Predigten 2005


Der größte Mensch des 20. Jahrhunderts ist von uns gegangen

 
Predigt von Dekan Dr. Czeslaw Lukasz am Sonntag, den 3.4.2005, zum Tod von Johannes Paul II.
 
 
 
Gestern Abend um 21.37 Uhr starb der Papst Johannes Paul II. Gott hat seinen treuen Diener zu sich gerufen. Ein langes Pontifikat ging zu Ende.
Zusammen mit 1,2 Milliarden katholischen Christen danken wir heute Gott für unseren Heiligen Vater, der die Kirche in unseren turbulenten Zeiten geleitet hat. Wir feiern die Eucharistie – die Danksagung. Der Heilige Vater war ein Mensch tiefer eucharistischer Frömmigkeit. Noch eine Stunde vor seinem Tod wurde an seinem Sterbebett die heilige Messe gefeiert.
Gestern Abend in der Vorabendmesse, als er im Sterben lag, haben wir seiner gedacht und um eine gute Todesstunde für ihn gebetet. Heute wissen wir: Er lebt nicht mehr. Ich spüre heute Morgen eine große Leere. Im Hochgebet wird der Name des Papstes nicht mehr genannt.

Kardinal Lehmann schreibt: "Johannes Paul II. ist so gestorben, wie er gelebt und gewirkt hat; geistig wach fast bis zuletzt, voller Hingabe an seinen Dienst und ergeben in den Willen Gottes... Ein mutiger Zeuge des Evangeliums, ein Großer der Weltgeschichte und ein bleibendes Vorbild nicht nur für die katholischen Christen, ist von uns gegangen. Die Welt ist ärmer geworden. Es bleiben Trauer, Dankbarkeit und Treue zu seinem Vermächtnis."

Nicht nur katholische Christen trauern um ihren Hirten. Das tun auch Christen anderer Konfessionen, die ihn zu schätzen lernten. Auch Nicht-Christen, wie Juden und Muslime, beten für ihn.
Politiker aus der ganzen Welt übertreffen sich in der Würdigung seiner Verdienste für den Frieden, für die Freiheit, für die Menschenwürde.
Zwei Millionen Menschen, die ganz persönlich von ihm Abschied nehmen möchten, werden in Rom in den nächsten Tagen erwartet.
Die größte moralische Autorität ist von uns gegangen. Der 264. Nachfolger Petri ist gestorben. Er war einer der größten Päpste der Geschichte. Ich wage zu sagen: Er war der größte Mensch des 20. Jahrhunderts.

Menschlicher Papst

Faszinierend wirkte er auf viele: seine offene Art, sein unermüdliches Eintreten für Frieden und Gerechtigkeit und nicht zuletzt seine Ausdauer in der Krankheit. Dem Papst ist es gelungen den Millionen von Menschen zu vermitteln, dass sie ihm wichtig sind, dass er sie mag, dass er ihnen Glück und Erfüllung wünscht. Jeden hätte er am liebsten persönlich begrüßt.

Ich hatte in Rom öfters die Gelegenheit ihm persönlich zu begegnen. Es waren immer mehrere Leute, die darauf warteten ihm die Hand zu geben. Er hat die Leute so begrüßt, dass jeder den Eindruck hatte: Er hat mich wahrgenommen, er hat mir in die Augen geschaut. Ein armer Indio in Bolivien, die Armen von Kalkutta waren ihm genauso wichtig wie unzählige Staatsoberhäupter, die er auf Reisen getroffen oder in Rom empfangen hat.
Er war der Mensch der Weltgeschichte, der bis jetzt der größten Anzahl von Erdbewohnern begegnet ist, geschätzt auf 300 Millionen, vor allem durch seine vielen Auslandsreisen und die Mittwochsaudienzen im Vatikan.

Ich möchte heute keine Aufzählung seiner Verdienste machen. In den Fernsehkanälen laufen unzählige Dokumentationen, die an viele Ereignisse dieses langes Pontifikats erinnern. Stattdessen möchte ich diese seine faszinierende Zuwendung zu den Menschen durch eine theologische Reflexion vertiefen.

Mensch und Christus

Sein Pontifikat hat er mit diesem Ruf begonnen: "Öffnet die Tore für Christus." "Habt keine Angst". Millionen von Menschen hat er geholfen die Tore, die Herzen, für Christus zu öffnen.
All das aus der Überzeugung heraus: Der Mensch ist eine wunderbare Schöpfung Gottes und er wird mehr Mensch, wenn er sein Leben in Christus verwurzelt und aus dem Glauben an Christus sein Leben gestaltet.
Johannes Paul hat das Evangelium verkündet, in dessen Mitte diese zwei standen: Christus und der Mensch. Christus ist zu den Menschen gekommen und der Mensch braucht Christus um sein Menschsein in Fülle zu leben.

Seine erste Enzyklika trägt den viel sagenden Titel: "Redemptor hominis" (Erlöser des Menschen). Sie wurde im März 1979, nach einem halben Jahr seines Pontifikates, veröffentlicht. Von ihr wird gesagt, dass sie der Papst selbst ganz verfasst hat. Sie beginnt mit diesen Worten: "Der Erlöser des Menschen, Jesus Christus, ist die Mitte des Kosmos und der Geschichte." Aus dieser Enzyklika möchte ich einige Sätze zitieren, die seine Christo- und Anthropo-Zentrizität auf den Punkt bringen.

(RH 10) Der Mensch, der sich selbst bis in die Tiefe verstehen will - nicht nur nach unmittelbar zugänglichen, partiellen, oft oberflächlichen und sogar nur scheinbaren Kriterien und Maßstäben des eigenen Seins -, muss sich mit seiner Unruhe, Unsicherheit und auch mit seiner Schwäche und Sündigkeit, mit seinem Leben und Tode Christus nahen. Er muss sozusagen mit seinem ganzen Selbst in ihn eintreten, muss sich die ganze Wirklichkeit der Menschwerdung und der Erlösung »aneignen« und assimilieren, um sich selbst zu finden. Wenn sich in ihm dieser tief greifende Prozess vollzieht, wird er nicht nur zur Anbetung Gottes veranlasst, sondern gerät auch in tiefes Staunen über sich selbst. Welchen Wert muss der Mensch in den Augen des Schöpfers haben, wenn »er verdient hat, einen solchen und so großen Erlöser zu haben«, wenn »Gott seinen Sohn hingegeben hat«, damit er, der Mensch, »nicht verloren geht, sondern das ewige Leben hat«. (Redemptor hominis, 10)

Diesem Ziel allein möchte die Kirche dienen: Jeder Mensch soll Christus finden können, damit Christus jeden einzelnen auf seinem Lebensweg begleiten kann mit jener kraftvollen Wahrheit über den Menschen und die Welt, wie sie im Geheimnis der Menschwerdung und der Erlösung enthalten ist, mit der Macht jener Liebe, die hiervon ausstrahlt ...
Es geht also hier um den Menschen in seiner vollen Wahrheit, in all seinen Dimensionen. Es geht nicht um einen »abstrakten« Menschen, sondern um den realen, den »konkreten« und »geschichtlichen« Menschen. Jeder »einzelne« Mensch ist gemeint; denn jeder ist vom Geheimnis der Erlösung betroffen, mit jedem ist Christus für immer durch dieses Geheimnis verbunden. Jeder Mensch, der im Mutterschoß empfangen und von seiner Mutter in diese Welt hineingeboren wird, ist gerade wegen dieses Erlösungswerkes der Obhut der Kirche anvertraut. Ihre Sorge schaut auf den ganzen Menschen und ist ihm in einzigartiger Weise zugewandt. Sie kümmert sich um den Menschen in seiner individuellen, unwiederholbaren Wirklichkeit, in der unzerstörbar das Bild und Gleichnis Gottes enthalten ist.
Das Konzil erinnert daran, dass »der Mensch auf Erden die einzige von Gott um ihrer selbst gewollte Kreatur ist«. So wie dieser Mensch von Gott »gewollt« ist, wie er von Ewigkeit her von ihm »erwählt« ist, gerufen und bestimmt für die Gnade und das Heil, so ist jeder Mensch ganz »konkret«, ganz »real«. Dies ist der Mensch im vollen Licht des Geheimnisses, an dem er durch Jesus Christus teilnimmt, ein Geheimnis, an dem jeder einzelne der vier Milliarden Menschen teilhat, die auf unserem Planeten leben, vom ersten Moment an, da er unter dem Herzen der Mutter empfangen wird. (Redemptor hominis, 13)
Kein Wunder, dass der Papst mit dieser Theologie des Menschen und mit seiner Menschlichkeit auch bei Menschen anderer Religionen einen großen Anklang gefunden hat, der sich jetzt in zahlreichen Würdigungen und Trauerbekundungen zeigt. All das, weil ihm der Mensch so wichtig war.

Kompromissloser Zeuge des Evangeliums

Er hat das Evangelium Jesu Christi verkündet. Nicht sich selbst. Er hat das Evangelium in aller Deutlichkeit verkündet, auch die Aspekte, die heute als unpopulär gelten. Durch diese Klarheit und diese Schärfe hat er vielen Christen das Evangelium deutlich gemacht und den Nicht-Christen das Evangelium erklärt. Er hat, wie die Propheten, die Botschaft des Glaubens verkündet und nicht den Menschen nach dem Mund geredet. Nie hat er es sich bequem gemacht. Deshalb hat er auch Kritiker gehabt. Das gehört aber immer zum Lebensweg eines Propheten, das gehörte auch zum Lebensweg Jesu.

Über hundert Länder hat er besucht. Zwei andere hätte er gerne besucht, aber es wurde ihm nicht gestattet: Russland, wegen des Widerstands der orthodoxen Kirche und China, wegen der kommunistischen, atheistischen Ideologie.
In unsere Trauer über den Heimgang des guten Hirten mischt sich die Dankbarkeit dafür, dass er auch unser Christsein seit über 26 Jahren begleitet hat. Er hinterlässt ein großes religiöses Erbe, ein Vermächtnis, das es jetzt zu vertiefen und zu leben gilt. Amen.

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Am Schluss des Gottesdienstes
Auf unserem Plakat mit dem Bild des Papstes, das hier vor dem Alter steht, ist auch der Leitspruch seines Pontifikates zu lesen: "Totus Tuus" – "Ganz der Deine". Er hat seinen Dienst und sich selbst der Mutter Gottes anvertraut. Er war ein großer Marienverehrer und ein eifriger Rosenkranzbeter.
Mit dem Osterlob Mariens (GL 576) beten wir für unseren Heiligen Vater, dass ihm die Vollendung in der Ewigkeit Gottes, mit der Gottesmutter Maria und allen Heiligen zuteil wird.

 
 
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Last updated 06.12.07