.
Die Kirche in Mexiko profitiert von den Geldern der großen deutschen Hilfswerke wie Adveniat, Misereor und Missio. Wir wurden gebeten, uns bei den Christen in Deutschland für die Spenden zu bedanken. Diesen Dank möchte ich heute an Sie alle weitergeben. Unterstützen wir weiter im Gebet und mit materieller Hilfe die Kirche auf dem amerikanischen Kontinent.
Anstelle von Fürbitten schlage ich vor, dass wir heute ein Gebet sprechen, das Johannes Paul 1999 auf Bitte der lateinamerikanischen Bischöfe verfasst hat. Dieses Gebet wird in Familien und Kirchen Mexikos oft gesprochen.

Gebet von Papst Johannes Paul II. für die Familien Amerikas 

Herr Jesus Christus, wir danken dir dafür, 
dass das Evangelium der Liebe des Vaters, 
mit dem du gekommen bist, um die Welt zu retten, 
weithin in Amerika verkündet worden ist (...)

Wir danken dir für dein Leben, das du uns gegeben hast,

da du uns bis zum Ende geliebt hast. 
Es macht uns zu Kindern Gottes und zu Brüdern untereinander. 
Mehre in uns den Glauben und die Liebe zu dir, Herr, 
der du in so vielen Tabernakeln auf diesem Kontinent gegenwärtig bist. 

Gib, dass wir für die neuen Generationen Amerikas treue Zeugen 
Deiner Auferstehung sind, auf dass sie dich kennen lernen, dir nachfolgen und in dir Frieden und Freude finden. (...)

Durch deine Menschwerdung wolltest du ein Mitglied der Menschenfamilie werden, 
lehre du die Familien jene Tugenden, die aufstrahlten im Hause von Nazareth. 
Gib, dass sie eins bleiben, wie du und der Vater eins sind; 
gib, dass sie lebendige Zeugen der Liebe, der Gerechtigkeit und der Solidarität sind; 
gib, dass in ihnen Achtung, Verzeihen und gegenseitige Hilfe gelehrt werden, 
auf dass die Welt glaube; 
gib, dass sie eine Quelle der Berufungen zum Priestertum, zum gottgeweihten Leben und zu all den anderen Formen intensiven christlichen Einsatzes sind. 

Beschütze deine Kirche und den Nachfolger Petri, 
dem du, guter Hirt, das Amt übertragen hast, deine ganze Herde zu weiden. 
Gib, dass deine Kirche in Amerika blühe 
und ihre Früchte der Heiligkeit vervielfache. 

Lehre uns, Maria, deine Mutter zu lieben, wie du sie geliebt hast. 
Gib uns die Kraft, mutig dein Wort zu verkünden, 
wenn wir die Neuevangelisierung unternehmen, 
damit die Hoffnung in der Welt gestärkt werde. 

Unsere liebe Frau von Guadalupe, Mutter Amerikas, 
bitte für uns! Amen.

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Last updated 06.12.07