Predigten 2005

 

Deutschland trauert um Papst Johannes Paul II.
Ein Brückenbauer für die Welt

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann,
zum Tod von Papst Johannes Paul II.
 

 
 
 

Gestern ist Papst Johannes Paul II. von uns gegangen. "Pontifex" lautet ein päpstlicher Titel: Brückenbauer. Ein Wort, das das Wirken von Papst Johannes Paul II. kaum besser beschreiben könnte. In den über 26 Jahren seines Pontifikates hat Johannes Paul II. immer wieder Brücken gebaut, zwischen Gott und den Menschen, zwischen Konfessionen und Religionen, zwischen Völkern und Kulturen, zwischen Alten und Jungen, Reichen und Armen. Er war ein Papst des unermüdlichen Dialogs. Schwellenängste vor dem Anderen kannte er ebenso wenig wie Furcht vor Drohungen und Protesten.

Für mich liegt das Geheimnis des Lebens und Wirkens dieses Papstes nicht zuletzt in seinem im Glauben begründeten Einsatz für die Menschenwürde, die zugleich die Grundlage aller Menschenrechte ist. Immer wieder hob er in seinen vielen Enzykliken, Katechesen und Predigten, aber auch auf seinen Reisen, vier Bereiche hervor: das Evangelium vom Leben, das Pochen auf das Recht der Religionsfreiheit, die

Forderung nach einer gerechten Weltwirtschaftsordnung und schließlich die Absage an jeden Weg der Gewalt zum Erreichen gesellschaftlicher und politischer Ziele. Mit dem Amtsantritt von Papst Johannes Paul II. vor mehr als 26 Jahren hat die Wirksamkeit der Kirche in die Welt hinein eine neue Intensität gefunden. Mit seinen zahlreichen Pastoral-, Pilger- und Besucherreisen, die ihn in alle Kontinente führten, bezeugte er in besonderer Weise die Verantwortung seines Amtes für alle Völker und sprach zu vielen Nationen in ihrer je eigenen Sprache. Wenn er, wie er es im Fall des Irak getan hatte, einen Krieg als "Niederlage der Menschheit" bezeichnete, so tat er dies aus Liebe zur Menschheit selbst. Indem er immer die konkreten und geschichtlichen Menschen in ihrer Existenz und in ihrer Situation vor Augen hatte, gewann seine Verkündigung jene Konkretheit, Farbe und Überzeugungskraft, die ihn auch weit über die Grenzen der Katholischen Kirche hinaus Anerkennung und Verehrung erfahren ließ.

Immer wieder wandte sich der Papst ganz besonders an einzelne Gruppen. Es sind die Familien, die Kinder, die Frauen, die Priester und viele Verantwortliche in den einzelnen Lebensbereichen, wie z.B. Künstler und Wissenschaftler. Auch die regelmäßige Ansprache an die Jugendlichen gehörte dazu. Der Papst sah sie als einen Vortrupp für eine neue Evangelisierung im Dritten Jahrtausend. So sind sie durch ihr soziales und politisches Engagement sowie die Solidarität mit den Armen im Blick auf die Zukunft ganz gewiss "Baumeister einer Zivilisation der Liebe und der Gerechtigkeit". Dies war auch sein Programm für den von ihm einberufenen und ersehnten Weltjugendtag im August dieses Jahres in Köln.

Sein großes Vertrauen und Zutrauen zur Jugend schuf eine große Gegenliebe bei den Jungen. Dieser alte, zunehmend gebrechlich erscheinende Mann hatte auf die jungen Menschen wie ein Magnet gewirkt. Hier erinnerte der Papst immer wieder an den großen Aufbruch seiner ersten Jahre. Ich kenne niemanden, der in der heutigen Welt so eine geradezu unbändige Hoffnung bei jungen Menschen entfesseln konnte. Krankheit und Schmerz schienen diesem Mann des Glaubens und der Kirche nichts anhaben zu können.

Wir Deutschen haben dem Heiligen Vater viel zu verdanken. Die Wiedervereinigung Deutschlands gehört gewiss dazu. Sie war Folge des Zusammenbruchs der kommunistischen Systeme in Ost- und Südosteuropa. Und es ist unzweifelhaft, dass das polnische Volk daran einen großen Anteil hatte. Möglich war dies auch, weil der Papst den Polen eine starke moralische Unterstützung gab. Ohne ihn, der als gebürtiger Pole selbst aus dem kommunistischen Machtbereich kam und sich deshalb im Umgang mit diesem Machtsystem auskannte, wäre diese Entwicklung sicher nicht so schnell gekommen.

Schon in seiner Zeit als Erzbischof von Krakau war Kardinal Karol Wojtyla unserem Land verbunden und hatte großen Anteil am stetigen Versöhnungsprozess zwischen dem polnischen und dem deutschen Volk. In den 70er Jahren reiste er gleich mehrfach nach Deutschland, das letzte Mal einen Monat vor seiner Wahl zum Papst 1978. Gemeinsam gedachten damals deutsche und polnische Bischöfe am Grab des heiligen Bonifatius in Fulda des gemeinsamen Anfangs des christlichen Glaubens in Europa. Die Erinnerung und Bewahrung des christlichen Erbes in Europa ist Johannes Paul II. stets ein besonders Anliegen gewesen. Immer wieder schaltete er sich in die Debatte um eine künftige Europäische Verfassung ein und drängte darauf, den Beitrag des religiösen und insbesondere des christlichen Erbes anzuerkennen. Seine Worte waren und bleiben Ermutigung und Anspruch nicht nur für die Gläubigen, sondern für alle in Politik und Gesellschaft verantwortlich Handelnde.

Gerne erinnern wir uns an die Begegnungen mit Papst Johannes Paul II. während seiner Besuche in Deutschland 1980, 1987 und 1996. Sie waren stets von Offenheit und Herzlichkeit geprägt. Papst Johannes Paul II. zeigte immer wieder sein großes Interesse für das kirchliche Leben und die Theologie in Deutschland.
Dies gilt gerade auch für die Ökumene. Schon bei seinem ersten Besuch 1980 gehörten die Begegnungen mit Vertreterinnen und Vertretern aller christlichen Kirchen und des Judentums zu einem der Höhepunkte seiner Reise. Die Gespräche setzten sich bei seinen späteren Besuchen 1987 und 1996 fort. Die Einheit der Kirche lag dem Papst besonders am Herzen, und er hat in den vergangenen Jahren zusätzlich viele wichtige Impulse gesetzt.

Als Freund der Deutschen hat er der Kirche in Deutschland eine große Bedeutung beigemessen, setzte aber auch ebensolche Erwartungen in sie. Nicht immer war das Verhältnis zum Papst frei von Unstimmigkeiten. Aber auch in schwierigen Phasen war immer ein offenes und vertrauensvolles Gespräch möglich.
Dafür sind wir dem Papst zu großem Dank verpflichtet. Worte reichen jedoch kaum aus. Der beste Dank ist es wohl, dass man sich durch seinen aufopfernden Dienst und sein glaubwürdiges Zeugnis anspornen lässt und seine Initiativen im je eigenen Leben und am jeweiligen Ort fortführt.

Berlin, 03. April 2005

Copyright © 10 / 1999 - 2009 by Dieter Herberhold
Last updated 06.12.07