Predigten 2002

 

25-jähriges Kirchweihjubiläum von St. Albertus Magnus
 
Festpredigt von Pfarrer Erwin Obermeier, St. Hildegard, München-Pasing,
am 3. Oktober 2002
 
 
 
Liebe Gemeinde von Sankt Albertus Magnus,

fast hätte ich gesagt, "meine liebe Gemeinde". Obwohl Sie mich schon 16 Jahre angehört haben, bin ich eingeladen worden, bei diesem Festgottesdienst anlässlich des 25-jährigen Weihejubiläums dieser Kirche und des Pfarrzentrums von St. Albertus Magnus die Predigt zu halten.


An einem solchen Tag liegt es natürlich nahe, zuerst 25 Jahre zurück zu schauen. Da ich in dieser Zeit den Erzbischof begleitet habe, kann ich mich, mit vielen von Ihnen natürlich, noch gut an diesen Tag, den 2. Oktober 1977, erinnern, schon an die Vorbereitungen der Weihe, Tage vorher mit Kurat Rauchenecker, damals noch Kurat, und mit dem Herrn Schwarz, der dabei ein bewährter Zeremonienmeister war. Für viele ist dieser Tag schon Historie. Handwerker waren noch zu sehen und schnell musste noch ein großes Andreaskreuz gezimmert werden, damit auf dem Boden der Kirche, da hinten, der Bischof mit dem Stab das griechische und lateinische Alphabet in den Sand zeichnen konnte, um auch diese Kirche sichtbar zu verankern in die Tradition der gesamten Christenheit. Zwölf Kerzenständer mussten noch beschafft werden, um die zwölf Apostel zu markieren, die ja die unsichtbaren tragenden Pfeiler einer jeden Kirche sind.
Pfarrer E. Obermeier bei der Festpredigt

Am Weihetag selber kam eine Schar von stattlichen Ministranten, würdig gekleidete, seriöse Männer, dem Bischof entgegen. Später, als ich dann Pfarrer war, habe ich auf den Fotos erkannt, etwa dass darunter der Herr Geray war, der Herr Stadler, ich glaube auch der Herr Spicker, Herr Schwarz natürlich ebenso. Richard Demmel, ein Bub damals noch, der leider so früh sterben musste, hat in bayrischer Tracht dem Kardinal einen Blumenstrauß zur Begrüßung überreicht. Nach der Umschreitung der Kirche und der Besprengung der Mauern mit dem geweihten Wasser, zogen wir dann in die neue Kirche ein. Der niedrige, schachtförmige Eingang dieser Kirche war vom Architekten Prof. Caspari ganz bewusst so konzipiert, dass dem schier gebückt eintretenden Besucher sich umso mehr und überraschender die Weite dieses Raumes öffnet. Aufrecht schritt der Bischof mit Mitra und Stab auf das Portal zu, sodass ihm der Sekretär hinter ihm, mit einem leisen Tupfer auf die Schulter bedeuten musste, dass er sich ganz schön bücken muss, um wirklich in die Kirche hinein zu kommen. So winzig und übersehbar diese Geste vielleicht war, hat sie dennoch, meine ich, einen tiefen Symbolwert nicht nur für einen Bischof oder Kardinal und späteren Präfekten der Glaubenskongregation, sondern für uns alle.

Wenn wir vor Gott hintreten wollen, müssen wir uns alle zuerst einmal unserer Kleinheit bewusst sein. Aber auch umgekehrt gilt: Erst der, der Gott als den Herrn anerkennt, seine Weisung, seine Gebote, seine Maßstäbe, ist wirklich groß. Einem solchen geht es eben nicht mehr nur um sich selbst, sondern um mehr. Er sieht über diese Welt, über diese kleine Welt und seine Welt hinaus und übersieht dabei nicht die Menschen neben sich. Das ist wirkliche Größe, auch wenn sie nicht gerade den Maßstäben dieser Welt entspricht. Deshalb hat Johann Baptist Metz mit Recht einmal gesagt: Aufrecht stehen kann nur richtig einer, der auch knien kann, und knien kann nur einer, der auch aufrecht gehen kann. Ich denke, wir alle müssen uns bemühen, um einen solchen aufrechten Gang in der Welt und auch in der Kirche.

An einem solchen Tag wie heute, legt es sich ferner nahe, natürlich auch den konkreten Bau und den Raum dieser schönen, wenn auch für manche nicht ganz einfachen Kirche in den Blick zu nehmen. Der Kardinal hat am Weihetag viel Schönes über Fundament, die Mauern und die Türe und schließlich auch über die alles zusammen haltende Verspannung gesagt. Ich habe dann selber oft und oft, vor allem am Kirchweihfest, einen Aspekt in dieser Kirche aufgenommen und zu erschließen versucht. Das auffallendste und bedeutendste Element ist natürlich dieses gewaltige Zeltdach, offen, das sich wie eine Zeltplane bergend über die versammelte Gemeinde legt. In einer genialen Idee hat der Architekt die haltenden Seile nach innen verlegt, die normalerweise, wie jeder Zeltler weiß, außen angebracht sind. Gerade sie unterstreichen diesen zelthaften Charakter des Baus in einer besonderen Weise, genauso auch wie der Teppich, der etwas zum Mitnehmen, zum Zusammenrollen ist.

Das alles hat natürlich in einer Kirche einen besonderen dichten und symbolischen Aussagewert. Das Zelt, es ist eben kein Haus und keine Burg und keine Festung, eigentlich nichts Bleibendes, sondern etwas immer Vorläufiges. Keine bleibende Stadt, sondern etwas für die Wanderschaft, fürs Unterwegssein. Seit dem 2. Vatikanischen Konzil definiert sich die Kirche ja ganz ausdrücklich auch als das "wandernde und pilgernde Volk Gottes auf Erden". Sie muss sich demnach immer wieder bewegen, auf Neues einstellen, an Anderes und an Andere gewöhnen. Und wir wissen alle, dass uns solches selber manchmal nicht leicht fällt. Dafür ist der Zeltbau dieser Kirche ein starkes Symbol und eine bleibende Mahnung zur Bereitschaft. Aber noch einen anderen Aspekt dieser, ja jeder Kirche, dürfen wir nicht übersehen. Darauf macht uns die Präfation des Kirchweihgottesdienstes aufmerksam. Da heißt es:

"Zu deiner Ehre wurde dieses Haus errichtet, in dem du deine pilgernde Kirche versammelst, um ihr darin ein Bild deiner Gegenwart zu zeigen und ihr die Gnade deiner Gemeinschaft zu schenken."

Das müssen wir uns immer vor Augen halten: In diesem Haus geht es um Gott, seine Gegenwart, seine Gnade in seinem heiligen Wort und Sakrament. Und die fünf Feuer, die seinerzeit am Weihetag auf dem Altar entzündet wurden, haben uns in einer eindrucksvollen Symbolkraft darauf hingewiesen. Ich glaube, die Narben dieses Einbrennens sieht man bis heute noch auf dem Altar. Und das ist gut so.

Nicht nur die Kinder, nicht nur die Jugendlichen, auch wir Erwachsenen sind zunehmend in Gefahr, die Andersartigkeit und die Heiligkeit eines solchen Raumes gar nicht mehr so ernst oder vielleicht auch gar nicht mehr wahr zu nehmen, wie wir uns benehmen, wie wir uns darin bewegen und verhalten, wie wir einen solchen Raum erleben. Es ist nicht nur eine Ehrfurchtslosigkeit vor Gott - ich glaub', dem lieben Gott tut das gar nicht so weh - aber ich denke vielmehr, wir tun uns selber da nichts Gutes, wenn wir nicht mehr unterscheiden zwischen Turnhalle und Bierzelt, Stadion und Kirche. In dieser Woche begehen wir die "Woche der ausländischen Mitbürger". Weihbischof Siebler hat in einem Gottesdienst nachdrücklich auf die Probleme von Ausländerfeindlichkeit und Diskriminierung hingewiesen. Gerade im Hinblick auf islamisch-gläubige Menschen hat er festgestellt, dass nicht selten wir, auch wir Christen es sind, die durch unsere Lebensweise und unser Verhalten Anlass geben, dass sie uns verachten. Unsere Achtung vor solchen Menschen kann vielleicht auch darin zum Ausdruck kommen, dass wir etwas von ihnen lernen und annehmen mögen. Etwa, wie wir uns in unseren Kirchen benehmen oder es zulassen, wie sich manche Menschen dort aufführen. Kein islamischer Gläubiger würde sich das in einer Moschee gefallen lassen. Das hat nichts mit Fundamentalismus oder so etwas zu tun. Es ist zu hoffen, dass gerade heute, am Tag der offenen Moscheen in Bayern, wir Christen und wir abendländische Kulturmenschen uns da nicht blamieren.

Diese Kirche, wie jede Kirche, ist natürlich nicht nur für sich selbst gebaut, auch wenn sie in Ottobrunn wahrhaftig einen architektonischen Schwerpunkt bildet und das mit Recht. Sie ist in erster Linie für die Gemeinde, die sich in ihr versammelt, errichtet. Aber, wir haben es im 1. Korintherbrief, in der Lesung, sehr eindringlich gehört: Der eigentliche Tempel sind nicht die Mauern, sondern der eigentliche Tempel, der Raum Gottes, wo er durch Glaube und Hoffnung und Liebe gegenwärtig ist, das ist die Gemeinde, das sind die Menschen, die Gott immer wieder neu Mensch werden lassen, ihm Arme und Beine, Kopf und Herz geben, damit er immer wieder neu auf diese Welt kommen kann.

Damit sind wir natürlich bei dieser konkreten Gemeinde von St. Albertus Magnus und ich freue mich, dass die Gemeinde lebt und wächst und gedeiht und blüht. Und ich werde darüber auch über Pfarrbrief oder Ähnliches immer wieder informiert und es kann ja gar nicht anders sein, als dass ich mich immer noch für diese Gemeinde interessiere. Ich denke, dieser Weihetag heute, sollte Sie alle wieder motivieren, das Wesentliche und das Unverzichtbare einer Gemeinde in den Blick zu nehmen, dass Gemeinde eben nicht nur ein Aktionszentrum, ein Ort der Betriebsamkeit, ein Dienstleistungsbetrieb ist, bei dem man halt alle möglichen Ansprüche anmelden kann. All das ist auch wichtig und notwendig und ohne solches, auch soziales Engagement, wäre die Kirche nicht die Kirche Jesu Christi. Aber, das Eigentliche, die Mitte, ist etwas anderes, das vor allem im Gottesdienst und besonders in der Feier der Eucharistie zum Ausdruck kommt. Worum es da geht, hat die Würzburger Synode einst, vor etwas mehr als 25 Jahren, so versucht auszudrücken:

"Christen kommen zusammen, um in den wechselnden Situationen des Lebens diese Botschaft immer besser zu begreifen und von ihr durch den Geist Jesu Christi ergriffen zu werden. Sie versammeln sich, um ihre Dankbarkeit gemeinsam auszudrücken, aber auch ihre Schuld und ihr Versagen zu bekennen. Sie können nicht aufhören, von ihrer Hoffnung zu singen und zu träumen, und sehen darin einen unersetzlichen Dienst an der Menschheit. Sie feiern nicht, um dem Alltag zu entfliehen, sondern um um in der Kraft Gottes zu bestehen im Dienst am Nächsten."

Liebe Gemeinde, dass Sie diesen unersetzlichen Dienst auch weiterhin tun, das wünsche ich Ihnen von Herzen und dazu erbitte ich Ihnen auch Gottes Segen.
Amen.

 
 
Anmerkungen:
Der obige Predigttext ist eine vom Autor korrigierte Tonbandabschrift.
Pfarrer Erwin Obermeier war von 1981 bis 1997 Pfarrer dieser Gemeinde. Vorher war er von 1973 - 1976 Sekretär von Kardinal Döpfner und von 1977 - 1978 Sekretär von Kardinal Ratzinger, anschließend Regens des Erzbischöflichen Priesterseminars. 
 

 
 
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Last updated 06.12.07