St. Albertus Magnus Ottobrunn

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Predigten 1994

 

Zur Wahl der Kirchenverwaltung
 
 
Predigt von Pfarrer Erwin Obermeier am 6. November 1994 zur Wahl der Kirchenverwaltung

 
 
Jesus und das Geld, Kirche und das Geld. Ganz unterbewusst, glaube ich, empfinden wir das als ein heikles, ja vielleicht sogar peinliches Thema, aber ein Thema ist es. Heute im Evangelium ist es das Thema; und an diesem Sonntag wird die Kirchenverwaltungsneuwahl durchgeführt. Die Kirchenverwaltung ist ja das Gremium in einer Gemeinde, das sich vorwiegend um das Geld zu kümmern hat, wie es hereinkommt und wie es ausgegeben wird. Also, Jesus und das Geld, Kirche und das Geld, ist das Thema am heutigen Sonntag. Da ist es zunächst gut, im Evangelium zu erfahren, dass Jesus einen Menschen nicht beurteilt nach der Höhe der Summe, nach der Größe der Spende. Jesus geht es um das Herz des Menschen, nicht um das Geld, das er springen lässt. Bei Jesus - so sagt uns das heutige Evangelium - gilt nur die Währung des Herzens und nicht die der dicken Börse. Ihm sind ein paar Pfennige der Witwe, die mit dem Herzen gedeckt sind, wichtiger als die großen Scheine der Pharisäer und Schriftgelehrten, die eine herzlose Protzerei sind.

Zum anderen sehen wir an dieser Stelle des Evangeliums auch, dass für Jesus das Thema Geld und Glaube, Geld und Tempel, Geld und Kirche würden wir heute sagen, kein unanständiges Thema ist. Jesus wettert nicht dagegen, dass die Opferkästen aufgestellt sind, dass da, wie wir heute sehen, doch einiges eingeht. Und Jesus selber hat keine Probleme damit, dass für den Tempel eine Steuer von den einzelnen Gläubigen eingezogen wird. Die Steuereintreiber - so berichtet uns der Matthäusevangelist - haben ihm freilich nicht ganz getraut, ob er sich doch nicht provozierend um diese Steuer drückt. Deshalb fragen sie den Petrus: Zahlt euer Meister die Doppeldrachme Tempelsteuer nicht? Petrus kann sagen: Doch, freilich zahlt er! Und dann wird berichtet, dass Jesus dem Petrus den Auftrag gibt, den Männern ein Vier-Drachmenstück zu geben. Er sagt: Für dich und für mich. Das Schöne dabei war freilich, dass Petrus dieses Geldstück im Maul eines Fisches gefunden hat, den er auf das Geheiß Jesu gefangen hat.

Andere Stellen dagegen gibt es, die den Eindruck erwecken, dass Jesus zum Geld doch aber ein distanziertes Verhältnis gehabt hat. Wenn wir da hören, dass er seine Apostel ausschickt, um das Evangelium zu verkünden, da sagt er ausdrücklich: Nehmt nichts mit auf den Weg. Keine Reisetasche, keine Kleider zum Wechseln, kein Geld im Beutel, nur Sandalen an den Füßen.
Also doch: Evangelium und Geld, Kirche und Geld passen nicht zusammen?! Ich glaube nicht, dass das die richtige Auslegung der Stelle und die richtige Konsequenz ist. Ich glaube diese Weisung Jesu geht tiefer. Sie sagt den Jüngern und uns Heutigen als Kirche auch noch: Das Evangelium, die Frohe Botschaft, das Kommen des Reiches Gottes kann man nicht durch Geld absichern, kaufen, organisieren, versichern. Das Kommen des Gottesreiches ist eine ganz andere Ebene. Was nicht heißt, dass die, die sich auf den Weg machen mit dieser Botschaft, nach der Meinung Jesu von der Luft leben könnten. Ganz im Gegenteil, er setzt voraus, dass sie den nötigen Unterhalt bekommen; er fordert geradezu, dass ihnen etwas vorgesetzt wird. Er fordert: Der Arbeiter ist seines Lohnes wert. Gerade in diesem tieferen Sinn ist die Weisung Jesu, kein Geld mit auf den Weg zu nehmen, um sozusagen so das Reich Gottes abzusichern, auch für uns Heutigen, für die ganze Kirche und die Gemeinden bedenkenswert. Da hat Kardinal Ratzinger schon recht, wenn er kürzlich in einem Zeitungsartikel schrieb, dass die deutsche Kirche darüber nachdenken müsse, was geistig noch gedeckt ist und was im Grunde bloß durch die Macht der Finanzen und Organisationen fortbesteht.

Dass das stimmt, dass da vieles von innen her, vom Glauben her nicht mehr abgedeckt ist, wird sich spätestens nächstes Jahr wieder deutlicher zeigen, wenn der Solidaritätsbeitrag von 7½ % der Lohn- und Einkommensteuer erhoben wird. Es wird erwartet, dass da erneut eine große Kirchenaustrittswelle kommen wird. Nachdem die Kirchensteuer genau in diesem Prozentsatz erhoben wird, werden sich viele die Kirchensteuer sparen und auf solche Weise unterm Strich nichts vom Solidaritätsbeitrag spüren. Da sind wir wieder ganz nah beim heutigen Evangelium. Da wird es sich zeigen, dass vieles nicht mehr durch die Währung des Herzens und des Glaubens gedeckt und deshalb auch wertlos geworden ist.
Auf dem Gebiet Kirche, Glaube, Geld gilt nicht immer: Was nichts kostet, ist nichts wert; vielmehr gilt es umgekehrt: Was mir nichts mehr wert ist, das lasse ich mir auch nichts, oder nichts mehr, kosten. Eigentlich logisch und konsequent.

Was ist die Konsequenz für die Kirche, für uns als Gemeinde? Für den einzelnen Gläubigen? Sicherlich die, dass wir uns fragen müssen: Was sind uns Glaube, Kirche, Gemeinde überhaupt wert; ist Gemeinde uns überhaupt etwas wert? Dann ist auch die Frage der Kirchensteuer letztlich keine Frage mehr. Ich glaube, da bedarf es auch in der Kirche bis hinauf in die Kirchenleitungen einer Neubesinnung. Wenn es um die Kirchensteuer geht, wird sofort argumentiert: aber damit werden doch so viele soziale Einrichtungen wie Kindergärten, Horte Altenheime, Sozialstationen, Beratungsstellen, Bildungsangebote finanziert; alles Dinge, die sonst der Staat oder die Gesellschaft tragen müssten. Das stimmt, und sie würden es auch tragen, zumal jedermann weiß, dass all diese Dinge in der Trägerschaft der Kirche nur mit ganz erheblichen Mitteln des Staates und der Gesellschaft existieren können. Das kann ja auch gar nicht anders sein. Rechnen wir bloß einmal die Gehälter für das Kindergartenpersonal zusammen. In unserem Bistum gibt es ca. 500 Kindergärten in kirchlicher Trägerschaft. Allein dafür wäre das Kirchensteueraufkommen bei weitem nicht ausreichend.
Wenn es der Kirche insgesamt und uns, den einzelnen Gläubigen nicht gelingt, deutlich zu machen, dass für die Kirche nicht nur deswegen die Kirchensteuer notwendig und zu rechtfertigen ist, weil sie soziale Einrichtungen betreibt, dann wird das auf die Dauer nicht gut gehen. Es muss uns gelingen, deutlich zu machen, dass Kirche in sich etwas Wichtiges ist, das, was sie zu bringen, zu verkünden zu sagen, zu vertreten hat, was in einem Volk, in einer Gesellschaft unersetzlich ist und was nur die Kirche und ihre Verkündigung bringen kann. Es muss uns gelingen, deutlich zu machen, dass eine Gesellschaft, die Menschen aller Gruppen unendlich ärmer, gefährdeter, bedrohter wären, wenn es die Kirche nicht gäbe. Es muss wieder deutlich werden: nicht, dass es gut ist, dass die Kirche einen Kindergarten in Trägerschaft hat, sondern, dass die Kirche einen Kindergarten trägt.

Das muss umgekehrt auch der Staat begreifen und anerkennen, dass die Kirche für Staat und Gesellschaft einen unersetzlichen Wert hat, der schließlich auch die Kirchensteuer wert ist, die übrigens kein Geschenk des Staates ist, sondern immer noch ein letztlich freiwilliger Beitrag der Menschen, die sich auch auf solche Weise zur Kirche gehörig fühlen. Wenn es etwa um die Sinnfrage des Lebens, die Frage nach dem Leiden und Sterben , die wachsende Kriminalität, das Stehen zu gescheiterten Menschen, die Anwaltschaft für Behinderte und Ungeborene, die Fundierung und Verbindlichkeit von Grundregeln eines friedlichen Zusammenlebens unter den Menschen geht.
Da ist der Wert der Kirche, den sie mit großem Selbstbewusstsein vertreten sollte nach der Weisung Jesu, der sagt: Ihr seid das Salz der Erde und ihr seid das Licht der Welt. Ihr braucht euch nicht entschuldigen oder verstecken.
Und dieser Wert ist auch Geld wert, ist auch die Kirchensteuer wert, weil es halt einmal so ist auf der Welt, wie es Kardinal Döpfner oft kurz gesagt hat, dass selbst die frömmste Sache eine finanzielle Seite hat.
Aber - und das hören wir heute im Evangelium: Frömmigkeit kann Gott sei Dank durch Geld nicht ersetzt und mit Geld nicht gekauft werden.

Amen

 
 
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Last updated 11.01.10